Wer polarisiert, findet statt — und einen viel größeren Rahmen als den der diesjährigen E3 konnte sich Nintendo kaum aussuchen, um das aufwändigste, teuerste Spiel der eigenen Geschichte zu präsentieren. Gemessen an den breit gefächerten Reaktionen ist an den obligatorischen „Big N spielt doch eh keine Rolle mehr“-Chören vermeintlicher „Core“-Spieler so ziemlich gar nichts dran (nicht, dass wir dafür eine neuerliche Bestätigung gebraucht hätten). Wenn allerdings selbst unter beinharten Fans Uneinigkeit herrscht, gibt es womöglich Redebedarf.

Alles dabei, von jauchzenden Jubelschreien bis hin zu düstersten Prophezeiungen. Als ich die Reaktionen auf Nintendos Treehouse-Informationsbombardement verfolgte, spiegelte sich in den Kommentaren auch dieselbe Zerrissenheit wider, die sich in mir unmittelbar nach dem Anspielen auf der E3 breitgemacht hatte. Vorbei war es mit meinem Plan, so schnell wie möglich einen Artikel über Breath of the Wild in den Äther zu jagen, zu groß die Gefahr, meinem und vor allem Nintendos Anspruch mit übereilten Urteilen nicht gerecht zu werden.

Das Problem: Nach zwei weiteren Messetagen sieht es kaum besser aus. War das nun die längst überfällige visionäre Evolution oder doch nur das nächste Open-World-Spiel mit Craftingsystem und all dem modernen Schmu, den es im Dutzend billiger gibt? Es sind — bitte verzeiht mir die Floskel — buchstäblich zwei Herzen, die in meiner Brust schlagen: das des jahrzehntelangen Fans, der völlig hingerissen ist von dem, was der wundervolle E3-Trailer vermittelt. Und das des Kritikers, der starke Zweifel an dem hat, was Big N hiermit erreichen will, der vermutet, die Japaner könnten wieder einmal zu spät auf einen längst abgefahrenen Zug aufspringen.

The Legend of Zelda: Breath of the Wild - E3 2016 Trailer

Dies ist eine schizophrene Vorschau, ein innerer Disput zweier widersprüchlicher Überzeugungen.

Warum Zelda: Breath of the Wild scheitern wird

Willkommen im Jahr 2012, Nintendo. In einer Zeit, zu der allerorts Open-World-Pilze aus dem Boden sprießen, in der man keinen Stein werfen kann, ohne ihn vorher craften zu müssen. Zelda mag einen neuen Weg einschlagen, doch ihr bleibt euch treu und trottet brav dem nächsten Trend hinterher, nachdem ihr im Verschlafen anderer bereits einiges an Übung gesammelt habt: Online-Gaming, Third-Party-Unterstützung, you name it.

Viel Konjunktiv und guter Wille, zumindest aber der mutige Vorstoß in ein neues Zeitalter: Breath of the Wild ist die längst überfällige Zäsur eines selbstgefälligen Riesen.Ausblick lesen

Nun also auch bei euch, Open World, mit allem, was so dazugehört. Wobei, stimmt natürlich nicht so ganz: „Open Air“, wie es hier wohlfeil heißt, ohne dass ihr konkret sagen könntet, warum. Wenn schon PR-Neologismus, könnte es zumindest ein treffender sein, denn auch wenn sich Link ordentlich unter freiem Himmel herumtreibt — die Sonne wird er vergleichsweise wenig zu sehen bekommen. Mit über 100 „Schreinen“ genannten Mini-Dungeons sollte sich der Hylianer einige Zeit in Katakomben und ähnlich Strukturen herumschlagen. Das ist per se keine schlechte Sache, entstünde nicht der Eindruck, die Entwickler könnten an anderer Stelle gespart haben. Die vier Haupt-Dungeons auf der anderen Seite sind nämlich — nicht nur gemessen an Zelda-Standards — arg überschaubar, so komplex sie für sich genommen auch sein mögen.

Zumal ihr nicht einmal zwingend jeden davon zu sehen bekommen werdet, denn Freiheit soll in Breath of the Wild kein schnödes Schlagwort, sondern die zentrale Maxime sein, aus der sich alle anderen Elemente ableiten. Auch hier: Nicht unbedingt Grund für Sorgenfalten, doch führt diese Ungebundenheit eben auch dazu, dass ihr sofort zum Endboss laufen und diesen, ausreichend Geschick vorausgesetzt, direkt erlegen könnt. In dieser Tatsache schwingt gleich ein ganzer Strauß diskussionswürdiger Implikationen mit. Wenn es möglich ist, Link binnen weniger Minuten seiner Bestimmung zuzuführen, welche Konsequenzen kann sein Handeln dann überhaupt auf die Welt haben, in der er sich bewegt? Oder anders: Wie viel Gewicht kann eine Geschichte schon haben, wenn sie in die Laufzeit einer TV-Serienepisode gequetscht wird?

