Wir haben ein Problem: Spiele altern schneller als unsere Erinnerungen. Publisher haben ein Problem: Spiele werden immer teurer. Die parteiübergreifende Lösung (oder Win-win-Situation, um es auf Neudeutsch zu sagen): Spiele werden nach einer grafischen Modernisierung erneut auf den Markt gebracht. Allerdings gibt es da ein kleines Problem...

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Die Videospielwelt dreht sich nicht mehr ganz so schnell, wie uns das großspurige Werbesprüche und hole Phrasen gerade während der Next-Gern-Phase gern weismachen wollten. Sowohl PlayStation 4 als auch Xbox One mögen technisch beachtliche Leistungen zustande bringen und ob der Langlebigkeit ihrer Vorgänger längst überfällig gewesen sein – Wunderwerke sind die Kisten nicht.

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  • The Last of Us Remastered Test

Obwohl solche Eindrücke immer stark subjektiv gefärbt sind, ist der aktuelle Konsolenzyklus vielleicht der erste seiner Art, der erste ohne What-the-fuck-Momente und technische Aushängeschilder, mit denen selbst Außenstehende auf einen Blick von der Existenzberechtigung der neuen Konsolen überzeugt sind. Vor knapp 20 Jahren konnte ich meine Eltern mit einem einzigen Bild von Super Mario 64 für die Vorzüge des Nintendo 64 gewinnen – die Diskussionen in heutigen Kinderzimmern dürften ungleich komplizierter ausfallen. „Aber Mama, die PS4 schafft 1080p bei 60 FPS!“ ist vermutlich kein hinreichendes Argument für eine 400-Euro-Investition.

Grafische Neuauflagen alter Spiele - Nur weil es sie gibt, müssen wir sie nicht kaufen

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Klar können sich PS4- und XO-Spiele sehen lassen, der Unterschied zwischen einem Killzone 3 und Shadow Fall ist aber nicht so groß wie beim Sprung von PS2 auf PS3.
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Jede Konsolengeneration der jüngeren Vergangenheit hatte mindestens ein distinktives Unterscheidungsmerkmal gegenüber seiner Vorgänger. Wer vor vor knapp zehn Jahren den Kauf einer Xbox 360 oder PlayStation 3 rechtfertigen wollte, hatte mit dem HD-Begriff ein unumstößliches Totschlagargument an der Hand. Heute sieht das anders aus.

Notwendig oder überflüssig?

Insofern waren Neuauflagen seit jeher besonders reizvoll für Publisher, die ihre bereits produzierten Spiele mit überschaubarem Aufwand ein weiteres Mal auf den Markt bringen konnten. Bis zur Initialzündung dieser Praxis dauerte es jedoch bis zur HD-Ära. Endlich waren die Voraussetzungen perfekt: spielerische Unterschiede waren ungleich marginaler als noch eine Generation zuvor (Eins-zu-eins-Übertragungen damit problemlos möglich), technisch hingegen fielen SD-Spiele auf HD-Fernsehern plötzlich enorm ab und schrieen geradezu nach einer optischen Überarbeitung – ein Wunsch, dem binnen weniger Jahre dutzendfach nachgekommen wurde.

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Die Wii-U-Version von The Legend of Zelda: Wind Waker ist eine der besseren Neuauflagen. Ob Nintendo für ein zehn Jahre altes Spiel hingegen noch einmal den vollen Preis verlangen muss, darf kritisch hinterfragt werden.
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Ihr selbst wisst inzwischen am besten, was ihr von HD-Überarbeitungen haltet, ob es sich dabei um eine unterstützenswerte Praktik handelt. Nicht jedes HD-Paket war ein gutes; verhunzte Umsetzungen mit geradezu skurril-abstrusen Hintergründen gab es einige (die Silent Hill HD Collection mit ihrem veralteten Quellcode ist ein Paradebeispiel, das Sound-Debakel der Prince of Persia Trilogy ein anderes). Zumindest ein paar Sammlungen stehen aber vermutlich bei den meisten von uns im Regal und das aus gutem Grund.

