In der langen, dunklen Nacht der Seele ist es immer drei Uhr morgens”, sagte einmal ein Schriftsteller namens Fitzgerald; und ich spüre die Worte. Sie sind das Brennen auf meinen Wunden, die Taubheit in meinen Fingern und das hungrige Grollen in meinem Magen. The Long Dark ist das Grauen vor der eisigen Kälte und es braucht den Story-Modus Wintermute nicht, wie ich euch im Test zeigen möchte.

The Long Dark - Die ersten 40 Minuten des Story-Modus - GameplayEin weiteres Video

Winter Is Coming

Ende 2014 kehrte der Winter in die Steam-Landschaft ein; The Long Dark erschien im Early-Access und sogar der viel geschaute Let’sPlayer Gronkh spielte eine kleine Serie von Folgen in dem berüchtigten Survival-Game. Seine Geschichte könnt ihr euch hier ansehen. Vor kaum einer Woche bekam The Long Dark nun endlich, nach ganzen drei Jahren Entwicklung, seinen Release und erschien damit nicht nur auf den Konsolen (die PS4-Version verspätete sich ein wenig), sondern brachte zum Survival-Modus noch den Story-Mode Wintermute, der sich im Stil von Telltale über mehrere Episoden erstreckt.

Wintermute erzählt eine bedrückende Geschichte über Einsamkeit und Verlust. Doch braucht es die?

The Long Dark - Darum musste dieser Hase sterben

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Pieps?
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Brich dem süßen Hasen das Genick

Die schönsten Momente beginnen mit toten Hasen. Zumindest in The Long Dark, denn dort zählt jeder einzelne Fetzen Fleisch, ganz egal ob ihr im Survival-Mode spielt oder eine Episode von Wintermute startet. Das Spielprinzip ist einfach und gnadenlos: Ihr startet in einem unbekannten Terrain, eine Eishölle, im Morgengrauen gleichsam wunderschön und schrecklich.

Euer Ziel: Überleben. Keine Überraschung in einem Survival-Game, doch The Long Dark ist nicht nur brutaler als andere Genre-Vertreter wie Don’t Starve, ARK: Survival Evolved oder Stranded Deep, sondern auch langatmiger. Langweiliger, realistischer. Also: die gute Art von Langeweile. Es können schon einmal zwei Minuten in der Echtzeit vergehen, während ihr versucht, ein Feuer zu starten. Und ehe ihr wieder etwas Körperwärme aufgetankt habt, dauert es noch länger. Es heißt: Aushalten, keine Fehler machen und dem gnadenlosen Spiel mit eurer eigenen Erbarmungslosigkeit entgegenzutreten. Und die kann schon einmal wehtun.

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The Long Dark im Test: Der eisige Wind sticht in euer Gesicht
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Der Feind ist allgegenwärtig: Kälte. Hunger. Durst. Müdigkeit, Verletzungen, Wölfe – nahezu alles in The Long Dark kann euch umbringen und das wird es auch. Die üblichen Anzeigen wie der Magen oder der Erschöpfungsbalken geben euch Auskunft darüber, wie schlecht es euch wirklich geht. Eine entzündete Wunde an der Hand, eine Unterkühlung oder auch nur die pure Erschöpfung können binnen weniger Stunden euer Ende bedeuten. Die Karte ist im Survival- wie auch im Story-Modus bedeckt mit leerstehenden Hütten, die ihr looten und in denen ihr Schutz vor dem bitterkalten Wind finden könnt. Sammelt Holz, startet ein Feuer in einem kleinen Ofen und füttert es mit etlichen Zweigen und Ästen, damit es wenigstens drei oder vier Stunden hält, in denen ihr ohne zu erfrieren schlafen könnt.

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Sogar die Kalorien werden euch angezeigt, wenngleich ihr zumindest auf Nahrung mehrere Tage verzichten könnt
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The Long Dark wartet mit einem ausgefeilten Überlebens-System auf, das euch realitätsnah bis an die Grenzen treiben wird. Klingt hart? Ist es auch, doch selbst nach mehreren Toden wächst zumindest mein Ehrgeiz, die übliche Sucht nach dem Überleben und Erleben setzt ein – und das ist es, was mich so sehr an The Long Dark fasziniert. Jeder Durchlauf ist anders, jeder Tag birgt neue Grauen; jeder Morgen eine neue Zufriedenheit und innere Stärke, denn ich habe überlebt.

Wintermute jedoch schreibt seine eigene Story. Und deshalb frage ich mich ...

Brutal und Melancholisch: Survival vom Feinsten, dessen Story sich noch beweisen muss.Fazit lesen

Wintermute, tust du uns gut?

