Erwartungshaltungen sind etwas Seltsames. Entfernt verwandt mit Vorurteilen, erlauben sie uns, bereits im Vorfeld für eine Sache Begeisterung zu enwickeln, obwohl wir noch nicht eine Sekunde tatsächlich mit ihr verbracht haben. In der Spieleszene nennen wir sowas gerne „Hype“.

The Cave - Ankündigungstrailer7 weitere Videos

Hört man also den Namen Ron Gilbert, dann macht das Hirn so manchen Zockers der alten Schule schlagartig eine Bruchlandung, die Ratio weicht einem kribbeligen Gefühl in der Bauchgegend, nicht ganz unähnlich einer Verliebtheit. Wir alle wissen, welche legendären Titel der Mann hervorgebracht hat (falls nicht: Maniac Mansion, Zak McKracken, Monkey Island – klingelt's?), und automatisch wird diese schwärmende Erinnerung zum Anspruch für die Zukunft. Vernünftig ist das nicht, doch versucht das mal jemandem zu sagen, der die rosarote Brille trägt.

Seit drei Jahren ist Gilbert nun beim Studio Double Fine, das sein vielleicht noch beliebterer Kollege Tim Schafer einst gründete, um seitdem wortwörtlich nicht ein einziges schlechtes Spiel zu veröffentlichen. In dieser Zeit arbeitete Gilbert, „der offizielle Ron Gilbert des Studios“, an seinem Titel The Cave, der lange vor unserer Nase baumelte wie ein Wollfaden vor einer sprunghaften Katze. Wie eine Mischung aus Sidescroller und Adventure sollte es werden, doch ist das gelungen?

The Cave erzählt uns sieben Geschichten, allerdings nicht alle auf einmal. Zu Beginn wählen wir uns drei der sieben spielbaren Charaktere aus, mit denen wir die Reise durch die namensgebende Höhle absolvieren werden. Die sieben Knalltüten sind ein bunter Haufen, eine nach Artefakten jagende Abenteurerin steht neben einem Hillbilly, ein paar dämonische Zwillinge (die als eine Person gelten und agieren) neben einem Shaolin-Mönch.

Viel Charakter, aber etwas wenig Fleisch auf den Rippen.Fazit lesen

Was zunächst wie der Eingang zu einer weiteren Touristenfalle aussieht, entpuppt sich schon bald als ein Blick in die finsterste Ecke der Seele unserer „Helden“ - denn jeder von ihnen trägt im Herzen ein alles verzehrendes Bedürfnis, etwas, wofür er über Leichen gehen würde. Die Höhle selbst, die als Erzähler das Geschehen kommentiert, zwingt sie nach und nach, sich mit diesem höchsten Wunsch zu befassen und am Ende die Entscheidung zu treffen, ob es das alles wert ist.

Das ist sehr interessant, auch vom spielerischen Standpunkt, denn je nachdem, wen wir im Team haben, erleben wir die Reise durch die Höhle etwas anders, besuchen andere Orte. Der Hillbilly etwa versucht auf dem Karneval, auf dem er arbeitet, die Liebe seines Lebens zu becircen, die Wissenschaftlerin hingegen verrichtet ihre Arbeit in einem unterirdischen Raketensilo. Dadurch, dass wir nur drei Figuren pro Spielgang steuern, sehen wir bei einem Spieldurchgang auch nicht einmal die Hälfte der Orte.

The Cave - Das ist Wahnsinn – warum schickt ihr mich in die Höhle?

alle Bilderstrecken
Jeder Charakter hat unterschiedliche Fähigkeiten. Leider macht das Spiel zu wenig daraus.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 51/551/55

Zumindest wäre es so, wenn es nicht als Intermezzo immer wieder einige feste Passagen gäbe, die bei jedem Spieldurchgang gleich sind. Das ist etwas schade, denn die stören natürlich ab dem zweiten Durchspielen einfach nur noch. Wenn man dann bedenkt, dass man durch die Figurenanzahl mindestens dreimal durchspielen soll, wobei man mindestens zweimal alte Bekannte nochmals steuert, kann man sich schon vorstellen, dass das irgendwie stört. Wenn man DANN noch bedenkt, dass jeder Charakter zwei Spielenden hat, wird die Sache vollends ätzend.

