The Bard's Tale (PC)
von Jörg Pitschmann

Es gibt ja Leute, die behaupten, dass Singen die Laune heben soll. Andere wiederum sind überzeugt, dass man mit singendem, klingenden Spiel böse Geister und anderes Ungemach vertreiben kann. Im vorliegenden Spiel manifestiert sich

dieser Glaube in Gestalt eines Barden, der mit Hilfe magischer Instrumente und allerlei anderer Hilfsmittel einen Feldzug gegen finsteres Otterngezücht führt. Wer jedoch glaubt, der Held sei von edlem Geblüt und beseelt von der Mission, die Armen und Schwachen zu unterstützen, liegt ein wenig neben der Spur.

Der hiesige Barde hält nicht viel von Armen und Schwachen, denn bei denen ist einfach zu wenig zu holen. Stattdessen konzentrieren sich seine Aktivitäten auf die Beschaffung jener Dinge, die für uns Spieleredakteure Selbstverständlichkeiten sind: Geld, Ruhm und schöne Frauen. Doch was hier wie der Rahmen zu einer gelungenen Parodie auf spannende Adventures klingt, ist in Wahrheit die traurige Geschichte eines total vergurkten Spiels.

Warum das so ist, zeigt unser unter Tränen der Enttäuschung entstandener Test.

Laß mich dein Arschloch sein
Die Story von »The Bard's Tale« reicht weit zurück in die Vergangenheit. Was ursprünglich einmal als klassisches Adventure in grauer High-End-PC-Vorzeit begann, sollte in der Gegenwart als Parodie neues Leben in das Genre bringen. Doch leider ist der Versuch, die Geschichte des mutigen Barden, der mit Witz und Waffe gegen Gesocks und Gesindel antritt, als gescheitert einzustufen.

Das ist insofern mehr als ärgerlich, als dass die auf der letztjährigen Games Convention gezeigte Previewversion für die Xbox recht vielversprechend aussah und für einige Lacher sorgte. Doch leider sollte es anders kommen.

Nur wenige Wochen später ging nämlich der ursprüngliche Publisher Acclaim in die ewigen Spieljagdgründe ein, und es sah so aus, als ob sich in Deutschland niemand des nunmehr verwaisten Meistersingers annehmen wollte. Schließlich fand sich ein neuer Interessent, das Spiel doch noch zu veröffentlichen.

Die Jungs von Ubi Soft widmeten sich der Sache und brachten den Barden schließlich auch in hiesigen Gefilden an den Start. Ausgerüstet mit dem Starbonus von Oliver Kalkofe, der in der deutschen Version dem Barden seine markante Stimme verleiht, hoffte man auf einen echten Kracher, der die Zockergemeinde durch derben Humor und schräge Einfälle für sich begeistern konnte. Aber das Leben ist hart und dreckig

The Bards Tale - Spiel mir das Lied vom Arschloch

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und die Welt ein ungerechter Ort. Und das bringt uns auch schon zum eigentlichen Spiel. Das startet mit dem genreüblichen Charaktererstellungs-Menü. Darin darf man seinen namenlosen Gesellen zunächst mit einigen Attributen versehen.

Die Charaktereigenschaften reichen dabei von Waffen- und Gesundheitsskills bis zu Rhythmusgefühl. Denn immerhin muß der Held im Laufe des Spiels mehr als einmal zu Instrumenten greifen und die eine oder andere Melodie absondern, um so bestimmte Zauber auszulösen. Hat man seine Pünktchen verteilt, darf man seinem bärtigen Widerling noch ein Talent verpassen. Danach startet man in sein virtuelles Leben als Berufsarschloch.

