Bei Stufe 11 reagiert die Tastatur nicht schnell genug. Vielleicht bin ich auch zu langsam. Denn mein Handgelenk schmerzt und meine Finger werden allmählich schwerfällig. Dabei habe ich nur Tetris gespielt. Tetris, die Mutter aller Puzzle-Spiele. Schon auf dem 286er-PC musste ich häufiger Pausen einlegen, um den Formenregen zu stoppen. Im Juni 2009 hat sich nichts geändert - obwohl seit der ersten Version bereits ein Vierteljahrhundert vergangen ist.

Jeder, der eine Affinität zu Spielen hat, kennt Tetris, das Spiel, das trotz seiner Einfachheit so populär ist, das es glatt als erstes Casual Game der Welt durchgeht. Erst langsam, mit aufsteigendem Level immer schneller fallen geometrische Figuren in ein rechteckiges Glas in Seitenansicht. Auf dessen Boden türmen sich die verschiedenen Formen aus vier quadratischen Blöcken immer höher auf – es sei denn, der Spieler schafft es, immer wieder horizontale Linien ohne Lücken zu schaffen. Dann verschwinden die Figurenreihen, auch Steine genannt, wieder.

Tetris - 25 Jahre Tetris: Klötzchenkult zwischen Gameboy und Kaltem Krieg

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Tetris verhalf dem Gameboy zum Durchbruch.
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Die Formen lassen sich in 90-Grad-Stufen drehen und seitlich bewegen, während sie vom Himmel fallen. Erreicht das Bauwerk den oberen Rand, ist die Partie verloren – nicht aber das Spiel, denn der Tetris-Fan gibt nicht auf. Er versucht es immer und immer wieder. Auch das ist Teil des Spielprinzips. Natürlich, bei der Gameboy-Version soll ab einer bestimmten Punktzahl zur Belohnung eine Rakete oder ein Space Shuttle aufgetaucht sein, aber ehrlich gesagt – ich kann mich nicht erinnern, dass ich eines der beiden Siegessymbole je gesehen hätte.

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Tetris spielt in einer eigenen Liga. Die Angaben, wie oft es in all seinen Variationen seit seiner Erstveröffentlichung 1985 verkauft worden ist, sind nicht einheitlich. Doch es dürften mehr als 100 Millionen Mal sein, denn allein Electronic Arts Mobile hat seit 2006 etwa 75 Millionen Tetris-Downloads an Besitzer von Handys, PDAs und sonstige mobile Geräte bringen können. Die Historie des erfolgreichsten Spiels der elektronischen Welt dreht sich nicht nur um Erfolg. Sie erzählt Geschichten von Lizenzen, von Weltpolitik und geistigem Eigentum.

Spielehimmel Las Vegas

Als der gebürtige Holländer Henk Rogers im Januar 1988 bei einer Elektronik-Messe in Las Vegas das erste Mal Tetris in die Hände bekommt, hält er das Spiel zunächst für zu einfach. Trotzdem kann er nicht davon lassen, immer wieder zieht es ihn zum Stand von Spectrum Holobyte, die die Puzzle-Software präsentieren. Rogers ist als Chef des Publishers Bullet-Proof Software auf der Messe, und er spürt, dass dieses einfache aber geniale Spielprinzip jeden an Konsolen und Handhelds fesseln würde. So wie ihn, und so wie Alexej Paschitnow, den Tetris-Erfinder. Der wurde schon während des Programmierens süchtig nach seiner eigenen Erfindung.

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Tetris-Erfinder Alexej Paschitnow.
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„Das Programm war nicht kompliziert“, sagt der Paschitnow heute. „Es gab keine Punkte und keine Level. Aber ich begann zu spielen und konnte nicht aufhören.“ Da habe er gewusst, dass es ein gutes Spiel ist, obwohl es noch keine Grafik hatte.

Dass es aber so groß werden würde? Nein, das konnte sich der russische Game Designer damals nicht vorstellen. Russland – In den 1980er Jahren waren das nicht bloß fragwürdige Wahlausgänge und Menschenrechte. Es war Kalter Krieg, Ost gegen West, Kommunismus gegen Kapitalismus.

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Lange vor seinem Gameboy-Durchbruch erschien Tetris bereits auf zahlreichen anderen Plattformen.
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Als Paschitnow den Klassiker entwickelt, arbeitet er im Computerzentrum der russischen Akademie der Wissenschaften in Moskau. Er will sein Spiel unbedingt Tetris nennen, eine Wortschöpfung bestehend aus „Tetromino“, eine aus vier Quadraten bestehende geometrische Figur, sowie „Tennis“, Paschitnows Lieblingssport. Er formt zusammen mit seinem Kollegen Dimitri Pawlowsky und dem Schüler Vadim Gerasimov ein Programmierteam. Vor allem Gerasimov ist für Paschitnow ein Glücksgriff, denn der 16-Jährige ist PC-Experte. Er soll mit der Code-Übersetzung den entscheidenden Teil eines Plans umsetzen: Das Team will zwölf Spiele für den PC programmieren und gebündelt verkaufen. Kriterium Nummer Eins: Sie sollen süchtig machen. Doch das Konzept schlägt zunächst fehl, auch, weil Privatverkäufe im kommunistischen Russland illegal sind.

