Er hat immer etwas Romantisches, der Moment, in dem man den Tutorial-Dungeon hinter sich lässt, staunend hinausgeht in die riesige Welt und nicht weiß, ob man zuerst nach Norden, Süden, Westen oder Osten marschieren soll. Alles frei erkundbar, wenn man mag. Nun mach mal, hast ja genug Zeit.

The Elder Scrolls 5: Skyrim - E3 2017: Switch Version13 weitere Videos

Auch „The Elder Scrolls 5: Skyrim“ hat diesen Moment. In der Ferne zeichnen sich schroffe Gipfel ab, drumherum Wolkenfelder und übermannshohe Tannen. Ich könnte sofort in alle Himmelsrichtungen verschwinden, den abschüssigen Pfad hinunter, in die Gegenrichtung oder runter zum Fluss, aus dem Fische neugierig den Kopf strecken. Es ist vollkommen egal, wohin, denn anfangs muss man erst mal stehen bleiben und die Eindrücke in sich aufsaugen. Die Kulisse ist eine Wucht.

Nicht bis ins technische Hundertstel. Des Hexers zweites Abenteuer sieht auf dem PC noch einen Tick besser aus, was Texturen und Oberflächenstrukturen bei Objekten angeht. Es sind eher die Ausgestaltung, die angedeutete Größe und Vielfalt der Welt, die mich schon in den ersten Minuten mit Haut und Haaren verschlingen. Nordisch, rau, derb, vereinzelt mit weißen Tupfern drapiert und handgemacht. Man spürt die kalte Luft förmlich, wenn sich Nebelschwaden durch die Botanik wälzen.

The Elder Scrolls 5: Skyrim - Eine Stunde Zeit und so viel zu erleben

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 242/2461/246
Das erste Mal die Spielwelt da draußen sehen - einfach herrlich.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Bevor man hier draußen in die Wildnis marschieren kann, darf man sich in der Elder-Scrolls-typischen Charaktererstellung austoben. Von Argonier bis Khajiit, von Ork bis Elf, von Mensch bis Nord stehen alle Rassen Tamriels an der Startlinie, natürlich inklusive zahlreicher Schieberegler zum Biegen, Drehen, Stauchen und Quetschen.

Nase, Ohren, Stirn, Statur und Mundbereich laden wieder zur kosmetischen Knetstunde ein, hinzu kommen in „Skyrim“ Kleinigkeiten wie Kriegsbemalung, Narben, Schmutz und Schmutzfarbe. Man kann seinem Charakter sogar ein blindes Auge verpassen, entweder in Weiß oder Rot. Ein nettes Detail, obwohl man seine Figur wohl nur selten von vorn betrachten darf. Los geht's in meinem Fall mit einem stämmigen Ork, monströse Hauer ragen aus dem Unterkiefer. Jedes Wildschwein wäre neidisch.

Packshot zu The Elder Scrolls 5: SkyrimThe Elder Scrolls 5: SkyrimErschienen für PC, PS3 und Xbox 360 kaufen: Jetzt kaufen:

Die ersten Schritte tut man – der Elder-Scrolls-Leitsatz schreibt es vor – als seiner Hinrichtung harrender Gefangener, der auf wundersame Weise den Henker versetzt und mit der süßen Freiheit durchbrennt. Könnte was damit zu tun haben, dass er als „Dragonborn“ die einzige Rettung für die nördliche Provinz und das ganze Kontinent ist. Oder so. Bethesda wollte weder etwas vom Intro noch von den folgenden Dialogen oder Quests zeigen.

The Elder Scrolls 5: Skyrim - Screenshots zu den spielbaren Rassen

Klicken, um Bilderstrecke zu starten (12 Bilder)

The Elder Scrolls 5: Skyrim - Screenshots zu den spielbaren Rassen

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/13Bild 233/2451/245
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Ist ja auch alles viel zu hektisch, und um Drachen geht‘s noch nicht. Die in „Skyrim“ zurückkehrenden Schuppenbestien sind genauso weit weg wie der brodelnde Bürgerkrieg. Unser Ork marschiert lieber los, ergötzt sich an der Vegetation. Gebüsche rascheln am Wegesrand, fast jede Pflanze hat einen Namen, und die meisten kann man pflücken, um später am Alchemietisch Tränke zusammenzupanschen. Wie immer in „Elder Scrolls“ gilt: Die Ausprägung der nötigen Fertigkeiten richtet sich danach, wie oft man sie benutzt. Als übergeordnete Attribute geben Magie, Ausdauer und Gesundheit die Richtung an.

