Ohne die gewohnten Pauken und Trompeten hat Funcom in dieser Woche sein neues MMOG auf den Markt gebracht. Und als wäre ein solch dezentes Release nicht schon verdächtig genug, tritt auch noch Firmenchef Trond Arne Aas völlig unerwartet von seinem Posten zurück. Zu Recht fragt sich die Spielergemeinde jetzt, ob mit The Secret World möglicherweise etwas nicht stimmt. gamona hat sich auf Weltreise begeben und versucht, das Geheimnis zu lüften.

Das Spiel läuft inzwischen seit über einem Monat, und wir hatten genug Zeit, es ausgiebig zu testen. Alle weiteren Informationen findet ihr in unserem Secret-World-Test.

Online-Spieler haben viele gute Eigenschaften. Sie haben allerdings auch eine schlechte: Sie sind in Bezug auf ihr Hobby unglaublich nachtragend. Baut ein Studio oder Publisher ihrer Ansicht nach Mist, trollen sie sich oft noch Jahre später in diversen Foren herum, um die verhasste Firma für die Verfehlungen abzustrafen, unbeachtet aller zwischenzeitlich durchgeführten Maßnahmen.

Die überaus geheime Welt

Unter diesem Phänomen leidet Funcom nun schon seit Jahren. Seit dem im Jahre 2008 verbockten Release von Age of Conan, um genau zu sein. Damals schwor so mancher Fan, niemals mehr ein Spiel von Funcom anzurühren. Und bis dato war das auch nicht sonderlich schwierig, denn außer der wirklich guten Conan-Erweiterung Rise of the Godslayer und dem MOBA Bloodlines Champions hat Funcom seither nichts mehr auf den Markt gebracht.

Jetzt allerdings haben die Norweger beinahe still und heimlich The Secret World in die Regale geschoben. So leise, dass selbst die verbittertsten Kritiker aus alten Tagen verstummen und sie sich fragen, was da in den letzten Jahren im Hause Funcom vor sich gegangen ist. Die Antwort erscheint für Branchenkenner ebenso erstaunlich wie naheliegend: Das Studio ist tatsächlich gereift.

The Secret World - Vorabtest: Die ersten Stunden in Funcoms geheimer Welt

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Schon der Einstieg ist wunderbar mysteriös - was passiert da noch alles?
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Den Hype abgeschüttelt

Und man hat gelernt: Ein Hype, wie man ihm 2008 für Conan ins Rollen gebracht hat, kann auf lange Sicht nur schaden. Gerade für ein MMOG gelten eben andere Regeln als für gewöhnliche Spiele. Viele Spieler zu Beginn zu enttäuschen rechnet sich langfristig nicht. Besser ist es, wenige Spieler zu begeistern, denn die bleiben als Kunden erhalten und bringen gerne all ihre Freunde mit.

Packshot zu The Secret WorldThe Secret WorldErschienen für Xbox 360 und PC

Etwas in der Art erhofft man sich zumindest für The Secret World, zu dem ein fulminantes Release auch inhaltlich nicht gepasst hätte. Das Spiel ist ein einziges Geheimnis, zu kompliziert, um in wenigen Worten marktschreierisch angepriesen zu werden, zu speziell, um bei Otto Normalzocker uneingeschränkte Begeisterungsstürme auszulösen.

Mit Cthulhu ins Bett

Im Gegenteil - Funcom bremste schon im Vorfeld hier und da die Erwartungen und warnte, dass The Secret World ein Nischenprodukt für eine ganz besondere Sorte von Spielern sei und keinesfalls für die Masse geeignet. Und die Rechnung scheint aufzugehen, denn die Nische, in der The Secret World da steckt, hat man mit Bedacht gewählt, und sie scheint viel größer als von Kritikern erwartet.

Es sind die erwachsenen Spieler, die man ansprechen möchte. Gemeint sind speziell jene, die vor einigen Jahren noch ihr Abendessen einmal wöchentlich bei einer Episode Akte X eingenommen haben, die sich zum Einschlafen regelmäßig eine kleine Lektüre von H.P. Lovecraft reinziehen und die den Zirkus meiden, weil ihnen dort der Clown Pennywise über den Weg laufen könnte. Kurz: Funcom kümmert sich um all die alternden Verrückten und Fantasten, die von der MMO-Branche Vergessenen.

