Ein Versprechen, das aufhorchen lässt. Mit The Evil Within möchte Zombie-Großmeister Shinji Mikami die beklemmende Furcht alter Survival-Horror-Tage auferstehen lassen. Es soll eine Hommage an die Wurzeln des Genres werden.

The Evil Within - DLC Gameplay Trailer16 weitere Videos

Wenn Shinji Mikami einer Vision folgt, lässt er sich nicht beirren. Gegen den Strom will er diesmal schwimmen, den reinen Actionpfad verlassen, den Horror wieder dort hineinbefördern, wo er in seiner einst hochgeschätzten Resident-Evil-Reihe ausgemerzt wurde. Sein Rezept: weniger Schussgefechte, mehr Ungewissheit, dichtere Atmosphäre.

So ganz kann er sich trotzdem nicht von der Moderne lösen. Sein Hauptdarsteller, der Polizist Sebastian Castellanos, lässt in spielbaren Passagen nur den Blick über die Schulter zu. Sicherlich praktisch beim Bleispucken, aber auf den ersten Blick kaum von Resident Evil 4 bis 6 zu unterscheiden. Wer spannende Kamerawinkel und cineastische Stilelemente abseits der Zwischensequenzen erwartet, wird enttäuscht.

Mikami-san konzentriert sich vielmehr auf den Inhalt seiner Horrormär und deren feinfühlig ausgetüftelte Erzählweise. Bedächtig baut er Spannung auf, indem er seinem Schauplatz eine Art „ausführlichen Establishing-Shot“ gewährt. Langsame Kamerafahrten, ein Auge fürs Detail und gutes Voice-Acting vermitteln den Ausgangspunkt der Lage.

The Evil Within - Mit Bach im Ohr und Gedärmen in der Hand

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 46/501/50
Leichenschauhaus, Blut, spärliches Licht - kennt man alles, klappt noch immer.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Als Schauplatz dient eine Klinik im Örtchen Beacon, in dem unser Held nach einer kurzen Einleitung auf unerwartete Umstände trifft. Überall Tote und Chaos, kein Verantwortlicher hat mehr die Kontrolle. Stattdessen spukt eine geisterhafte Gestalt durch die leeren Flure, deren Wimmern und Pfeifen Gänsehaut generiert.

Ein Profi wie Sebastian Castellanos lässt sich nicht leicht einschüchtern. Solange er dienstlich seinen Trenchcoat trägt und vor sich hinmurmelt, scheint unser Held noch gefasst seiner Pflicht nachzugehen. Er ruft weder Verstärkung, noch meldet er seine Beobachtungen. Doch die Bekanntschaft mit dem Geist hat heftige Konsequenzen. Nur kurze Zeit später wohnt er einem grausamen Schauspiel als Gefangener bei. Kopfüber in einer Folterkammer hängend, muss er einem fettleibigen Kotzbrocken zusehen, wie er unter lieblicher Beschallung durch Bachs Streicherquartett „Air“ einer anderen bemitleidenswerten Seele sämtliche Gedärme herausnimmt.

Packshot zu The Evil WithinThe Evil WithinErschienen für PC, PS3, PS4, Xbox 360 und Xbox One kaufen: Jetzt kaufen:

Aus dem Blickwinkel des Cops ist nur wenig Konkretes zu erkennen und doch sitzt der Schreck tief. In einem Raum mit Hannibal Lecters Metzgercousin? Womöglich der Nächste sein? Nichts wie weg hier!

The Evil Within - Mit Bach im Ohr und Gedärmen in der Hand

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden4 Bilder
Action wird es auch geben, aber nicht so unglaublich viel und wenn, dann habt ihr nicht gerade massig Munition.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Was mit dieser Szene in Bewegung gesetzt wird, könnte man als Dominoeffekt bezeichnen. Castellanos gewährt seinem Selbsterhaltungstrieb die volle Kontrolle und flieht. Erlösung bleibt jedoch aus, denn gleichzeitig macht er den fetten Schlachterklops auf sich aufmerksam. Aus der Flucht wird eine Jagd, wodurch die stickige Luft immer dünner wird. Wohin fliehen, wenn es keinen Ausgang gibt?

Die Flure dieses siffig-verschmierten Rattenlochs scheinen endlos. Zwischen den roten Backsteinen des verrottenden Gemäuers versperren verschlossene Türen den Zugang zu den tiefergelegenen Stockwerken, was im Alleingang bereits zu Platzangst führen könnte. Mit einer hünenhaften Speckschwarte im Nacken, die zu allem Übel eine Kettensäge anwirft, reicht es aber nicht einmal zu klaren Gedankengängen. Der Instinkt übernimmt alle Handlungen und sucht nach jeder noch so kleinen Chance zu entkommen.

