Sony überrascht in London mit einem filmischen Kunstwerk, das zwar Quicktime-Events liebt, aber auch vielschichtige Charaktere. Und das die berühmte Artus-Sage rund um die Ritter der Tafelrunde in eine Welt einbettet, die direkt aus der Feder von Jules Verne kommen könnte.

The Order: 1886 - Hinter den Kulissen8 weitere Videos

The Order 1886 erinnert nicht selten an BioShock: Infinite. Das hatte auch viele Abschnitte mit recht traditionellem Gameplay, aber die Kombination aus Schauspielkunst, Rhetorik, emotionalen Momenten und Design-Einflüssen aus einer anderen Welt machten die Vision dieses Spiels zu einem virtuellen Jahrhundertkunstwerk.

Davon mag The Order 1886 noch etwas entfernt sein, aber als wir in London endlich mal für längere Zeit spielen dürfen, zeigt sich die Detailverliebtheit des kalifornischen Teams an allen Ecken und in jeder Nische. Im Großen, in der Steampunk-Ästhetik eines riesigen begehbaren Luftschiffes mit all seinen metallenen Apparaturen. Oder im Kleinen, wie bei einer Art Hacking-Gadget, bei dem wir Quecksilberblättchen auf zwei Bahnen synchronisieren müssen und das Gerät so zur Überspannung bringen.

The Order: 1886 - Keine Klischeeschublade für Actionhelden

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Filmischer Look, extrem scharfe Texturen. Das hier ist ein Screenshot aus dem Spiel und keine Zwischensequenz.
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Das sind Systeme, die wir alle aus der Neuzeit kennen, aus Watch Dogs oder Splinter Cell, aber es ist schön mit welchem Auge fürs Detail die kalifornischen Designer jedes einzelne Spielelement in die viktorianische Zeit des Jahres 1886 verfrachten. Auch Waffen entstammen nicht einfach der Fantasie eines Designers, sondern unterliegen physikalischen, gut sichtbaren Regeln.

Bei der Arc Cannon blitzt die Stromspule regelrecht auf, wenn wir sie laden. Je länger wir den Button gedrückt halten, desto weiter elektrisiert sich die Waffe. Anders als bei Sci-Fi-Spielen schießt danach kein Laserstrahl aus der Kanone, sondern der Strom wird von drei Metalldrähten geleitet, die am oberen Ende zusammenlaufen und den Argumentationsverstärker quasi zu einer Art mobilen Blitzableiter machen.

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Sogar GQ hat einen Mann mit Bart zum Gentleman des Jahres ernannt, Sir Galahad hat auch einen.
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Ästhetisch und atmosphärisch ist das Spiel bislang sehr stimmig. Auch die Outfits stammen nicht einfach aus der Hollywood-Kiste für viktorianische Produktionen, sondern verraten viel über ihre Träger. Die Rüstung von Protagonist Sir Galahad basiert auf dem Waffenrock eines britischen Offiziers des 19. Jahrhunderts.

Spielerisch absolut solide und spaßig, aber die Geschichte und Charaktere sind es, die The Order richtig spannend machen.Ausblick lesen

Wer jedoch genau hinschaut, entdeckt viele ikonische Zeichen der Ritter der Tafelrunde aus der Artus-Sage. Beispielsweise Armschützer aus Stahl, die reich verziert sind und in denen sich die Gravur des Wappens von Richard Löwenherz spiegelt. Oder eine metallene Halskrause mit dem roten Abzeichen jenes mysteriösen Ordens.

Nicht umsonst arbeitet das Team rund um den ehemaligen Film-Regisseur Ryu Weerasuriya viel mit Nahaufnahmen, die diese Details der Vergangenheit enthüllen. Ohnehin ist der Cast interessant, weil sich Sony traut, drei Männer und eine Frau aufzubauen, die in keine Klischeeschublade für Actionhelden passen.

Club der bärtigen Männer und Lady Igraine

Das Ensemble ist schon deshalb auffällig, weil die Männer alle Bart tragen und die einzige Frau nicht unbedingt den Sexappeal von Chloe oder Elena aus Uncharted mitbringt. Sie heißt auch eigentlich nicht Lady Igraine, wird aber von den anderen so genannt, weil ihr französischer Name Isabeau D’Argyll dann doch etwas kompliziert wäre. Sie wirkt mitunter recht distanziert, wirft Galahad aber öfter vertraute Blicke zu.

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Detailverliebte Technik-Vernarrtheit: Alle Gadgets sind so gestaltet, das sie sich auch in diesem alternativen Universum echt anfühlen.
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Nach Naughty Dog möchte offensichtlich auch Triple-A-Newcomer Ready at Dawn, deren bislang größer Titel der PSP-Ableger „God of War: Chains of Olympus“ war, eine schwierige Liebesgeschichte in ihren Kosmos einbauen.

Stellt euch vor, ihr seid in eine Frau verknallt und sie in euch. Weil ihr aber einem Orden verpflichtet seid, darf niemand von eurer Turtelei erfahren und das über mehrere hundert Jahre. Denn Sir Galahad, Sir Percival und Lady Igraine stammen aus dem Mittelalter und leben dank eines geheimnisvollen Serums bereits eine halbe Ewigkeit, um die Menschheit vor Mutanten, den Lykanern und die Krone vor Rebellen zu schützen.

