USA, Land der unbegrenzten Möglichkeiten, wo jeder vom Tellerwäscher zum Millionär aufsteigen kann, so er denn nur will. Im Land der Freiheit werden immer wieder Trends und Verrücktheiten geboren, die einen zum Staunen bringen – da macht auch die Gamer-Kultur keine Ausnahme. Die dazugehörigen Verfilmungen werden von Hollywood produziert, meistens mit grottenschlechten Resultaten a la „Street Fighter“ oder „Mortal Kombat“.

Mit „The King of Kong: A Fistful of Quarters“ ist dem Regisseur Seth Gordon ein unterhaltsamer Dokumentarfilm gelungen, der eine faszinierende Geschichte zweier Nerds erzählt, die ein Ziel verbindet: den Weltrekord im Arcadespiel „Donkey Kong“ zu erzielen. Alles zur preisgekrönten Gamer-Doku, die zur Abwechslung einmal nicht Sucht- oder Gewalttendenzen thematisiert, auf den folgenden Seiten.

Kampf der Titanen

Obwohl der allseits bekannte, Fass werfende Gorilla im Filmtitel vorkommt, befasst sich die Doku weniger mit Herrn Kong als vielmehr mit zwei Spielern, die einen erbitterten Kampf um den Weltrekord im Arcade-Klassiker „Donkey Kong“ führen. Die zwei Kontrahenten, Billy Mitchell und Steve Wiebe, spiegeln dabei den klassisch-amerikanischen Typus von Gut und Böse auf ihre eigene Art und Weise wider.

The King of Kong: A Fistful of Quarters - Donkey Kong und der amerikanische Traum

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Billy Mitchell: Videospieler des Jahrhunderts und Bad-Guy bei „A Fistful of Quarters“.
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Entspräche die Geschichte nicht der Wahrheit - man könnte sich wunderbar an den abgedroschenen Klischees aufregen. Vader vs. Luke, Smith vs. Neo und nun, Mitchell vs. Wiebe. Vorhang auf für eine unterhaltsame Dokumentation mit Nerd-Faktor 10/10.

In der einen Ecke steht der mittlerweile 44jährige Besitzer von „Rickey´s World Famous Sauces“, Billy Mitchell aus Hollywood, Florida. Billy hat als erster Gamer das perfekte Pac-Man-Spiel abgeliefert und sein „Donkey Kong“-Weltrekord aus dem Jahr 1982 belegte 25 Jahre lang mit 874.300 Punkten unangefochten den ersten Platz. 1999 wurde er zum Videospieler des Jahrhunderts gewählt. Billy läuft gerne mal mit einer Stars & Stripes-Krawatte rum und lässt Sprüche von sich wie: "If you want your name written into history, you have to pay the ultimate price." Mit seiner arroganten Art eckt er an und spielt bei „The King of Kong“ den Bad-Guy.

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Steve Wiebe mit Familie und dem unverzichtbaren „Donkey Kong“-Automaten.
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In der anderen Ecke der Herausforderer aus Seattle, Washington: Steve Wiebe, liebevoller Ehemann und Familienvater. Nachdem Steve 2003 seinen Job bei Boeing verloren hat, entdeckt der Underdog durch Zufall den Highscore von Billy Mitchell und beginnt seine Aufholjagd. Steves Art erinnert einen daran, dass die guten Jungs immer den Kürzeren ziehen und niemals die Ballkönigin abschleppen werden. Man wünscht dem Sympathieträger und Randbeckenschwimmer den Sieg von ganzem Herzen – jedoch bleibt andauernd das Gefühl bestehen, dass die dunkle Seite aka Billy das nicht zulassen wird.

Die Geschichte nimmt ihren Lauf

Nach dem Verlust seines Jobs kommt Steve billig an einen „Donkey Kong“-Spielautomaten, den er prompt in seiner Garage aufstellt. Nach intensivem Training schafft es der Familienvater tatsächlich den Rekord von Billy Mitchell mit 874.300 Punkten zu brechen. Das Videoband mit dem aufgezeichneten Rekord schickt Steve an die „Twin Galaxies“ in Iowa.

