Joel ist nicht Nathan Drake. Der Protagonist aus „The Last of Us“ wirkt mit seinem Dreitagebart, den fettigen Haaren und den dicken Tränensäcken unter den Augen eher wie Max Payne. Joel ist ein genauso harter Hund, einer der einen Angreifer mit der bloßen Hand töten kann. Er ist ein Dealer, verkauft Alkohol, schmuggelt Waffen. Wenn einer nicht zahlt, schlägt er ihm schon mal einen Zahn aus. Er muss sein Revier markieren, zeigen dass er stark ist, denn nur die Starken überleben in einem USA, das von einer verheerenden Epidemie dahingerafft wurde.

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Ein Sporenpilz ließ die Menschen mutieren: Ihre Rücken platzten, große Blasen breiteten sich auf ihrem Körper aus und schon bald sahen sie nur noch aus wie wandelnde Eiterbeulen. Sie sind die Verstoßenen, die wie wilde Tiere in den verlassenen Städten leben, während sich die wenigen Überlebenden unter Kommando machtsüchtiger Militärs in Ghettos zusammenpferchen haben lassen. Es gibt keinen Strom, kaum sauberes Trinkwasser, zu wenig Nahrung. Joel hat echte Probleme. Er jagt nicht einfach nur Schätzen nach, die ein paar tausend Dollar bringen. Er kämpft ums Überleben.

Ein Mädchen namens Ellie

Als sich Naughty Dogs Creative Director Neil Druckmann den PS3-Controller schnappt, sitzt Joel gerade in einem Pick-up in Pittsburgh ...mit Ellie. Sie ist erst 14, wurde ihm anvertraut. Ihm wurde viel Geld geboten, um sie aus der Zone, diesem Regierungs-Ghetto zu holen, wo die Leute unter Kontrolle des Militärs dahinvegetieren.

Joel ist ein Einzelgänger, ein kaltschnäuziger Kerl, keiner der anderen hilft. Doch bei Ellie war es anders: Er wollte sie aussetzen, wollte alleine weiter, weil das US Marine Corps sie aus irgendwelchen Gründen sucht. Doch dann ist er zurück, hat sie gerettet, sich mit ihr angefreundet, und mittlerweile hegt er etwas für sie, das man nur mit Vatergefühlen umschreiben kann. Er ist stolz darauf, wie sie das alles meistert in ihrem Alter. Und wie tough sie geworden ist, wie sie gelernt hat, mit Schusswaffen umzugehen und Angreifer mit dem Messer niederzuringen.

The Last of Us - Das Abschlussfeuerwerk für die PS3

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Achtet mal auf die Muskeln von Joel oder die Nieten am Rucksack. Naughty Dog hat hier nichts geschönt, so gut sieht das Spiel wirklich aus!
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Er tätschelt ihre Wange, während Ellie an der Scheibe vor sich hindöst. Dann muss Joel halten: „Fuck“, - der komplette Highway ist von teilweise zerstörten, teilweise einfach nur verlassenen Trucks, Jeeps und Chevys blockiert. „Das hat uns noch gefehlt“, meckert er. Ihm bleibt nichts anderes übrig als in eine schmale Gasse einzubiegen und dann ist da dieser Mann…

Packshot zu The Last of UsThe Last of UsErschienen für PS3 kaufen: ab 36,30€

Vertraue niemandem!

Ein Kerl wankt auf den Pick-up zu, hält sich scheinbar eine Wunde am Bauch. Die Kamera zoomt auf Joel, der denkt kurz nach. „Ganz ruhig, wir helfen ihm doch, oder?“ - „Schnall dich an“, antwortet Joel knapp und gibt Vollgas. Die richtige Entscheidung, denn der Kerl zieht einen Revolver aus seinem grauen Hoodie, feuert ein paar Salven ab, trifft die Scheibe, Joel muss sich ducken.

