Er hat nicht viel. Nur einen stattlichen Riechkolben, einen noch stattlicheren Zylinder auf dem Kopf, das Prachtexemplar von einem Schnäuzer und Hunger. Sehr großen sogar. Trotzdem ist er verdammt wählerisch, dieser P.B. Winterbottom, verschlingt ausschließlich den feinsten Kuchen und treibt eine ganze Stadt an den Rand einer Hungersnot. Was ist nur los in Bäckersburg?

Hätte er mal lieber die Finger von der Chronobeeren-Torte gelassen. Aber wie nur? Sie strahlte ja so süß und saftig. Er konnte einfach nicht widerstehen – und biss herzhaft zu. Aus dem grimmigen Kuchendieb P.B. Winterbottom wurde dadurch ein grimmiger Kuchendieb mit der Gabe, die Zeit zu manipulieren. Und dadurch öffnet er die Tür zu einem Abenteuer, das euch nur eine Handvoll Handlungsmöglichkeiten gibt, aber mit dieser Beschränkung aufs Nötigste auch viele Denkfalten beschert. Wer sich durch die ersten Levels von The Misadventures of P.B. Winterbottom rätselt, erwischt sein Hirn unter Garantie dabei, wie es in seltsames Herumwundern verfällt: „Das kann doch nicht alles sein. Ich habe doch was übersehen. Das kann man einfach nicht schaffen. Nicht so.“

The Misadventures of P.B. Winterbottom - Und der Kuchen war doch keine Lüge

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 12/151/15
Um alle Kuchen in der richtigen Reihenfolge zu bekommen, ist zuweilen eine Menge Tüftelarbeit nötig.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Damit schlägt 2K Plays Xbox-Live-Spiel in dieselbe Kerbe wie das Independent-Prunkstück Braid. Es gibt sogar merkwürdige Parallelen, die mehr als einmal angenehme Erinnerungen wachrufen. Der größte Unterschied: Während Held Tim durch ein pastellfarbenes Reich stromert, sich Schlüssel und Puzzleteile zur Rettung seiner geliebten Prinzessin unter den Nagel reißen muss, will der werte Herr Winterbottom nur sein niederstes Bedürfnis befriedigen: den Hunger. Er hüpft, schwebt und rutscht durch die aus 2D-Levels bestehende, von viktorianischer Architektur geprägte Stadt Bäckerburg, die mit ihrer stilvollen Schwarzweiß-Ästhetik sowie den Filmrolleneffekten auf Schritt und Tritt an einen Spiel gewordenen Charlie-Chaplin-Streifen erinnert.

Nebelfetzen schlängeln sich durch die im Hintergrund angedeuteten Straßen, überall begrüßen euch krumme und schiefe Dächer, über die ihr springen müsst. Einige in dieser nächtlichen Stille verbliebene Lichter zeugen vom letzten Rest Wachsamkeit, während ein klimperndes Klavier die piekfeine Stummfilmakustik beisteuert. Unterbrochen wird die Kuchenjagd nur von den in Gedichtform dargebotenen Handlungsbrocken vor jedem neuen Level, womit die „The Odd Gentlemen“ genannten Entwickler trotz inhaltlicher Ähnlichkeiten zu Braid eine ganz eigene, fernab vom kunterbunten Jump-n-Run-Reigen schwebende Stimmung erzeugen.

Ach sooo!

Bei den Rätseln wird schnell klar, welcher Wind hier weht. Ein sehr spezieller nämlich, der von diesem süßen Ach-sooo-Moment lebt, in dem es einem wie Schuppen von den Augen fällt. Die ersten Abschnitte lassen davon noch nicht viel erkennen, wenn Winterbottom von Dach zu Dach hopst und mit seinem Regenschirm seelenruhig zum Objekt der Begierde, dem nächsten und übernächsten Kuchen, schwebt. Aber je weiter man spielt, desto mehr Stückchen tummeln sich auf dem Bildschirm. Und desto schwerer wird es, alle einzusacken, ohne dicke Stirnfalten davonzutragen.

