Wenn man die Essenz eines kompletten Genres, des Genres der Adventures, auf ein einziges Spiel reduzieren müsste, dann wäre das Monkey Island. Mit Fug und Recht kann behauptet werden, dass der Markt der Abenteuerspiele ohne dieses mittlerweile 19 Jahre alte Meisterwerk ein völlig anderer, ja, womöglich nicht einmal mehr existent wäre.

Ankh, Simon the Sorcerer, Jack Keane, The Book of Unwritten Tales, Ceville… Keines dieser Spiele hätte es ohne den Piratenklassiker von Lucas Arts – damals noch Lucasfilm Games – je gegeben. Dabei war es anno 1990 weder auffallend revolutionär, noch innovativ. Es machte einfach nur eine ganze Reihe von Dingen verdammt richtig – so richtig, dass es bis heute als unerreicht gilt. Diese Woche veröffentlichte Lucas Arts die Special Edition von The Secret of Monkey Island auf Steam und Xbox Live.

„Irgendwo in der Karibik…“

Mêlée Island: In grobkörniger 320x200 Pixel-Auflösung zeichnet sich die Silhouette des karibischen Steilkliffs vor dem sternklaren Nachthimmel ab, durch dessen Sternemeer sich deutlich sichtbar das silbrige Band der Milchstraße zieht. Im Hafen künden vereinzelte warme Lichter von der Existenz menschlichen Lebens in der von Grillen durchzirpten Weite an, ein einsames Leuchtfeuer auf dem Berggipfel signalisiert fernen Schiffen die heimatliche Nähe

Dazu Unheil andeutende Klänge, mehr Klopfen als Musik, langsam Melodie werdend, bis sie mit einem Paukenschlag den Schriftzug enthüllen: The Secret of Monkey Island, begleitet von dem berühmten Thema aus der Feder Michael Z. Lands, instrumentiert in karibischen Perkussionsinstrumenten und Synthesizerklängen, die entfernt an eine Panflöte erinnern.

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Wer Ende der 80er, Anfang der 90er groß geworden ist und damals seine Liebe für Computerspiele entdeckt hat, dürfte bei dieser Szene noch heute Gänsehaut bekommen. Zumal sie Lucas Arts kongenial zur Einführung in ihre Special Edition neu inszeniert hat: In einer bescheidenen, aber umso ergreifenderen Überblendung weicht das nostalgisch vertraute Pixelatoll der nun hochaufgelösten Pastellinsel, an deren Gestaden sich die vom bläulichen Mondlicht umspielten Wellen brechen. Für seine Neuauflage auf PC und Xbox 360 hat Lucas Arts die Grafik seines Klassikers komplett überarbeitet – und doch beibehalten…

Die drei Prüfungen: Grafik, Sound, Steuerung

Im Vorfeld von Retrokonservatisten harsch kritisiert, erweist sich die Neuinterpretation der „Monkey Island“-Optik als Geniestreich. Die Lucas-Zeichner behielten Motive, Bildaufteilung, kleinste Objektdetails gar, wie den Hund in der Scumm Bar, jeden Baumstamm im Wald oder das Gerümpel im Krämerladen, bei und übermalten sie schlicht in höherer Auflösung, aber mit einem unvergleichlichen Stilwillen.

The Secret of Monkey Island: Special Edition - Das beste Adventure aller Zeiten in einer genialen Neuauflage

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"Ich bin Guybrush Threepwood, und ich möchte Pirat werden", anno 1990...
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War der Mond über dem Pier im Original mehr Ahnung als Himmelskörper, steht er nun wie ein silbernes Leuchtfeuer der Leidenschaft zwischen Guybrush und Elaine während ihrer Liebesszene. Wirkte die Piratenspelunke vor 19 Jahren wie das gekritzelte Haus vom Nikolaus, ist es nun organischer Teil einer lebendigen Hafenkulisse, in der neuerdings mächtige Schiffe vor Anker liegen und knorrige Bäume ihre Äste nach umnächtigten Passanten strecken. Aller Unkenrufe zum Trotz: Monkey Island SE hat in jedem Pinselstrich mehr Stil und Seele als sämtliche Adventures dieses Jahr zusammen genommen.

