Timeline? Welche Timeline? Was Nintendo vor einiger Zeit zum offiziellen Handlungsstrang der Zelda-Serie erklärt hat, gleicht einem Flickenteppich mit gigantischen Löchern, bei dem ganze Segmente an hauchdünnen Fäden zusammenhängen. Dabei benötigte Zelda nie eine allumfassende Zeitlinie. Zusammenhängende Segmente in jeder neuen Konsolengeneration reichten prima aus, weil es ja doch immer um die gleiche geliebte Formel geht. Sie wird in jeder Ära neu interpretiert.

The Legend of Zelda - "Symphony of the Godesses" Deutschland

Es heißt, Shigeru Miyamoto habe beim Entwurf des ersten The Legend of Zelda anno 1986 imaginäre Abenteuer seiner Kindheit zur Inspiration genommen. Wälder durchstreifen, furchterregende Monster mit dem Schwert niederstrecken, entführte Prinzessin retten. So was eben.

Mag sein, aber der Erfolg des NES-Klassikers ist weniger der Rahmenhandlung oder dem Schauplatz zuzuschreiben, als der Stimmung und der Komplexität des Dargebotenen. Und das zieht sich meiner Meinung nach durch die komplette Serie. Auf die Gefahr hin, mit Tomaten beschmissen zu werden, posaune ich es geradewegs heraus: Die Handlung von Zelda ist im Großen und Ganzen Fantasy-Kitsch. Liebevoll gestaltetet, universell im Stil und in vielen Aspekten wirklich großartig verwirklicht, aber unterm Strich ist's Kitsch.

Das muss nichts Verwerfliches sein, und meine Aussage soll die geliebte Marke auch nicht schmähen. Ich möchte nur anhand dieses Gedankengangs verdeutlichen, dass das Geheimnis der Zelda-Formel nicht in der Erzählung steckt. Und auch nur zum Teil im Spielaufbau, denn der ändert sich ja ständig. Kein Zelda gleicht dem nächsten eins zu eins. Das Geheimnis liegt im Geschick der Designer, genau das in den Vordergrund zu rücken, was auf der vorliegenden Hardware möglich ist. Aber eins nach dem anderen.

The Legend of Zelda - Die Zelda-Formel: Was ist das Geheimnis hinter Nintendos Erfolgsserie?

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Spielt hier wirklich irgendjemand Zelda wegen der Geschichte? Nein? Dachten wir uns.
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Woraus besteht ein Zelda?

In den 30 vergangenen Jahren haben sich ein paar Standardzutaten etabliert, die Fans in einem Zelda erwarten. Angefangen bei den üblichen Darstellern über ein gewisses Gegenstände-Repertoire bis hin zum Sammeln von Herzcontainern für das Erhöhen der Lebensenergie. Ähnliches gilt für das Setting. Es wäre kein Zelda, wenn man plötzlich mit Raumschiffen fliegen und Laserpistolen abfeuern würde. Von einem zwingend mittelalterlichen Fantasy-Setting kann man aber auch nicht sprechen, wenn man Ableger wie Wind Waker, Skyward Sword oder Majora’s Mask in die Rechnung nimmt, die durchaus einen gewissen niedrigen Technologie-Stand visualisieren. So etwas wie ein Enterhaken wäre längst jenseits allem Mittelalterlichem, ebenso wie ein präzises Uhrwerk oder gar eine Eisenbahnlinie.

Den Begriff „mittelalterlich“ darf man also nicht wörtlich nehmen, zumal Magie eine Rolle spielt, ohne all zu sehr in den Vordergrund zu rücken. Nicht selten wird sogar Magie als Auslöser mechanischer Vorgänge vorgeschoben. Vielleicht eine perspektivische Angelegenheit. Für jemanden aus dem Mittelalter wäre ein Smartphone auch nur durch Magie zu erklären.

