Frisch, Genossinnen, ans Werk! Eine nahezu apokalyptische Katastrophe räumt sich nicht von allein auf, und wenn sich aus der die Welt überziehenden Graupelsuppe namens „Void“ jemals wieder so etwas wie eine Zivilisation erheben soll, dann müssen wir alle mit anpacken – all die Klone von kleinen Mädchen, die wie apfelbäckige Mitglieder der Jungen Pioniere aussehen, müssen zu den Werkzeugen greifen. Zu Spitzhacken, um wertvolle Erze abzubauen! Zu Hämmern, um glorreiche Architektur gen Himmel ragen zu lassen! Zu Waffen, um die einfallenden Monster abzuwehren! Für die Zukunft!

The Tomorrow Children wurde im August 2014 angekündigt und anschließend offenbar in einem Kommunikationsloch festgehalten, einer Art Tal der Ahnungslosen, sodass keine Information und keinerlei Fortschrittsbericht nach innen oder außen sickern konnte. Für die User war das schlecht, weil jetzt, da sich der Multiplayer-Aufbau mit dem Hang zu Sozialistischem Realismus zurückmeldet, erst mal keiner so recht weiß, was er zu erwarten hat. Für die Entwickler ist es ungünstig, weil an ihnen in der Zwischenzeit offenbar vorbeigegangen ist, dass jedermann die Nase gestrichen voll von unfairen Free-to-play-Titeln hat.

Denn selbst über diese Entwicklung waren jetzt viele überrascht. Momentan präsentiert sich TTC, wie ich es jetzt nennen werde, in der sogenannten Founders Edition für schlappe 20 Euro im Early Access, später dann wird es, falls es das Spiel dann noch gibt (dazu später), gratis von jedem spielbar sein, aber selbstverständlich mit der Option, sich über Mikrotransaktionen eine Premiumwährung zu verschaffen, mit der man an exklusive Items gelangt etc. Was in einem handelsüblichen F2P-Titel bereits schmerzt, wird bei TTC zu einer Problemstellung von immenser Bedeutung, wie wir noch sehen werden.

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Im Spiel geht es darum, dass die Welt am Sack ist. Überzogen mit einer grauen, treibsandähnlichen Substanz namens The Void und komplett kahl, abgesehen davon, dass sich hin und wieder bizarr geformte Inseln für kurze Zeit aus dieser Suppe erheben. Die können schon mal die Form eines gigantischen Schweins haben. Und eines monströsen Sushi-Buffets. Oder ganz anders. Und sie sind so ziemlich die einzigen Quellen für wertvolle Ressourcen: Metalle, Edelsteine, Hölzer, derlei. Außerdem wird der Void von gewaltigen Monstern bewohnt oder vielmehr durchwandert. Sie sehen je nach Exemplar wie Godzilla, Riesenspinnen oder ähnliches Viehzeug aus und beherbergen die letzte Hoffnung der Menschheit: zu Matrjoschkas zusammengeschrumpfte Menschen, mit deren Hilfe sich theoretisch wieder Dörfer und Siedlungen aufbauen lassen.

Damit aus dem „theoretisch“ ein „praktisch“ wird, hat die Sozialistische Einheitspartei beschlossen, ein Heer von kleinen Mädchen zu klonen, das nun mit Blut, Schweiß und Tränen den Aufbau leisten muss. Dörfer wollen mit Strom versorgt sein, die Bürger brauchen Nahrung, man muss Verteidigungsstellungen gegen Monsterangriffe bauen und sich vom Void-Bus zu den auftauchenden Inseln fahren lassen, damit man dort die kostbaren Materialien abbauen kann, die man zum Errichten neuer und besserer Gebäude und Einrichtungen braucht.

The Tomorrow Children - Der Sozialismus-Simulator 2016

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Alle müssen mit anpacken, wenn der Wiederaufbau gelingen soll.
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Und hier sind wir gefragt. Zynischerweise ist die kleine graue Dystopie, die wir mittels harter Arbeit in eine relative sozialistische Utopie verwandeln sollen, von Anfang an schief und krumm. Spieler sind, dem Geschäftsmodell entsprechend, in zweieinhalb Klassen eingeteilt: Proletariat, gleichbedeutend mit F2P-Spielern, und Großbürgertum, das Penunze auf den Kopf gehauen hat. Es ist schwer in Worte zu fassen, wie pervertiert dieses System ist: Erzkapitalistische Gier wird in einem räuberisch lukrativen F2P-Modell verwendet, das Säule für ein Spiel ist, in dem es vorgeblich um sozialistische Kommunen geht, und wälzt damit den realen F2P-Aspekt der Zweiklassengesellschaft auf die politische Botschaft seines Szenarios ab. Und diese Gruppen dann auch noch „Proletariat“ und „Großbürgertum“ zu nennen (und dabei hübsch zu demonstrieren, dass entweder die Entwickler oder Übersetzer nicht wissen, was das Großbürgertum ist), ist eine höchst zynische, nur leider ungelehrte Botschaft über die Missstände. Denn natürlich gibt es eine Premiumwährung, und anders als die handelsüblich erhältlichen Coupons für die Arbeit, die man dann gegen mittelmäßige Werkzeuge und dergleichen tauscht, taugen die sogenannten Freiheitsdollar dazu, sich vom natürlich blühenden Schwarzmarkt hochwertiges Werkzeug der verdächtig US-amerikanisch klingenden EagleCorp zu holen.