ICO und Shadow of the Colossus habe ich gern ohne überteuerte PS2-Versionen und alte Röhrenglotze nachgeholt, Metal Gear Solid 2 und 3 bereitwillig ein weiteres Mal in halbwegs zeitgemäßer Optik (durch-) gespielt, Zelda: Wind Waker in absolut zeitgemäßer Optik sofort erneut gekauft. Wirklich notwendig war das Gros der Käufe keinesfalls; die Jak & Daxter Trilogy liegt bis heute eingeschweißt in meinem Schrank.

HD-Überarbeitungen appellieren an die Nostalgiker in uns, sind keine überlegte Vernunft-, sondern spontane Impulskäufe und scheren sich nicht um rationale Begründungen (eine Denkweise, für die wir Spieler ohnehin nicht besonders berüchtigt sind). All das ist völlig in Ordnung, solang uns Publisher nicht für dumm verkaufen – und genau diese Tendenz besteht verstärkt seit der neuen Generation.

Aus HD wird Remastered, Redux, Definitve...

The Last of Us Remastered ist das derzeit prominenteste Beispiel für den feinen Unterschied zwischen sinnvoller Neuauflage und schneller Geldmacherei, die nicht gleich verteufelt, aber zumindest hinterfragt werden sollte.

Bereits eine Generation zuvor war diese Unterscheidung zwingend notwendig – der müßige „Du musst es ja nicht kaufen“-Spruch ist nämlich kein Allheilmittel, öffnet er fragwürdigen Geschäftspraktiken doch Tür und Tor. Zwar entscheiden wir als Konsumenten mit unserem Portemonnaie noch immer weitestgehend selbstbestimmt über das Angebot der Publisher, doch entbindet sie dieser Fakt allein noch nicht von ihrer Verantwortung sowohl den eigenen Beschäftigen als auch der Spielergemeinschaft gegenüber. Der bewusste Akt des Nichtkaufens mag als stiller Protest seine Daseinsberechtigung haben, schützt jedoch Unwissende nicht vor einer Fehlentscheidung. Deshalb reicht es nicht, dreiste Abzockmethoden zu boykottieren – sie müssen öffentlich infrage gestellt werden.

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Wer ein Jahr nach Erscheinen des Originals bereits ein Grafik-Update für den Vollpreis auf den Markt wirft, muss sich über Kritik nicht wundern. „Aber es sieht doch so gut aus!" (PS4-Version)
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Das Gros der Neuauflagen alter Spiele bewegt sich dahingehend glücklicherweise in einem völlig unbedenklichen Rahmen, doch auch hier gibt es konkrete Faktoren, anhand derer sich der subjektive Fairness-Eindruck ein Stück weit objektivieren lässt. Dafür braucht es nur wenige Frage: Wie teuer ist die Portierung (und wie viele Spiele sind enthalten)? Wie viel Aufwand seitens der Entwickler floss in die Überarbeitung? Wann erschien das ursprüngliche Spiel? Gibt es Hürden, die das Spielen der Originalversion erschweren (Verfügbarkeit oder unzureichende Technik des Originals, veraltete Plattform)?

The Last of Us Remastered schneidet gemessen an diesen Kriterien nur unzureichend ab und wirft zumindest die Frage auf, weshalb Sony für ein technisch aufgewertetes PlayStation-3-Spiel nun erneut den vollen Preis verlangt. Vor allem aber: Warum wird Besitzern des Originals jeglicher Rabatt beim Erwerb der Neuauflage verwehrt? Auch dürfte The Last of Us, das erst im Sommer 2013 erschien, mit seiner überarbeiteten Version den Titel der schnellsten Neuveröffentlichung überhaupt innehaben – und das für eine lange Zeit.

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Braucht es eine Neuauflage eines Spiels, das bereits im Original wunderschön war? (PS3-Version)
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Das ist keine Frage der Qualität: wir zweifeln hier nicht an Naughty Dogs großartiger Arbeit; jeder Videospiel-affine Mensch sollte The Last of Us geringstenfalls angespielt haben – nur nicht unbedingt noch einmal für den vollen Preis auf der PlayStation 4. Der zum Zeitpunkt des Schreibens plattformübergreifend erste und dritte Amazon-Videospielverkaufsrang der Remastered-Edition legt allerdings nahe, dass dies doch passieren wird (auch wenn freilich eine Menge Erstspieler unter den Käufern sein werden).