Showdown in Moskau

Auch das System des geistigen Eigentums, was Paschitnow eine Menge Geld hätte einbringen können, ist in den Sowjetrepubliken zumindest schwammig, wenn nicht sogar unbekannt. Die Programmierer entscheiden sich dafür, ihre Kreationen an Freunde zu verschenken. Eine folgenschwere Entscheidung – im positiven Sinne. Die DOS-Version von Tetris verbreitet sich ohne Internet, aber nach traditioneller Trading-Manier bis in den kapitalistischen Westen.

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Klötzchenkult: Architekten huldigten dem Spiel mit einem Tetris-Village.
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Dort weckt es das Interesse verschiedener Spielepublisher. Aber da Paschitnow als Angestellter arbeitet, gehörten auch alle Computerspiele seinem Arbeitgeber. Die Rechte an Tetris gehen 1986 für zehn Jahre an die Akademie über - und damit an ELORG, das sowjetische Ministerium für Software- und Hardware-Export.

Nach der Messe in Las Vegas sieht Henk Rogers vor seinem geistigen Auge Stein um Stein herabfallen, und das auf dem Monochrom-Display eines Nintendo Gameboy, der Mitte 1989 auf den Markt kommen soll. Der Spielekonzern will seinen neuen Handheld im Bundle mit einer Cartridge verkaufen. Rogers ist sich sicher: Tetris ist das perfekte Spiel für den Gameboy. Während Nintendo USA noch über einen Mario-Titel nachdenkt, geht Rogers in die verbale Offensive:„Wegen Mario würden kleine Jungen einen Gameboy kaufen; wegen Tetris alle“. Der Nintendo-Boss Minoru Arakawa ist überzeugt. Er beauftragt Rogers, die Rechte zu sichern.

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Unfassbar: Blumenkästen als Tetris-Merchandise.
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Jetzt soll es schnell gehen: Rogers will mit dem ELORG verhandeln und fliegt ohne Einladung nach Moskau. Die Geschichte hat etwas von einem Hollywood-Streifen aus den 1980er Jahren, in denen die verschiedene Protagonisten im Herzen des Feindes versuchen, sich gegenseitig auszustechen. Zum Showdown fliegen drei unterschiedliche Parteien, neben dem Nintendo-Vertreter Rogers auch jemand von Atari. Doch Ewgeni Belikow, der Verantwortliche bei ELORG sowie Programmierer Paschitmow bekommen als ersten Henk Rogers zu Gesicht.

Nintendo macht das Rennen

Belikow will, dass das gegnerische System dafür zahlt, was sie der damaligen UdSSR abluchsen will. Doch Rogers erklärt, was eine Lizenz ist – denn der ELORG-Chef will zunächst eine utopische Milliardensumme für einen kompletten Besitzwechsel herausschlagen. Der Nintendo-Unterhändler will den Deal mit den Russen über seine Firma Bullet-Proof Software abwickeln, bei Rogers blinken die Dollar-Zeichen in den Augen. Tatsächlich überzeugt er Belikow und Paschitmow von seinen Plänen und bekommt die Lizenzrechte für Handheld-Systeme.

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Das simple Spielprinzip von Tetris macht sofort süchtig.
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Um die Konsolenrechte für das damals aktuelle Nintendo Entertainment System (NES) ebenfalls zu bekommen, hält Rogers dem ELORG-Boss einen Scheck unter die Nase, mit der Aussicht auf weitere. Er hat Erfolg. Einen Monat später, im März 1989, bekommt Nintendo auch die Konsolenlizenz von den Russen. Gerüchten zufolge erhält ELORG drei bis fünf Millionen US-Dollar vom japanischen Spielekonzern im Voraus. Tetris ist endgültig in der westlichen Computerwelt angekommen. Es ist das erste Spiel der Geschichte, das dem eisernen Vorhang trotzt und mit Erlaubnis der UdSSR kommerziell vermarktet wird.

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Der Packshot der Amiga-Version griffdie russische Herkunft des Spiels motivisch auf.
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Rogers kann sich derweil die Hände reiben: Der Chef von Bullet-Proof Software streicht eine ähnliche Summe für die erfolgreiche Vermittlung der Handheld-Rechte ein. Viel wichtiger für die beteiligten Firmen ist jedoch: Tetris wird im Bundle mit dem Gameboy zum Verkaufsschlager. Die Voraussage Rogers scheint sich zu bewahrheiten: Es sind nicht nur kleine Jungen, die sich einen Gameboy zulegen. Seit der Markteinführung im Sommer 1989 (Japan/USA) und Herbst 1990 (Europa) hat Nintendo mehr als 30 Millionen Exemplare des Puzzle-Hits an Kinder, Heranwachsende, junge Erwachsene und Eltern gebracht.

