Es ist doch zum Fell-Ausraufen! Eigentlich hätte der Nachfolger zum Adventure-Hit The Book of Unwritten Tales schon längst erscheinen sollen, doch dann ging erst Publisher HMH Pleite, und auch das anschließende Techtelmechtel mit JoWood geriet für Entwickler King Arts zum Fiasko. Nun kommt das Prequel bei Crimson Cow endlich auf den Markt…
Glück im Unglück für uns Spieler: Statt des ursprünglich beabsichtigten Add-on-Heftchens ist aus den Vieh-Chroniken dank der längeren Entwicklungsdauer ein Spielzeit-Wälzer mit gut zehn Stunden Umfang geworden. Schauen wir mal, womit King Art die zusätzlichen Seiten gefüllt hat…
Eine Chronik wie die Anleitung eines Ikea-Regals: wenig verständlich, doch auf seine Weise trotzdem putzig.FazitBekanntermaßen erzählt „Die Vieh-Chroniken“ die Vorgeschichte zum Adventurespiel The Book of Unwritten Tales, klärt die Umstände auf, unter denen sich der selbstgerechte Gauner Nate und das merkwürdige Vieh kennenlernen, wie sie sich zunächst als Team wider Willen zusammenraufen und schließlich nach bestandenen Abenteuern nicht mehr auseinander zu denken sind.
Auf der Flucht vor der Ork-Kopfgeldjägerin Maz’az stürzt Glücksritter Nate mit seinem Luftschiff im ewigen Eis ab, ein unwirtlich einsamer Ort, nicht unweit vom Arsch der Welt. Ebenfalls hier gestrandet: die Viecher, augenscheinlich Aliens auf Studienreise, die sich in Ermangelung eines passenden Ersatzteils für ihr Raumschiff auf einen teuflischen Handel mit dem Hexenmeister Munkus eingelassen haben.
Dass dieser mit der fortschrittlichen Vieh-Technologie nur Böses im Schilde führt, erkennen die naiven Wollknäuel leider erst, als es bereits zu spät und das Schicksal der ganzen Welt in höchster Gefahr ist. Also muss Nate den Karren aus dem Dreck ziehen – doch statt sich die Hände schmutzig zu machen, nutzt auch dieser insgeheim die Gutgläubigkeit der Aliens nur für seine eigenen Zwecke, um sein Schiff wieder flott zu kriegen und sich schnellstmöglich wieder aus dem Staub zu machen. Bis er schließlich erkennt, dass irgendwo zwischen seinen Organen für Eigennutz und Feigheit doch ein mitfühlendes Herz in der Brust schlägt…
Schizophren: Der Yeti-Jäger hält sich selbst für den Yeti.Statt den Rätselpassagen die Bühne zu ebnen und ihr Geschehen fundamental zu tragen, ist die Geschichte der „Vieh-Chroniken“ eher Vorhang, der sich gelegentlich schließt und öffnet, um die Umbauarbeiten an den Kulissen zu kaschieren. Star der Aufführung sind ohnehin die skurrilen Situationen und ihre Figuren: die grantige Galionsfigur Mary etwa, die nicht verwinden kann, dass sie vom glamourösen Bug des Schiffes in die staubige Kajüte verpflanzt wurde. Oder das knuddelige Vieh-Baby, das die menschliche Sprache ausschließlich durchs Fernsehprogramm erlernt hat und daher nur in Zitaten wie „Und jetzt zurück zum Sport“ kommuniziert. Oder der schizophrene Polarforscher, der sich selbst für den Yeti hält und nicht erkennt, dass er darum all die Jahre Jagd auf sich selbst gemacht hat…
In diesen, seinen besten Momenten, fährt BoUT zur humoristischen Hochform auf, in seinen schwächeren zitiert es einfach nur bekannte Filme und Spiele. Waren im Vorgänger noch Fantasy-Epen wie „Herr der Ringe“ und World of Warcraft bevorzugte Punching-Bälle für’s Schenkelklopfen, holen sich diesmal vor allem Star Wars und E.T. blaue Augen ab. Aber auch Harry Potter und sogar Portal werden von King Art in den Schwitzkasten genommen.
Feuer frei! Doch leider hat Nate statt Kugeln nur Konfetti und Watte als Munition.„Book of Unwritten Tales: Die Vieh-Chroniken“ ist auf diesem Wege ein Schönwetter-Adventure geworden, das jedem gefallen und niemandem weh tun möchte. Schön gestaltete und in stimmungsvolle Lichteffekte getunkte Hintergründe, liebenswerte Figuren und eine Komik, die zwischen Konfetti und Wattebällen auch immer mal wieder eine echte Kanone abfeuert.
Der vermutlich größte Fehler von „Book of Unwritten Tales: Die Vieh-Chroniken“ ist, dass es diese, seine Stärke offenbar nicht erkennt und darum nicht auszuspielen weiß. So begegnen wir im Laufe unseres Abenteuers gerade einmal einer breiten Handvoll Charaktere – im ersten Kapitel sind es beispielsweise nur zwei – der Rest ist Bastelstunde im Leerlauf. Derart fühlt sich der Spieler der „Vieh-Chroniken“ wie der unartige Junge, den die Super-Nanny auf die stille Treppe schickt, wo er endlich mal die Klappe halten und sein Spielzeugauto reparieren darf.
Auch die Zahl der Handlungsorte ist, vermutlich dem ursprünglich sehr viel enger gedachten Umfang geschuldet, so überschaubar wie der Kofferraum eines Kleinwagens: So enthalten drei der insgesamt fünf Kapitel ein und dieselben vier Locations. Angesichts der ordentlichen Spielzeit von gut zehn Stunden wäre das noch zu verschmerzen, hätte King Art nicht in der wichtigsten, der Rätsel-Disziplin derart geschlampt...
von HMH Interactive, KING ArtGenre: AdventurePC: 6.10.2011Offizielle WebseiteFreigegeben ab 12 Jahren
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