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Walter Day, Folksänger und Schiedsrichter bei den „Twin Galaxies“, beobachtet Steve Wiebe skeptisch.
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Der mittlerweile 59jährige Walter Day, Folksänger, Komponist und Schiedsrichter für Arcadespiele, hat 1981 mit „Twin Galaxies“ eine international anerkannte Autorität gegründet, die gewissermaßen als elektronische Anzeigetafel dient. Ranglisten der besten Spieler, Statistiken und Turniere der Arcade-Szene werden von einer Schar freiwilliger Schiedsrichter aufgestellt und überwacht. Walter Day hat mit den „Twin Galaxies“ nichts weniger als den Grundstein des modernen E-Sports gelegt.

Das Tape von Steve Wiebe schlug in Iowa natürlich ein wie eine Bombe, da Mitchell bei den „Twin Galaxies“ einen fast schon gottgleichen Status genießt. Es folgt eine wahre Geschichte, voll gepackt mit Intrigen, hinterhältigem Verrat, erbitterten Wettkämpfen zwischen Gut und Böse, jeder Menge liebenswürdiger Nerds und schwankenden Zockerlegenden. Auch der gewiefteste Schreiberling hätte seine Mühe damit gehabt, sich etwas Dramatischeres aus den Fingern zu saugen.

Mr. Underdog, Nerds und deren Obsessionen

Die Dokumentation von Seth Gordon lebt vor allem von den illustren Charakteren. Man leidet mit dem sympathische Herausforderer Wiebe mit, der ein halbes Martyrium durchleben muss, bis sein Rekord anerkannt wird – nur weil die „Twin Galaxies“ ihre hauseigene Legende Mitchell nur äußerst widerwillig verlieren sehen können. Auf der anderen Seite überzeugt Mitchell als perfekter Rivale: manchmal heuchlerisch, oft arrogant und immerzu dubios.

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Wiebe beim Training. Um eine Chance auf den Rekord zu haben, zeichnet er die teils redundanten Abläufe von „Donkey Kong“ auf.
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Begleitet werden die zwei Erzgegner von einem liebenswürdigen Nerd-Kommando sondergleichen, die sich und ihre Spiele äußerst Ernst nehmen. So wie der freiwillige Schiedsrichter Robert Mruczek, der sich jeden Abend stapelweise Videos von eingesendeten Rekorden reinzieht, um nach den kleinsten Anzeichen von Betrug oder Filmmontage zu suchen.

All das mag dem Zuschauer albern und trivial vorkommen, jedoch nicht für die Beteiligten – warum dem so ist, zeigt die Dokumentation auf gelungene Art und Weise. Es geht um die Faszination oder gar Obsession einen Weltrekord zu erzielen und um das psychologische Kräftemessen zweier Rivalen. Es geht um den alten amerikanischen Traum, die Spitze zu erreichen, und wie weit Menschen gehen, um an der Spitze zu bleiben – im positiven wie auch im negativen. Das „Rolling Stone“-Magazin ging soweit, „The King of Kong“ als Metapher für den Niedergang der westlichen Zivilisation mit dem Prinzip der Leistungsgesellschaft zu bezeichnen.

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Der Grundstein des modernen E-Sports. Eine Aufnahme vom „Life Magazin“ aus den 80ern zeigt Zocker bei einem „Twin Galaxies“-Event.
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Der Film ist auch ohne sozialkritische Interpretation unglaublich packend, unterhaltend und vollgespickt mit witzigen Szenen und Dialogen. Wer also mal einen Blick auf die Anfänge des E-Sports werfen will und sich für aberwitzige Donkey Kong-Skills interessiert, sollte sich „The King of Kong: A Fistful of Quarters“ von Seth Gordon nicht entgehen lassen. Jedoch ist die mehrfach ausgezeichnete Dokumentation bisher leider noch nicht in Europa erschienen, so dass ihr um einen Import nicht rumkommen werdet.