Für unseren Test rotierte die Blu-ray jüngst in meiner PS4 und ihr werdet kaum überrascht sein, wenn ich euch sage, dass ich jede Menge Spaß mit The Last of Us hatte. Schon wieder. Das Abenteuer von Joel und Ellie hat mich erneut gepackt, wird abermals eine hohe Wertung einheimsen und verdammt, hätte uns Sony nicht mit einem Rezensionsexemplar ausgestattet, ich hätte das Spiel für meine private Sammlung gekauft. Schon wieder. Jedoch nicht zur Veröffentlichung, nicht für den vollen Preis.

Nach der gelungenen Definitive Edition von Tomb Raider ist dies die zweite technisch blitzsaubere Umsetzung eines Spiels der letzten Generation. Niemand hat danach gefragt, viele haben sie gekauft – und das erkennen auch andere Publisher, die ihre Mottenkiste unlängst nach möglichen Portierungen durchwühlt haben. Square Enix ist dabei Sleeping Dogs in die Griffel gekommen, Microsoft tut sich an der Master Chief Collections gütlich, Koch Media reibt sich bereits ob der in Kürze bevorstehenden Veröffentlichung von Metro Redux erwartungsvoll die Hände und Sony hat mit der Uncharted-Trilogie schon die nächste Naughty-Dog-Neuauflage in den Startlöchern. Gebraucht hat es all das nicht.

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Dieser „Vergleichs-Sreenshot" von Metro Redux stammt von offizieller Stelle. Merkwürdig, denn ganz so hässlich haben wir die ursprünglichen Spiele irgendwie nicht in Erinnerung.
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Wer bitte fragt nach einem Grafik-Update für Uncharted 1-3?

Während viele HD-Überarbeitungen aufgrund der großen technischen Diskrepanz zwischen SD-Pampe und HD-Optik durchaus berechtigt, fast notwendig waren, werden PS4- und Xbox-One-Umsetzung von PS3- und 360-Spielen nie mehr als nette, aber letztlich überflüssige Kosmetik sein. Bereits auf die grafische Neueinkleidung von The Last of Us hätte wir verzichten können, doch wer um alles auf der Welt dachte sich bei Sony: „Hmm, die Uncharted-Teile sehen ziemlich grützig aus. Hey, lasst uns die Dinger doch auf die PS4 bringen!“?

Die technischen Unterschiede zwischen PS3 und PS4 respektive Xbox 360 und Xbox One sind zu marginal, als dass sie eine Portierung auf die jeweils überlegene Plattform entscheidend rechtfertigen würde und werden das bis auf wenige Ausnahmen immer bleiben. Insofern ist der Trend dieser Art der Portierungen ein bedenklicher.

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Leute, spielt The Last of Us, wenn ihr es bislang noch nicht getan habt. Die PS4-Version ist die beste Version, die ihr bekommen könnt, nur sollten dafür nicht unbedingt 60 Euro auf den Tisch gelegt werden.
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Kauft nicht jede Neuauflage, nur weil es sie gibt. Werft Publishern nicht unnötig viel Geld hinterher. Technisch generalüberholte Spiele sind eine gute Sache, für beide Seiten. Wir Spieler können noch einmal in aufgehübschten Erinnerungen schwelgen oder verpasste Gelegenheiten nachholen, während sich Publisher noch mal ein paar Dollar dazuverdienen können. Es geht um die Verhältnismäßigkeit, um den Respekt voreinander – und nicht darum, mit möglichst wenig Mitteln möglichst viel einzunehmen.

Selbst Shuhei Yoshida ist sich dieser Tatsache bewusst. In einem Interview äußerte sich der Chef der PlayStation Worldwide Studios zuletzt vorsichtig skeptisch gegenüber allzu vieler Neuauflagen. Man wolle den Markt nicht überfluten, sagte Yoshida – und wir klopfen auf Holz.