The Last Guardian macht euch zum Papa über einen riesigen Drachen mit Greifengefieder und Hundekopf namens Trico, der aber die Verspieltheit und Angst eines Welpen hat. Wir haben das lang ersehnte Werk von Fumito Ueda angespielt. Einem Mann, der mit Shadow of the Colossus und Ico zwei der besten und emotionalsten Titel der Playstation-2-Ära geschaffen hat. Aber funktioniert diese sehr japanische Art Spiele zu kreieren auch noch im Jahr 2016?

Es gibt ja so Wörter, die man als Spieleredakteur eigentlich nicht benutzt: „Knuffig“ gehört dazu. Aber „knuffig“ ist das perfekte Wort, um unser Hands-On-Erlebnis mit The Last Guardian zu beschreiben. Trico ist dieser riesige, majestätisch wirkende Drache mit Greifengefieder und Hundekopf, der wirklich massig ist. Es gibt eine Szene, da klettert ihr an seinem Hals entlang, schaut nach oben und tut euch schwer, überhaupt das Ende zu finden. Trico ist ein Riese, aber mit dem Wesen eines Babys. Wie ein Welpe tapst er vorsichtig durch die Gegend, hat Angst vor der kleinsten Maus und natürlich Wasser. Während der kleine Junge, den wir selbst spielen, sich aufs kühle Nass regelrecht freut, ist das laute Platschen für Trico schon ein bisschen zu viel. Erst auf Zurufen wagt er sich mit einem Teil der Pfote ins Wasser, schreckt zurück, guckt uns aus seinen riesigen, sanften Augen verwirrt an.

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Dadurch baut Mastermind und Creative Director Fumito Ueda binnen weniger Minuten sofort eine Verbindung zwischen uns und diesem Geschöpf auf. Das ist gar nicht so einfach zu erklären, im Grunde müsst ihr das erleben. Aber es ist ein Moment, wie ihn Spiele nur ganz selten schaffen. Ein Moment, als würdet ihr einen Welpen in die Arme gedrückt bekommen und euch von nun an um ihn kümmern und für ihn verantwortlich sein. Nur, dass der Welpe ungefähr so hoch wie ein Leuchtturm ist. Und sich in einer für ihn sehr feindlichen und gefährlichen Umgebung bewegt.

Ein harmonisches Spielgefühl

Während Agro nicht nur ein loyales Tier in Shadow of the Colossus war, sondern auch wie ein Soldat Befehle befolgte, ist Trico mehr ein Baby, das gar nicht so richtig versteht, was es in dieser Welt soll. Die Geschichte wird von einem alten Mann in Retrospektive erzählt, der eben jener namenlose Junge ist, den wir spielen. Er wird verschleppt, wacht in einer monströsen Festung auf und trifft auf Trico, der an einer langen Kette festgehalten wird und dessen Fuß offensichtlich schmerzt.

Es ist ein vorsichtiges Annähern und Betätscheln, so richtig vertraut man sich noch nicht. Es ist keine Freundschaft auf den ersten Blick, man könnte es wohl sogar als Zweckgemeinschaft bezeichnen: Trico ist lang und groß, als kleiner Junge benutzen wir ihn als Leiter. Er ist aber zu groß, um durch Löcher zu schlüpfen, die in Räume führen, über die sich wiederum Fallgitter hochfahren und Tore öffnen lassen. Trico braucht also auch uns, den kleinen Jungen. Weil der Welpe so tapsig und unbeholfen ist, fühlen wir uns schnell verantwortlich für ihn.

The Last Guardian - Ein Spiel mit Ecken und Kanten

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„Trico ist kein Haustier. Er wirkt knuffig und süß, hat aber auch eine gefährliche, eine düstere Seite“, so sein Erschaffer Fumito Ueda.
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Umso härter trifft es uns, als der Riese von einem Speerhagel durchbohrt wird. Dicke Krokodilstränen laufen aus den großen Augen, der kleine Kerl tut uns aufrichtig leid. Normalerweise arbeiten wir in Spielen ja oft irgendwelche Aufgaben ab, um in der Geschichte fortzuschreiten. Hier ist das anders, diese Speere wollen wir wirklich so schmerzlos wie möglich für dieses Tier entfernen. Eben so, wie wir mit einem echten Hund mitleiden würden, der ja für die meisten Besitzer auch schnell zum Freund wird.