Welch' ein beklemmendes Szenario. Mikami versteht sein Handwerk.Ausblick lesen

Wie Jagdwild lässt sich Castellanos in eine Falle aus rotierenden Klingen treiben. Verzweifelte Blicke zurück verraten, dass er längst eingeholt wurde. Dann ein beißender Schmerz im Bein: Das war die Kettensäge. Das war es dann wohl. Jetzt ist es aus.

Mit Schwäche eine starke Vorstellung liefern

Dass Castellanos doch noch entkommt, dürfte nicht zu viel gespoilert sein. Er humpelt mit letzter Kraft in einen alten Fahrstuhl und löst mit dem Schließen der Tür eine tief sitzenden Knoten: Puh, endlich ein Moment der Ruhe. Leider aber auch der Moment, in dem man als Spieler oder Zuschauer Zeit zur Reflexion hat und bemerkt, dass man all das schon kennt. In anderer Form, sicherlich, aber das Rezept ist das Gleiche.

Dieses Gefühl der Panik im Schatten eines schier übermächtigen Widersachers könnte so manchen Resident-Evil-Kenner an jenen Koloss aus Teil zwei erinnern, der unaufhaltsam durch jede Wand stolzierte. Man wird ihn einfach nicht los.

Was The Evil Within so speziell macht, ist die Konsequenz der Schwäche. Wo man einst mit Granatwerfern für Laufpausen sorgte, kommt Passivität ins Spiel, denn wo keine Waffen sind, gibt es keine effektive Verteidigung. Zudem geht es hier nicht um einen mutierten Zombie, sondern um einen sterblichen Kotzbrocken, der noch eine Weile als Angstgenerator dienen muss. Schleichen, verstecken, ablenken – das sind in den ersten Szenen die Säuregranaten von The Evil Within.

The Evil Within - Mit Bach im Ohr und Gedärmen in der Hand

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 46/501/50
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Wobei der Hauptcharakter am meisten Sympathie generiert, wenn er verletzt wurde. Wenn er humpelt und um jeden Meter kämpft, was mehr aussagt als jede Energieleiste. Leider wird das Stilmittel nicht für die Handlung verwendet, sondern für den spielerischen Anteil. Eine Medizinspritze genügt, dann verschwinden alle Wehwehchen. Schade. Gerade bei so einem Szenario wäre es doch spannend, an einem Stück durchkommen zu müssen.

Nicht zuletzt, weil das Entwicklerteam bislang nur wenige zusammenhängende Szenen zeigt, die den Eindruck eines eher linear gestalteten Spiels erwecken. Entscheidungsfreiheit wurde versprochen, nur wie weit sie führt, bleibt im bisherigen Stadium ungewiss.

Völlig andere Ausschnitte zeigen, dass generische Action nicht ausbleibt. So soll Sebastian Castellanos irgendwann in einer Blockhütte Stellung beziehen, um heranschlurfenden Zombies möglichst effektiv die Birne herunterballern zu können. Obwohl taktisches Minenlegen und begrenzte Vorräte spielerische Tiefe beweisen, unterscheidet sich dieser Abschnitt völlig von dem, was die ersten Minuten versprachen. Spätestens wenn einem Super-Zombie ein Arm nachwächst, befinden wir uns wieder in einer Grauzone zwischen Uncanny Vally und Zombie-Kult, die nur unter Verrenkungen zur Einleitung passen will. Auch die in Trümmern liegende Stadt Beacon trägt ein seltsam bekanntes Echo von Raccoon City.

The Evil Within - Mit Bach im Ohr und Gedärmen in der Hand

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden4 Bilder
Was zum Teufel schält sich da nur aus dem Schatten?
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Was nicht heißt, dass Shinji Mikami und sein Team zwangsläufig Stilbruch begehen. Für ein Urteil war bisher zu wenig Zusammenhängendes zu sehen und „The Evil Within“ hat obendrein noch einiges an Entwicklungszeit vor sich. Womöglich liegt zwischen beiden Szenarien ein spannender Plot, vom dem Tango Gameworks vorab noch nicht zu viel preisgeben möchte.

Grundsätzlich scheint Mikami nicht zu viel zu versprechen. Man spürt wieder den Horror nebst Survival, gerade weil grafisch explizite Gore-Orgien dem psychischen Druck weichen müssen. Die Umgebung könnte noch etwas düsterer und detailreicher sein, um das Kinofeeling des absichtlich anamorphen Bildformats weiter zu verstärken. Alles weitere wird die Zeit zeigen.