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...und in der überarbeiteten Fassung der 2009er Special Edition.
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Im Vergleich dazu fällt das Charakterdesign stark ab: Insbesondere der „neue“ Guybrush kommt bei Fans in etwa so gut an wie vor einigen Jahren der neue Grinsejunge auf den Kinder-Schokoladeschachteln. Blank rasierte Schläfen und eine blonde Tolle auf dem Kopf, als habe er in den 70ern in einer Wave-Band gesungen und dazu peinliche Hampelbewegungen gemacht – das ist nicht mehr der „Guy“, der als „Brush“-Dateiindex seinen seltsamen Namen einst von einer Grafiksoftware erhielt, aber ihn dennoch stets mit Würde trug.

Unverbesserliche Nostalgiker können aber jederzeit einfach per Tastendruck in die alte 320er-Grafik zurückschalten – und das „on the fly“, mitten im Spiel, durch schickes Überblenden. Selbst während Dialogen und Zwischensequenzen kann der Spieler so jederzeit Original und Fälschung, Pixelbrei und Next-Gen-Kunstwerk – je nach Sichtweise – vergleichen. Dabei ist dann auch zu sehen, wie peinlich genau die Zeichner der Neuauflage den ursprünglichen Bildräumen treu geblieben sind.

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Mondsüchtig: Guybrush und Elaine kommen sich näher.
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Da unter der schönheitschirurgisch polierten Oberfläche noch immer das Herz der alten Scumm-Engine schlägt, gehen selbst die Bewegungen beim Umschalten nahtlos ineinander über – trotz Komplettüberarbeitung zuckeln die Figuren nämlich immer noch wie ein Stroboskop durch die Gegend. Selbst das alte Scumm-Interface, mit eingeblendeter Befehlsleiste stets sichtbar am unteren Bildschirmrand, steht im Retro-Modus wieder zur Verfügung.

Für die Special Edition wurde die Steuerung nämlich einer Überarbeitung unterzogen: Um nicht mehr ein volles Drittel des Bildschirms zu verschandeln, musste die Befehlsleiste komplett weichen und steht nur noch auf Knopfdruck zur Verfügung. Das Bewegen des Mauscursors mit dem Xbox-Pad ist zwar fern von dem Verdacht, Zukunftsmodell fürs Genre zu werden, stellt aber kein größeres Ärgernis dar (es erinnert gar ein wenig an die Unbeholfenheit, mit der man damals den Mauscursor in Zak McKracken auf dem C-64 per Joystick steuerte).

Land in Sicht! Ein Genre läuft in seinen Heimathafen ein.Fazit lesen

Die Scumm Bar: Alt und neu im Videovergleich - hier klicken!Ebenfalls neu in der Special Edition: Erstmals wurde Monkey Island 1 komplett vertont. Denn obwohl Lucas Arts mit Loom bereits zuvor ihre erste „Talkie“-Version eines Adventures auf den Markt gebracht hatten, glaubte Monkey-Erfinder Ron Gilbert nicht an den Siegeszug der CD-ROM als Speichermedium, weswegen Guybrush erst sieben Jahre später in seinem dritten Abenteuer eine Stimme erhielt: Dominic Armato, der auch in dieses Mal wieder ein exzellentes Sprecherensemble anführt. Derzeit nur komplett in Englisch, wenngleich deutsche Untertitel zuschaltbar sind – nicht jedoch im Retromodus, der sowohl auf deutsche Texte als auch Sprachausgabe verzichtet. Die Möglichkeit, seinen individuell bevorzugten „Mix“ selbst einstellen zu können, wäre hier wünschenswert gewesen.

Die Reise: Von damals bis heute

Vermutlich gibt es selbst heute niemanden, der noch nie mit der Affeninsel, Guybrush Threepwood und seiner Erznemesis LeChuck in Berührung gekommen ist – und wenn nur in schwärmerischen Erzählung ewig Gestriger. Für viele gilt Monkey Island nach wie vor als bestes Adventure aller Zeiten – oder zumindest als zweitbestes, gleich hinter dem Nachfolger Monkey Island 2: LeChuck’s Revenge.

