Wer mosert über fehlende Ideen in Computerspielen? Wer sagt, bewährte Point-&-Click- Adventures seien veraltet? Und wer behauptet, „gute“ Grafik brauche ein riesiges Budget? Ihr lügt alle. Denn ihr habt The Second Guest noch nicht gesehen. Oder gehört.

The Second Guest - Erster TrailerEin weiteres Video

Eines vorab: Dieses Abenteur wird wohl nichts für Leute, die abseits von Crysis oder Far Cry grafisch alles so abtörnend finden, dass sie in der Folge sogar den Playboy verschmähen. The Second Guest ist klassisches Point & Click, dessen Comic-Optik auf seine ganz eigene Weise besonders ist. Und es mit einem Hörspiel kombiniert.

Wie jedes Jahr auf der Gamescom gibt es mindestens ein Spiel in irgendeinem Hinterzimmer, dass mich nachhaltig überrascht. Diesmal war es The Second Guest – mit seinem Tim-Burton-Ambiente, den gemalten Charakteren, die einem alle irgendwie bekannt vorkommen. Auch die Figur des Spielers, Jack, die verdächtig nach Johnny Depp aussieht. Und auch klingt, denn der originale Synchronsprecher des Star-Schauspielers ist auch Jacks Stimme im Spiel. Jener soll nun ein Haus geerbt haben, kennt noch nicht einmal den Verstorbenen – ist aber trotzdem neugierig und fährt nach Schloss Grace Castle.

Die Reise an die Küste Englands wird zum Gruselkrimi aus Blau, Grau, Schwarz und Weiß, als klar wird, dass ein Mörder nach Jacks Leben trachtet. Mini-Entwickler Twice Effect hat sich dafür entschieden, die Hintergründe zu malen. Teilweise sind mehrere Bilder übereinander gelegt, um den Schauplätzen mehr Tiefe zu verleihen. Beides gelingt sehr gut – The Second Guest kommt stimmungsvoll daher, die Grafik passend, das Ambiente gruselig.

The Second Guest - Grusel-Mär im Stile Tim Burtons

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The Second Guest verpackt seine Gruselmär in düsteren Stil à la Tim Burton.
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Angelehnt an das Universum von H.P. Lovecraft in den 1920er Jahren spielt dieses Abenteuer, das kinderfreundlicherweise komplett ohne Blut auskommt und den Schwerpunkt auf die Dialoge legt. Neben David Nathan sind auch der Synchronsprecher von Liam Neeson und Jean-Luc Picard mit von der Partie. Bei mir weckt vor allen die Stimme des Erzählers Erinnerungen – denn der heißt Oliver Rohrbeck und ist durch seine Rolle als Justus Jonas bei den Hörspielen der Drei Fragezeichen bekannt geworden.

Die fünfteilige Geschichte spielt sich im und um das umwitterte Schloss ab, das ein Sturm von der Außenwelt abschneidet. Jeder der Teile ist eine Episode, zwei davon sollen ab Ende Oktober zu kaufen sein. Geplant ist ein Einstiegspreis von 20 Euro, jede weitere Folge gibt es für maximal zehn Euro. Spieler können jedoch auch erst mit späteren Folgen einsteigen, denn alles, was bis dorthin geschehen ist, können sich die Spieler in voller Länge nachträglich anhören. Ja, richtig - anhören. Der Clou: Twice Effect hat The Second Guest in Zusammenarbeit mit Oliver Rohrbecks Verlag, der Berliner Lauscherlounge, komplett als Hörspiel aufgenommen.

Packshot zu The Second GuestThe Second GuestErschienen für PC kaufen: Jetzt kaufen:

Autor David Frentzel hat bereits für große Verlage gearbeitet. Logisch also, dass er für The Second Guest ein Dialogskript als Vorlage schrieb. Darin unterscheiden er und damit auch das Spiel zwischen Dialogen, die für die Fortentwicklung der Geschichte relevant sind, von Hintergrundinformationen und abseitigem Geschwatze.

Jack entscheidet, ob er sich auf einen Plausch einlässt, von der Atmosphäre packen lassen, die Gesprächspartner besser kennenlernen will – oder geradewegs in Richtung der Lösung des Mysteriums um das Schloss und den ermordeten Lord Averton marschiert. So steht der Johnny-Depp-Verschnitt etwa nahe des Wasers an einem Fischerhaus und redet mit einem alten Seemann. Der ist recht reserviert, trägt eine Mütze, hat stilecht eine Pfeife im Mundwinkel – und nuschelt noch stärker, sobald ich mich für Dinge abseits der Rätsel interessiere. So als wäre er froh, endlich wieder normal reden zu dürfen.

The Second Guest - Grusel-Mär im Stile Tim Burtons

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Das Logo weckt Erinnerungen an den Klassiker The 7th Guest.
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Alle Rätsel bauen inhaltlich aufeinander auf und sind zugleich Bausteine der Geschichte. Allerdings lassen die Entwickler unerfahrenere Spieler nicht einfach im dynamischen Wetter stehen, sondern geben Hilfestellung. Zum einen nicht schnöde über eine Art eingebautes Lösungsbuch, aber subtil als Gedichte, deren Worträtsel ich ihrerseits erst entschlüsseln muss. Ganz offensichtlich wird es erst, wenn ich die Bildhinweise zuschalte, die direkt Gegenstände in der Umgebung auffällig werden lassen.

Eine Gruselperle blitzt hervor.Ausblick lesen

Weil es unter Adventure-Fans solche gibt, die auf die guten alten Textkommandos schwören, tauchen eben diese per Rechtsklick statt des Aktions-Symbolmenüs auf, falls gewünscht. Auch akustisch reagiert The Second Guest auf das Verhalten des Spielers. So hat Jack etwa ein Dokument, das er geheimhalten soll, aber trotzdem jemandem zeigen muss. Nehme ich es aus dem Inventar und ziehe es mit der Maus über eine Person, die mir nicht freundlich gesinnt ist, kommt ein warnender Klang.

Die gesamte Soundkulisse ist nicht etwa ein Potpourri aus irgendwelchen eingekauften Bibliotheken, sondern wurde extra für das (Hör-)Spiel komponiert. Die Charaktere haben ganz im Stile der alter Lucas-Arts-Adventures ihre eigenen Signatur-Sounds, und je nach Dialogverlauf verändert sich zudem die Stimmung der Hintergrundklänge.

Weitergedacht hat Twice Effect auch bei den Gegenständen. Die Anweisung „Nimm Hund“ an Guybrush Threepwood bei Monkey Island 2 etwa, woraufhin dieser sich den riesigen Vierbeiner einfach in die Innentasche steckt, würde bei Second Guest wohl nicht funktionieren. Bei solch abwegigen Aktionen wehrt sich der Kommandobaum.

Auch die Kombinationsorgien, bei denen jeder Gegenstand versucht wird mit jedem anderen zusammenzubringen, ist nicht unbedingt eine gute Idee, denn dadurch können sie verloren gehen. Fehlt ein bestimmtes Fundstück, gibt die Umgebung jedoch schonmal dezente Hinweise über das finale Puzzleteil, das die Mixtur komplettiert.