Dafür verbirgt sich hinter jeder Fähigkeit ein Perk-Baum mit verschiedenen Spezialisierungsrichtungen. Wer den „Schild“-Baum erkundet, entdeckt nette Dinge wie „Blocken um 25 Prozent effektiver“, „Schildschlag richtet mehr Schaden an“ und „Schneller bewegen mit ausgerüstetem Schild“. Im Zweihandwaffenbaum kann man unter anderem 20 Prozent mehr Schaden zuschalten oder dafür sorgen, dass ein Viertel des gegnerischen Rüstungswerts bei Angriffen mit dem Kriegshammer ignoriert wird.

Große Welt, viel zu erkunden, liebevoll ausgestaltet - bis auf einige Fragezeichen in den Bereichen Kampf und Menü sieht Skyrim super aus.Ausblick lesen

Unser Ork hat inzwischen eine Höhle erreicht. Ich freue mich nicht nur über den just erbeuteten Stab, der Monster gegen Feinde aufwiegelt, sondern vor allem über die feine Gestaltung, das plastische Gestein, das schimmernde Wasser, das fahle Licht schief hängender Fackeln - handgemachte Dungeons, in denen man sich gern verliert.

The Elder Scrolls 5: Skyrim - Eine Stunde Zeit und so viel zu erleben

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden4 Bilder
Vom Khajiit bis zum Argonier, vom Ork bis zum Nord stehen alle Rassen zur Verfügung - inklusive eigener Spezialitäten.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Statt durch Einbahnstraßenhöhlen zu tigern, gibt es abfallende Gänge und verschlungene Schächte. Man muss Schalter betätigen, um Brücken auszufahren. Manche Stollen sind überschwemmt und nur für Charaktere mit viel Puste oder einem entsprechenden Unter-Wasser-atmen-Trank passierbar. Es sei denn, man entscheidet sich zu Beginn für das Echsenvolk der Argonier – die können Kraft ihrer Lunge so lange tauchen, wie sie wollen.

Keine schlechte Idee, hier unten eine Lichtquelle zu haben, was dank beliebiger Bestückung beider Hände auch kein Problem ist. Wer auf den Schild in der Linken und den Shield-Dash-Angriff im Speziellen verzichten kann, ersetzt ihn durch eine Fackel, die Gegner in Brand steckt, wenn man die entsprechende Angriffstaste drückt.

Eine Welt für Entdecker

Zu spüren kriegen das Banditen, die sich hier unten breitgemacht haben. Wobei ich eingestehen muss, dass der Kampf bislang keine markanten Zeichen setzen oder Eindrücke hinterlassen konnte. Ja, es gibt coole Finisher, bei denen Kehlen aufgeschlitzt und Bäuche durchbohrt werden. Das sieht besonders mit zwei Dolchen in den Händen unheimlich schmissig aus und erinnert in der Ego-Perspektive ein wenig an die Gnadenlosigkeit eines „Dark Messiah“. Schön ist auch eine Szene, in der sich ein Gegner mit zertrümmertem Bein keuchend über den Boden schleppt und dem finalen Hammerschlag zu entkommen versucht.

Aber Zuschlagen und Blocken wirken bislang noch zu kraftlos, zu schlapp, zu locker, zumal keine Konter oder besondere Finten vorgeführt werden. Ohne größere Probleme schnetzelt sich der Ork durch eine Höhle voller Banditen, steckt von links einen Feuerball ein, von rechts eine Klinge und ein paar Pfeile, doch spannend im Sinne von „Kämpfe um dein Leben“ sieht das nicht aus. Schieben wir es mal darauf, dass der Ork mit Cheats für den Einstieg fit gemacht wurde.