Packshot zu The CaveThe CaveErschienen für Wii U, PC, PS3 und Xbox 360 kaufen: Jetzt kaufen:

Doch zunächst haben wir die erste Spielerfahrung vor uns und die ist warm, kuschelig, humor- und liebevoll, ganz so, wie man es von Ron Gilbert erwartet. Ganz so? Nein, denn abgesehen von den makaberen Entwicklungen der Charakterstorys gibt es ein paar Kleinigkeiten, die das vom Altmeister etablierte und wohlbekannte Schema durchbrechen.

In der Gestaltung fällt auf, dass zwischen der herzigen Knuddelgrafik und dem schaurigen Ambiente zwar eine Menge kleine Gags sind, doch eine reine Komödie wie frühere Spiele scheint The Cave nicht zu sein. Ich schreibe „scheint nicht zu sein“, weil ich mir nicht sicher bin, ob sich The Cave absichtlich mit dem Humor ein bisschen zurückhält oder ob es sich selbst nicht entscheiden kann, ob es ernst sein will oder nicht.

The Cave - Das ist Wahnsinn – warum schickt ihr mich in die Höhle?

alle Bilderstrecken
Die Höhle ist nicht nur Schauplatz, ähnlich wie in Bastion fungiert sie auch als Erzähler.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 51/551/55

Die Stimmung schlägt (durchaus potentiell reizvolle) Haken zwischen Giftmorden und Kalauern, zwischen Schenkelklopfer-Wortspielen und Brandstiftung, zwischen schlecht eingesungenen Sea Shanties und nuklearem Holocaust. Manchmal laufen Humor und Grausamkeit zusammen, erzeugen ein Lachen, das im Hals stecken bleibt. In anderen Momenten versucht The Cave aber, nur witzig oder nur grimmig zu sein, was nicht gut funktioniert. Es produziert zahlreiche Schmunzler, aber keine großen Lacher. Viele kleine Schauer, aber keine eisige Gänsehaut.

Argh, wo liegt das Gummihuhn?!

Vielleicht möchte es genau so sein, ein Spiel eher kleiner Momente und Reflektionen. Doch spätestens bei der Spielmechanik fragt man sich dann doch, ob der halbherzige Ansatz Methode oder Zaghaftigkeit ist, denn manche Elemente stechen aus dem insgesamt sehr kunstvoll gearbeiteten Adventurespaß schlichtweg als Patzer hervor.

Ich rede ausnahmsweise nicht vom Schwierigkeitsgrad. Ich schreibe mittlerweile bei fast jedem Adventure, dass er zu niedrig ist, und muss mich jedesmal wieder selbst kontrollieren, ob es wirklich stimmt oder ich es einfach aus Reflex schon wieder geschrieben habe. Es stimmt, The Cave ist insgesamt tasächlich eher auf der leichten Seite gelandet, man mache daraus, was man will.

Viel ärgerlicher jedoch sind ganz offensichtliche Störfaktoren, die während der Entwicklung aufgefallen sein müssen und sich ganz einfach beheben ließen. Es gibt zum Beispiel in The Cave kein Inventar, stattdessen kann jeder Charakter einen Gegenstand bei sich tragen. Schön und gut, nur: Ich kann diesen Gegenstand beliebig durch die Gegend schleppen und muss ihn, wenn ich etwas Neues aufnehmen will, ablegen.

Also muss ich den ersten Gegenstand, sobald ich ihn dann doch brauche, nicht nur über weite Strecken wiederholen und ewig durch die Pampa tragen, nein, ich muss ihn unter Umständen erst einmal suchen, weil ich keine Ahnung mehr habe, wo das Teil ist. Es gibt keine Karte. Es gibt keine Navigationselemente. Es gibt keine Funktion, sich die Position der Gegenstände einblenden zu lassen, die man bereits in der Hand hatte. Die Frage ist: Warum nicht? Was würde dadurch schlechter? Oder warum hätte es ein traditionelles Inventar nicht getan? Wäre doch besser gewesen als dieses Versteckspiel, das einem die Birne porös werden lässt.

The Cave - Das ist Wahnsinn – warum schickt ihr mich in die Höhle?

alle Bilderstrecken
Die Rätseleien sind meist recht einfach, manchmal auch nervig.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 51/551/55

Ganz ähnlich verhält es sich mit den eigenen Team-Kameraden, denn spielt man nicht im Koop, darf man die Kollegen in aller Regel einzeln selbst steuern. Liegt ja irgendwie auf der Hand, nur wäre in manchen Momenten aus Komfortgründen eine „Kameraden rufen“-Taste echt nett gewesen. Die darf dann von mir aus auch mal nicht oder nur eingeschränkt funktionieren, wenn die Spielstruktur es erfordert – es ist allemal besser, als ohne jeden Grund ein riesiges Areal dreimal ablatschen zu müssen, bevor mal alle drei Pappnasen an Ort und Stelle sind.