The Secret World - Vorabtest: Die ersten Stunden in Funcoms geheimer Welt

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Schwarze Helikopter und andere Verschwörungstheorien.
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Ein neuer Anlauf

Das hätte auch schon bei Age of Conan funktioniert, wenn da nicht die falschen Versprechungen und die verfrühte Veröffentlichung gewesen wären. Beides hat man bei Funcom als Fehlerquelle erkannt, sich vom damaligen Game-Director verabschiedet und den Mut gefunden, trotzdem noch einmal in die gleiche erwachsene Richtung zu entwickeln - diesmal sogar noch einen Schritt weiter zu gehen und eine Welt aufzugreifen, die in dieser Form in noch keinem großen MMOG virtualisiert worden ist: unsere eigene.

Denn die steckt nicht nur voller ungeklärter Rätsel und Abenteuer - sie eröffnet einem Autor auch unbegrenzte Möglichkeiten beim Ausgestalten der Umgebung, von Charakteren und Gefahren. Was wäre, wenn alle Geschichten von King und Lovecraft plötzlich wahr würden, wenn sich das Böse aus einer fremden Dimension plötzlich in unserer vertrauten Umgebung manifestieren könnte und wir auf die Hilfe derer angewiesen wären, die wir bisher eher fürchteten: zwielichte Geheimgesellschaften. Willkommen in The Secret World.

Alles wie gehabt. Oder etwa nicht?

Doch was, außer dem Setting, macht Funcoms neue Welt so besonders? Unterscheidet es sich denn überhaupt von all den Standard-MMOs? Auf den ersten Blick nicht. Es bietet die gewohnte Ansicht von hinten auf den virtuellen Charakter, dieselbe altbackene Steuerung mit Target-Lock, aktive und passive Skills und Quests, die es zu erledigen gilt. Offenes PvP gibt es nicht, dafür Arenen und eine Karte für den permanenten Krieg zwischen den drei Geheimbünden.

Bei näherem Hinsehen allerdings wandelt sich der Eindruck, ein MMO aus der Retorte vor sich zu haben. Zwar erlebt man die Welt in der gewohnten Ansicht, doch die Tatsache, dass wir virtuell in Umgebungen wandeln, die unserer eigenen entsprechen, verleiht der Sache einen ganz eigenen Charme und stellt allein dadurch jeden noch so bunten Feenwald in den Schatten.

Die magische Sieben

Sieben aktive und sieben passive Fähigkeiten wirken angesichts dessen, was andere MMOs bieten, beinahe wie ein schlechter Witz, doch hebt sich diese Einschränkung durch die Möglichkeit, insgesamt 525 Skills frei zu kombinieren, komplett auf. Bei der Vergabe von Aufgaben in The Secret World nutzt Funcom zwar die bekannte Quest-Mechanik, allerdings erzählt man damit mehr als nur eine schnöde Geschichte. Was einem Funcom da liefert, hat es tatsächlich in sich.

The Secret World - The Secret World Beta-Bericht: Unsere ersten Abenteuer als Templer

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Für die Entwicklung eines Standard-Themepark-MMOs werden für gewöhnlich eine ganze Reihe von Autoren verpflichtet, kleine Abenteuer zu schreiben, die einen Aufgabenteil enthalten. Die Quests werden von den Designern dann an NPCs irgendwo in der Welt verteilt, damit der Spieler etwas zu tun bekommt. Dazu kommen noch eine Reihe von Handlungsquests, in denen eine kleine, linear aufgebaute Geschichte erzählt wird.

Durch das Chaos zur Ordnung

Doch genau dieses ebenso beliebte wie kritisierte Konzept hat Funcom komplett über den Haufen geworfen und etwas getan, worüber sich nur spekulieren lässt. Auf jeden Fall hat sich Kultautor Ragnar Tørnquist zu Beginn der Entwicklungsphase eine ausgesprochen weitreichende Geschichte für The Secret World ersonnen. Die hat er dann wahrscheinlich auf eine riesige Glastafel geschrieben und selbige dann mit einem Hammer zerschlagen.

