Herzlich Willkommen in den 30er Jahren der US-amerikanischen Filmindustrie: Ein kalter Frühling bricht im Jahre 1932 heran und die Menschen strömen nach der Arbeit in die Kinos, um dem Schnee zu entfliehen. SCARFACE klebt in Leuchtbuchstaben über den Lichtspielhäusern, ein Film, der heutzutage Uncut im Nachmittagsprogramm auf ARD läuft. Freigegeben ab 16 Jahre. Damals wurde der Film stark geschnitten, um Menschen aller Altersklassen vor der ausgestrahlten Gewalt zu schützen. Ist Gewalt relativ?

Thema des Tages: Auf der Paris Games Week 2017 wartete Naughty Dog mit einem neuen Trailer zu The Last of Us 2 auf. Objekt der Kritik: Im Video werden zwei Frauen brutal zugerichtet:

The Last of Us 2 - PS4-Trailer PGW 2017Ein weiteres Video

Seit dem 30. Oktober wandert der neue Trailer zu Naughty Dogs The Last of Us 2 durch die sozialen Medien, begleitet von einer harschen Kritik an der dargestellten Gewalt und den zaghaften Erklärungen der Entwickler. Nun ist die Gewaltfrage keine neue, sorgt aber immer wieder für Wirbel in den Medien, sobald sie über Twitter, Facebook & Co. an die Oberfläche gelangt. Das wird gezwitschert:

Wir wir berichteten (News), äußerte sich nun auch Jim Ryan, der Präsident von Sony Interactive Entertainment Europe, zu den Anschuldigungen und bezeichnete The Last of Us 2 als ein Spiel von Erwachsenen für Erwachsene, das durchaus brutal sein wird und auch sein soll.

Thema der Woche: The Last of Us 2 - Der neue Trailer ist brutal und frauenfeindlich – oder?

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Macht es tatsächlich einen Unterschied, ob Mann oder Frau gefoltert werden?
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Zwei Seiten der Diskussion

Geht es nun um Gewalt oder um Gewalt gegen Frauen? Und warum machen wir eigentlich diesen Unterschied? Die Frage ist doch, ob der Trailer auch kritisch beäugt würde, wenn Charaktere mit männlichen Attributen Schläge mit dem Hammer einstecken müssten. Solange sich die Diskussion allein auf den Aspekt des Geschlechts beschränkt, bleibt diese fragwürdige Vorstellung im Raum bestehen.

“Hört auf, eure Spiele mithilfe von extremer Gewalt zu verkaufen” ist ein Polygon-Artikel von Julia Alexander, in dem sie die oberflächliche Gewalt im Trailer, aber auch den Aspekt einer weiblichen Protagonistin stark kritisiert:

Die kaum greifbare Bildsprache hinter dem abscheulichen Akt im Trailer ist nichts Neues für uns. Wir haben soetwas bereits in Serien und Filmen gesehen und auch im echten Leben. 35 Prozent der Frauen (in den USA) haben Gewalt durch eine andere Person erlebt (...)”, schreibt sie.

Gewalt im echten Leben existiert, aber was hat sie mit brutalen Szenen in Filmen oder Videospielen zutun? Sind wir wieder bei der Frage angelangt, ob blutige Spiele uns dazu anleiten, andere Menschen zu attackieren?

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Quelle: The Hollywood Reporter
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Alexanders finales Argument ist schließlich, dass Gewalt gegen Frauen nicht ohne eine Erklärung dargestellt werden dürfe. Als Beispiel weist sie auf die Kontroverse rund um ein Plakat zum Comic-Blockbuster X-Men: Apocalypse hin, das darstellt, wie Mystique vom Bösewicht des Films gewürgt wird.

Ist ein solches Poster frauenfeindlich? Glorifizieren die Szenen im Trailer von The Last of Us 2 misogyne Gewalt; müssen solcherlei Bilder immer mit erhobenem Zeigefinger präsentiert werden? Oder rücken vielleicht gerade diese Diskussionen Frauen wieder und wieder in die Position des schwächeren Geschlechts, das geschützt werden muss und am besten gar nicht mit Gewalt konfrontiert werden sollte?

