Zauberei – genau das ist hier das Stichwort. Denn Jerry Haselnuss wünscht sich nichts sehnlicher, als einmal ein großer Zauberer zu werden. Es sind die letzten zwei Tage der Sommerferien, genug Zeit also, um noch ein letztes, großes Abenteuer zu erleben, bevor die Schule wieder anfängt.

Daedalic im Wunderland

Wie praktisch, dass sich ein großes, weißes und adrett gekleidetes Kaninchen, das sich als der Marquis de Hoto vorstellt, genau an diesem Tag in Jerrys Welt verirrt, um ihn unter seine Fittiche zu nehmen. Der Marquis macht Jerry das Angebot, ihn in Mauswald als seinen Zauberlehrling auszubilden. Hier soll der junge Schüler Zaubersprüche erlernen, Portalbäume durchschreiten, andere Reiche erkunden und Freunde finden.

Aber nicht alle sind einander wohlgesinnt. Ein mächtiger Zauberer droht, Mauswald in den Untergang zu stürzen, dringt tief in die magische Welt ein und ergreift diese bei ihren Wurzeln, um sie zu unterjochen. Und plötzlich steht Jerry weitaus Größeres bevor, als nur ein Kaninchen aus dem Hut zu zaubern.

Mit „The Night of the Rabbit“ begrüßt der Entwickler Daedalic den Neuzugang Matthias Kempke in seinem Team, der durch die Indie-Adventures „What Makes You Tick?“ und dessen Fortsetzung „What Makes You Tick: A Stitch in Time“ auf sich aufmerksam machte. Kempke entwarf für sein neues Spiel eine märchenhafte Welt, in der Frösche mit Fahrrädern Post zustellen, mehrschwänzige Füchse sich in kleine Mädchen verwandeln können und mürrische Zwerge an Zwergenschnupfen erkranken.

Er lebte seine Kreativität nicht nur bei der Handlung und der Spielwelt aus, sondern entwarf auch etliche spielinterne Gimmicks. So stellte er sich die Frage, ob man die Funktion einer Hotspot-Anzeige nicht in die Story integrieren könnte – und verleiht Jerry deshalb eine magische Münze, die nicht nur Dinge zeigt, mit denen er interagieren kann, sondern auch magische Wesen und Gegenstände.

The Night of the Rabbit - Zauberhaft schön

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Der Grafiktstil ist einfach wunderschön anzusehen.
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Die Münze ist an manchen Orten also dringend erforderlich, um im Spielverlauf weiterzukommen, inklusive einiger Aha-Effekte, nachdem man sich an einem Rätsel fast die Zähne ausgebissen hatte. Die Lösung befand sich die ganze Zeit (fürs nicht-magische Auge unsichtbar) vor der eigenen Nase.

Stets die Augen offen halten

Die Rätsel sind zumeist logisch aufgebaut, dank klarer Anweisungen und Tipps, die die Bewohner unter anderem in Selbstgesprächen vor sich hinmurmeln. Zum Beispiel der Dreikäsehoch Humbert, der Jerry den Weg über eine Brücke versperrt und dann darüber spricht, dass er sich nach einer Süßigkeit sehnt.

Hinzu kommt der mysteriöse Waldschrat, der nachts an verschiedenen Stellen in Mauswald sitzt und seine Geschichten schreibt. Wenn Jerry ihn findet und anspricht, schenkt er ihm eine Geschichte mit netten Hintergrundinfos, die man sich daraufhin im Menü „Bonus-Sammlung“ als Hörbuch anhören kann.

Packshot zu The Night of the RabbitThe Night of the RabbitErschienen für PC kaufen: Jetzt kaufen:

Gimmicks über Gimmicks über Gimmicks

Im Laufe der Handlung erhält Jerry die Möglichkeit, zwischen Tag und Nacht zu wechseln. Manche Tiere sind nachtaktiv, andere tagsüber. So kann Jerry gewisse Aufgaben nur zu einer bestimmten Tageszeit lösen, was das Rätseln schwerer, aber auch spannender macht.

Ein gutes, wunderschönes Adventure, dem ein wenig der Charakter früherer Daedalic-Spiele fehlt.Fazit lesen

Wenn man nicht gerade eine Runde Quartett spielt und die Bewohner Mauswalds dazu herausfordert. Geht auch. Kann man jederzeit tun, um sich die Zeit zu vertreiben. Nettes Beiwerk.

Langer Spielspaß

Durch diese Elemente wird das Spiel zwar lebendiger, aber auch irgendwie zugestopft, da es ein bisschen zu viel des Guten ist. Vor allem die Sticker hätten nicht sein müssen, da sie nichts mit der Handlung zu tun haben.

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Ihr trefft jede Menge Charaktere, aber viele davon sind einfach zu gewöhnlich, allen voran der Hauptcharakter.
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Die Spielzeit ist für ein Adventure ungewöhnlich lang. Es gibt unheimlich viele Orte, die man gleichzeitig begehen kann, sodass das Spiel nicht zu streng linear ist. Man kann teilweise auch entscheiden, in welcher Reihenfolge man die einzelnen Aufgaben erfüllt, da meist mehrere zur Auswahl stehen und nicht alle voneinander abhängen.

Beispielsweise muss Jerry drei finstere Echsen einfangen – mit welcher er anfängt, ist egal, da sie alle einzeln abzuarbeiten sind. Wie oft stehen Adventure-Spieler vor dem frustrierenden Moment, in dem es partout nicht weitergeht? Wenn man direkt an verschiedenen Baustellen arbeiten kann, kommt einem vielleicht für eine andere Stelle der rettende Einfall.

