Überraschend ehrlich und gerade heraus ist das, was der sportliche Mann in kurzen Camouflage-Shorts und spitzbübischen Grinsen da über sein bislang größtes Projekt sagt. Kein Herumdrucksen, kein Verschweigen offensichtlicher Vorbilder oder Schwächen und all das Zeug, mit dem Leute wie er sonst häufig ihr Geld verdienen. Ein Stück weit ist The Crew ein Spiegel dieser sympathischen, direkten Offenheit.

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Einige Schlagworte hebt Creative Director Julian Gerighty geradezu auffällig betont hervor, so als hätten ihn die Interviews und Gespräche seit Ankündigung auf der E3 2013 gelehrt, welche Aspekte seines ambitionierten Rennspiels regelmäßig falsch verstanden werden. Sehr nachvollziehbar, wie mir nach zwei Stunden und grob geschätzt rund 200 zurückgelegten Kilometern klar wird.

„MMORPG“ ist der Begriff der Stunde und das zentrale Element eines Spiels, bei dem 200 Quadratkilometer nur einen Bruchteil der befahrbaren Landmasse ausmachen. Riesengroß wird das alles sein, wenn The Crew vermutlich irgendwann im dritten Quartal diesen Jahres seine Server hochfährt. Ein großzügige Tour über amerikanischen Boden. „Cruisin' USA", diesmal aber wirklich.

The Crew - Das "Pokémon of racing games" – und das Beste seiner Art

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Wer jeden Winkel von The Crew erkunden will, dürfte ein paar Wochen beschäftigt sein.
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Von den Rocky Mountains rast ihr nach New York, fahrt mit ein paar Typen am anderen Ende der Welt durch Las Vegas und tragt auf dem Weg zum Yosemite ein Kopf-an-Kopf-Duell aus. Sehenswürdigkeiten gibt's im ganzen Land, von Miami bis Seattle. Alles keine wirklich taufrischen Informationen, konnte man hier so oder so ähnlich auch schon mal vor zehn Monaten lesen, zugegeben. Was vor einem knappen Jahr jedoch noch nicht viel mehr als das gutgemeinte Gottvertrauen in die Fähigkeiten der Entwickler von Ivory Tower war, die diesen enormen Spielplatz erst noch mühevoll bauen mussten, hat sich nun als die beeindruckende Wahrheit entpuppt.

Nicht an jeder Ecke werden euch die Augen übergehen; New York hat man vielleicht schon mal ein wenig schicker und detaillierter gesehen. Dafür raste man bislang nicht oft mit 300 Sachen von Amerikas Ost- zur Westküste – mit so ziemlich jedem Postkartenmotiv, das auf der Route dazu gehört.

Was heißt schon Next-Gen?

Plumpe Next-Gen-Kommentare mit gerümpfter Nase und verächtlichem Schmatzen wird es auch in ein paar Monaten wieder von den Usern „Masterrace-PC“ und „Next-Gähn312“ geben, wenn die ersten von euch langsam einen Eindruck davon bekommen, dass Xbox One und PlayStation 4 auch eine Existenzberechtigung abseits von Infamous-Grafikkeule und Titanfalls stabiler Bildrate haben. Weder Microsoft noch Sony werden unbedingt mit The Crew als Aushängeschild für die Rechenkraft ihrer Kisten hausieren gehen, mit „Ey, auf der 360 hätte das doch genauso ausgesehen!“ muss hier aber auch niemand ankommen.

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Die Lichteffekte zählen zu den hübscheren Eigenschaften von The Crew.
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Der erste ernsthafte Versuch eines Rennspiel-MMORPGs seit Test Drive Unlimited 2 ist nicht unbedingt das typische Eye-Candy während der Werbeunterbrechung des Fußballspiels, das auch Herbert Wilke (58 Jahre, CSU-Wähler, stellvertretender Bayern-München-Fanclubvorsitzender, Freunde dürfen ihn „Weißwurscht-Willi“ nennen) „Leck mich, sieht das fett aus!“, skandieren lässt. Mit seinen knackigen Licht- und Wettereffekten (die leider undynamisch, also in dieser Form ausschließlich auf das jeweilige Territorium beschränkt sind) kann The Crew zwar durchaus schick aussehen, letztlich sind seine Stärken dann aber doch eher technische als optische.

Dieser Preis des Staunens ist allerdings einer, den man für eine immens große, beliebig zoombare 3D-Übersichtskarte, Schnellreisen vom einen Ende der Karte zum anderen ohne jedwede Ladezeiten und der Gewissheit, gleichzeitig mit einer vierstelligen Zahl weiterer Spieler gleichzeitig auf dem Server seine Runden zu drehen, ruhig mal zahlen kann. All das mögen Kleinigkeiten sein, die auf den ersten und zweiten Blick schnell übersehen, von einigen vielleicht sogar überhaupt nicht wahrgenommen werden. Es sind jedoch auch Dinge, auf die ich und sicherlich auch der Großteil von euch so schnell nicht mehr verzichten wollen wird. Dinge, die auf den alten Daddelkisten eben nicht mehr möglich gewesen wären.

Es geht Ivory Tower um das Fahren als solches oder eben „the pleasure of exploration“, wie es Gerighty ausdrückt. Jegliche MMO-Zwänge lassen sich zu beinahe jedem Zeitpunkt abschalten. Heißt dann „Free Drive“ und könnte gelegentlich dringend notwendig sein. The Crew meint es zwar ziemlich gut mit euch, weniger jedoch mit eurer Zeit. Wer mehr als fünf Minuten in Forza Horizon, Test Drive Unlimited oder einem anderen Vorbild der französischen Entwickler verbracht hat, weiß ganz gut, wann aus Möglichkeiten Zwänge und aus Spaß Arbeit wird.