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Der alte Mann will Joels Essen... und schlägt ihn dafür halb tot. Jeder tut hier alles, um zu überleben!
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Kugeln durchschlagen das Seitenfenster. „Kopf runter Ellie!“, schreit er besorgt, als die beiden von links brutal gerammt werden. Ein maroder, komplett verrosteter alter Schulbus knallt in sie rein, Joel verliert die Kontrolle und prescht mit dem Pick-up in ein Geschäft. Links und rechts bauen sich die Banditen auf, reißen Ellie zu Boden, ziehen ihr an den Haaren. Joel ist noch ganz benommen von dem Aufprall, ein großer Typ in zerschlissenen Klamotten zieht ihn aus dem Auto, schlägt ihm mehrmals mit der Faust ins Gesicht und knallt Joels Kopf mit voller Wucht auf die Kühlerhaube.

Technisch umwerfend, die Story wirkt erwachsen, die Charaktere entwickeln Tiefe. Hat das Potenzial, die Branche zu verändern!Ausblick lesen

Die Sicht verschwimmt, nur in Trance nimmt er noch wahr, was hier eigentlich geschieht. Fiese Blur-Effekte ziehen sich durchs Bild, wie wenn Max Payne mal wieder besoffen ist. Stimmen vermischen sich, Ellies verzweifeltes „Joooeel, hilf mir“ klingt mehr wie ein Echo als würde sie ein paar Meter weiter stehen.

Inspiriert von den Coen-Brüdern

Wir sehen, wie die Faust fast wie in Zeitlupe auf Joel losgeht, ihn voll trifft, er zusammensackt und sein Gegner ihn zu einer Wand auf der anderen Seite wirbelt. Er packt wieder Joels Kopf, drischt ihn gegen die Glasscheibe. Doch dieses Mal reagieren wir: Ein Quicktime-Event setzt ein, Joel sieht eine Scherbe aus der gebrochenen Fensterscheibe ragen, schnappt sie sich und rammt sie seinem Angreifer ohne zu Zögern in den Hals. Das Blut spritzt, der Kerl röchelt, bricht zusammen.

Mit Schlägen und Tritten ringt Joel auch Ellies Häscher zu Boden, tritt ihm voller Zorn gegen den Kopf und bricht ihm laut knacksend den Kiefer. Blut läuft seinem Opfer aus dem Mund, während er Ellie überglücklich in die Arme schließt. Die Kamera zoomt an ihn heran, eine Träne fließt. Szenen, wie sie aus „Road to Perdition“ oder eben „True Grit“ stammen könnten.

„Die Coen-Brüder nehmen oft brutale Charaktere, die nichts zu verlieren haben und innerlich im Grunde tot sind“, erklärt der Creative Director. „Und dann bekommen sie eine letzte Chance. Sie lernen ein Kind kennen, das ihre Möglichkeit auf Widergutmachung ist. Um doch in ihrem Leben einmal das Richtige zu tun.“

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Verräterisches Klicken: Ist die Trommel des Revolver leer, merken das die Gegner und stürzen auf uns.
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Den echten Bauchschuss ...gibt`s in Hollywood nicht

Noch etwas haben die Naughty Dogs von Joel (daher auch der Name des Protagonisten) und Ethan Coen gelernt: „Die Action ist immer sehr authentisch. Schonungslos authentisch“, erklärt Druckmann.
„Wenn Anton Chigurh seine Opfer mit einem Rindertöter abknallt, dann zerfetzt er ihnen den Bauch. Das meine ich mit schonungslos authentisch.“

Recht hat der gebürtige Kalifornier. Denn nehmt doch einfach mal „Call of Duty“, „Battlefield“ oder eben „Uncharted“: Ihr drückt ab, ein Schuss ertönt, vielleicht spritzt ein kleiner Tropfen Blut, der Gegner fällt um. Weiter geht`s. Das virtuelle Töten soll sich in diesen spielbaren Action-Blockbustern Marke Hollywood nicht echt anfühlen, es soll nicht bedrücken. Fast schon klinisch rein radieren wir bei Infinity Ward & Co. ganze Armeen um.