Packshot zu The Tomorrow ChildrenThe Tomorrow ChildrenRelease: PS4: 6.9.2016 kaufen: Jetzt kaufen:

Momentan sieht es aus, als wären F2P-Spieler arg benachteiligt, sie haben begrenztere Inventarplätze, minderwertige Werkzeuge und Waffen und rackern sich dumm und dämlich, um auf einen grünen Zweig zu kommen. Außerdem können sich nur Großbürger Häuser errichten, die aber nichts weiter bringen als das Recht zu wählen – und die demokratisch gewählten Bürgermeister sind einfach passive Boni für die Dörfer.
Und dennoch: In meiner privilegierten Rolle als Großbürger hatte ich zu Anfang in The Tomorrow Children Spaß. Und ich meine so richtigen Spaß. Spaß, der mich glauben ließ, auf der Fazitseite könne eine 8 stehen. Wie ihr seht, hat sich dieser erste Eindruck nicht bewahrheitet. Abgesehen vom unfairen Geschäftsmodell ist das geschäftige Treiben in den Dörfern, eine Antenne für den wundervoll eigenen, kargen Art Style vorausgesetzt, in einem Maße bezaubernd, dass man sich wirklich darin verlieren kann. Eben kein eigenbrötlerisches Ego-Projekt, sondern das gemeinsame Ziehen an einem Strang, um ein höheres Ziel zu erreichen.

The Tomorrow Children - Der Sozialismus-Simulator 2016

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Leider verliert TTC zu schnell an Reiz, vielen Problemen sei dank.
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Doch zu schnell, bereits nach wenigen Stunden, tappt das Spiel in eine Falle nach der nächsten. Zum einen arbeitet man nicht kontinuierlich an einem Dorf, sondern schließt die Biester nach einer Weile (falls sie nicht von Monstern vernichtet werden o.Ä.) richtiggehend ab, dann siedelt man um und wiederholt die Kirmes. Das zerstört so ziemlich das Gefühl des kontinuierlichen Fortschritts, abgesehen von der eher dezenten Verbesserung des eigenen Charakters. Durch diese Portionierung ist auch die Spanne an Verbesserungen beschränkt. Immer, wenn man das Gefühl hat, das Dorf starte jetzt richtig durch und käme nun mit neuen Gebäuden, Features und Ansprüchen in die Gänge, ist es auch schon wieder vorbei. Und bis dahin macht man immer und immer wieder dasselbe, nur, um dann wieder von vorne zu starten. Es beginnt nicht erst nach längerer Zeit zu nerven.

Die daraus resultierende Beschränkung und Eintönigkeit der Aktivitäten hilft nicht gerade, zumal sich die „normal“ zu erwerbenden Werkzeuge auch viel zu schnell abnutzen und sich dann die Palette an Möglichkeiten, beim örtlichen Arbeitsministerium an Wertcoupons zu kommen, noch weiter beschränkt auf Aktivitäten wie das Schütteln von Bäumen, um Obst zu sammeln, den Transport der Güter zu besorgen, die von anderen Spielern angeschleppt wurden oder zum Beispiel auf Fließbändern zu rennen, um das Dorf mit Strom zu versorgen.

Die großartige Idee verendet durch Gier und schlechte Umsetzung.Fazit lesen

Als abschließende Schwierigkeit gesellt sich auch noch ein System dazu, das es nahezu unmöglich macht, mit Freunden zusammenzuspielen. Die kleinen Pionier-Mädels können einander nämlich in aller Regel nicht sehen. Nur sporadisch tauchen sie in der Umgebung voneinander auf, wenn sie gerade eine Arbeit verrichten oder sich mit einer Trillerpfeife kurzzeitig Gehör verschaffen. Selbst die kleineren der Monsterfeinde scheinen asynchron zwischen den Spielern aufzutauchen, sodass man einen unbewaffneten Freund, der um Hilfe brüllt, nicht einmal beschützen kann, weil im eigenen Spiel eine leere Stelle prangt, wo beim Kameraden Viecher krabbeln.

Es ist immens viel Potential verschenkt worden, denn ein faires Aufbau-Survival-Spiel, das Zusammenarbeit nicht nur fördert, sondern sogar fordert, wäre wirklich einzigartig – und der Anfang, die ersten paar Stunden von TCC scheint etwas derartiges zu versprechen. Dann versickert der Spielspaß, nicht im Void, sondern in einem Morast auf Monotonie, Ungleichgewicht und Tristesse. So wird es nichts mit der Utopie.