Alle Jahre wieder macht man sich in Hamburg daran, bezaubernde Point-and-Click-Adventures zu kreieren, diesmal jedoch haben Daedalic Entertainment das Ganze vielleicht zu wörtlich genommen – in ihrem nächsten großen Abenteuer spielt man einen Dreikäsehoch, der tatsächlich die arkanen Künste lernen soll. Und das ausgerechnet von einem Lagomorphen.

Der junge Jerry Haselnuss genießt gerade die letzten Tage seiner Sommerferien, als ihm ein merkwürdiger Brief zuflattert, in dem ein Beschwörungsritus beschrieben wird. Der kleine Frechdachs folgt der Anleitung natürlich prompt und ruft so den Marquis de Hoto auf den Plan, einen anthropomorphen und sehr schick gekleideten Hasen und Magier.

Flugs nimmt der Marquis Jerry unter seine Fittiche und lehrt ihn das Zauberhandwerk, vor allem das Geheimnis der Baumläufer: Der Marquis kann über magische Portalbäume in Parallelwelten reisen. Die erste Reise führt die beiden nach Mauswald, wo Mäuse, Eichhörnchen, Hasen und sonstiges mümmelndes Getier friedlich zusammenleben.

The Night of the Rabbit - Das Neue von Daedalic: Viel Magie und etwas Zauber

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Die Welt ist wie immer wunderschön gezeichnet.
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Auf seiner Reise trifft Jerry neue Freunde und Gefährten (unter anderem Postfrösche und Hippie- bzw. Slacker-Magier), aber natürlich auch einen garstigen Widersacher, der durch die Macht der Magie die Welt bedroht. Jerrys leichtherziges Ferienabenteuer entwickelt sich zu einer echten Mission und es stellt sich heraus, dass die Begegnung mit dem Marquis vielleicht kein reiner Zufall war.

Natürlich liegt es am Spieler, dem Halbstarken bei seiner Reise beizustehen, doch die Frage ist: welchem Spieler? Schon wenn man ein paar Minuten mit The Night of the Rabbit verbracht hat, stellt man zwar gewisse Gemeinsamkeiten mit den vorherigen Adventures aus dem Hause Daedalic fest, aber eben auch einige Unterschiede, die... sagen wir, „durchwachsen“ sind.

Packshot zu The Night of the RabbitThe Night of the RabbitErschienen für PC kaufen: Jetzt kaufen:

Das Selbstverständliche zuerst: Das Spiel wird wirklich atemberaubend schön. Wer dachte, dass man die Zeichentrickgrafik des Schrott-Adventures Deponia oder seines Nachfolgers nicht mehr oder nur unmerklich verbessern könnte, wird schlagartig eines besseren belehrt sein, sobald sich das erste Mal das Hauptmenü in Sepia lichtet und der Blick auf die ersten Baumkronen sichtbar wird. Wenn wir den jungen Jerry durch die saftigen Wälder lenken und ihn mit den drolligen Cartoonnagern interagieren lassen, kommt derartig dichte Stimmung auf, dass man schon fast das Harz riechen kann.

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Auch wenn man sich vor allem auf Wälder beschränkt.
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Leider ist die Optik am Anfang noch nicht sehr abwechslungsreich, sie liefert nämlich zunächst mal Wälder, Wälder und noch mehr Wälder. Das liegt am Genre und wird sich sicherlich noch etwas relativieren, es stört auch nicht sonderlich, doch bei dem Talent mit Hintergründen wird einem ganz schwindelig beim Gedanken daran, welche Wunderwelten uns noch vorgeführt werden könnten.

Auch auf die Ohren gibt es so einiges und auch hier wird Rabbit punkten, wenn es auch in diesem Feld bislang nicht an die Optik heranreicht. Wie so oft sind die deutschen Sprecher kompetent, doch entweder zu bemüht oder zu lustlos – die goldene Mitte zu treffen gelingt nur sehr selten, auch kleinere Patzer in der Dialogregie kommen vor. Die Musik plätschert ruhig und atmosphärisch, man darf gespannt sein, wie viel sie zur Dichte weiterer toller Schauplätze beitragen wird.

Hase zieht Zauberer aus Zylinder

All das ist aber natürlich nur Beiwerk zur Frage: Was erzählt uns The Night of the Rabbit? Und wie? Zunächst muss gesagt werden, dass dieser Titel nicht primär eine Komödie wird.

Umwerfend hübsch, dafür aber bislang zu zahnlos.Ausblick lesen

Stattdessen versucht man sich hier an großer Fantasy, und so viele Erfolge man auch immer mit den vorherigen Klamotten feiern konnte, so muss man doch sagen: Das hier ist ein ganz anderes Feld. Eines, das Daedalic zwar mit Titeln wie The Whispered World schon mal beackert, dann aber zugunsten vieler klamaukiger Spiele wieder vernachlässigt hat.

