Und dabei hätte sich so vieles angeboten. Das Szenario zuallererst, ganz ohne Anstrich aus der Retorte, dafür mit den verspielt-liebevollen Details einer rustikalen Welt, die ihre Bewohner und Rezipienten gleichermaßen respektiert. Oder der Mut zur Schlichtheit, das „Nein!“ zu rangepflanschten Mehrspieler-Modi – gern auch die verpassten Abfahrten und offensichtlichen Fehler, von denen es eher zu viel als zu wenig gibt. Es hätte so vieles zu erzählen gegeben und wir gehen uns wegen solcher Nichtigkeiten an die Gurgel.

Nun ist die müßige Spielzeitdebatte der letzten Tage – +++ Haltet die Druckerpressen an: The Order: 1886 mit Umfang von fünf Stunden!? +++ –, keine völlig grundlose und ehrlich gesagt kann ich das Argument „Ich will auch eine Gegenleistung für mein Geld“ gut verstehen, auch wenn das mit kleinkariert aufgestellten Preis-Leistungs-Tabellen nicht mal eben auszurechnen ist. Dennoch: Im angemessenen Ton (hörst du, Internet-Mob?) kann man da ruhig mal drüber sprechen. Auf der anderen Seite bin ich ehrlich gesagt verdammt froh darüber, den Mistgabel-schwingenden Teil von euch Richtung Leo und dessen Kolumne weiterreichen zu können und das Thema mit der Feststellung, dass die Spielzeit für normale Menschen bei fünf bis acht Stunden liegt, abhaken zu können. Lebt damit oder lasst es bleiben.

„Ungünstig“ wäre noch die freundlichste Umschreibung für die Streitthemen, die sich da zuletzt immer wieder verselbstständigt und The Order gerade in den letzten Tagen ein paar Tiefschläge verpasst haben, von denen sich Sonys PS4-Exklusivspiel sehr wahrscheinlich nicht mehr völlig erholen dürfte. Sie haben das inhaltsleere Neuigkeiten-Vakuum mit gnadenlos überhöhten Nichtigkeiten ausgefüllt, haben Platz für 30-FPS-Ausreden und Spielzeitstreitereien gemacht, wo eigentlich über geschichtlichen Hintergrund, Kostümdesign und andere Vorzüge hätte diskutiert werden müssen.

The Order: 1886 - Fifty Shades of Grey

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So gern würde ich dieses Spiel mögen und mit zwei zugedrückten Augen klappt das auch manchmal - bis das nächste Tontaubenschießen beginnt.
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Denn: The Order: 1886 kann jedes Schönreden gebrauchen.

Niemand hätte uns Mist andrehen müssen; The Order: 1886 hat durchaus seine Qualitäten, jede Menge sogar, wenn wir erst einmal bei den Hintergründen angelangt sind. Nur ist auf der spielerischen Haben-Seite eben kaum mehr als „Joa, Standard-Deckungs-Shooter halt, 'ne?“ zu finden, was nicht nur gemessen am viralen Marketingpotential, das Sony gern hierin gesehen hätte, erschreckend wenig ist.

So wenig sich das Steampunk-London des 19. Jahrhunderts oder der schnauzbärtige Protagonist Sir Galahad an den Mainstream anbiedern, so tief ist der Kniefall vor der breiten Masse (oder den eigenen Unzulänglichkeiten), wenn ihr zur Abwechslung mal nicht auf eine Zwischensequenz starrt, sondern selbst das Pad in die Hand nehmt. Plötzlich spielt sich das alles wie eine Aneinanderreihung von Stichpunkten auf einer „Dinge, die ein Deckungs-Shooter haben muss“-Liste:

Packshot zu The Order: 1886The Order: 1886Erschienen für PS4 kaufen: Jetzt kaufen:
  • hüfthohe, unüberwindbare Hindernisse
  • plumpe Levelarchitektur mit Kisten (weil Deckungen und so!)
  • Blindfeuer aus Deckung heraus
  • automatische Gesundheitsregneration
  • Schießbudengegner
  • schnarchige Quick-Time-Events

The Order: 1886 - Fifty Shades of Grey

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Seit ich The Order gespielt habe, weiß ich, wie viele feine Grauabstufungen es geben kann.
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Ihr wisst so ungefähr, was ich meine.

