Hollywood in den 50ern: Das war das Jahrzehnt der großen Horrorfilme, das Zeitalter von Dracula und Frankenstein, von Formicula und dem Blob. Was wäre, so die Ausgangssituation von The Next Big Thing, wenn die Monster aus diesen Filmen nicht aus Gummi und Schminke bestünden, sondern aus Fleisch, Blut und Schuppenhaut?

Eine ähnliche Grundidee lag seinerzeit dem Kino-Erfolg „Roger Rabbit“ zugrunde, wo die Trickfilmfiguren der klassischen Cartoon-Ära als quasi-reale Schauspieler ihre Filmrollen lediglich spielten. In Next Big Thing koexistieren Menschen und garstige Ungeheuer in einer Parallelausgabe der unsrigen Welt, empfehlen sich ungehobelte Trolle als avantgardistische Poeten, forschen Fliegenmenschen in ihren Kellern an fortschrittlichen Technologien und verdienen sich verschlagene Monster als Filmmogule eine goldene Nase.

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Monster-Party

The Next Big Thing wurde von den spanischen Pendulo Studios entwickelt, die in der Vergangenheit für ihre Runaway-Serie von Genrefreunden wegen ihrer charmanten Comic-Grafik und liebenswerten Charakteren geschätzt werden, gleichsam aber für sperriges Rätsel-Design im Verruf stehen.

The Next Big Thing - Und es kommt doch auf die Größe an...

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Monster wie du und ich: The Next Big Thing besticht durch sein originelles Setting.
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Befreit vom engen Handlungskorsett der Erfolgsserie, ist ihrem neuesten Werk die Lust anzumerken, in einem schrägen Szenario den eigenen Ideen mal so richtig freien Lauf lassen zu dürfen. Entsprechend ist The Next Big Thing eine bunte Wundertüte skurriler Einfälle geworden, ein Kaleidoskop fantastischer Absurditäten.

Wie schon bei den drei Runaway-Spielen steht auch bei The Next Big Thing ein ungleiches Paar im Mittelpunkt, das sich am Anfang so gar nicht abkann, bis es im Kreuzfeuer widriger Umstände allmählich zueinander findet: Der Star-Reporter Dan ist – vermutlich spielt sein Name hierauf an – ein Dandy, wie er im Buche steht: egozentrisch, großmäulig, faul. Und dennoch, oder gerade deshalb, bei allem und jedermann beliebt.

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Der heimliche Star: Reporterin Liz - schräger als jedes Ungeheuer.
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Nachwuchsredakteurin Liz hingegen ist trotz ihrer sexy Erscheinung auffällig spröde, neurotisch, tollpatschig und hat mehr als nur eine Schraube locker. Häufig redet sie Unsinn, manchmal auch Wunderliches, zumindest jedoch am Gesprächspartner vorbei, und wenn sie tanzt, sieht es aus, als probe Donkey Kong für seinen nächsten Auftritt beim Buschtrommelmarathon. In einer Welt der Monster und Missgeburten scheint die vermeintlich normale Liz bald die schillerndste Laune der Natur zu sein.

Eine Wundertüte voller fantastischer Ideen, die aber etwas praller hätte ausfallen dürfen.Fazit lesen

Diese beiden werden unverhofft in ein gemeinsames Abenteuer von wahrhaft monströsen Ausmaßen geworfen: Bei einer Filmpremiere beobachten sie zufällig einen Einbruch in die Villa von Monster-Studioboss FitzRandolph. Wie es sich für eine investigative Journalistin gehört, geht Liz sofort der Sache nach, was sie auf die Spur einer landesweiten Verschwörung, ihrer eigenen Entführung und einer Konfrontation mit ihrem leicht beschwippst anmutenden Unterbewusstsein bringt…

Poesie des Schmerzes

Pendulo hat mit The Next Big Thing vermutlich auf Schlagzeilen geschielt wie: „Das beste Spiel von Tim Schafer, das nicht von Tim Schafer ist“. Oder so… In der Tat fasziniert der Titel vor allem durch seine ausgefallene Spielwelt, den schrägen Humor und das illustre Figurenensemble: ein ungeschlachtes Ungeheuer, das sich als melancholischer „Poet des Schmerzes“ verdingt, lebensmüde Wachroboter, wie man sie seit „Per Anhalter durch die Galaxis“ ins Herz geschlossen hat, und allen voran die tapsige Liz, die in ihrer Weltfremdheit mitunter von einem ferneren Planeten zu kommen scheint als so manches Fabelwesen.

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Wie werde ich den Job los in zehn Minuten? Reporter Dan weiß sich zu helfen.
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Höhepunkt des Spiels ist somit auch das vorletzte Kapitel, in dem man als komatöse Liz das eigene Oberstübchen erforscht. Die allein vom etwas wirren Bewusstsein erschaffene Welt ist hier ein Sammelsurium köstlicher Absurditäten: Ein Blumentopf spielt als Orchester auf einem Ball auf, ein Duschkopf wird zum magischen Regenmacher, und der Feuerlöscher lässt sich nur… Nein, lassen wir das mit dem Feuerlöscher; das ist eines der bescheurtsten Rätsel im ganzen Spiel…

Was uns zum großen Kritikpunkt an The Next Big Thing bringt: das Spiel- und Puzzle-Design. Zwar sind die meisten Knobeleien logisch, bisweilen sogar witzig, häufig aber ziemlich einfach und vor allem: immer auf direktem Wege zu lösen. Jede Aufgabe im Spiel lässt sich meist durch eine einzige simple Aktion bewältigen, zumeist gar eine, die im Wortsinne naheliegend in direkter Umgebung stattfindet.

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Schlechtes Game-Design: Die Episode im Tempel ist nicht im Mindesten handlungsrelevant.
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Zwischenschritte, komplexere Denkprozesse, ineinander verzahnte Handlungsabläufe – Fehlanzeige. Auch die Anzahl der Locations beschränkt sich pro Kapitel auf gerade mal eine Handvoll. The Next Big Thing ist so das Adventure-Pendant einer Cola light: flutscht gut runter, hat aber 0 Kalorien. Es ist wie ein Fußballspiel, das aus einem andauernden Elfmeterschießen besteht: Treffer oder vorbei – aber drippeln, antäuschen, flanken und Spielaufbau, das, was zwischen Spielen und Bolzen den Unterschied macht, sucht man vergebens.

Statt zu fordern, zu faszinieren, zu fantasieren, rauscht The Next Big Thing in ICE-Geschwindigkeit an einem vorbei, ohne Spuren, ohne Eindrücke zu hinterlassen, weil sich draußen alles bewegt, aber nichts Konturen hat. Eine Geschichte ist quasi nicht existent und dient nur als Alibi fürs nächste Rätsel. Zudem ist sie recht wirr erzählt, ständig hat man das Gefühl irgendwas verpasst zu haben, weil alles konfus wirkt. Immerhin wird sie durch zahlreiche Zwischensequenzen illustriert...

Nach einem gemütlichen Nachmittag, ca. 5 Stunden Fahrtzeit, ist die Endhaltestelle erreicht. Huch, schon vorbei, zum Glück ruft einer: Alles aussteigen! Wem der moderate Spartarif von 30 Euro das Schöne-Wochenend-Ticket wert ist, darf buchen, könnte aber auch zum selben Preis den „Whispered World“-, „Sam & Max“-, „Lost Horizon“-All-Inclusive-Urlaub haben.