Packshot zu The Bards TaleThe Bards TaleErschienen für PS2, XBox und PC kaufen: Jetzt kaufen:

Mach keine Geschichten
Aus der Abteilung »Es war einmal«: Einst zog ein edler Barde über die Orkney-Inseln, immer auf der Suche nach Abenteuern und dem festen Willen, die Schwachen und Armen zu beschützen. Mit Phantasie, Mut und viel Geschick trotzte er allen Gefahren, eroberte die Herzen schöner Frauen und wurde zum Schrecken der ortsansässigen Fieslinge. So oder ähnlich hätte die Geschichte von »The Bard's Tale« auch erzählt werden können. Hätte - wenn die Entwickler nicht auf den eigentlich netten Gedanken gekommen wären, das »Edel, hilfreich und gut«-Prinzip derepischen Rollenspiele ad absurdum zu führen und anstelle des strahlenden Sangesknechts einen notgeilen, geldgierigen und arroganten Schnösel zum Hauptcharakter zu machen. Der hiesige Barde ist feige, hinterhältig und hat stets einen beleidigenden Spruch auf den Lippen.

Die Aufgabe des Spielers besteht im Groben und Ganzen darin, dafür zu sorgen, dass der Unsympath länger als fünf Minuten aufrecht durch die Welt von Orkney stapfen kann und soviel Kohle wie möglich zu scheffeln. Und das fällt angesichts der total vermurksten Steuerung nicht gerade leicht.

Zwar dient die erste Mission als Tutorial, das einen in die Geheimnisse der Tastatur- und Maussteuerung einführen soll, doch infolge der umständlichen, verschachtelten Kommandos ist beispielsweise ein schneller Waffenwechsel unmöglich, so dass der blöde Kerl ein ums andere Mal sein digitales Leben aushaucht. Aber der Reihe nach.

Der Barde beginnt seinen Weg zu Geld, Macht und Weibern im kleinen Dorf Houton, wo er sich im Gasthaus wiederfindet. Von Natur aus mit einer gehörigen Portion Geilheit gesegnet, hat er natürlich nur Augen für die üppigen Vorzüge der Wirtin.

Die beauftragt ihn auch prompt, eine Ratte zu killen, die im Keller ihr Unwesen treibt. Da eine Ratte nicht gerade nach viel Ärger klingt, sucht der tapfere Recke umgehend die dunklen Gewölbe auf, um dem kleinen Nager den Garaus zu machen, was ihm erstaunlicherweise auch ohne große Probleme gelingt. Bereits hier zeigt sich die größte - und leider einzige - Stärke des Spiels: der grimmige Humor. Während nämlich ein Sprecher aus dem Off die glorreiche Heldentat des Barden lobt, fällt dieser ihm barsch ins Wort und unterbricht die salbungsvolle Lobhudelei.

Derlei parodistische Elemente begegnen einem im weiteren Verlauf öfter - sofern man lange genug durchhält und das Spiel nicht bereits nach einer halben Stunde entnervtvon der Festplatte putzt. Doch zurück zur Handlung. Die Freude über die gelungene Heldentat währt nämlich nur kurz. Denn leider entpuppt sich der eigentliche Gegner als feuerspeiendes, riesiges Ratten-Untier. Unnötig zu erwähnen, dass der Barde damit ein echtes Problem hat und zügig, aber ohne ungesunde Hast, brennend den Rückzug antritt.

Unter dem Gelächter der Gäste händigt ihm die Wirtin daraufhin ein Schwert aus, mit dem er sein Glück ein weiteres Mal probiert. Er begegnet in den Gewölben einem kauzigen Alten, der ihn - und damit den Spieler - in die Geheimnisse einer magischen Laute einführt, mit deren Hilfe der Barde im Laufe des Spiels nach und nach Elektroschocks absondernde Spinnenwesen, Untote und anderes Getier zum Leben erwecken und zu seiner Unterstützung einsetzen kann.

Derart präpariert gelingt es denn auch schnell, die Riesenratte um ihr Leben zu erleichtern, und der bärtige Barde kassiert seine erste Belohnung. Damit wird es Zeit, sich im Dorf

umzusehen, in dem man nicht nur vor unerwünschten Belästigungen und Angriffen geschützt ist, sondern sich auch mit neuen Waffen und Aufgaben versorgen kann. Das Prinzip ist dabei hinlänglich bekannt: man betritt ein Haus und spricht mit dem Bewohner, um zu handeln oder Informationen und neue Aufgaben zu bekommen. Bei Dialogen hat man stets die Wahl, ob der Barde »höflich« oder seiner Natur entsprechend antwortet.