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Eine Frau in der Zombie-Apokalypse ist kein Mauerblümchen, sondern eine muskelbepackte Kampfmaschine.
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Als nächstes frage ich mich, warum nie erwähnt wird, wie der Trailer ausgeht: Die Frauen wehren sich mit der Hilfe eines Außenstehenden und befreien sich aus der misslichen Lage. Die Gewalt gegen sie ist nicht final; vielmehr kämpfen sie trotz ihrer schweren Verletzungen und zeigen, wie wenig schwach sie eigentlich sind. Auch ihr Darstellung ist weit davon entfernt, frauenfeindlich zu sein: Muskeln ziehen sich quer über Arme, Bauch und Beine der vermeintlichen ‘Opfer’, sie werden nicht sexualisiert dargestellt, sondern sind Kampfmaschinen – mit Körpern, die sich auf dem Spektrum zwischen Mann und Frau irgendwo in der Mitte befinden. Ist das nicht sogar ein Fortschritt?

Es bleibt natürlich die generelle Diskussion um Gewalt in Medien. Und die ist bereits älter, als ihr vielleicht glaubt.

Videospiele sind ein junges Medium

Die Frage nach der Gewalt ist so alt, wie die Menschheit selbst. Im alten Rom jubelte die Bevölkerung den Gladiatoren zu, die sich gegenseitig umbrachten. Ende des 18. Jahrhunderts veröffentlichte Marquis de Sade das Buch “120 Tage von Sodom”, in dem die späteren Kapiteln einer listenartigen Aufzählung von Foltermethoden ähneln. Die Filmindustrie gebiert seit ihrem Anbeginn gewalttätige Bilder und Szenen, die immer wieder und wieder in unserer Gesellschaft diskutiert werden. Mit der Zeit überdeckt die Gewöhnung an derlei Sequenzen die eigentliche Brutalität – was vor 30 Jahren noch ein Tabubruch war, ist heute kaum noch ein Augenzucken wert.

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Gewalt in den Medien ist relativ
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Gewalt ist vielleicht nicht relativ, aber Gewalt in Medien ist es definitiv.
Ein Grund, warum der Trailer von The Last of Us 2 nun den Walk of Shame der sozialen Netzwerke beschreitet, ist die Jugendlichkeit des Mediums. Brutalität in Videospielen wird härter bewertet als in Filmen, ebenso wie Filme vor einigen Jahren noch mit einem kritischeren Auge betrachtet wurden.

Das Thema Gewalt wird nie unsere Medien verlassen, ganz egal, welche Meinung wir dazu haben. Und wenn Jim Ryan zugibt, dass die gezeigten Szenen im Trailer genau das sind, was das Zielpublikum von The Last of Us sehen möchte, dann stimmt auch das: Wir sind dankbare Konsumenten von Gewalt und wir waren es schon immer.

Wir schreiben das Jahr 1983 im Dezember: Al Pacino’s Gesicht ziert die Leinwände der großen Kinos, doch das Publikum beäugt den seltsamen und brutalen Gangster-Film mit kritischem Auge. Das New York Magazine bezeichnet die Neuverfilmung von Scarface als leere und schwülstige B-Movie-Tyrannei. Die Gewalt-Diskussion beginnt von Neuem. Heute ist der 83er Scarface ein Kultfilm, dessen Qualität kaum noch angezweifelt wird.

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Also, selbst wenn The Last of Us 2 von uns heute noch als gewaltverherrlichend empfunden wird, sehen unsere Kinder das in ein paar Jahren wahrscheinlich anders. Es bleibt die Frage, ob wir uns wirklich die Mühe machen müssen, darüber zu diskutieren. Ganz besonders, wenn wir ohnehin alle zum Release eines Spiels nach der Uncut-Version lechzen.