Was erwartet man von einem Spiel rund um den Angry Video Game Nerd? Den fluchenden, miesepetrigen Webvideo-Veteran, der um 2004 herum die Welle der moderierten Retro-Gaming-Filmchen startete und noch heute als Vorbild für viele Webkünstler herhält. Etwa ein ausgefeiltes, frustfreies Vergnügen in scharfer 3D-Grafik? So ein Quatsch. Das Spiel muss wehtun, damit man sich beim Auskosten mindestens genauso angepisst fühlt wie James Rolfes filmisches Alter Ego.

The Angry Video Game Nerd Adventures - Launch TrailerEin weiteres Video

Es gelingt den Programmierern von Freak Zone Games mit Bravour. Keine zehn Minuten vergehen in diesem scheinbar einfach gestrickten Plattformhüpfspiel, dann wird das übelste Fäkalvokabular zitiert und das Programmierteam vor dem geistigen Auge mit jeglichen erdenklichen Körperflüssigkeiten einbalsamiert. Es ist eine Frust-Odyssee epischen Ausmaßes, von der man trotz aller Verzweiflung nicht ablassen kann.

Angry Video Game Nerd Adventures präsentiert sich so krude und plump, dass manchmal Zweifel an der Ernsthaftigkeit des Steam-Greenlight-Titels wachsen. Man dirigiert eine pixelige, sauer dreinschauende Version des Nerds durch ebenso grobe wie farbarme 2D-Level, wehrt sich mit der klassischen NES-Lightgun „Zapper“ gegen gemeine Monster und versucht, meterweise gestreuten Fallen aus dem Weg zu gehen.

Allem voran gewissen auffällig oft vorkommenden Totenkopfsteinen, die bei Berührung einen sofortigen Bildschirmtod erwirken. Bei allen anderen Fallen verträgt der Nerd je nach gewähltem Schwierigkeitsgrad bis zu drei Treffer, wobei ihm Bierpullen wieder zu neuer Kraft verhelfen.

Ganz normaler Retro-Stoff aus der Jump-and-Run-Küche, möchte man meinen, pflegte das Spiel nicht die Eigenart, sämtliche Todesbringer auf die einfachste denkbare Weise zu platzieren. Gigantische Morgensterne reagieren nicht etwa auf Trittmechanismen oder andere Auslöser, nein, sie kreiseln in Demonstration höchster Sinnlosigkeit bis zum Sanktnimmerleinstag. Strunzdumme Gegnersprites hüpfen im endlosen Takt von links nach rechts, laufen von einem Ende einer Plattform zur anderen. Stupide, einfältig, erbarmungslos.

The Angry Video Game Nerd Adventures - Sucks Monkey-Fuck?

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Das Spiel versetzt euch zurück in die 8-Bit-Ära mit allen Höhen und Tiefen.
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Und wenn man getroffen wird? Dann passiert natürlich genau das, was der Nerd hasst: Man wird ein Stück zurückgeworfen und landet im schlimmsten Fall im Abgrund. Es ist, als ob jemand alle buckeligen Verwandten aus der 8-Bit-Ära zusammengetrommelt hätte, von denen man dachte, man bekäme sie nie mehr in einem aktuellen Titel zu Gesicht.

Packshot zu The Angry Video Game Nerd AdventuresThe Angry Video Game Nerd AdventuresRelease: PC: 20.9.2013
PS3, Xbox 360: 2014
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Dieser rücksichtslosen Besinnung auf 8-Bit-Limitationen in der Spielgestaltung ist Quell allen Frusts und Spaßes zugleich. Ähnlich wie bei Mega Man ist jeder Schritt zu weit ein Ärgernis und wenn gleich mehrere einfältige rhythmische Hindernisse zu absolvieren sind, liegen oft nur wenige Millimeter zwischen milder Euphorie und gemurmelten Flüchen. Wer nach der neunundzwanzigsten Falle nur drei Millisekunden zu früh springt und den dritten Pixel links neben dem Feuerball verpasst, wird zurück an den letzten Checkpoint versetzt. Ass! Damn! Fuck!

Kindisch, zotig, genial

Das ist eines der wenigen Spielelemente, die der Neuzeit zuzuschreiben sind. In weiser Voraussicht spendierte man dem Nerd auf dem „normalen“ Schwierigkeitsgrad ganze 30 Leben und faire Rücksetzpunkte.