Im Gefolge des Gameboy-Siegeszugs erreicht sogar die Tetris-Melodie 1992 Platz sechs der UK-Charts – als Coverversion von Musical-Komponist Andrew Lloyd Webber. Auch Erfinder Paschitmow sagt heute, dass ihm die erste, klassische Gameboy-Variante seines Spiels noch immer am besten gefällt.

Tetris im Longdrink-Glas

Kurz nach der Wende in Europa wandert der Tetris-Schöpfer in die USA aus. Noch 1996 hatte Paschitmow mehr als ein Jahrzehnt keine müde Kopeke für seine Schöpfung bekommen. Das sollte sich nun ändern, denn im gleichen Jahr erhält er vom neuen russischen Staat die Rechte zurück. Paschitmow will jedes Risiko einer weiteren Ausbeutung ausschließen und gründet gemeinsam mit Rogers „The Tetris Company LLC“ um endlich Geld mit dem Spiel zu verdienen. Doch zunächst tritt Paschitmow seinen neuen Job als Game Designer bei Microsoft an.

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Retrokult: Krawatten mit Tetris- und Pongmotiven.
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Bevor er den Software-Riesen 2005 verlässt, arbeitet der russische Game Designer neun Jahre lang für Microsoft an Puzzle-Spielen. Doch seinen großen, ersten Hit hat er nie übertroffen. Inzwischen kann Paschitnow von den Lizenzgebühren für Tetris gut leben – ein Game Over ist nicht in Sicht. Noch immer ist die Welt tetrisiert.

Mit geschärftem Blick ist das Puzzle an den verschiedensten Orten zu entdecken: im Badezimmer, wo Tetromino-Kacheln dem Fan den Morgen verschönern; im Wohnzimmer, wo Schränke in Steinform stehen; auf dem Balkon, der Tetris-Blumenkästen beheimatet; und in Eiswürfel-Form im Longdrink-Glas. Von Seife, Lampen bis zu Topflappen: Die verrücktesten Tetris-Merchandising-Artikel haben wir für euch in einer Bilderstrecke zusammengetraten.

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Computerkunst: Tetrisskulptur aus Getränkekästen.
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Der Vater des Spiels glaubt, dass es verschiedene Gründe sind, warum Tetris noch immer so viel Erfolg hat: Es ist einfach. Jeder kennt es. Zudem wird bei Tetris etwas konstruiert, nicht zerstört – das entspreche mehr dem menschlichen Naturell, sagt Paschitmow. Der letzte Grund sollte alle Entwickler aufhorchen lassen, die noch immer am alten Konzept des endgültigen, fertigen Titels festhalten: Ein Spiel sollte immer weiter entwickelt werden, damit Fans bei Stein und damit auch der Stange bleiben.

Henk Rogers, der Partner Paschitmows, ist über die Langlebigkeit von Tetris noch immer erstaunt. „Früher habe ich geglaubt, dass ein Spiel eine bestimmte Lebensdauer hat. Ich dachte wir hätten ein oder zwei Jahre, bis ein besseres Tetris auf den Markt kommen würde. Es wurde versucht. Geschafft hat es auch nach 25 Jahren noch niemand.“

Zukunftspläne aus vier Quadraten

Die Tetris Company hat heute ihren Sitz in und auf dem 50. Bundesstaat der USA, auf Hawaii. Doch nicht nur wegen der vielen Sonnenstunden rauchen auf der Pazifikinsel die Köpfe. Ständig wird an neuen Konzepten gefeilt. Paschitmow und Rogers schwebt Tetris als Profi-Sport vor. Zudem soll es so individuell veränderbar werden, dass Spieler jede ihrer Lieblingsversionen erschaffen können. Um dieses Ziel zu erreichen, sind die großen Drei wieder vereint, die Ende der 1980er Jahre Tetris zum Siegeszug über die Spielewelt verholfen haben.

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Tetris Evolution: Bis heute gibt es immer wieder Neuauflagen für unterschiedliche Plattformen.
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Fast 25 Jahre und damit rechtzeitig zum Jubiläum von Paschitnows Spielidee haben Rogers und er sich erneut mit Ex-Nintendo-Boss Minoru Arakawa zusammengetan. Im März 2009 startete das Triumvirat mit Tetris Friends Online Games die offizielle Website, wo im Einzel- oder Mehrspieler-Modus gezockt werden kann und soll. Das tun die Besucher, momentan über eine Million Mal pro Tag. Bis das Handgelenk schmerzt und die Finger lahm werden. Oder die Tastatur zu langsam reagiert.

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