„The Last of Us“ ist da anders. Auf der E3 erleben wir Szenen, in denen ein alter Mann mit verdrecktem Mantel und Springerstiefeln auf Ellie eintritt. Wir schnappen uns einen Backstein und zerschmettern ihn auf seinem Kopf. Dabei bricht die Schädelplatte mit einem Knacksen. Und wenn wir eine Ladung Schrot in einen seiner Kollegen jagen, bohren sich die Kugeln in sein Fleisch, durchschlagen den Körper und wirbeln ihn nach hinten.

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Joel und Ellie lernen sich kennen und starten eine Reise von Boston bis nach San Francisco.
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Feuern wir hingegen mit dem Taurus Model 66 Revolver, bleibt der Feind noch kurz stehen, tritt Blut aus der Eintrittswunde und dann sackt er zusammen. Wir haben nicht zufällig Mediziner unter der gamona-Community, die beschreiben können was bei einem Bauchschuss passiert?

Eine KI, die Schiss hat

Auch in Sachen Künstliche Intelligenz will Naughty Dog eine kleine Revolution schaffen. So fragt Druckmann während unseres Interviews: „Mal ehrlich, was würdest du tun, wenn einer gerade deinen Kollegen zwei Meter weiter erschossen hätte“? Antwort: Wir würden wohl in Deckung gehen, unsere Chancen einstufen und dann versuchen, den Gegner zu flankieren. Oder weglaufen. Variante B kam bisher in Games nie in Frage. Oder habt ihr schon mal erlebt, dass sich Söldner, Banditos oder Soldaten einfach so aus dem Staub machen weil sie Angst haben?

Selbst den taktischen Rückzug gibt`s eher selten, auch in „Uncharted 3“ lassen sich die Bodyguards von Katherine Marlowe lieber bis auf den letzten Mann dezimieren, anstatt abzuhauen, sich neu zu formieren und dann wieder anzugreifen, wie es wohl echte Agenten machen würden. Auch Druckmann, der vorher an „Uncharted 2“ gearbeitet hat, gibt offen zu, dass die KI in „Uncharted“ verbesserungswürdig sei. „Es ist eben ein ganz anderes Spiel. In Indiana Jones oder James Bond sind die Gegner ja meist auch nicht die Schlausten, damit der Held gegen ganze Armeen bestehen kann.“

Buddy-Abenteuer, aber ohne Koop

Für „The Last of Us“ würde sich eine kooperativ spielbare Geschichte ja beinahe aufdrängen. Druckmann erklärt jedoch, dass damit die gesamte Atmosphäre nicht mehr funktionieren würde: „Es geht ja um das Gefühl, als Joel Verantwortung für Ellie zu übernehmen. Wenn jemand anderes jetzt Ellie steuern würde, müsstest du ja keine Angst mehr um sie haben und viele Momente der Geschichte würden in sich einfach nicht mehr funktionieren. Daher steuert ihr ausschließlich Joel.“

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Zwischendurch geraten sie immer wieder in Hinterhalte. Ellie schreit nicht nur um Hilfe, sie wehrt sich auch mit Tritten in die Kronjuwelen.
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Wer jetzt mit Grausen an „Resident Evil 5“ und die zickige Sheeva denkt, die uns gerne mal den Weg versperrte und die wir ständig beschützen mussten, den können wir beruhigen. „Keine Sorge“, sagt Druckmann. „Wir alle sind Gamer und wissen wie verhasst reine Schutzmissionen sind, wo ihr eine Person von A nach B eskortieren müsst.“ Ellie hat daher eine eigene KI und hilft ihrem Beschützer wo immer sie kann.

So sehen wir eine Szene in der Joel in die Enge getrieben wird, stolpert und seinen Angreifern schutzlos ausgeliefert wäre... würde nicht im selben Moment Ellie einen Telefonhörer nehmen und dem Kerl von hinten auf den Kopf schlagen. Auch sucht sie ständig nach Kugeln, denn Munition ist rar in Zeiten wie diesen...