Als ich die ersten Bilder von The Order: 1886 sah, fragte ich mich schon: Ist das wirklich Spielgrafik? Kann ein Spiel in der Startphase einer neuen Konsolengeneration tatsächlich so gut aussehen? Wie Sony nun beweist: Offensichtlich schon. Egal was die Entwickler vom einstigen PSP-Studio Ready at Dawn für Voodoo-Zauber und schwarze Magie beschwören, sie lässt das PlayStation-4-Exklusivwerk wahnsinnig detaillierte Figuren, nahezu fotorealistische Umgebungen und feurig-filmische Effekte auf den TV schaufeln. Und auch die Hollywood-Action-Märchen-Geschichte um einen unsterblichen Ritterorden, eine verquere Steampunk-Welt, einen geheimen Krieg, fiese Werwölfe und anderes Ungetier klingt nicht schlecht. Wo ist also der Haken?

Etwas überraschend war es schon, als das kleine kalifornische Studio Ready at Dawn vor fast genau einem Jahr zur E3 2013 The Order: 1886 enthüllte. Nicht dass man irgendwas schlechtes über die Truppe aus Irvine sagen könnte, eher im Gegenteil: Mit Chains of Olympus und Ghost of Sparta hat sie PSP-Ableger der God-of-War-Reihe auf den Taschenspieler gebracht, die ihren großen Vorbildern für die PlayStation 3 durchaus gewachsen sind. Dennoch: Handheld und Heimkonsole, das ist ein Unterschied.

Wer auf dem kleinen Schirm für Wumms sorgen kann, kann das nicht unbedingt auch auf dem großen. Oder vielleicht doch? Als dann nämlich die ersten Bilder des Exklusiv-Titels zu sehen waren – tja, das war schon beeindruckend und näher am Fotorealismus als alles andere.

The Order: 1886 - Besser als die Realität?

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Nur zögerlich rückt Entwickler Ready at Dawn mit neuen Infos zu The Order: 1886 heraus. Statt auf Werwölfe und anderes Ungetier mag das Studio bisher nur aufständische Proletarier zeigen.
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Selbst inhaltlich scheint's zu passen: Vor Jahrhunderten spaltete sich die Menschheit in zwei Lager. Jene Menschen, die Menschen blieben und jene, deren DNA sich veränderte; sie in etwas anderes wandelte – Halbblüter nämlich. Kreaturen wie... tja, Werwölfe, Vampire und andere Fabelwesen. Und auch die wollen freilich leben und ihr Stück von der Welt abhaben. Es kommt wie's kommen muss … nämlich zum Krieg.

Armeen von Menschen und Bestien schlugen aufeinander; kämpften, schlitzten auf, verbrannten jene, den sie Feind nennen. Doch nach tausend Jahren verlagerte sich der Kampf in die Stille; hinter die Kulissen eines London im Jahre 1886, das sich im besten Sinne der Steampunk-Literatur entwickelte. Als Sir Galahad, seine edlen Mannen hinterdrein, streift man hier durch die Kopfsteinpflasterstraßen der Hauptstadt des Empire, die von elektrischen Hochbahnen, selbstfahrenden Kutschen und darüber schwebenden Zeppelinen erfüllt ist.

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Auch mit neuem Bildmaterial ist Sony bei The Order knausrig. Statt gänzlich neuer Kulissen gibt’s nur Bildmaterial der zuletzt auch auf Twitch TV gestreamten Szenen. Allerdings sind die immerhin etwas schärfer.
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Galahad und seine Mitstreiter sind die Speerspitze der menschlichen Kriegerschaft: einem einst von König Arthur gegründeten Orden. Ein geheimer Bund ist das, dessen Anhänger dank einer mysteriösen Substanz, dem schwarzen Wasser, die zehnfache Lebensspanne eines durchschnittlichen Menschen erreichen. Der Orden soll das Weiterbestehen des Homo Sapiens sichern. Doch hat Geheimbund mittlerweile auch andere Probleme: eine Revolte. Die niederen Kasten, der Pöbel und das Proletariat begehren auf – und zwar gegen die aristokratische Oberschicht, denen die Ordensbrüder verpflichtet sind. Das führt dazu, dass die Rittersleut auch Aufstände von Rebellen, also normalen Menschen, nahe einem Waffenversteck in Whitechapel niederschlagen müssen. Und hier setzt eine kürzlich anspielbare Demoszene an...