Wir merken also, spielerisch ist The Cave durchaus unterhaltsam, dank gewisser Schwächen aber leicht durchwachsen. Die größte Enttäuschung aber, und damit sind wir bei der anfänglich erwähnten Erwartungshaltung, ist etwas, was es im Spiel nicht oder nur sehr eingeschränkt gibt, nämlich einen echten Grund für die Verschiedenartigkeit der einzelnen Charaktere.

He Mumie, äh Yeti... wie heißt du nochmal?

So cool das Produkt dieser Idee auch ist, so viel Spaß The Cave macht, es muss gesagt werden, dass die Idee an sich nicht hinreichend umgesetzt wurde. Zunächst mal bestreitet man nicht ein großes Abenteuer, sondern mehrere kleine – episodenhaft krebst man sich vorwärts und erlebt aneinandergereihte Einzelschicksale. Das kann witzig sein und ist hier auch gelungen, aber dasselbe ist es nicht.

Spätestens jedoch bei den verschiedenen Fähigkeiten ist dann Sense, denn außerhalb ihrer eigenen Kapitel im Spiel lassen sich die Fähigkeiten der einzelnen Charaktere so gut wie nie sinnvoll einsetzen. Die Abenteurerin besipielsweise kann, ganz Indy-Style, mit einem Wurfhaken bestimmte Abgründe überwinden, was sie in ihrem Level, einem typischen Pharaonen-Grab, auch alle naselang tun muss.

Außerhalb dieses Levels aber kann sie sich zwar ab und zu schwingen, meistens aber über Abgründe, die die anderen Charaktere sowieso problemlos überspringen können. Wozu dann das Ganze? Warum habe ich im Spiel genau EINEN Abgrund gefunden, bei dem es nützlich ist, die Abenteurerin dabei zu haben?

Sie ist kein Einzelfall, sondern noch diejenige, die es mit am besten erwischt hat. Die Zeitreisende kann sich teleportieren – klappt selten und nirgendwo, wo es wichtig wäre. Der Hillbilly kann unbegrenzt lange die Luft anhalten, um zu tauchen – ist für genau eine optionale Stelle gut, ansonsten Mumpitz. Für die Fähigkeit des Mönches, nämlich Telekinese, hab ich außerhalb seines Levels gar keine Verwendung gefunden. Keine Verwendung für Telekinese – das muss man erstmal schaffen.

The Cave - Das ist Wahnsinn – warum schickt ihr mich in die Höhle?

alle Bilderstrecken
Unverkennbar: Für The Cave zeichnet "Mr. Monkey Island" Ron Gilbert verantwortlich.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 51/551/55

Versteht mich nicht falsch, es gibt zahlreiche Rätsel, wo die drei Teamkameraden zusammenarbeiten müssen, aber davon abgesehen, dass diese oft nicht so wahnsinnig kreativ sind (drei Schalter gleichzeitig drücken, ein Objekt mit dem gemeinsamen Gewicht überlasten usf.), ist es auch völlig Bockwurst, wen ich im Team habe – außerhalb seiner eigenen Geschichte wird jeder der sieben Charaktere zum blassen Statisten, der beliebig ersetzt werden könnte. Ich verstehe schon, dass man ein Spiel, gerade ein eher kleines, nicht mit hundert Alternativwegen für jede denkbare Charakterkombination pflastern kann. Aber vielleicht wenigstens mit ein paar Möglichkeiten? Ich meine, wozu macht man die Sache mit den Charakteren und ihren Fähigkeiten denn sonst?

Hier sitzt die Enttäuschung tief, aber wie ich eingangs erwähnt habe: Sicherlich bin ich selbst mit daran schuld, denn ich habe mich im Vorfeld zu sehr mitreißen, eben „hypen“ lassen. Ein realistischer Blick auf das Machbare hätte mir spielend ermöglicht, wozu ich mich jetzt ein wenig zwingen muss – einen wohlwollenden Blick auf The Cave zu werfen und im Nachhinein zu sagen „Ja, das war ein wirklich cooles Spiel.“