Spaß durch Frust mit dem Video-Game-Nerd. Hier treffen so viele Widersprüchlichkeiten aufeinander, es ist ein wahres Fest.Fazit lesen

Klingt nach viel, ist aber beim Einstieg so gut wie nichts. Jede der acht frei wählbaren Welten lässt den Zähler in den einstelligen Bereich purzeln, es sei denn, man lernt, deftige Passagen nach und nach sicherer zu meistern. Selbst Cracks, die Super Meat Boy zum Frühstück verspeisen, werden so manchen Checkpoint womöglich ein Dutzend Mal am Stück zu sehen bekommen.

Hüpfen und Ballern. Mit stupiden Gegnern und rhythmischen Fallen. Kann doch gar nicht so schwer sein, denkt man sich. Aber weit gefehlt, denn in AVGN-Adventures wurde beinahe jede Ecke bis zum Äußersten ausgelotet. Hier wurde nichts dem Zufall überlassen. Nur eines stört: Wer nach 25 Anläufen endlich einen Obermotz besiegt, versenkt wahrscheinlich die restlichen fünf Leben im Selbstmord. Mit so wenig Puffer lohnt es sich beim Kennenlernen der Level schlichtweg nicht, überhaupt erst anzufangen.

Womit schon mal eines geklärt wäre: AVGN-Adventures ist mehr als der Versuch, mal schnell noch mehr Kohle aus ScrewAttacks Goldesel zu holen. Das Spiel ist zwar ein plump wirkendes, aber doch höchst anspruchsvolles Hüpfspiel, das selbst dann Spaß macht, wenn man den Nerd und seine Webvideos nicht kennt. Man sollte lediglich eine Portion Fäkalhumor der einfältigsten Sorte vertragen können.

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Ein falscher Schritt und mit ein wenig Pech war es das.
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Hier kacken Vögel dem Nerd mit fröhlichem Pupsgeräusch auf den Schädel, da rülpst ein einäugiges Monster „organische“ Projektile entgegen und spätestens wenn man auf dem Rücken eines Laser ballernden weißen Hais durch die Lavaströme der Hölle schwimmt, löst sich jede aufgestaute Anspannung in einem Lachanfall auf.

Für alle Fans des Nerds beginnt hingegen vom ersten Moment an ein Referenzen-Inferno. Unbrauchbare Sonderwaffen, die über Gegner hinwegfliegen, Besuche von Super Mecha Death Christ 2000 BC Version 4 Beta und dem fiesen Glitch Gremlin (sie dienen als temporäre Zeitstopper und Smartbomben) sowie zufällig generierte Nerd-Sprüche beim Ableben gehören dabei noch zu den subtileren Geschichten.

Der dicke Hammer kommt spätestens mit der genialen Welt rund um die berüchtigte Atari-Porn-Episode, in der nackte Hexen herumfliegen, pixelige Frauen Ejakuliertes von oben erwarten und monströse halbierte Kerle ihre Pixel-Penisse als Pogostab missbrauchen.

Zusätzlich lassen sich drei Nebencharaktere aus dem James-Rolfe-Universum freispielen, die man nicht zwingend benötigt. Sie vereinfachen das Unterfangen aber dank ihrer Spezialfertigkeiten erheblich. Motherfucker Mike springt höher als alle anderen und sieht falsche Wände, die er mit einem Lichtschwert aufsäbeln kann. Leider ist die Waffe kein Bringer im Kampf, weil meist zu kurz. Angriffskraft ist eher eine Stärke von Bullshit-Man, der im Gegenzug kaum die Füße vom Boden bekommt und selbst für einfache Hopser einen Doppelsprung benötigt.

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Neben dem Nerd warten noch andere spielbare Charaktere.
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Der knochige „Guitar-Guy“ schießt weite Schallwellen aus seiner Klampfe und deckt somit große Flächen ab. Hat man einen der Sidekicks gefunden, genügt ein Knopfdruck zum Wechseln. Da der Nerd als Einziger von Leitern aus schießen darf und generell die ausgeglichenste Figur der Kompanie darstellt, kommt er trotzdem nicht zu kurz.

Für Normalsterbliche, die sich am kindischen Humor des Nerds erfreuen und durchschnittliche Spieltalente pflegen, dürfte das Beenden des normalen Schwierigkeitsgrads bereits locker genug Spielzeit für einige Tage generieren. So oder so sind die verlangten 14 Euro gut angelegt, sofern man auf 8-Bit-Tortur in HD-Auflösung steht.

Ein Blick auf die Steam-Achievements bringt allerdings eine Herausforderung zutage, die so schnell nicht geknackt wird: Spiele alle acht Spielstufen plus das Endlevel mit einem einzigen Leben durch. Na halleluja. Dies entspricht dem höchsten Schwierigkeitsgrad. Hat laut den Machern bisher noch keiner geschafft. Mal sehen, ob es gelingt, bevor der Titel 2014 auf den Heimkonsolen erscheint.