Dass The Secret Monkey Island auch knapp 20 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung noch fast unverändert seinen Charme versprüht, liegt neben seinen nicht von der Hand zu weisenden Qualitäten auch an dem seit damals andauernden Stillstand im Genre – ein Stillstand, den Monkey Island durch seine Standards maßgeblich mitgeprägt hat.

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Schmalzlocke: Der "neue" Guybrush ist äußerst gewöhnungsbedürftig.
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Was seitdem als „LucasArts-Tugenden“ bekannt ist, dominiert die Welt der Adventures bis in die Gegenwart: Wurde man zuvor für falsche Taten vom Spiel gnadenlos durch den Tod des Hauptcharakters abgestraft, richtete Monkey Island sein Erlebnis komplett auf frustfreie Spielbarkeit aus: Es war unmöglich Fehler zu machen, in Sackgassen zu geraten, Gegenstände zu vergessen, zu verlieren, zu zerstören oder gar selbst zu sterben – bis auf eine äußerst witzige Ausnahme (Tipp: Wenn Guybrush von Fester Shinetop am Pier versenkt wurde, einfach mal zehn Minuten warten und die Luft anhalten - vorher abspeichern nicht vergessen!)

Das wahre Geheimnis von Monkey Island und seinem Erfolg brachten wir unlängst in unserem Test zum fünften Teil, Tales of Monkey Island, auf die verallgemeinerte Formel: übersprudelnder Witz, unvergleichliches Piratenflair, evergreenliche Karibikmusik und einzigartige Spielbarkeit. Und kratzten dabei gerade einmal an der Oberfläche. Denn gerade beim wiederholten Durchspielen nach so langer Zeit fallen dermaßen viele Einzelheiten auf, die einst nur unbewusst wahrgenommen wurden, aber sich dennoch mosaikgleich zu einem unnachahmlichen Gesamtbild zusammenfügen.

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Atemberaubend: Die SCUMM Bar vor neuer Hafenkulisse.
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Das fängt bei der Masse unvergesslicher Szenen an, die in jedem Fan des Spiels bei der bloßen Erwähnung eines Stichwortes wie „Du kämpfst wie eine Kuh“, der zweitgrößte Affenkopf, Meathooks Papagei, „Ich bin Bobbin. Bist du meine Mutter“, tödliche Piranha-Pudel, Männer ohne Moral, „Das X markiert die Stelle“ oder „Hinter dir! Ein dreiköpfiger Affe“ sofort Erinnerungen wecken, die sich wie ein warmes Gefühl den Weg vom Gehirn tief ins Herz hinein suchen.

Eher unbemerkt bleiben gleichsam nebensächliche, wie wirkungsvolle Details, etwa dass Guybrush immer ein wenig schneller unterwegs ist, als es seine Laufanimation realistischerweise eigentlich zulässt; und er so gewissermaßen immer ein wenig über den Boden „schwebt“. Rennen per Doppelklick? Direktteleport zum nächsten Ausgang? All die Komfortfunktionen moderner Adventures hatte Monkey Island gar nicht nötig. Und war dennoch oder gerade deswegen optimal spielbar.

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Auch Elaine hat sich stark verändert - der Cartoon-Look ist nicht jedermanns Sache.
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Maßgeblich für die Atmosphäre ist sicherlich auch, dass das Spiel zu großen Teilen nachts stattfindet: Wenn der von diamantenen Sternen erfüllte Himmel die Welt als Silhouette malt und das Mondlicht seinen bläulichen Schimmer wie eine Decke darüber ausbreitet, während Grillen aus der Ferne den Soundtrack einer schwülen karibischen Nacht anstimmen, fühlt sich das an wie ein Sommertraum, in dem die Gedanken in die Ferne schweifen, um dort auf Abenteuerreise zu gehen.