The Misadventures of P.B. Winterbottom - Und der Kuchen war doch keine Lüge

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden3 Bilder
Mit seinem Regenschirm schwebt Winterbottom langsam wie eine Feder.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Ähnlich wie Braid-Held Tim muss er die Zeit manipulieren und Abbilder von sich erschaffen, die die vorgegebenen Bewegungen an genau denselben Stellen nachahmen. Klingt nicht allzu kompliziert, artet aber schnell in minutenlanges Hirntraktieren aus, wenn das Aufsammeln der Gebäckstücke unter Zeitdruck oder, noch schwieriger, in einer bestimmten Reihenfolge vonstattengehen muss. Es ist eines dieser Spiele, das euch in späteren Abschnitten fast spottend herausfordert. Eines, dessen Regeln so überschaubar gehalten sind und trotzdem darauf pochen, dass man die Umgebung genau analysiert und alle Möglichkeiten der zeitlichen wie räumlichen Manipulation auslotet.

Erschwerend kommt hinzu, dass man je nach Level nur eine bestimmte Anzahl an Klonen erzeugen darf, meist genau einen weniger, als zum bequemen Einsammeln aller Kuchen nötig wäre. Genau darin entsteht der große Reiz des Spiels: im Brüten über der aktuellen Situation, im unbeholfenen Probieren, im Lernen aus vorangegangenen Versuchen. Glaubt mir: Umso erfüllender ist das Gefühl, nach zig Fehlschlägen endlich zum Ziel zu kommen.

Am Ende spulen die Entwickler das volle Programm ab: Kuchenteile, die nur von Klonen aufgehoben werden können; zeitlich begrenzte Aufnahmen; Abbilder, die sich gegenseitig in ihren Bewegungen beeinflussen; und solche, die den echten Winterbottom mit einem kräftigen Schlag auf Plattformen bugsieren, wo er einen Schalter aktivieren muss. Aber nur, um beispielsweise Flammen zu löschen, was wiederum wichtig ist, um im gesicherten Bereich überhaupt erst die nötigen Aktionen aufzeichnen zu können. Könnt ihr euch nur schwer vorstellen? Kein Wunder. Um der Faszination der Rätselei nachspüren zu können, muss man sie erlebt haben.

The Misadventures of P.B. Winterbottom - Und der Kuchen war doch keine Lüge

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 12/151/15
Die Schwarzweiß-Optik erinnert an einen Stummfilm, die Kulisse an eine englische Stadt.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Im Filmtheater, quasi dem Hauptmenü, das mit seinen über Stockwerken verbundenen Abschnitten ebenfalls an Braid erinnert, warten außerdem „Bonuskurzfilme“ genannte Herausforderungen, in denen man gegen andere Xbox-Live-Spieler antritt, immer nur eine Motivation vor Augen: das Schlagen der Bestzeit. Wenn dort zum Beispiel eine Zielzeit von 25 Sekunden angegeben wird, der Blick auf die Bestenliste allerdings verrät: „Das haben Leute in sechs Sekunden geschafft“, dann ist eins sicher: Das wird verdammt happig.

Fazit: Was kann es Schöneres geben?

Es gibt kaum etwas Befriedigenderes, als nach zwanzig Fehlversuchen endlich den großen Lichtblick zu haben und den süßen Ach-sooo-Moment auszukosten. The Misadventures of P.B. Winterbottom ist ein Hirnzellenfresser par excellence und ein Meisterstück der Motivation. Immer wieder habe ich mich dabei erwischt, wie ich das Pad aufnahm, um noch einen Versuch zu wagen. Und noch einen, obwohl es schon zehnmal der letzte sein sollte. Mit wenigen Mitteln und der Beschränkung auf eine Handvoll Handlungsmöglichkeiten lässt das kleine Entwicklerteam die Spiel gewordene Schwarzweißfilm-Ästhetik aufleben und einen charmanten Raum-Zeit-Knobler vom Stapel, der mehr ist, als es ein paar Bilder vermuten lassen.

Zwar kommen sie nicht ohne ein paar kräftige Braid-Zitate aus, aber am Ende zählt das Erlebnis. Und das gleicht einer spottenden Herausforderung, die anstachelt und einem immer wieder vor Augen hält, dass man nicht scheitert, weil das Spiel so unfair ist, sondern weil man einfach noch nicht die richtige Wechselwirkung zwischen Winterbottom, seinen Klonen und ihren Bewegungen gefunden hat. Wer sich auf diese Art des Rätselns einlässt, bekommt für 800 MS-Punkte ein erfrischend anderes Abenteuer, unter Garantie viele Stirnfalten und irgendwann die Genugtuung, das Spiel besiegt und seine Tücken umschifft zu haben. Was kann es Schöneres geben?