Es gibt nicht viele Spiele, die sich an so komplizierten Themen wie Philosophie und Religion versuchen, und dafür gibt es einen guten Grund: Die meisten Autoren haben zu diesen Sujets nichts oder zumindest nichts sinnvolles zu sagen. Da beginnt schon damit, dass viele Games auf Action basieren, obwohl doch die Basis der Philosophie das Erkennen, Verstehen und Erlernen ist.

Es liegt also auf der Hand, ein Puzzlespiel zu gestalten, wenn man ein paar tiefere Fragen stellen möchte. Es ist mir nicht möglich zu sagen, von welchem Ende her die Entwicklung von The Talos Principle begonnen wurde. War es zuerst ein philosophisches Traktat, das mithilfe allerlei Anspielungen auf abrahamitische Religionen und antike Mythologien eine Geschichte über Selbstfindung, Bewusstseinswerdung und Erkenntnis erzählt? Oder war es eine Aneinanderreihung von Rätseln, in denen man mit verschiedensten Utensilien bunte Bauklötze sammelt, um immer noch ein Areal freizuschalten?

The Talos Principle - Von Gott, der Seele und dem Einsatz von Lasern

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Wer hätte gedacht, dass Gottes Garten voller Rätsel und Killerroboter steckt?
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Ich kann es nicht sagen, denn beide Teile des Spiels sind sehr ordentlich ausgearbeitet und auch ganz gut miteinander verwoben. In der Geschichte geht es um eine namenlose Person, der von Elohim, der körperlosen Stimme aus den Wolken, dazu beauftragt wird, in einem Garten verschiedene Siegel (auch bekannt als "Tetris-Steine") zu finden, mit denen unser Versuchskaninchen nach und nach weitere Gebiete und Rätsel erschließt.

Der einzige Ort, an den unser frisch gebackener Akolyth nicht darf, ist ein zentraler Riesenturm. An dem wachsen zwar keine Äpfel, sollte unser Charakter sich allerdings dorthin wagen, garantiert Elohim seinen Tod. Übrigens: Bei all dem Gerede über Gärten, Gott und Siegel könnte man den Eindruck erwecken, das Szenario sei rein archaisch und altertümlich gehalten. Die Wahrheit ist aber, dass zwischen all den Ruinen, der grünen Wucherung und später auch alternativen Szenarien, die zum Beispiel ans antike Ägypten angelehnt sind, eine erstaunliche Menge an moderner und futuristischer Technologie wartet. Es beginnt damit, dass unsere angesprochene Hauptfigur ein Roboter ist.

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The Talos Priciple beginnt gemütlich und zieht dann sehr schnell an.
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Allerorten findet man Computer, auf denen mehr oder minder hilfreiche künstliche Intelligenzen mit einem plaudern, in Textdateien wird von Technologien, Anekdoten aus der Mythologie und philosophischen Konzepten geredet und die in vereinzelten Puzzlen auftauchenden "Gegner" sind Geräte wie schwebende Näherungsminen und an den Wänden montierte Gatling-Geschütze. Auch die Lösungen der Rätsel sind, stilistisch gesehen, moderner und technologischer Natur.

Wie erwähnt geht es immer um die Beschaffung von weiteren Siegeln, also letztendlich um die Bewältigung eines Parcours. Im Weg befinden sich oft Kraftfelder und die angesprochenen Gefahren, manchmal auch verschlossene Türen und derlei mehr. Zunächst geht es recht gemächlich los: In der Gegend befinden sich tragbare Störsender, mit denen wir aus der Ferne ein bestimmtes Gerät abschalten können. Es geht erstmal um kleine Denkarbeiten: In welcher Reihenfolge nutze ich die Sender? Kann ich eine der schwebenden Minen hinter einem Kraftfeld einsperren, wenn ich es im richtigen Zeitpunkt ab- und dann wieder einschalte?

Gott aus der, in der, mit der Maschine

Für die ersten paar Stunden dachte ich wirklich, The Talos Principle könnte zu leicht sein, schon sehr bald steigert sich die Komplexität jedoch merklich. Neue Gadgets verdrängen nach und nach die simplen Mechaniken vom Anfang. Da müssen wir dann Laserstrahlen, die sich nicht kreuzen dürfen, per Prismen durch Irrgärten lenken. Wir müssen massive Boxen an die richtigen Orte hieven, damit sie Schalter beschweren, uns als Sprunghilfe dienen, die Patrouillenrouten der Feinde blockieren oder uns als Stativ für unsere Laserprismen dienen. Aus jedem neu freigeschalteten Element wird ein Maximum an Möglichkeiten herausgeholt.

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Es ist eine schöne, melancholische Spielwelt, die viele schwierige Fragen aufwirft.
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Und dann steckt man fest. Früher oder später passiert es jedem. Das ist in den allermeisten Fällen die Schuld des Spielers und insofern ein Zeichen dafür, dass die Formel wunderbar aufgeht. Es gibt eigentlich nur zwei Elemente, die man dem Spiel in dieser Hinsicht vorwerfen könnte, und die den Spielfluss ein bisschen ins Stocken bringen.

Da wäre die Sprunghaftigkeit des Schwierigkeitsgrads. In The Talos Principle ist die Schwierigkeitskurve nicht sehr gleichmäßig, sondern hüpft wie ein Lämmchen zwischen Kopfnüssen, bei denen die Rübe raucht und in denen man leicht bis vollkommenst überfordert ist, und Rätseln, die man quasi nebenbei erledigt, und das teilweise direkt nacheinander. Das ist dann nicht spannend und ent-spannend, sondern einfach nur befremdlich und unbefriedigend. Wenn ich erst eine halbe Stunde (oder gar mehrere Abende) an einem quasi unüberblickbaren Hindernislauf hänge und anschließend ein Rätsel löse, bei dem ich einfach mithilfe von Kisten über einen Zaun springen muss, komme zumindest ich mir veralbert vor.

Clever, fordernd und mit Tiefgang. Ein philosophisch-robotischer Überraschungspuzzler für Denkfreunde.Fazit lesen

Der zweite Punkt, und ich weiß durchaus, dass er streitbar ist, ist die Anleitung des Spielers. Es wäre in einem Spiel wie The Talos Principle natürlich gänzlich fehl am Platz, dem armen Tropf vor dem Bildschirm die ganze Zeit das Patschhändchen zu halten und ihm alles vorzukauen. Aber der Reiz solcher Spiele ergibt sich eben dadurch, dass man überlegt, welche Möglichkeiten man hat und wie man diese einsetzen muss – dazu sollte man sie aber wissen.

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Kleinere Makel halten das Spiel nicht davon ab, gleichzeitig enorm fordernd und motivierend zu sein.
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Ein frühes Beispiel ist, dass mehrere Störsender dasselbe Ziel ausschalten können. Das ist für einige Rätsel, die dann schon eine erstaunliche Komplexität haben, elementar wichtig, man hat diese Funktion aber nie in einem leichteren Rätsel beigebracht bekommen. Das hätte man eleganter lösen können.

Darüber hinaus gibt es an diesem sowohl spielerisch als auch thematisch tiefen Puzzler nichts auszusetzen. Wer nicht gerade eine Aversion gegen die Benutzung des eigenen Kopfes hat, wem etwas Anspruch nicht als anmaßend erscheint und wer sich gerne auf eine Kreuzung stellen möchte, auf der Titel wie Portal und Braid einen Auffahrunfall hinlegen und miteinander verschmelzen, sollte sich The Talos Principle auf jeden Fall zu Gemüte führen.