The Last of Us hat dutzende herausragende Qualitäten und wenn ich mich mit Pistole auf der Brust für eine entscheiden müsste, wäre es das perfekt in sich geschlossene Konstrukt der Geschichte. Eine mit allen Höhen und Tiefen, kleinen wie großen Momenten und überhaupt eine, die sich langfristig ins Gedächtnis fräst — auch weil sie die richtigen Fragen unbeantwortet lässt. Keine, an der es nachträglich auch nur eine Kleinigkeit zu korrigieren gegeben hätte. Insofern sind Naughty Dogs Überlebenskampf und das Prinzip Story-DLC nicht unbedingt ein match made in heaven.

Nun ist es mit DLCs oft so eine Sache. Vorschnelles Über-einen-Kamm-scheren ist - wir alle wissen das - engstirnig und kein Zeugnis vernünftigen Abwägens. Dennoch gehe ich jede Wette ein, dass die meisten von euch ihre ganz eigenen Geschichten von künstlich aufgeblähten, lieb- und seelenlosen „Lasst uns die Kuh noch etwas melken“-DLCs zu erzählen haben. Es ist die alte Leier vom schnellen Geld, ein Thema, über das alles und doch nichts gesagt wurde. Der inzwischen leidigen Neuauflagen-Debatte mit seinem „Muss letzten Endes ja doch jeder für sich selbst entscheiden“-Mantra nicht unähnlich.

Ein unbefriedigender, aber pragmatischer kleinster gemeinsamer Nenner, auf den sich die meisten von uns auch schon im Februar vergangenen Jahres geeinigt hatten, als Naughty Dog den „Left Behind“ getauften Last-of-Us-DLC erstmals für PS3 veröffentlichte. Kollektives Schulterzucken wäre eine mögliche Reaktion darauf gewesen, hat bei anderen Teilen des TLoU-Season-Pass’ ja auch schon ganz gut funktioniert. Nur: Left Behind ist kein Mehrspieler-Kleinklein, sondern eine handlungsrelevante Erweiterung des Hauptspiels.

The Last of Us: Left Behind - Was soll man da noch sagen?

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Testen die Pappnasen von gamona jetzt schon über ein Jahr alte Spiele? Fast: Left Behind erschien jüngst auch als Standalone-DLC für die PS4.
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Mutig, um nicht zu sagen größenwahnsinnig, denn The Last of Us schneidet zum großartigen Ende hin alle Stricke ab und lässt nur jene Fragen unbeantwortet, die genau das bleiben sollen: offen, als kleine Einladung zum Reflektieren und „Was hätte ich getan“-Denken. Nicht wirklich viel also, an das Naughty Dogs Geschichtenerzähler sinnvoll anknüpfen könnten. Oder anders: Was erzählt man, wenn es nichts mehr zu besprechen gibt?

Back to the future

Left Behind spult die Uhren zurück auf eine Zeit, noch bevor Ellie und Joel sich kannten, ergo vor den Ereignissen des Hauptspiels — und doch schwingen hier die Seiten aus, die dessen Ende angeschlagen hat. Während dessen letzter Szenen nämlich bezieht sich Ellie in einem Gespräch auf ihre Freundin Riley. Zu diesem Zeitpunkt ein völlig unbeschriebenes Blatt für Spieler und mehr ein Fingerzeig Richtung Vergangenheit der Art, dass die Überlebenden ihre ganz eigenen Biografien haben, bereits lange bevor sich Ziehpapa und Stieftochter trafen. Richtige Charaktere eben, nicht nur für dieses kurze Aufeinandertreffen von Autoren erdacht.

The Last of Us: Left Behind - Standalone Trailer

Der DLC krönt diesen unscheinbaren, deshalb aber nicht minder vielsagenden Satz mit einer eigenen Vorgeschichte. Left Behind setzt ein paar Wochen vor The Last of Us ein, erzählt von Ellie und ihrer Freundin Riley. Beide bereits physisch wie psychisch gezeichnet vom Schrecken dieser neuen Welt, haben sie sich doch ihre unschuldige Neugier behalten, wie sie nur diesem einzigartigen Lebensabschnitt zweier Heranwachsender innewohnt.