Nichts davon macht The Order wirklich schlecht oder gar unspielbar; die Entwickler von Ready at Dawn wissen zwar nicht übermäßig viel mit den grundlegenden Mechaniken des Genres anzufangen oder sie in irgendeiner Form auszureizen, zeigen mit ihrer ersten eigenen Marke aber durchaus, dass sie zumindest die Grundlagen problemlos herunterbeten können. Zum Teil sogar besser als andere, ihnen eigentlich überlegene Konkurrenten.

Keine Ideen sind auch keine Lösung

Dass ich nach rund sechs Spielstunden keine davon bereut, einige Momente sogar richtig genossen habe, liegt vor allem an einer Entwicklerregel, die das Team um Produzent Ru Weerasuriya verinnerlicht hat: Die grundlegende Spielmechanik muss sitzen, immer wieder Spaß machen, über die gesamte Spielzeit hinweg. Und hallo, das tut sie.

Ready at Dawn drücken euch mit einem breiten Grinsen wuchtige Steampunk-Knarren in die Hand, ,keine Wasserpistolen, und ehrlich gesagt kann ich mir gut vorstellen, wie sie bei der Konzeption ihrer Wummen aufgeregt vor den Bildschirmen saßen und „Ja, ja, das müssen wir unbedingt haben!“ kicherten. Wenn überhaupt, ist es das, was The Order: 1886 auf spielerischer Ebene von anderen abhebt: Das einzigartige Design und das immense Feedback, wenn ihr den Abzug drückt. Muss man auch erst mal hinbekommen.

The Order: 1886 - Fifty Shades of Grey

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Das unübliche Bildformat ist im Wesentlichen völlige Augenwischerei und hat mehr von einem 15 Jahre alten Spiel im PAL-Format als einem Kinobesuch.
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Ihr schießt natürlich, weil ihr keine andere Wahl habt, weil man euch wie einen gut dressierten Hamster durch einen einzigen langen Schlauch scheucht und auf alles abdrücken lässt, was nicht bei drei auf dem Baum ist. Ihr schießt aber auch, weil es eben Spaß macht, Blitze aus gusseisernen Läufen auf verdutzt dreinschauende Gegner zu rotzen, weil das Scharfschützengewehr so schön knallt und Granaten keine Knallerbsen, sondern verdammt noch mal Granaten sind. Bis auf Wolfenstein: The New Order fällt mir ehrlich gesagt kein anderes Spiel der letzten Jahre ein, dass die Lust am Schießen besser, dreckiger vermittelt hätte. Wenn ihr The Order trotz seiner Probleme eine Chance geben wollt, dann deshalb.

Als Film wie Spiel gleichermaßen zu platt, ohne wirklich schlecht zu sein: Wenn ihr im Wörterbuch unter "Videothekenspiel" nachschlagt, findet ihr ein Bild von The Order: 1886.Fazit lesen

Und weil ihr genug sprücheklopfende Sonnyboys an der Strippe hattet. Warum nicht mal Schnauz- statt Dreitagebart, stilvolle Mäntel und Pomade statt zerschlissener Jeans und Undercut? The Order ist der stilvolle Gegenentwurf zu all den pseudo-hippen Einweghelden da draußen und ein Beispiel, an dem sich gern mehr Entwickler orientieren dürfen, wenn es nach mir geht, selbst wenn Ready at Dawns viktorianisches Steampunk-England im Grunde nur hübsche Fassade für 08/15-Intrigengeschwafel und „Wir sind uns gar nicht so unähnlich, du und ich“-Bösewicht-Plattitüden ist. Schade um eine interessante, liebevoll ausgestaltete Welt, die hier so vorhersehbar verheizt wird.

The Order: 1886 - E3 2014 Trailer8 weitere Videos

Über die Wahl des schwarzbalkigen Kinoformats lässt sich streiten und auch Länge und Umfang der üppig platzierten Zwischensequenzen schießen vielleicht etwas am Ziel der cineastischen Inszenierung hinaus. Auf der anderen Seite gibt es nur eine Handvoll anderer Spiele mit derart authentischen Gesichtsanimationen und noch weniger mit demselben feinen Gespür für Lichteffekte, das Wabern von Stoffen und ähnlichen verschwenderischen Kleinigkeiten. Und nehmt „verschwenderisch“ hier ruhig wörtlich: Ready at Dawn mögen begnadete Handwerker sein, keine Frage, wissen ihre Kulisse aber nur bedingt zu inszenieren. Stur halten sie aufs Geschehen, volle Pulle Breitbild, kaum Kamerafahrten. Unpassend für ein Spiel, das sich selbst maßgeblich als Bindeglied zwischen Videospielen und Filmen versteht.