Grafik-Blender oder Next-Gen-Wunderwerk? Schwer zu sagen. Wie die Werwölfe aus dem ersten Trailer zu The Order: 1886 versteckt sich einfach noch zu vieles im Schatten.Ausblick lesen

Uncharted in London?

Spielerisch erinnert The Order dabei an einen Mix von Gears of War 3 und der Uncharted-Serie. Heißt: aus Third-Person-Sicht scheucht man Galahad strickt linear durch enge Gassen und Straßen. Meist huschen dabei ein bis drei selbst agierende Gefährten hinterher: die zumindest optisch junge Isabeau D’Argyll, Galahads nobler Mentor Sebastian Malory und der französische Taktiker Marquis de Lafayette. Fegen erste Kugeln durch die Luft, wird der Edelmann sofort in die nächstbeste Deckung gewuchtet – automatisch und ganz ohne Knopfdrücken. Sofort wird das Feuer auf die Widerständler erwidert.

Action satt

Dabei kommen neben den üblichen Zunderbüchsen wie Pistolen, Sturmgewehren, Karabinern und einer Kombi aus Flinte und Brutalo-Druckluft-Büchse auch Knarren zum Einsatz, die sich herrlich in das alternative Szenario einpassen. Etwa die Arc Gun, ein Elektrogewehr, dass sich schnaubend und dampfend auflädt, bevor es einen dicken Bogen aus elektrischen Strom freisetzt, der von einem getroffenen Gegner fauchend zum nächsten überspringt. Oder auch das M86-Thermit-Gewehr: mit diesem werden glühende Leuchtspurprojektile verfeuert, die die Widerständler schmerzend ins Taumeln bringen. In einem alternativen Feuermodus hingegen werden dicke Brand-Ladungen aus der Waffe geschleudert, die sich beim Aufprall in ein flammendes Inferno verwandeln und Holz- und Klinkerwände unter der Hitze bersten lassen.

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Andrea Pessino von Ready at Dawn äußerte neulich, er habe kein Problem damit, wenn manch Spieler The Order „scheiße findet". Es gehe hier um ein Spiel und nicht um Leben und Tod.
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Das Zielen und Feuern geht gut von der Hand. Nach und nach werden so die Rebellen im mittleren Geschoss eines ruinösen Steinbaus ausgeschaltet. Dabei heißt's stets zwischen einer Säule, einer Kiste und einer Steinbauer als als schusssichere hin- und hersprinten. Dann ein Schrei! Ein befreundeter Constable wurde angeschossen und muss von der offenen Straße geschleift werden. Schnelles Handeln ist da gefragt. Also losgespurtet. Und, eben ganz ähnlich Uncharted, schaltet das Spiel nach einem Tastendruck sofort in eine Action-Sequenz, in der mit einer Hand der verletzte Polizist gezogen und mit der anderen via Pistole feindliche Schützen ausgeschaltet werden.

Mit Müh und Not zerrt Galahad den Polizist in Sicherheit. Doch zu spät: er stirbt an seiner Verletzung. Und das während der gleichgültige Sebastian Malory nur kurz an einem kleinen Fläschchen mit dem mysteriösen Lebenselixir nippt, das in Handumdrehen eine Wunde an seinem Hals verschwinden lässt.

Wie die Macher von Ready at Dawn versprechen, würde sich der Charakter der Spielfigur erst über das Spiel vollends entfalten; gar würde man einige am Ende in gänzlich anderem Licht sehen als zu Beginn der Geschichte. Tatsächlich werfen sich die Ordensmitglieder bislang nur kurze Dialogfetzen zu, die wenig über ihre Haltung und Innenleben verraten.

