Eine traurige Nachricht: Der alljährliche gamona-Jagdausflug muss diesmal leider ausfallen, weil wir im letzten Jahr mit unseren ungeheuren Skills die lokale Wildpopulation deutlich zu stark ausgedünnt haben. Was wir jetzt brauchen, ist ein adäquater Ersatz, eine Simulation, eine virtuelle Hatz, die uns fordert, uns stundenlang durchs Gebüsch scheucht und in Sachen Realismus über enttäuschende Ballerfeste wie Deer Hunter oder Dangerous Hunts 2011 triumphiert.

The Hunter 2012 - V3 Trailer

Doch oh Glück, oh Freude, Rettung naht in Form eines sehr ambitionierten Titels aus dem Hause Expansive Worlds. The Hunter verpricht riesige Waldanlagen, stundenlange Vergnügungen im Grünen und Tiere, die so plastisch und lebensnah gehalten sind, dass man sie förmlich riechen kann. Dazu echte und vielfältige Jagdausrüstung und Landschaftsdetails wie Hochsitze, Tarnzelte und ja, sogar Hochspannungsmasten werden auf der Packung angepriesen. Also schultern wir unsere beste Elefantenbüchse, benetzen unsere Wangen mit Eichhörnchenurin und schlagen uns ins Dickicht.

Elchfreunde sollt ihr sein

Stellen wir zunächst einmal klar, was The Hunter nicht ist: Es ist kein Massively-Multiplayer-Online-Game, obwohl es oftmals in der Ecke der MMOs angesiedelt wird. Massiv ist hier höchstens die Spielwelt bzw. der Spielwald, nicht jedoch die Anzahl der gleichzeitig teilnehmenden Spieler – würde man nicht alleine durch die Pampa stapfen, wäre das fatal, denn die Jagd ist auch so schon schwierig genug. Ein Multiplayer-Spiel ist es insofern auch nur, weil es sehr von der Community getrieben wird. Soll heißen: Ein großer Teil des Reizes sind Vergleiche der erbeuteten Jagdtrophäen oder auf der Homepage veröffentlichte Herausforderungen, etwa wer die größte Hirschkuh erlegt hat.

The Hunter 2012 - Waidmannsgeil!

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Der Wald ist wunderbar gestaltet.
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Und online? Nun, die Organisation und Verwaltung des Spiels passiert im Webbrowser auf der offiziellen Homepage. Nachdem man dort das Jagdrevier ausgewählt und Missionen angenommen hat, startet über die Webseite der auf dem Rechner installierte Client und schubst einen auf eine recht groß geratene Insel voller Laubwälder vor der Küste Nordamerikas. Wenn man klug ist, hat man zuerst das Tutorial-Gebiet angewählt, in dem man die intuitive Steuerung des eigenen Charakters erklärt bekommt. Schnell greift man wie ein Profi zum Fernglas, dem Lockruf oder zur Flinte, schleicht oder kriecht wie ein Geheimagent (der aus unerfindlichem Grund Rehe hasst) und erfährt nebenbei so nützliche Informationen wie "Ein Schuss ins Herz ist tödlich."

Hier darf man auch aus der Ego-Pespektive das erste Mal anlegen und einen Maultierhirsch zu seinen Ahnen schicken. Während man noch darüber nachdenkt, ob man gerade vielleicht Bambi abgeknallt hat, realisiert man auch, wie detailreich The Hunter gebaut ist. So wurde dem soeben erlegten Hirsch, dessen Kadaver nun majestätisch in der Sonne verrottet, eine eigene Anatomie mit inneren Organen verpasst – daher auch der anfängliche Hinweis mit dem Herzschuss. Eine Kugel in der Lunge lässt unser Opfer noch ein paar Meter weit kommen, während ein Streifschuss unweigerlich eine lange und frustrierende Verfolgung durch den Busch nach sich zieht.

Packshot zu The Hunter 2012 The Hunter 2012 Erschienen für PC kaufen: Jetzt kaufen:

"Lang und frustrierend" sind gute Schlagworte, denn haben wir erst mal die Bedienung verstanden, gehen wir selbstständig in die Ressorts, wählen unsere Waffe (Jagdgewehre, Schrotflinten, Revolver oder sogar ein Kompositbogen), unser Zubehör und pirschen dann nach einem der momentan zehn verschiedenen Tiere, darunter verschiedenes Wild, Fasane, Kojoten und sogar Bären. Und genau wie bei einer echten Jagd ist dieses Unterfangen schwierig, sehr sogar. Der Höhepunkt meiner ersten beiden Spielstunden war nicht etwa das Erlegen eines Tieres, dazu kam es nämlich nicht. Der Höhepunkt war, dass ich einen Hirsch sah. Nicht schoss, nur sah.

The Hunter 2012 - Waidmannsgeil!

