Zeit für einen weiteren Griff ins Nähkästchen: Vor ein paar Jahren saß ich noch drüben bei den Kollegen von GIGA Games, und zu dieser Zeit war gerade die große Kickstarter-Welle, entfesselt durch den initialen Erfolg von Double Fines Broken Age, nahezu unaufhaltsam. Es war die Phase, in der erstmals die beim Crowdfunding aufgetischten Versprechungen gehalten werden mussten, und das war insgesamt eine reichlich ernüchternde Erfahrung. Zwischen all dem "Joa, ganz nett." und "Hm, soso." war der erste Kickstarter-Titel, der mich bei seiner Fertigstellung richtig verblüffte, ein Spiel, das ich längst wieder vergessen hatte: The Banner Saga.

The Banner Saga traf gut den Nerv der Zeit, denn als rundenbasiertes Taktik-RPG nutzte es die Renaissance, die Titel wie XCOM: Enemy Unknown losgetreten hatten, hevorragend, und verschaffte sich auf Anhieb auf ästhetischem Weg eine Identität: Es erinnerte mit seinem betörenden Zeichentrick-Stil an die Hochphase eines Don Bluth, an die erwachsene, geerdete Animationsqualität, die seit den 80ern nahezu ausgestorben scheint und die damals noch aufwändige Techniken wie Rotoskopie beinhaltete.

Das Setting war die zweite Säule dieser optischen Identität. Ein deutlich an Wikinger-Kultur angelehntes Fantasy-Epos über das offenbare Ende der Welt, den Tod alter Götter, das Stehenbleiben der Sonne, das Wegbrechen ganzer Bergketten in den unendlichen Schlund der klaffenden Erde und die aggressive Invasion von Steingiganten namens Dredge, derer sich die Menschen und die Varl, eine eigenbrötlerische Spezies gehörnter Riesen, erwehren müssen. Gleich folgen ein paar Spoiler für den ersten Teil, also seid gewarnt. In diesem Setting folgten wir zwei Karawanen, die vor dem Schrecken aufeinander zu reisten und letztendlich nur eine Möglichkeit fanden, die unmittelbaren Gefahr etwas abzudämpfen: Ein hochrangiger Dredge wurde mit Hilfe zweier Mender abgewehrt und einer unserer zwei Hauptcharaktere musste sein Leben lassen.

The Banner Saga 2 - Launch Trailer

Welcher genau, war dem Spieler überlassen. Je nachdem, ob der alternde Jäger Rook oder seine Tochter Alette den Silberpfeil zum Feind beförderte, können wir nun per Import des Spielstands das Abenteuer fortsetzen. Immer mit dabei ist der mittlerweile einarmige Varl Iver, nebst den Mannen des noch frischen Varl-Anführers Hakon. Unser Ziel ist im Grunde unverändert: Wir wissen immer noch nicht, warum die Welt den Bach runtergeht, zudem ist unser Hauptcharakter tief getroffen vom Tod seines liebsten Menschen, hat aber immer noch eine Gruppe zu führen. Und auf Rat der Menderin Juno und auch aus eigener Verzweiflung heraus, geht die Reise eben weiter – nach Westen, immer nach Westen...

Wer den ersten Teil nicht gespielt hat, braucht also ganz offensichtlich gar nicht erst anzutanzen – es ist zwar denkbar, dass er es schaffen könnte, in die Story reinzukommen, aber sinnvoll wäre es nicht. Vor allem aber gibt es auch kaum einen Grund, den Vorgänger auszulassen, denn abgesehen von Kleinigkeiten ist der spielerische Fortschritt gegenüber The Banner Saga im zweiten Teil sehr überschaubar. Schnell stolpert man über neue Klassen, etwa Skalde / Barden, die bei der eigenen Party Willenskraft regenerieren und Feinde mittels beißendem Spott in der Kampffolge zurückwerfen können, oder Berserker, die zwar oft auch Freunde in Mitleidenschaft ziehen, aber dafür ganze Schneisen in die Feinde schlagen können.