Unter Monkey Island

Dass Monkey Island bis heute legendär ist, liegt sicherlich auch daran, dass es schlicht und ergreifend „zur rechten Zeit am rechten Ort“ war. 1990 begann das Zeitalter der VGA-Grafik, das dem Genre zu seiner Blütezeit verhalf, weil es wie geschaffen für derlei Darstellungstechnik war: Für aufwendige Animationen oder gar 3D-Objekte reichte die damalige Prozessorleistung kaum aus. Adventures mit ihren handgezeichneten Hintergründen in voller Pastellfarbenpracht stellten hingegen die ideale Spielwiese für kreative Grafikkünstler dar.

Der unvergleichliche Stilwille dieser Zeit zeigt sich in Monkey Island noch verhalten, aber dennoch sichtbar beispielsweise auf der verwinkelten Zugangsstraße ins Dorf von Melee Island, wo das Bild nicht einfach nur einen Raum abbildet, sondern der Raum ganz offensichtlich um das Spiel und seine Elemente herum arrangiert ist.

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Tief unter Monkey Island befindet sich LeChucks Versteck.
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Dennoch ist es in der Rückschau immer wieder erstaunlich, mit welch simplen Mitteln Monkey Island bisweilen seine Effekte erzielt: „Ich bin Guybrush Threepwood, und ich möchte Pirat werden.“ Mit dieser an Einfachheit kaum zu überbietenden Grundsituation entlässt uns das Spiel aus dem Intro – um dann aber ganz allmählich und fast unbemerkt sein Netz aus Handlungsfäden zu spinnen.

Auf der Karibikinsel Melee Island angekommen, stellt der Anti-Held mit dem seltsamen Berufswunsch alsbald fest, dass die ortsansässigen Piraten statt Plündern und Brandschatzen vielmehr das Vernichten von literweise Grog im Sinn haben. Schuld ist der gefürchtete Geisterpirat LeChuck, der die Gewässer um die Insel heimsucht. Seit er sich in die Gouverneurin Elaine Marley verliebt hat, ist niemand mehr vor seiner „Zuneigung“ sicher.

Tales of Monkey Island - E3 2009 Trailer5 weitere Videos

Gerade als Guybrush seine drei Prüfungen als Piraten-Azubi erfolgreich absolviert und dabei ebenfalls eine Schwäche für die charmante Dame entwickelt hat, wird Elaine von LeChuck entführt und in dessen Versteck, tief unten zwischen den Lavaflüssen von Monkey Island, verschleppt. Ein Schiff muss her, eine Besatzung, und auf zur Rettung…

Kaum zu glauben, aber der Staub, den Monkey Island in den 19 Jahren seit seinem Erscheinen angesetzt hat, dürfte nicht einmal den strengsten Feinstaubverordnungen ein Dorn im Auge sein. Nur gelegentlich stößt man auf Szenen, die nach aktuellen Maßstäben Kritik hervorrufen würden: Etwa wenn man eine gelbe Blume aus einem unübersichtlichen Labyrinth ergattern muss. Oder lange Laufwege, die trotz Übersichtskarte gelegentlich anfallen.

Gameplay-Video: Der Kampf gegen: die MASCHINE! Hier klicken!Nichtsdestotrotz macht Monkey Island auch heute nicht nur alles richtig, sondern vieles einfach richtiger: beim Rätseldesign etwa, das immer noch unerreicht nicht-linear daherkommt und regelmäßig vom Schema des stumpfen Gegenstandkombinieren abweicht, sich gar in der köstlichen Einbruchsszene in der Gouverneursvilla selbst parodiert. Unübertroffener Höhepunkt in dieser Hinsicht sind immer noch die legendären Schwertkämpfe, in denen statt einer scharfen Klinge eine spitze Zunge gefragt ist.

Auch die Dialoge folgen nicht sklavisch dem heute üblichen Muster des reinen Durchklickens der Antwortmöglichkeiten, sondern bieten oftmals witzige Alternativen, die man nur beim erneuten Durchspielen zu Gesicht bekommt. Dass ein Adventure auf die Weise sogar eine Art Wiederspielwert schafft, dürfte dafür sorgen, dass der Staub auf der Affeninsel vermutlich selbst in weiteren 20 Jahren noch keinen Staubsauger erfordern wird.