Ich habe bis jetzt die erste Episode gespielt; zum Release erscheinen jedoch die ersten beiden von fünf Folgen. Und das ist zunächst einmal die erste Staffel von… weiteren?

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Wintermute sollte dem Game Leben einhauchen, aber tut es das?
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Meine ganz persönliche Antwort wäre: Nein. Während ihr im freien Modus ohne alles in die offene, brutale Welt von The Long Dark geworfen werdet, setzt euch Wintermute in der ersten Episode eine Geschichte vor, die – nett ausgedrückt – nicht halb so spannend ist, wie eure eigenen Storys.

Noch dazu fallen einige technische und spielerische Ungereimtheiten auf, die den Spaß zunächst mindern. Etwa sind nicht alle Dialoge vertont: Generell spielt ihr mit einer englischen Version, die im Text übersetzt wird. Nicht schlimm, aber außerhalb von Cutscenes müsst ihr ganz ohne Sprechanimationen und Stimmen auskommen. Weiterhin ist das Tutorial zu Beginn zwar für grundlegende Dinge wie Nahrung beschaffen, Feuer machen und Schlafzyklen ausreichend, aber einige der wichtigsten Sicherheitsmaßnahmen werden euch nicht beigebracht. Neueinsteiger ins Spiel bekommen demnach recht bitteren Tee serviert.

Falls ihr Wintermute gerade spielt und – wie ich zu Beginn – nicht weiterkommt, lest unseren Guide zum Jagen. Im Laufe der Zeit werden wir natürlich weitere Tipps zum Überleben in The Long Dark für euch verfassen!

Ohne zuviel zu verraten: Während der Story bekommt ihr zum ersten Mal auch Quests, die sich nach dem “Sammel dies, besorg das”-Prinzip langatmig durch das Spiel ziehen. Sehr schade, denn sammeln müsst ihr ohnehin immer, um zu überleben. Von den Aufgaben hätte ich mir mehr Tiefe erwartet, immerhin floss auch in die Early-Access-Version des Games viel Liebe der Entwickler von Hinterland Studio.

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Die graue Mutter erwartet euch in Wintermute
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Schließlich beginnt mit der ersten Episode von Wintermute eine solide, nachdenkliche Geschichte, die im übrigen auf Cormac McCarthy's Buch “Die Straße” basiert. Doch wird sie sich jemals so intensiv in meine Erinnerung stampfen, wie das, was ich bisher in The Long Dark erlebt habe? Ein kleiner Ausschnitt.

Lange Dunkelheit, erzähl mir meine Geschichte

Ich hocke im Dreck, neben mir ein rostige, kaputte Karre. Das Holz unter meinen verbrannten Fingern knistert leise und alles, was ich denken kann ist mir ist so kalt, so kalt, so kalt, sosokaltsss
Ein Schneesturm zieht auf. Vor Angst fällt mein Herz in meiner Brust; der Rauch verdorrt im Wind und das Knistern schwindet. Ich versuche es erneut und nach etwa zwanzig Minuten fängt der alte Karton, den ich in den verrotteten Hütten dieser Stadt im Schnee gesammelt habe, Feuer.
Feuer.

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Ein Tag zuvor: Ich vergesse meine Sorgen, sobald die orange Morgensonne mein Gesicht wärmt
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Feuer lässt meine Hände vor Glück zittern, während ich die uralte Konserve zwischen meine Beine klemme und mit dem gefundenen Dosenöffner aufbreche. Die eingelegten Pfirsiche schmecken lau, farblos, doch mein Magen füllt sich und das ist alles, was zählt. Mir ist so kalt. Ich halte meine Finger so nahe an die Flammen, dass ich sie mir wieder verbrenne. Fluchend krieche ich unter das Heck des Autos, lehne meinen Kopf an die Reifen. Starre in das schrumpfende Flammenmeer, den schmerzenden Finger zwischen meinen Lippen mir ist kalt als ein leises Knurren hinter mir einsetzt.
Ich werde diese Nacht nicht überleben.

The Long Dark ist ein Sammelsurium dieser Erinnerungen, die mich auch in den nächsten Spielstand begleiten werden. Ein Leben stets am Rande der Existenz; eine Wanderung durch eisige Stürme ohne Schuhe oder Socken, durch lange Nächte ohne Licht, eine ewige Suche nach alten Schokoriegeln und Konserven. Läuft ein Tag gut, kann der nächste meinen Tod bedeuten. Dies ist meine und eure Geschichte. Und kein geschriebenes Skript kann sie uns nehmen.