Packshot zu The Last GuardianThe Last GuardianRelease: PS4: 7.12.2016 kaufen: Jetzt kaufen:

Klar, letztlich sind das alles geskriptete Bewegungen: Als wir einen Behälter mit Beeren beschaffen, will Trico nicht fressen, weil er Schmerzen hat und traurig ist. Wir müssen ihn also erst drei Mal streicheln, dann hat er wieder das Gefühl uns zu vertrauen und frisst. In diesem Moment ist er abgelenkt, wir krabbeln auf seinen haarigen Rücken und ziehen die einzelnen Speere raus.

Eines muss man aber auch sagen: Trico ist zwar fantastisch animiert, also jede einzelne Feder seines Federkleids wird einzeln animiert, aber der Qualität der Umgebungstexturen und generell Leistungsfähigkeit der Engine merkt man schon an, dass sie aus dem PS3-Zeitalter in die Moderne gehievt wurde. Es ist eher ein Liebhaberstück, was man gerne spielt, weil der Artstil und die künstlerische Vision wundervoll funktionieren. Das ist ein bisschen wie ein Aquarell, was zum Leben erweckt wird, das sehr harmonisch wirkt.

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Die Demo lässt viele Fragen offen, die unbeantwortet bleiben. Was ist dieses magische Diadem, das Trico da auf dem Kopf trägt?
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Auch können wir die Storytiefe noch lange nicht einschätzen, aber es gibt ja keine klassischen Dialoge, auch der kleine Junge verwendet eine Sprache, die uns zumindest nicht geläufig ist. Das ist also schon ein Werk, auf das man sich einlassen können muss und das eben sehr japanisch ist. Kojima ist auch ein Japaner, aber seine Spiele hatten schon immer einen sehr starken westlichen Einschlag, The Last Guardian ist deutlich eigener.

Ein faszinierendes Erlebnis, wir wollen mehr Zeit mit Trico verbringen - auch, wenn es technisch eher ein PS3-Spiel ist.Ausblick lesen

Trico kann auch anders…

„Ich habe The Last Guardian begonnen, weil mir diese eindimensionale Darstellung in anderen Spielen etwas auf den Keks ging. Es ist ja eigentlich Standard, dass ich als Spieler ein Tier so steuere wie ein Auto und es keine Widerworte gibt“, erklärt Fumito Ueda. „Aber das nimmt ihm die Persönlichkeit. Trico ist eine Persönlichkeit, er hat seinen eigenen Willen und auch wenn er in diesen Szenen vielleicht sehr süß wirkt, bleibt er ein wildes und durchaus gefährliches Tier. Ich finde diese Ambivalenz in seinem Charakter sehr spannend.“

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Technisch gesehen bewegt sich The Last Guardian auf dem Niveau der letzten Playstation-3-Spiele. Dieses Aquarell-Design fasziniert aber trotzdem.
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Diese Thematik soll sich durch das ganze Spiel ziehen. Ihr erinnert euch vielleicht noch an die Pferde aus Red Dead Redemption, die euch einfach abgeworfen haben, wenn ihr ihnen zu hart die Sporen gegeben habt. So ein bisschen ist Trico, manchmal traut er sich nicht, manchmal möchte er auch einfach nicht. Das ist neu und anders, in Teilbereichen greift Uedas Team aber auch auf Altbewährtes zurück. Die majestätische Kulisse, diese verfallenen Ruinen einer mysteriösen Hochkultur erinnern durchaus an das Schloss aus Ico. Anders als seine Vorgängerwerke dreht sich The Last Guardian aber nicht ums Kämpfen und nicht um Waffen. Ihr habt eventuell im Vorfeld der E3 von einem roten Lichtstrahl gehört, den Trico aus seinem Schwanz abfeuern kann. Der dient in Los Angeles nicht etwa der Abwehr von Gegnern, sondern dem Lösen einiger kleiner Puzzles.

Als Junge (seinen Namen kennen wir nicht, daher diese merkwürdige Bezeichnung) schlüpfen wir durch ein Loch, fallen in eine Art Brunnen. Unsere Toga wird durchnässt, wir frieren und müssen einen Weg finden uns aufzuwärmen. Wir finden einen Spiegel, nehmen ihn an uns und verwenden ihn fortan als Schild. Über diesen Schild können wir Tricos Lichtstrahl umleiten um Puzzles zu lösen, etwa eine hölzerne Wand zu entzünden, die den Weg versperrt. Aber auch ein Feuerchen zu machen, um uns zu wärmen. So langsam freunden sich die beiden an, Trico legt sein Federkleid über seinen Retter, das Abenteuer kann beginnen.