Die Scherben hat er irgendwo in allen Ecken von The Secret World versteckt, auf dass die Spieler, die durch die Welt wandeln, sie finden und richtig deuten mögen. Die Wahrheit ist also irgendwo da draußen und sie steckt nicht nur in den Worten von teilweise mehr oder weniger skurrilen Questgebern, sondern auch in den Schmierereien in den Hinterhöfen, im Gefasel verrückter Passanten und in den Tiefen der Instanzen.

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In der Ruhe liegt die Kraft
Feste Klassen gibt es also nicht, da sich die Skills zwischen den Kämpfen beliebig auswechseln lassen. Level gibt es auch nicht, dafür muss man sich Punkte verdienen, mit denen sich neue Skills freischalten lassen. Wer in die Tiefe skillt, wird nicht lange brauchen, um halbwegs schlagkräftig zu sein. Wer hingegen in die Breite skillt, kommt in unterschiedlichsten Rollen zum Einsatz, wird aber auch ein Weilchen beschäftigt sein.

Eilig, das lässt sich schon nach wenigen Spielstunden sagen, hat es in The Secret World niemand. Ohne den Druck, den der Wunsch zu leveln in anderen Spielen unterschwellig erzeugt, nimmt man sich verblüffend viel Zeit für die Geschichte, hört sich die vollvertonten Gespräche wirklich an und erkundet die Welt bis in den hintersten Winkel, um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen.

Anders als damals bei Age of Conan scheint die Geschichte bei The Secret World auch nicht einfach so im Sande zu verlaufen - schließlich ist sie gleichmäßig über die gesamte Welt verteilt worden. Und wer gerade nicht weiterkommt oder Abwechslung braucht, kann sich am Crafting versuchen oder im Drei-Fraktionen-PvP für Templer, Illuminaten oder Drachen kämpfen.

Fazit

Natürlich lässt sich nach der kurzen Spielzeit, die wir bis dato hatten, noch kein Urteil fällen. Fest steht allerdings schon jetzt, dass Funcom mittlerweile in einer ganz anderen Liga spielt als noch zum Release von Age of Conan. Das Release ging diesmal sauber und reibungslos über die Bühne, die hauseigene Engine leistet technisch gute Dienste und alle Versprechungen wurden bislang eingehalten und sogar noch übertroffen. Warum auch immer Funcoms CEO seinen Posten geräumt hat - mit dem aktuellen Release hat es wahrscheinlich nichts zu tun.

The Secret World selbst wirkt wie das Abenteuerspiel unter den MMOGs, versprüht ein ganz eigenes Flair, erzählt eine unglaublich interessante Geschichte, dazu eine Vertonung, die qualitativ locker mit der von Star Wars: The Old Republic mithalten kann. Doch das Spiel fordert ganzen Einsatz. Wer zu faul ist, Texte zu lesen, Bilder zu deuten und Hinweisen zu folgen, wer das nächste Ziel auf der Karte angezeigt haben möchte, ohne das Hirn einzuschalten, wird dem Spiel nicht viel abgewinnen können.

Wie lange diese Faszination für die Story vorhält, wie tiefgreifend das Crafting ist und wie das Drei-Fraktionen-PvP in der täglichen Praxis funktioniert, werden wir in den nächsten Wochen ausgiebig testen. Auch das üppige Skill-System, das an das Sammelkartenspiel Magic: The Gathering angelehnt ist und mit seinen 525 Fähigkeiten mehr als genug Raum zum Experimentieren bietet, werden wir genau unter die Lupe nehmen.

Bis dahin allerdings können und wollen wir euch gar nicht von einem Kauf abraten. Wer Abenteuerspiele mag und derzeit gelangweilt auf den Desktop schaut, geht mit The Secret World kein großes Risiko ein. Funcom dürfte als Studio spätestens jetzt rehabilitiert sein und wer dem Unternehmen noch immer die alten Vergehen nachträgt, bringt sich möglicherweise selbst um ein interessantes Stück Spielerfahrung.

Eindruck: sehr gut

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