Die Geschichte bleibt auch nach unserem Besuch in der britischen Hauptstadt noch recht nebulös, doch schauspielerisch haben wir auf der PlayStation Experience in London nur sehr hochwertige Kost erlebt. Alle Darsteller sind gut besetzt, der britische Akzent sitzt perfekt und vor allem die berühmte britische Distanziertheit wird herrlich vom Marquis de Lafayette kontrastiert. Der ist gebürtiger Franzose, kämpfte im Unabhängigkeitskrieg für die amerikanischen Siedler und in der Französischen Revolution, ist aber kein geleckter Soldaten-Typen, sondern erlaubt sich gerne mal eine kecke Bemerkung.

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Beeindruckend wie Uncharted 4. Wer soll denn hier noch echte Schauspieler von digitalen unterscheiden?
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Als würdet ihr durch ein Theater-Glas schauen

Creative Director Weerasuriya möchte einen Film-Look alter Schule einfangen. „Wir haben uns gefragt, wie es ausgesehen hätte, wenn wir mit einem 100 Millimeter-Canon-Objektiv der damaligen Zeit gedreht hätten. Wie wäre das Bokeh gewesen, wie die Tiefenunschärfe?“, erzählte er uns bereits auf einem früheren Termin. Dieser leicht grieselige Filter gibt einem das Gefühl, einen alten Film zu sehen und auch der Bildaufbau erinnert an das Hollywood der 80er-Jahre.

Selten zuvor gab es Spiele mit einer 2:40:1er Auflösung, also 1920x800. Das zieht das Bild in die Länge wie im Kino, dehnt die Szenerie und lässt diese Zeppeline über der St.-Pauls-Kathedrale in London noch majestätischer wirken. Interessanterweise stärkt dieser filmische Ansatz die Immersion im Spiel. Muss die Kamera einen harten Schwenk nach rechts machen, dann zieht sie im Spiel auch leicht nach. Die Leistung der PlayStation 4 wiederum sorgt für Charaktere, die sich von echten Menschen kaum noch unterscheiden lassen.

Und wie spielt sich das jetzt? Recht klassisch

Die Animationen sind erstklassig und vor allem hat Ready at Dawn sehr stark am Fischaugen-Problem der Branche gearbeitet. Kevin Spacey beispielsweise sieht in „Call of Duty: Advanced Warfare“ zwar lebensecht aus, aber seine Augen sind die eines toten Fisches. In The Order hingegen blinzeln sich Galahad und Igraine zu, wandern die Augen auffällig durch die Szenerie, wenn sich Gefahr anbahnt. Die Charaktere zeigen Furcht und Selbstsicherheit mit ihrer Mimik, das geht alles stark Richtung Uncharted 4 oder auch The Last of Us.

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Schleichen, Meucheln, Ballern. Alle Waffen einen herrlichen Rückstoß und fühlen sich authentischer an als bei vielen Konkurrenztiteln.
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Vom Gameplay her spielt sich The Order 1886 wie ein klassischer Third-Person-Shooter - hat allerdings so seine Eigenheiten. Beispielsweise müssen wir immer mal wieder lautlos Wachposten ausschalten oder an ihnen vorbeischleichen. Sind wir dabei zu unvorsichtig, bemerken uns die Rebellen, die das Luftschiff kontrollieren und verpassen uns direkt eine Kugel. Wer also versagt, muss neu laden, die Chance zum Kampf gibt es dann nicht.

Richtig geballert wird lediglich im Festsaal, in dem sich überraschenderweise auch der König Englands aufhält. Er weiß offensichtlich nichts von der Präsenz der Rebellen, ergo müssen wir ihn retten. Dafür wird das Scharfschützengewehr durchgeladen und wir knallen die ersten vier lauernden Rebellen über den Haufen. Die Munition ist rar, wir müssen also schon bald aus der schützenden Deckung einer Veranda ausbrechen und uns aktiv in den Kampf stürzen um den Schergen ihre Argumentationsverstärker abzunehmen.

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Was da auf uns zukommt, verspricht, sehr atmosphärisch und dicht zu werden.
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Die Gewalt ist dabei ziemlich explizit und die Waffen fühlen sich insgesamt sehr authentisch an. So hat eine Schrotflinte einen recht heftigen Rückstoß und verzieht leicht. Pusten wir einem Angreifer jedoch aus kurzer Entfernung eine Ladung Blei in die Plauze, zeigt das Ragdoll-System, wie Schleudern aussieht. Die Künstliche Intelligenz macht einen soliden Job, nutzt ihre überlegene Masse für aggressive Vorstöße, geht aber auch in Deckung, wenn wir sie unter Beschuss nehmen.

Hin und wieder leistet sie sich aber auch Ausfälle, etwa wenn der Angreifer an der gleichen Stelle seinen Kopf herausragt, wo wir gerade seinem Kollegen eine Kugel zwischen die Schläfen verpasst haben. Der Kampf gegen menschliche Gegner spielt sich insgesamt recht klassisch, wobei Ready at Dawn seine Inszenierung mit Quicktime-Sequenzen noch eine Spur cineastischer macht. Drückt uns ein Rebell seinen Revolver an den Kopf, entwaffnen wir ihn spektakulär und erschießen damit auch gleich noch seinen Kollegen. Aber keine Sorge, The Order setzt diese QTEs sehr gezielt ein, eine Quicktime-Orgie müsst ihr nicht befürchten.