The Elder Scrolls 5: Skyrim - Eine Stunde Zeit und so viel zu erleben

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 242/2461/246
Die Städte sollen lebendiger ausfallen als in den Vorgängern. Wäre ja auch nicht allzu schwer...
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Wer Wert auf Kleinigkeiten legt, dürfte sich in „Skyrim“ wohlfühlen: Tische sind gefüllt mit Kram, alles ausmodelliert und sammelbar, aus Truhen purzeln Tränke, Gold und Gemmen, während ein Lagerfeuer daneben zur kurzen Verschnaufpause einlädt. Lesestoff gibt's in Hülle und Fülle: edel in Leder gebundene Tagebücher, die Seiten zerfranst, fleckig und angelaufen oder bis zur Unkenntlichkeit zerfleddert. Diese Mühe ist bewundernswert. Ich freue mich jetzt schon auf die erste Bibliothek im Spiel.

Kein Wunder, dass sich das Gepäck rasch mit haufenweise Krempel füllt: Waffen, Rüstungen, Tränke, Krallen, Felle, Pelze und alles, was man zum Handwerken benötigt. Unser Ork entdeckt eine Schmiede, krempelt die Ärmel hoch und kann den Hammer schwingen. In halb durchsichtigen Menüs bestimmt man, was man aus welchen Rohstoffen anfertigen möchte, während die Spielfigur im Hintergrund die entsprechenden Arbeitsschritte ausführt: Klinge in die Glut halten, sie hämmernd in Form bringen, abkühlen. Dasselbe gilt für gewiefte Giftmischer, die an Alchemietischen ihre Tränke aus gesammelten Pflanzen brauen.

Was das Inventarmenü angeht: meeh. Nicht, dass ich mich mit der rechtwinkeligen DIN-A4-Anordnung in Spalten nicht abfinden könnte. Alles ist geordnet und fast schon peinlich übersichtlich, damit man ohne viel Federlesen findet, was man sucht; das beste Item einer Kategorie ist zudem mit einem Pfeilsymbol gekennzeichnet. Als Kontrapunkt zur mühevoll von Hand gestalteten Spielwelt funktionieren die Menüs wahrscheinlich sogar, zumal man jeden gefundenen Gegenstand in einer edlen 3-D-Ansicht betrachten und drehen kann.

Nützlich ist die Favoritenliste, in der man alles anordnen kann, was man schnell griffbereit haben möchte: zum Beispiel Tränke, Waffen und Sprüche. Mit dem Digikreuz wühlt man sich während des Spiels durch die Liste und den rüstet entsprechenden Krempel unkompliziert aus.

The Elder Scrolls 5: Skyrim - Eine Stunde Zeit und so viel zu erleben

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden4 Bilder
Die Argonier sind ein Echsenvolk, das z.B. unter Wasser atmen kann.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Aber wieso wirkt das so steril? Man bekommt gerade mal Infos zu den Waffenwerten, zur Stärke von Rüstungen und allem, was bloßes Zahlenwerk angeht. Allerdings nicht mal eine kleine Textzeile mit Beschreibung. So schön die Schilde, Klingen, Äxte und Bögen gestaltet sein mögen, so gerne ich das 3-D-Modell im Inventar betrachte – mir ist ein Absatz mit der Geschichte des Gegenstands lieber. Ich hab jedenfalls keine Taste gesehen, um ein entsprechendes Fenster einzublenden. Es wäre schade, würde Bethesda gerade in diesem Bereich sparen.

Und sonst? Bleibt festzuhalten, wie schnell so eine Stunde in „The Elder Scrolls: Skyrim“ verstreicht. Man stromert durch Höhlen, pflückt Blumen, guckt mal hier, mal da, knackt Truhen und plündert sie – wobei das Schlösserknacken ähnlich funktioniert wie in „Fallout 3“.

Knapp sechzig Minuten sind so unheimlich wenig, wenn man bedenkt, dass irgendwo im Spiel Gilden die Fäden ziehen und ihr Netz aus Motiven, Animositäten und Aufträgen spinnen – bestätigt wurden bislang Krieger, Magier, Dunkle Bruderschaft und Diebe. Und das alles abseits der Haupthandlung, deren Ende man mit Scheuklappen laut Bethesda in etwa 20 Stunden erreichen könnte. Wer nicht gerne durch ein Abenteuer hetzt, soll im dreistelligen Stundenbereich unterhalten werden.