Leider sind die Unterschiede oft eher gering. Der Held ist und bleibt nun einmal ein Ekelpaket. Demzufolge fallen auch die freundlichen Antworten oftmals in einem Tonfall aus, die Otto Normalverbraucher im täglichen Großstadtdschungel bereits nach wenigen Minuten um Geld und Gesundheit bringen würde. Immerhin - Oliver Kalkofe gibt das Arschloch mit inbrünstiger Begeisterung. Und das ist wenigstens ein kleiner Trost.

Niedermacher
Was bis hierhin aufgrund der urkomischen Dialoge noch als amüsante Einführung daherkommt, verliert im Laufe der weiteren

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Spielhandlung jedoch zunehmend an Substanz. Und das hat mehrere Gründe. Da ist zum einen die schon erwähnte, total vermurkste Steuerung. Zwar genügt ein einfacher rechter Mausklick, um den Barden zu einem Ziel zu dirigieren, doch dreht man mit den Richtungstasten die Karte um die eigene Spielfigur.

Das ist verwirrend und sorgt besonders in hektischen Situationen dafür, dass man immer wieder den Überblick verliert. Angriffe lassen sich zwar problemlos mit der linken Maustaste auslösen, doch wenn man zwischen den verschiedenen Waffen wechseln möchte, sind mehrere Tastaturkombinationen notwendig, um an das gewünschte Mordgerät zu gelangen. Mit den Zahlen eins bis vier wählt man nämlich zunächst die Waffen- oder Zaubergattung. Dann öffnet sich ein kreisförmiges Menü, aus dem man zunächst über Tastendruck die Unterart des gewünschten Gegenstands auswählt, um schließlich das gewünschte Item über den zugehörigen Buchstaben zu aktivieren.

Kleines Beispiel gefällig? Möchte man eine Ratte zu seiner Unterstützung herbeizaubern, muß man erst über die zwei das betreffende Auswahlmenü öffnen, dann auf D drücken, um das Untermenü aufzurufen, das die Ratte enthält und ein weiteres Mal D tippen, um den Barden die entsprechende Melodie spielen zu lassen, die das Vieh materialisiert. Damit nicht genug, schließt erst ein erneuter Druck auf die Zahlentastatur oder die Esc-Taste das eingeblendete Menü. Das kostet in bedrohlichen Situationen nicht nur viel Zeit und Nerven, sondern oft auch das digitale Leben, da der Barde je nach Art des Gegners häufig zwischen Fern- und Nahkampfwaffen hin- und herwechseln muß. Und leider lenkt es auch vom Spielgeschehen ab, denn das kreisförmige Auswahlfenster öffnet sich genau über der eigenen Spielfigur.

A propos Übersicht: »The Bard's Tale« präsentiert sich von oben, wobei mit Hilfe des Mausrades gezoomt werden kann. Leider ist der Zoombereich so gering ausgefallen, dass es schon an eine Frechheit grenzt, diesen noch als einen solchen zu bezeichnen. Dank einer eingeblendeten transparenten Übersichtskarte kann man wenigstens seinen eigenen Standort jederzeit erkennen.

Durch die Rotation um die eigene Figur wird die Übersicht jedoch enorm erschwert. Und dadurch, dass es keine »Schräg von hinten«-Perspektive oder eine frei positionierbare Kamera im Spiel gibt, landet der Barde im Freien oft unter dichtem Laubwerk und ist nur noch schwer zu erkennen. Dummerweise gilt das auch für etwaige Gegner, die in dieser Zeit angreifen. Tischkantenbisse gestresster Spieler sind also vorprogrammiert. Kämpfe laufen nach bekannten Mustern ab. Anzugreifende Gegner werden mit der linken Maustaste ausgewählt und wahlweise entweder mit Pfeil und Bogen, Magie oder einem herbeigerufenen Vieh traktiert. Für den Fall, dass ein Gegner dem Barden zu nahe kommt, greift dieser zu Schwert oder Dreschflegel.