The Order: 1886 - Frische Bilder zum PS4-Exklusiv-Titel

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Nach der dramatischen, aber erfolglosen Rettungsaktion geht’s weiter. Auf Knopfdruck wird eine Wand gesprengt und es folgt noch ein kurzes Geplänkel in den düstere Gassen von London. In geradezu klaustrophobischer Enge werden hier weitere Rebellen mit Thermit- und Sturmgewehr aufs Korn genommen. Also noch mehr in Deckung gehen, feuern, voran stürmen … weiter ballern. Über den Spielverlauf hinweg sollen sich allerdings immer wieder neckische Spielereien einbringen. Über das Touchpad des DualShock-4-Controllers soll eines der Luftschiffe angefunkt werden, das dann den nächsten Einsatzort kommuniziert oder anderweitig behilflich ist.

Mit God-of-War-gleichen Quick-Time-Szenen werden Nahkämpfe bestanden und wie in LA Noire lassen sich gefundene Notizen und andere Gegenstände untersuchen. Mit der Black Sight wird es natürlich auch eine Slow-Motion-Mechanik für den Kampf geben. Innovationspreise wird The Order mit alldem nicht gewinnen, doch das haben die Macher auch nicht vor. Vielmehr soll ihr Baby mit Geschichte, Atmosphäre und Grafik glänzen. Und zumindest bei den letzten beiden Punkten schafft das The Order: 1886 scheinbar ohne weiteres...

Chromatische Aberration ist das neue Lens-Flare!

Ohne Zweifel kann man behaupten: das Erstlingswerk von Ready at Dawn für die PlayStation 4 sieht unglaublich gut aus. Die Gesichter der Ritter sind verdammt detailliert, lassen kleine Fältchen, einzelne Barstoppeln und Poren ausmachen. Und an ihrer Kleidung sind Insignien auf Knöpfen und das Webmuster des Stoffes erkennbar. Selbst die Gegner sind ähnlich aufwendig gestaltet.

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Thermit-Gewehr, Strom-Knarre und eine Kombi aus Flinte- und Luftdruck-Puster. Angeblich sollen die Ritter über den Spielverlauf noch deutlich abgefahrene Kniften bekommen.
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Die bisher gezeigten Umgebungen könnten spielerisch sicher etwas kreativer ausstaffiert sein, aber auch hier brilliert die Grafik. Bei Backsteinwänden stehen einzelne Steine hervor, Pfützen schimmern feucht, Lampen geben im Nebel einen voluminösen Schein. Und stets ist im Hintergrund das düstere London erkennbar, das durch rauchende Schornsteine und Dauer-Regenwolken an Geschichten von Charles Dickens denken lässt. Mehr noch als das definiert aber der ganz eigene Look von The Order: 1886 das gesamte Spielgefühl. Denn tatsächlich ist es zwar düster, aber nicht einfach braun.

Stattdessen soll die Farbpalette stets wechseln: Grau-Blau, Orange-Braun und Gelb-Grau sollen eine historische und vor allem finstere Stimmung und dem aktuellen Akt angemessene Stimmung vermitteln. Dazu vermeiden die Macher explizit einen allzu polierten und sauberen Look, sondern versuchen die Optik von alten Filmaufnahmen nachzuahmen. Das beginnt damit, dass The Order nicht wie andere Spiel im 16:9-, sondern dem noch breiteren 2.40:1-Format läuft.

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Und direkt im Spiel wirkt das Geschehen absichtlich gerne unscharf und stellenweise gar kontrastarm. Wo in Battlefield 4 und Metal Gear Solid: Ground Zeroes dicke Lichtbalken über den Schirm ziehen, als wären sie aktuellen Kinofilmen entsprungen, zeigen sich bei The Order breite Lichtflecken, chromatische Aberrationen – also Farb- und Verzerrungsfehler – und eine Vignettierung. Fast so als würde das Ganze durch eine Kamera mit einem verdreckten Daguerre- oder Petzvalobjektiv festgehalten. Das ist speziell, aber gefällt und passt zum Szenario.

Dennoch: Es scheint als würden Ready at Dawn und Sony nur sehr, sehr zögerlich neue Eindrücke und Informationen über The Order preisgeben wollen. Wo sind die Werwölfe und Vampire, deren Feindschaft mit der Menschheit den Kern des Geschehens ausmachen sollen? Welch anderen Kulissen, abseits der dreckigen und grauen Straßen, wird man durchstreifen müssen?