Musik und Grafiken zum Träumen

Fabelhaft ist außerdem der Soundtrack mit dem wunderschönen, zum Träumen verführenden Hauptthema. Mal erklingen ganz seichte Melodien, mal verspielte oder kräftige Töne, die bisweilen Adrenalinstöße auslösen.

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Die Grafiken, man kann sie nicht oft genug loben.
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Und die Grafiken. Meine Güte, diese Grafiken! Märchenhafte, träumerisch anmutende Hintergründe, die vor Details nur so strotzen, bei Tage anders als in der Nacht. Ich will gar nicht wissen, wie viele Stunden die Zeichner an diesem Spiel saßen, da ich mich sonst gezwungen sähe, jedem von ihnen ein persönliches Lob auszusprechen.

Auch das Charakterdesign ist gelungen und hält eine große Bandbreite niedlicher und verspielter Figuren bereit. Beides, Hintergründe und Charaktere, haben Studio-Ghibli-Flair, das vor allem in der asiatisch angehauchten Welt der Füchse stark zu spüren ist.

Nett, einfach nur nett

Während an der Vielzahl der Gimmicks nicht gespart wurde, vernachlässigte man die Charaktere leider zu sehr. So wurden die meisten von ihnen nur sehr oberflächlich mit Charaktereigenschaften bestückt und lassen kaum Tiefe zu. Vor allem der Protagonist kommt viel zu flach rüber. Jerry ist… ja… was ist Jerry eigentlich? Nett. Vielleicht ein bisschen zu nett. Nein, halt, absolut zu nett. Widerlich-Zuckerschock-nett. Einfach zu perfekt und aalglatt.

Ein lieber, aufrichtiger, kleiner Junge, der seine Mutter liebt und keiner Fliege etwas zu Leide tun kann. Es tut ihm leid, wenn er das Kürbishäuschen des Kobolds aus Versehen zerstört, es tut ihm leid, wenn er den bösen Zaroff bekämpft, und eigentlich möchte er von allen einfach nur gemocht werden. Ihm fehlen Ecken und Kanten. Denkt man da an die großen Adventure-Helden Guybrush Threepwood, Sam & Max, Edna und Harvey oder an Rufus aus Deponia – sie alle haben ihre Macken, und das liebt man als Spieler so sehr.

So süß der kleine Jerry auch ist, er ist leider absolut austauschbar. Wer könnte sich „Edna bricht aus“ ohne Edna vorstellen? Oder Deponia ohne Rufus? Ich kann mir „The Night of the Rabbit“ ebenso gut mit einem anderen Protagonisten vorstellen. Und auch die meisten Waldbewohner kommen einfach zu fad daher.

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Am Ende reicht NotR trotz netter Funktionen wie dem Tag-Nacht-Wechsel nicht ganz an die Qualität Daedalics heran.
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Nichts Halbes und nichts Ganzes

Gleiches gilt für die Handlung, die erst einmal eine Weile braucht, um sich einzuspielen. Wird es lustig, wird es spannend, wird es abenteuerlich – oder einfach nur eine unterhaltsame Gute-Nacht-Geschichte? Das fängt sich im Laufe des Spiels zum Glück, wird aber am Ende ins Groteske, Abstruse getrieben. So lässt man das große Finale mit Zaroff von Unmusik begleiten, schiefen Tönen, die in meinen Ohren kratzten wie Fingernägel an einer Tafel.

Das mag zwar seinen tieferen Sinn haben und den unbehaglichen Albtraum und die Gefahr verdeutlichen, reizte aber auch stark meine Nerven. Zudem wirkte das Ende, das noch mal die unterschiedlichen Stationen von Jerrys Abenteuer durchläuft, zu künstlerisch und künstlich aufgesetzt, irgendwie wirr und unpassend zum vorherigen Stil.

Außerdem hat man die ganze Zeit über das Gefühl, als wollte Matthias Kempke zu viel. Es fängt an mit der Zauberausbildung und bösen Krähen, die Waldbewohner belagern. Dann der finstere Zaroff mit seiner Gefolgschaft von hinterhältigen Eidechsen. Nun muss auch noch Jerrys Vater in die ganze Geschichte mit reingezogen werden und in Gefahr geraten. Und Umweltkritik, ja, Umweltkritik muss auch noch rein, damit das ganze Spiel noch einen moralischen Stempel bekommt, der sich über alle anderen kleinen moralischen Lektionen, die in der Geschichte verteilt sind, legt und den Kreis schließt.

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Zudem war sich Daedalic anscheinend nicht sicher, für welche Zielgruppe das Spiel gedacht ist. Manches mutet kindisch an, anderes wiederum ist finster, grotesk, verwirrend. Zudem dürften die Rätsel und die Spielmechanik zu schwer für das ganz junge Publikum sein. Hier scheint es wiederum für ein jugendliches Publikum gedacht. Doch dafür sind die Figuren einfach zu niedlich, zu harmoniebedürftig.

Der bissige Humor, den man von Daedalic sonst kennt und schätzt, fehlt. Nur wenige Figuren, wie zum Beispiel die Familie Kirchenmaus (mein Favorit), haben humoristische Glanzleistungen zu verbuchen. Allgemein wurde das Augenmerk aber auch weniger auf Humor als auf Fantasy und Märchen gesetzt – was vollkommen o.k., aber schade ist. Ein paar pfiffige Sprüche hätten Jeremias Haselnuss sicherlich nicht geschadet.