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Alle Jubeljahre erblickt man mal einen Hirsch - das ist die große Chance!
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Tatsächlich ist Realismus (mit leichten Abstrichen) das erklärte Ziel von The Hunter, daher wundert es nicht, dass die Tiere scheu und die zurückgelegten Wege lang sind. Es ist eine dieser Simulationen, in denen teilweise stundenlang nicht wirklich etwas passiert und der Spielspaß darin besteht, sich in Geduld zu üben, bloß keine Fehler zu machen und auf ein leeres Stück Wald zu glotzen, in der Hoffnung, dass gleich irgendein Vieh hervorspringt. Meistens springt es nicht, denn Tiere können den Jäger sehen, hören und riechen. Wir hingegen können schleichen, uns ducken und mit Düften bekleistern (ihr dachtet, der Eichhörnchenurin wäre ein Witz gewesen, hm?). Oh, und wir haben eine Knarre.

Der Bär auf dem Försterball

Diese Art des Spielablaufs kann, je nach Spieler, unheimlich fesseln oder langweilen. Wer die entsprechenden Nerven hat und sich am liebsten vor dem Rechner noch in einen Ghillie-Anzug schmeißen möchte, kann sich hier ewig beschäftigen, langsam besser werden und erfährt ungeheure Befriedigung, wenn eine Jagd dann erfolgreich war. Die meisten Spieler werden eine Stunde vor dem Bildschirm sitzen, sich dann höchst veräppelt vorkommen und abschalten. Ja, es ist diese Art von Spiel.

So muss eine Simulation sein – fesselnd, realistisch, gut gestaltet und für Außenstehende tödlich langweilig.Fazit lesen

Dabei gibt man sich durchaus Mühe, das Jagderlebnis zugänglich zu gestalten. Zunächst fällt auf, dass The Hunter recht hübsch aussieht. Zwar kämpft man mit einer beschränkten Sichtweite und damit verbundenen Pop-ups (besonders auffällig, weil man so oft durchs Fernglas guckt), aber saftiges Laubwerk lässt vereinzelte Sonnenstrahlen durchblitzen, während wir in der morastigen Konsistenz einer taugetränkten Lichtung nach Hirschdung buddeln. Bereits erwähnt wurde die zugängliche und einprägsame Steuerung, deren Abwesenheit schon so manche Simulation vorzeitig begraben hat.

Zum zweiten wird der Realismus zugunsten des Spielspaßes teilweise etwas zurückgenommen. Unser nützlichstes Gerät ist ein PDA, genannt "Huntermate", der sich schon fast wie Schummelei anfühlt, aber eigentlich eine gute Kompensation dafür ist, dass die Tiere so eine ausgezeichnete Wahrnehmung haben. Mit dem Huntermate in der Hand haben wir stets eine Karte vor Augen, auf der ständig Informationen aktualisiert werden.

The Hunter 2012 - Waidmannsgeil!

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Wer nicht genauestens zielt bei der Jagd, hat kaum eine Aussicht auf Erfolg.
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So sehen wir nicht nur, wenn wir uns einem Rastplatz nähern, wenn wir aufällig rot markierte Trittsiegel oder Losung finden (das ist Fachsprache für "Fußspuren oder Mist") wird uns auch angezeigt, wohin das Tier sich bewegt hat und wie weit. So nähern wir uns immer weiter, vorsichtig... dann machen wir einen Schritt zu viel, schrecken das Biest auf und es läuft weg.

Sollten wir es tatsächlich schaffen, das Tier nicht zu verschrecken, können wir es schießen – entweder mit der Waffe oder einer Kamera. Oder beidem. Danach nähern wir uns, müssen es aber nicht ausnehmen, sondern kassieren einfach eine Trophäe, die online verzeichnet wird. Dauert unsere Jagd zu lang, müssen wir rasten und es erneut versuchen. Wir dürfen auch nicht einfach jedes Tier mit jeder Waffe erlegen, es gibt strenge Richtlinien, und ein mit dem Raketenwerfer erlegter Fasan brächte uns gar nichts – selbst, wenn es solche Wummen gäbe.

The Hunter versucht die Gratwanderung zwischen Zugänglichkeit und Realismus und landet doch deutlich auf der realistischen Seite. Dessen ist man sich auch vollends bewusst und wirbt damit, aber somit ist es nicht ganz leicht zu empfehlen. Glücklicherweise kann man es kostenlos antesten, es ist aber inhaltlich sehr begrenzt, mit nur einer Waffe, nur einer zum Abschuss freigegebenen Hirschart und zwei Arealen.

Dennoch erfährt man gut, wie sich The Hunter anfühlt und ob es sich für einen eignet bzw. ob man die Zeit für die immens aufwändigen Guerilla-Abenteuer aufbringen kann. Wenn man dieses Erlebnis dann hochrechnet, dabei den Community-Aspekt, die verschiedenen Missionen und Herausforderungen berücksichtigt, hat man eine gute Vorstellung davon, ob man für eine Mitgliedschaft bezahlen würde.