Je nachdem, wie geschickt er sich im Umgang mit den Tötungswerkzeugen anstellt, klappt das mehr oder weniger gut, solange es bei einem Gegner bleibt. Stürzen sich mehrere auf ihn, klickt man in der Hektik oft ungenau oder greift nicht den nächstgelegenen Unhold an. Wenn dann kein herbeigezaubertes Wesen für konkrete Unterstützung sorgt, hat sich's ausgesungen und man startet vom letzten Speicherpunkt neu.

Und da diese konsolentypisch nicht frei wählbar sind, sondern nur zu Beginn und an bestimmten Abschnitten eines Levels gespeichert werden darf, heißt das, mal mehr, mal weniger bereits bekanntes Terrain zu durchlaufen und einen neuen Versuch zu starten. Immerhin: von erledigten Gegnern erbeutete Gegenstände, die nicht benötigt werden, verwandeln sich in bare Münze, sobald der Barde über sie hinwegläuft. Das ist praktisch und erspart ständige Hausbesuche beim Händler um die Ecke.

Von Barden und Bundesregierungen
Technisch präsentiert sich das Programm ebenfalls nicht von der besten Seite. Auch auf dicken High-End-Rechnern kommt es hin und wieder zu Ruckeleien, obwohl die Grafik alles andere als fett ist und mehr an das betagte »Diablo II« erinnert, als an ein modernes Spiel des Jahres 2005. Hinzu kommt der riesige Speicherplatzbedarf, denn der singende Barde fordert mehr als sieben Gigabyte freien Raum auf der heimischen Festplatte.

An der deutschen Synchronisation gibt's allerdings ebensowenig zu meckern, wie am englischen Original. Die Dialoge sind witzig, staubtrocken und die Stimmen in beiden Versionen sehr passend ausgewählt. Sounds und Musik hingegen präsentieren sich eher unterdurchschnittlich bis langweilig.

In Kombination mit der schon erwähnten total vermurksten Steuerung und der auf Dauer recht öden Handlung ergibt sich damit die legitime Frage, für wen das Spiel von Interesse sein könnte.

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Denn wer nicht gerade Hardcore-Fan des uralten Vorgängers ist oder es sich wegen Oliver Kalkofes Kommentaren zulegen will, sollte von diesem Titel besser die Finger lassen.

Alles in allem weist »The Bard's Tale« einige erschreckende Parallelen zur Politik unserer Bundesregierung auf. Hier wie dort hatte man einige lustige Ideen, die auch eines gewissen Unterhaltungswertes nicht entbehren. Und hier wie dort hegte man gute Absichten und hatte den festen Willen, alles richtig zu machen. Doch die Diskrepanz zwischen wolkigem Wollen und wirklichem Wirken führte dazu, dass in beiden Fällen gute Ansätze komplett in den Sand gesetzt wurden. Aber während man ein schlechtes Spiel einfach kommentarlos von seinem Rechner entfernt und sich besseren Produkten zuwendet, werden wir in der Politik ab September leider erleben, dass alles noch viel schlimmer kommen kann. Und eine Frau Merkel kann man leider nicht einfach von seinem PC deinstallieren…Pro&Contra

Wertung im Schnellüberblick:

Pro:
+ Deutsche Sprachausgabe + Witzige Ideen

Contra:
- Vergurkte Steuerung - Total vermurkste Übersicht - Langweilig - Veraltete GrafikPro&Contra

Wertung im Schnellüberblick:

Pro:
+ Deutsche Sprachausgabe + Witzige Ideen

Contra:
- Vergurkte Steuerung - Total vermurkste Übersicht - Langweilig - Veraltete Grafik