Manch einer ist der Ansicht, Computerspiele seien Geschichten, deren Handlung erst vom Spieler geschrieben werden. In diesem Sinne ist das Spiel selbst wie ein Buch voll leerer Seiten, in die der Leser sein eigenes Abenteuer einschreibt – das Buch der bislang ungeschriebenen Geschichten gewissermaßen.

„The Book of Unwritten Tales“ ist ein Adventure, das wie so viele in letzter Zeit „von den Leuten, die Monkey Island gut finden“ gemacht wurde – wie der Packungstext von „Edna bricht aus“ ironisch das jahrzentelang vergebliche Bemühen kommentierte, an der ewigen Referenz rütteln zu wollen. Nach Ceville, Simon the Sorcerer 5, Vampyre Story und 1 ½ Ritter kommt binnen weniger Monate bereits der fünfte humorvolle Vertreter in der Tradition Guybrush Threepwoods. Und auch der bisher beste.

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Der Eine und der Andere Ring

Wieder einmal ist ein Fantasyreich in Gefahr und lastet die Bürde seiner Rettung auf den Schultern eines unerfahrenen, kleinwüchsigen Anti-Helden ab, der einen mächtigen Ring in den Feuern des Schicksalsberges… Nein, nicht ganz, aber in die Welt hinausziehen, um diese vor dem Untergang zu bewahren, muss er trotzdem.

The Book of Unwritten Tales - Ungeschriebenes Gesetz: Monkey Island bleibt auf dem Thron. Oder?

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Vom Tellerwäscher zum Ringträger: Wilbur Wetterquarz.
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Die Rede ist in diesem Fall von dem unbedarften Gnom Wilbur Wetterquarz, dem durch Zufall ein magischer Ring in die Hände gespielt wird, von dem es heißt, dass seine Macht den seit Urzeiten andauernden Krieg im Fantasyreich zugunsten seines Besitzers entscheiden könne. Und da Wilbur ohnehin ein ruhmreiches Leben als Held und Magier seinem momentanen Dasein als Reinigungskraft in einer verlassenen Apres-Skihütte vorzieht, macht er sich mit seiner kostbaren Ladung auf den Weg zum Erzmagier der Menschen.

Parallel zum knuffigen Gnom steuert ihr zudem die nicht nur im sprichwörtlichen Sinne schlagfertige Elfe Ivo, die ihren verträumten Wald in gleicher Mission verlässt. Etwa nach der Hälfte des Spiels kreuzen sich dann ihrer beider Wege. Außerdem stößt der anscheinend mit Han Solo verwandte Abenteurer-Verschnitt Nate und sein lila-farbenes Wollknäuel „Vieh“ (das heißt wirklich so) zu der mittlerweile zum Quartett angewachsenen „Party“.

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Auf Guybrushs Spuren

Dass die Bremer „Unwritten Tales“-Macher ganz offensichtlich, wie oben zitiert, „Monkey Island gut finden“, ist ihrem Spiel an allen erdenklichen Enden anzumerken. So muss Gnom Wilbur im zweiten Kapitel erst drei Prüfungen absolvieren, um Pirat… äh, Zauberer zu werden, und anschließend Schiff, Karte und Besatzung für sein bevorstehendes Abenteuer zusammen suchen.

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Elfe Ivo ist gut zu Vögeln. Der Humor von BoUT ist zum Glück weniger platt als diese Bildunterschrift.
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Während viele Entwickler ihre Berufung zum Ron Gilbert des neuen Jahrtausends zumeist darin erschöpft sehen, zotige Anspielungen auf phantastische Genrereferenzen aneinander zu reihen und um phantasielose Rätseleien zu spinnen, haben die Jungs von King Art ihre Hausaufgaben größtenteils ordentlich erledigt.

Unwritten? Hier schreibe ich es schwarz auf weiß: Adventurefans, kaufen!Fazit lesen

Einer der schönsten Momente: der herrlich abstruse Dialog mit einer senilen Mumie, der das Gehirn beim Einbalsamieren durch die Nase gezogen wurde und deshalb mehr als nur die Tassen im Schrank fehlen. Nicht nur wegen der Synchronstimme von John Cleese erinnert die Szene an die irrwitzigen Späße der Monty-Python-Truppe.