The Legend of Zelda: Breath of the Wild - Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt

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Zumindest an Links chronischer Stummheit ändert auch Breath of the Wild nichts. Einen sprechenden Erzähler gibt es aber definitiv — und vielleicht auch ein paar weitere Stimmen.
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Eine theoretische Frage, zugegeben. In der Praxis dürfte (bis auf Speedrunner) niemandem daran gelegen sein, einen Bogen um all das zu machen, was es hier zu erkunden gibt geben soll. 100 Schreine und vier Dungeons, wie gesagt, abgesehen davon sieht’s in diesem Ghibli-Hyrule bislang jedoch eher dünn aus, wortwörtlich. Viel Brachland, viele Freiflächen, dafür nur wenig, an dem die Augen neugierig hängenbleiben würden. Für März nächsten Jahres wurden noch belebte Dörfer und ähnliches versprochen — bleiben weitere hunderte Quadratmeter zu befüllen. „Unsere Welt ist zwölfmal größer als noch in Twilight Princess“ klingt als Pressemitteilung beeindruckend, doch muss diese Fläche auch mit Leben angereichert werden.

Warum Zelda: Breath of the Wild großartig wird

Viel weiter zurück zu den Wurzeln geht nicht. Wer seinen Unmut am Open-World-Gerüst aufhängt, hat offenbar noch nie erlebt, wie Links Reise vor 30 Jahren begann: als offen angelegte ohne viele Wegweiser, dafür mit jeder Menge Raum für Erkundung, Entdeckungen — Abenteuer. Und sollte ein Zelda-Spiel nicht genau das sein? Dieses Hyrule ist keines für Touristen, sondern für Abenteurer und solche, die ihr Schicksal noch selbst in die Hand nehmen, statt sich an ebenjener durch die Manege führen zu lassen.

Doch auch von hinten her gedacht ist die aufgefächerte Open World eine durchaus sinnvolle Angelegenheit. Selbst wenn nach dem ersten Teil nicht mehr viel in dieser Richtung passiert ist, definierten sich seit jeher ausschließlich alle Zeldas auch über das Gefühl der stetigen Progression. Ein weiteres Herzteil hier, ein neues Item dort, die nächste Nacht durchgespielt. Vor diesem Hintergrund sind das Craftingsystem und Wagnisse wie verbesserbare Statuswerte, dutzende Waffen und Rüstungen mit eigenen Werten und ein Wettersystem, das Link klimagemäße Kleidung nahelegt, zwar genau das: ein Wagnis, aber auch die Chance, der Motivationsspirale einen weiteren Schub zu verpassen.

The Legend of Zelda: Breath of the Wild - Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt

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Nach dem äußerst linearen Skyward Sword ist diese Nummer hier quasi die spielgewordene 180-Grad-Drehung.
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Nintendo macht ein paar Schritte zurück, um euch und euren Entscheidungen nicht im Weg zu stehen. Welche Rolle spielt es dabei schon, den Endboss nach einer besseren Kaffeepause legen zu können? Genau in diesem „Alles kann, nichts muss“-Mantra liegen etliche Möglichkeiten für ganz persönliche Erlebnisse — solche, die man bei einem Bier angeregt mit Freunden austauscht. Jeder schreibt seine eigene Geschichte.

Und mit 100 Schreinen, die alle ihre eigenen Belohnungen bereithalten, ist die Wahrscheinlichkeit verdammt hoch, dass ihr dieselbe Reise nicht zweimal nacheinander antreten werdet. Wer in einer dieser Rätselhöhlen zufällig eine Metall-Rune findet, mit der sich metallene Gegenstände bewegen lassen, wird damit andere Erfahrungen als jemand mit einer Cryonis-Rune machen, die Wasser zu Eis erstarren lässt. Zumal wir nicht vorschnell verurteilen sollten, was wir nicht kennen: Nur weil die Schreine kleiner als die Haupt-Dungeons sein sollen, müssen sie nicht klein sein. Einige von ihnen scheinen ganz üppig auszufallen, wenn wir das Treehouse-Video als Maßstab heranziehen.

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