Das beste Rennspiel-MMORPG auf dem Markt – was auch immer das heißen mag.Ausblick lesen

Könnte hier ganz ähnlich werden, genug zu tun gibt’s jedenfalls. Hunderte kurzer Skill-Prüfungen etwa, die überall on-the-fly verstreut und jederzeit beim Durchfahren der jeweiligen Symbole sind. Schnelle Nebenaufgaben sind das, „Side-Quests“, um im MMO-Jargon zu bleiben, auf den man durchaus Wert legt. Schnelles Geld eben, mit ein wenig Glück sogar das neue Teil für eure Mühle, auf das ihr so lang gewartet habt.

Das schnellste Rollenspiel der Welt

„Let's talk about the 'RPG' in 'MMORPG'“, sagt Gerighty, als seine aktuelle Präsentationsfolie einen mattschwarzen Mustang mit etlichen Tuning-Teilen zeigt. Es sind die Schwerter und Schilde in einem Online-Rollenspiel, dessen Helden „Lamborghini“ statt „Ritter Arthur“ heißen, davon abgesehen aber jede Menge mit ihren zauberstabschwingenden Kollegen gemein haben.

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Die Tage des nerdigen MMORPG-Rufs sind mit Erscheinen von The Crew gezählt. Viel cooler kann ein Online-Rollenspiel nicht sein.
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Auch sie müssen die Level-Leiter mühevoll erklimmen und sich für Klassen entscheiden, die hier Specs heißen und so funktionieren, wie man es als Rollenspieler erwarten darf. Fünf verschiedene Ausführungen eines jeden Wägelchen gibt es, von Street Spec im Fast-and-Furious-Sil über Circuit Spec für Simulationsrennen auf realen Rundkursen bis hin zum Raid Spec, dem „love letter to 'Smugglers Run'“. Gleichermaßen ein erster Indikator für enorme Abwechslung und die begründete Genrebezeichnung als Rennspiel-MMORPG. Beides Vermutungen, die in den folgenden Spielstunden weiter genährt werden.

Letztere schon kurz darauf beim ersten Tuning oder eben dem Ausrüsten, wenn ihr so wollt. Optik und Preis sind diesmal allerdings nicht die einzigen ausschlaggebenden Gründe für den Tausch von Geld gegen Monster-Spoiler. Jedes Teil ist nur für eine Spec-Klasse und ab einem bestimmten Level eurer Kiste freigegeben – in Dark Souls rennt ihr ja auch nicht nach fünf Minuten mit einer legendären Klinge in der Hand herum. Verschiedene Seltenheitsstufen beeinflussen den Preis zusätzlich. Habt ihr was anderes erwartet?

Gutes Zeug findet sich schon mal buchstäblich auf der Straße, den richtig seltenen Kram drückt man euch allerdings erst nach Abschluss einiger Hauptmissionen in die Hand. Durch sie soll die Spielwelt nicht nur funktional, sondern auch inhaltlich verbunden werden, sie sind der „narrative glue“ zwischen leicht dümmlich-trashigen Zwischensequenzen. „Our narrative is not shakespeare, but fun“, beschreibt der Creative Director die gerenderten Videos – und trifft's damit ziemlich genau. The Crew ist nicht BioShock Infinite, nicht einmal Call of Duty, weiß das aber auch und versucht nicht mehr zu sein als es ist (hört du, Need for Speed?).

Quer über den amerikanischen Kontinent jagen euch diese Missionen, immer mit anderen Zielen und Gegnern vor (oder besser: hinter) euch. Rundkurse auf eng absteckten Kursen, Drag-Rennen, Off-Road-Rasereien, kilometerlange Checkpoint-Rennen und alles, was man mehr oder weniger sinnig mit einem vierrädrigen Untersatz anstellen kann. The Crew gibt sich reichlich Mühe, euch nach jedem Umschalten der Startampel eine andere Erfahrung zu bieten – und bekommt das (insofern sich das nach zwei, drei Stunden sagen lässt) schon ganz gut hin. Erst recht, wenn ihr erkennt, warum Ubisofts Bleifuß-Rollenspiel überhaupt seinen Namen trägt und ihr in kleineren Gruppen gemeinsam mit Freunden oder „xXShadowracerXx“ aus Sidney durch die Walachei brettert. Welche konkreten Vorteile und speziellen Situationen neben dem Plus an Spaß und Schadenfreude aus dem kollektiven Rasen im Verbund entstehen, muss sich allerdings erst noch zeigen.

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Egal ob hochgezüchteter Supersportwagen oder Dreckschleuder: So richtig griffig fühlt sich noch keine der Kisten an.
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Bei allen Problemen, die The Crew am Ende haben könnte oder nicht: Arbeitslosigkeit gehört garantiert nicht dazu. Eher werden sich einige von euch am recht eigenwilligen Verhalten der Edel-, Sport-, SUV- und Was-weiß-ich-Karossen stoßen, das nicht unbedingt schwammig, aber auch kein Brett ist, wie es etwa das vergleichbare Forza Horizon war.

Ivory Tower will niemanden ausschließen; Gran-Turismo-Verfechter sollen Türgriff an Türgriff mit Leuten rasen, die Need for Speed bislang für eine Bezeichnung von Drogenabhängigkeit hielten. Letztere werden diesen Kompromiss aufgrund der Zugänglichkeit vermutlich eher zu schätzen wissen, ohne allerdings eine Chance gegen erfahrenere Spieler zu haben. Mit Glück hat das hier nichts zu tun. Gut so.