Kurzum: Ort und Zeit sind in der Zelda-Serie höchst variabel, was ein recht deutliches Indiz für die Abwesenheit einer allgemeingültigen Zeitlinie darstellt. Jeder einzelne Ableger interpretiert die Größe, den Umfang und die technischen Bedingungen des Abenteuers neu. Allein die Tatsache, dass das sagenumwobene Reich Hyrule jedes Mal komplett anders aussieht, ja im Höchstfall die Namen von Ortschaften wiederverwendet, beweist, dass jedes Zelda für sich alleine steht.

Jedes? Nah, nicht ganz! Es bestehen kleinere Verbindungen. Etwa zwischen dem aller ersten Zelda und dem Nachfolger The Adventures of Link. In letzterem kann man nämlich die Oberwelt des Vorgängers besuchen – wenn auch nur in stark vereinfachter Form. Auch bei den moderneren Ablegern bemüht sich Nintendo, Zusammenhänge aufzuzeigen. Siehe Wind Waker und Spirit Tracks oder Ocarina of Time und Majora’s Mask. Doch trotz aller Bemühungen, Verknüpfungen zu bilden, muss man Nintendo die Mär einfach abkaufen, weil es keine handfesten Beweise für Zusammenhänge gibt. Die wenigen Hinweise, die es gibt, sind sehr vage gehalten. Warum? Ganz klar, damit sich die Designer nicht selbst im Weg stehen und beim Entwurf jeder neuen Oberwelt freie Hand genießen.

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Die offizielle Zeitlinie wirkt wenig überzeugend und eher an den Haaren herbeigezogen, wenn wir mal ehrlich sind.
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Wenn es wirklich eine handfeste Lore im Zelda-Universum gibt, dann ist sie die am schlampigsten und faulsten zusammengetragene Mär aller Zeiten. Dagegen wirken die Star-Wars-Prequels und die Main-Saga wie aus einem Guss. Auch stellt sich die Frage, wann Nintendo auf den Trichter kam. Eins ist nämlich klar: Vor Spirit Tracks gab es intern bei Nintendo nicht einmal einen angedeuteten roten Faden, sonst hätte man viel früher begonnen, Spuren zu hinterlassen. Der einzige Grundstein, auf dem die Saga bauen könnte, wäre die Geschichte von der Erschaffung des Triforce und der ersten Verbannung Ganons. Tia, und selbst diese Geschichte wurde mindestens drei mal abgeändert, siehe A Link to the Past, Ocarina of Time und the Minish Cap. Noch schlimmer: Ginge man davon aus, dass Nintendos Zeitlinie wahr wäre, so würden sich die verschiedenen Auslegungen der Vorgeschichte widersprechen, weil sie Anachronismen hervorbringen.

Angeblich stehen Zelda 1 und 2 ganz am Ende einer möglichen Zeitlinie, in der Link aus Ocarina of Time versagt und stirbt. Dummerweise besagen die Spielanleitungen genau dieser Ableger jedoch, dass Ganon nur einen Teil des Triforce besitzt, während das zweite von Link zusammengesetzt wird und das dritte auf einem völlig anderen Kontinent versiegelt wurde. Wie soll das möglich sein, wenn Ganon doch in Ocarina of Time längst gewonnen hat und somit alle drei Triforce-Teile für sich beansprucht? Und selbst wenn es eine Möglichkeit gäbe, dies auszumerzen, so müssten doch Parallelen mit der Flutung des Landes bestehen, die in einer anderen Zeitlinie als letzter Ausweg vor der Herrschaft Ganons eingeleitet wurde. Warum ergibt das alles so wenig Sinn?

Fragen über Fragen, die keinerlei Antwort bedürfen, denn meiner Meinung nach wurde die Zeitlinie nur veröffentlicht, um nervige Fanboys zum Schweigen zu bringen. In Wirklichkeit ist (fast) jedes Zelda ein Remake des ersten Teils. Und das ist gut so. Nur auf diese Weise lässt sich die Zelda-Formel ständig aufs Neue interpretieren.

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