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Im Feindesland gibt es offenbar kreative Architekten.
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Dieses Niveau kann das Spiel zwar nicht immer halten. Wenn Wilbur etwa einen schäbigen Pokal als den „Becher eines Zimmermanns“ ausmacht oder der x-te „Herr der Ringe“-Verweis bemüht wird, dürfte das nur solchen ein Schmunzeln entlocken, die sich etwas darauf einbilden, die persiflierten Vorbilder zu kennen. Vor allem im Mittelteil, wenn die unterschiedlichen Charaktere im Team den Weg durch einen versunkenen Tempel errätseln müssen, ist Book of Unwritten Tales nur ein trauriger Abklatsch des „Day of the Tentacle“-Trios.

Doch immerhin setzt das Spiel seinen Humor wohl dosiert und zumeist hintersinnig pointiert ein, statt sich dem Diktat des Lustigen hinzugeben, angestrengte Kalauer statt wirklicher Komik zu bemühen in dem Zwang, das komische Klima aufrecht zu erhalten.

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Unsterblich: Der Tod ist in Adventures arbeitslos.
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Die Szene, die The Book of Unwritten Tales im wahrsten Sinne des Wortes „unsterblich“ machen dürfte, genießt bereits seit den ersten Vorschauberichten von der GC Kultstatus: Um an das mächtige Artefakt eines verstorbenen Kriegers zu gelangen, muss Wilbur diesen in der Totenwelt aufsuchen. Zu dumm nur, dass in einem Adventure niemand sterben kann und der Weg über den Jordan somit versperrt ist. Also bedient sich Wilbur einer List: Er täuscht den arbeitslosen Tod, indem er seinen Namen ins Buch der Toten einträgt…

Eine weitere gelungene Szene betreibt Witze-Recycling aus Simon the Sorcerer 2: Ein Magier spielt leidenschaftlich gerne ein Online-Rollenspiel – doch natürlich übernimmt in einer Fantasywelt niemand die Rollen von Orks und Paladinen. Stattdessen spielt er einen Steuerbeamten, der von einer Politesse mit einem Strafzettel den Auftakt einer epischen Questreihe auferlegt bekommt. Nächste Mission: „Einspruch einlegen.“

Rätselbuch of Unwritten Tales

Die Rätselnüsse sind auch ohne Nussknacker locker aus dem Handgelenk zu knacken, brechen aber nicht schon beim bloßen Ansehen wie in den reinen Durchklick-Abenteuern Dreamfall oder zuletzt Mata Hari. Außerordentlich originell sind sie aber auch nur selten.

Erleichtert wird die Knobelei zudem dadurch, dass mögliche Aktionen bereits im Vorfeld, ähnlich wie in den Geheimakte-Spielen, farblich hervorgehoben werden. Schräge Kombinationsversuche wie in „Edna bricht aus“ ergeben sich so erst gar nicht.

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Die Charaktere sind liebevoll ausgearbeitet.
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Grafisch spielt The Book of Unwritten Tales in der gehobenen Genreliga: Die Hintergründe sind stimmungsvoll gezeichnet und wirken durch verhalten eingesetzte Animationen und Lichteffekte lebendig. Die 3D-Persönlichkeiten wurden detailliert und mit auffallendem Gespür für Charakterdesign entworfen. Nur ihre Bewegungen wirken mitunter etwas steif und ungelenk.

Beim Sound schöpft King Art aus den Vollen: Oliver Rohrbeck, der Spielern bereits als Assil („Ankh“) und Hörspielern als Justus Jonas von den drei ??? bekannt ist, passt mit seiner vor kindlicher Neugierde platzenden Stimme perfekt auf den gnomische Möchtegern-Magier Wilbur. Die Musik ist zwar hübsch arrangiert, doch zu generisch, da sie nicht akzentuiert, sondern pro Location einmal durchgedudelt wird, um dann nach einigen Minuten Stille von vorne anzusetzen.

Zu guter Letzt soll auch nicht unerwähnt bleiben, dass in der Verkaufsversion, die uns zum Test vorlag, noch einige Bugs enthalten waren, die den Spielfluss zwar nicht erheblich, aber dennoch merklich stören können: So gibt es hin und wieder unschöne Clipping-Fehler und an zwei Stellen sogar Patzer im Skript, die sich nach einem Neustart des Spiels jedoch wie von Geisterhand selbst behoben.