The Banner Saga 2 - Der glänzende Schnee vom vorletzten Jahr

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Die Karawane zieht weiter. Leichter wird es nicht, doch dafür bleibt es für den Spieler schön.
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Auch die bisherigen Klassen können etwas weiter verbessert werden: Sie können eine zweite Fähigkeit erlernen und wenn einer ihrer Statuswerte maximiert wird, kann man mit weiteren Skillpunkten einen von zwei mächtigen Perks ranhängen – alles nicht die Welt, aber wenn ein Warhawk mit 30% Crit-Chance einen Feind vom Brett fegt, ist das schon ein Anblick. Aber dass ich so sehr auf diesen Kleinigkeiten rumreite, zeigt euch wahrscheinlich schon, dass im Großen und Ganzen alles vertraut und bewährt ist. Veränderungen wurden sparsam eingesetzt, was nichts schlechtes ist, aber erwartet nicht, dass euch der Neuheitswert von The Banner Saga 2 aus den Ringelsöckchen knallt. Kleine Anpassungen wie eine Reihe von Trainingsmissionen mit Ruf-Belohnung oder Kämpfe mit einem dynamischeren Gimmick sind bereits das höchste der Gefühle.

Packshot zu The Banner Saga 2The Banner Saga 2Erschienen für PC, PS4 und Xbox One kaufen: Jetzt kaufen:

Aber darum geht es ja auch nicht. Die große Anziehungskraft dieser Fortsetzung ist... nun, Fortsetzung eben, die konsequente Weiterentwicklung der Geschichte, das unbedingte Wissenwollen der Fans. Was ist denn nun also mit dem Alternativ-Ragnarok? Wie soll man der riesigen Weltenschlange beikommen? Was ist die Motivation der Dredge? Und gibt es neben Menschen und Varl noch andere Spezies mit eigener Kultur und Problemen? Alles Fragen, die angeschnitten wurden, jetzt ausgebaut werden. Nicht alle kommen zu einer finalen Antwort, und selbst, wenn sie es tun, werfen sie natürlich neue Rätsel auf – der Soap-Opera-Effekt ist in vollem Schwung und funktioniert bestens.

The Banner Saga 2 - Der glänzende Schnee vom vorletzten Jahr

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Illustre Gestalten säumen einmal mehr euren Weg. Wem ihr trauen könnt, ist ungewiss.
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Selbstverständlich ist die Geschichte auch dieses Mal nicht linear. Schon bald zum Beispiel verschiebt sich der Fokus von Rook, Iver, Hakon und ihrer Gruppe zu dem mürrischen Söldneranführer Bolverk, der widerwillig einen gefährlichen Auftrag durchführt. In der Zwischenzeit sehen wir immer noch mehr von der sterbenden bzw. gestorbenen Welt, und es ist nach wie vor ein erhabenes Gefühl, an einem gigantischen Götterstein vorbeizuziehen. Und: Es fühlt sich immer noch verblüffend und vernichtend an, wenn wir nach bestem Wissen und Gewissen eine Entscheidung treffen und Clansleute, Kämpfer und unsere nächsten Freunde und Schlachtkameraden über die Klinge springen.

Es ist derselbe Trick wie zuvor: eine Situation, im Schnitt drei Möglichkeiten, auf sie zu reagieren, alle klingen plausibel und es ist kein Schema zu erkennen, nach dem die eigenen Entscheidungen belohnt oder bestraft werden – es gibt kein richtig und falsch, nur Konsequenzen. Es kann frustrieren, ihne Frage, doch es ist auch authentisch in seiner Härte. Nicht immer wird nobles Verhalten belohnt, nicht immer Grausamkeit bestraft – niemand kann wirklich alle Konsequenzen vorhersehen, und Stoic sind glücklicherweise immer noch clever genug, um uns gehörig an der Nase rumzuführen.

Vielleicht nicht so verblüffend wie der Vorgänger, doch in jedem Fall eine großartige Fortsetzung der Reise.Fazit lesen

Und: zu faszinieren, zu gefallen. The Banner Saga 2 ist für jene, die den ersten Teil liebten, definitiv die Erfüllung der Sehnsucht, die vorläufige Beendigung der Wartezeit und natürlich dann die neuerliche Qual, weil es keinen Abschluss darstellt. Und das schafft es gerade auch, weil es eben nicht sehr viel anders als der Vorgänger macht. Solange man sich darüber keiner Illusion hingibt, wird man keinen Fehlkauf tätigen. Aber spielt vorher Teil 1 – nicht nur, weil es ansonsten keinen Sinn ergibt, sondern auch, weil dieser kongeniale Titel ebenfalls jede Aufmerksamkeit verdient.