Die Noch-Mädchen-fast-Frauen stehen auf der Schwelle des endgültigen Erwachsenwerdens und versuchen, alte Konflikte des Lebens im Hier und Jetzt willens zu begraben. Konkret: Riley überrascht Ellie mit ihrem plötzlichen Auftauchen, nachdem sie einige Zeit zuvor spur- und kommentarlos verschwand. Joels spätere Partnerin ist verstimmt bis böse, ihre Freundin versucht hingegen, es wieder gutzumachen, indem sie ihr „einen ganz besonderen Ort“ zeigt. Einen Teufel werde ich tun, euch nur eine Silbe mehr zu verraten.

Während dieser Szenen widmet sich Left Behind völlig eurem Entdeckungs- und seinem eigenen Erzähldrang. Nach Videospielmaßstäben gibt es hier wenig Handfestes zu tun, was Segen, kein Fluch ist. Ihr mit dem Duo die letzten Schritte auf dem steinigen Weg des Erwachsenwerdens, seht durch Ellies staunende Augen, lacht und freut euch mit ihr über alltägliche Kleinigkeiten, für die in der Postapokalypse sonst längst kein Platz mehr ist.

Das Spiel macht keinen Hehl aus der Gefahrenlosigkeit dieser Abschnitte, bindet sie euch allerdings auch nicht völlig auf die Nase. Hey, niemand kann sich in der Postapokalypse jemals völlig sicher fühlen, warum solltet ihr es also? Wirklich in Bredouille gelangt ihr ohnehin erst in der Haut der Joel-Ellie, in dessen Rolle ihr in perfekt gesetzten Abständen schlüpft. In der „Gegenwart“ des Last-of-Us-Winterabschnitts zeigt der DLC einen Abschnitt des Hauptspiels aus Ellies und damit einer anderen Perspektive. Ihr seht spielt, was Joels Ziehtochter für ihn auf sich nimmt, während er nach einer Verletzung mit dem Tod ringt.

Packshot zu The Last of Us: Left BehindThe Last of Us: Left BehindErschienen für PS3 und PS4 kaufen: Jetzt kaufen:

Diese Ellie ist reifer, in brutalen Überlebenskämpfen versierter und deshalb auch in der Lage, eine Zeitlang auf sich allein gestellt zu sein. Auf der Suche nach Medikamenten erlebt ihr deshalb während dieser Szenen am ehesten das „klassische“ The Last of Us, obwohl sich Left Behind der Zierlichkeit seiner Protagonistin durchaus bewusst ist, sie in der Konsequenz weniger schieß- und kampfwütig auftreten lässt als Joel. Ihr solltet eure Umgebung schon genau beobachten, wenn euch euer Leben lieb ist.

Eine großartige Erweiterung des Hauptspiels und einer der besten DLCs überhaupt.Fazit lesen

Ellies Kämpfe sind beinahe kleinere Rätsel: Abschnitte, in denen ihr eine Meute Infizierter auf feindliche Überlebende hetzen und euch im Hintergrund halten solltet, während sich beide Seiten gegenseitig dezimieren. Hier wird euch nichts geschenkt, Munition und Gesundheit schon gar nicht, also ist euer Intellekt die wertvollste Waffe in eurem Besitz.

The Last of Us: Left Behind - Was soll man da noch sagen?

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Unschuldige Momente wie dieser machen Left Behind zu etwas Besonderem.
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Auch wenn diese Gegenwarts-Szenen erzählerisch weitestgehend belanglos sind und vor allem einen krassen Kontrast zur ruhigeren Vergangenheit bilden sollen, zeigen sie dennoch, wie viel Spielwitz noch in Naughty Dogs Köcher steckt. Left Behind braucht keine nervigen Verschlimmbesserungen, weil sich das nun mal so für einen DLC gehört. Obwohl euer Spielplatz de facto exakt derselbe ist, verschieben die Entwickler eure Perspektive durch Ellies Verletzlichkeit gerade genug, um euch Probleme in ihrer Haut anders lösen zu lassen als zuvor in Joels.

Zusammen bilden beide, Vergangenheits- und Gegenwarts-Abschnitt, eine wertvolle Ergänzung des Last-of-Us-Kosmos und einen der besten DLCs, die es gibt.