Nicht, dass alles bierernst wäre, doch der Grundton ist eher heiter-beschwingt als albern-schenkelklopfend. Das Problem ist, dass an die Stelle des Humors ja irgendetwas treten muss. Zumindest in der Vorschau ist aber noch nicht wirklich ersichtlich, was das sein soll. Der Charme der Gestaltung etwa ist unleugbar, doch in Verbindung mit der bislang nicht hohen Abwechslung verpufft seine Wirkung irgendwann – erst recht, wenn man vielleicht mal etwas länger an einem Rätsel hängt.

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Gucken, was man so findet.
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Hinzu tritt, dass die Welt noch nicht ganz so einen starken Sog erzeugt, wie sie könnte. Einige der Charaktere etwa sind arg blass geraten, darunter auch der glucksende Protagonist, der zwar ein lieber Kerl, doch auch irgendwie ein Langweiler ist – man kann nur hoffen, dass Jerry im Laufe der weiteren Handlung etwas weiter aus sich herauskommt und mehr wird als ein grinsender Spielball der Elemente.

Außerdem fragt man sich unwillkürlich, warum Daedalic bzw. dem Autor Matthias Kempke bei der Grundidee „Magische Reise durch Welten“ nun ausgerechnet als erstes ein Mäuse-Mikrokosmos eingefallen ist, der „Mauswald“ heißt und in dem jede Maus den Nachnamen „Maus“ oder ähnliches trägt. Das ist ist schon arg vorsichtig, fast schon ein bisschen feige, und kein allzu fantasievoller Einstieg für ein Spiel, das verspricht, später noch so viel mehr zu werden.

Diese Punkte lassen The Night of the Rabbit in seiner bisherigen Version gestalterisch hart an der Belanglosigkeit entlangschrammen - eben nach dem Motto „Hübsch, aber einfältig“. Glücklicherweise besteht ein Adventure ja aber auch noch aus Rätseln und hier kann man erfreulicherweise vermelden, dass es von Anfang an ordentlich zu knobeln gibt.

Das Neue von den Hamburgern? Wird ganz cool

Durch die fremde Welt kann und muss man so manches Mal schön um die Ecke denken, dennoch bleibt das Spiel größtenteils logisch und fair. Ich sage „größtenteils“, weil es natürlich umso mehr auffällt, wenn mal etwas nicht hinhaut, und leider kommt auch das ab und zu vor.

Wenn ich zum Beispiel einen Briefumschlag zukleben soll, dann zwei äußerst klebrige Substanzen und sogar einen astreinen Aufkleber finde, aber keines der drei Objekte eine erlaubte Lösung für mein Problem darstellt. Da bin ich von diesem Studio eine geschlossenere Logik gewohnt.

Cool hingegen ist die Idee, Elemente wie zum Beispiel Spielhilfen organisch in die Welt einbauen zu wollen, statt sie beim Spieler zu lassen. Um sich etwa interaktive Objekte und Hotspots anzeigen zu lassen, kann Jerry selbst durch ein Loch in einer magischen Münze blicken und so alle relevanten Punkte erspähen.

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Man trifft auf allerlei wunderliche Gestalten - auch wenn diese nicht so mutig gestaltet sind, wie sie sein könnten.
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In unsere Version leider noch nicht eingebaut war das Hilfesystem, bei dem ebenfalls der junge Zauberlehrling höchstselbst seinen Zauberstab schwingt und seinen Mentor auf magische Weise „anruft“, um einen Ratschlag von ihm zu erhalten.

Auch andere flotte Sprüchlein verirren sich ins Repertoire und sind fantasievoll genug, echte Momente zu schaffen – in welchem Adventure kann man schon zum Beispiel mit Steinen quatschen? Insgesamt ist der Hokuspokus eine possierliche Idee, die freilich noch besser rüberkäme, wenn sie spielmechanisch was probieren würde – momentan ist sie eigentlich nur ein weiteres Item, das man benutzt.

All das hinterlässt zusammengenommen einen guten Eindruck, nur leider keinen so guten, dass ich augenblicklich all meinen Bekannten davon erzählen muss. Stattdessen erwähne ich das Spiel nebenbei im Gespräch, mein Gegenüber fragt nach und ich sage „Das Neue von den Hamburgern, wird ganz cool.“ (Ja, ich rede mit verkürzten Sätzen und Slangwörtern, um cool zu wirken. Klappt prima.)

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Euphorie klingt anders, aber vielleicht ist das auch meine Schuld, weil ich bei jedem neuen Adventure erwarte, dass sich das Genre mal wieder einen Schritt nach vorne traut, anstatt auf Nummer sicher zu gehen, was bei NotR sowohl spielerisch als auch gestalterisch zu passieren scheint.

Ich habe nicht die geringsten Zweifel, dass sich The Night of the Rabbit lohnen wird, doch für Begeisterungsstürme hält es den Ball momentan noch ein bisschen zu flach. Mal sehen, ob ich diese Worte bereuen werde. Am 28. Mai wird das Spiel erscheinen.