Wenn dem Rezensionsexemplar eines Spiels ein Erklärungs- oder Entschuldigungsschreiben beiliegt, das offensichtliche Probleme abschwächen soll, läuten alle Alarmsirenen. Soll hier im Vorfeld bereits nach Ausreden gesucht werden? Schließlich wird auch niemand vor einem Date eine Entschuldigung für die möglicherweise miese Performance im Bett übergeben, oder?

Publisher Atari und Entwickler Eden Games machen aber genau das. Scheinbar ahnen sie, dass ihr MMO-Rennspiel Test Drive Unlimited 2 (TDU 2) mit unübersehbaren Schwächen ausgeliefert wird...

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My TDU Life

Schon der Beginn soll die Ausrichtung des Spiels hin auf ein soziales Onlinespiel demonstrieren, in dem ihr nicht nur edle Karossen über den Asphalt bugsiert, sondern auch eigene Avatare in Ego-Perspektive kontrolliert und mit ihnen interagiert. Doch die Umsetzung ist viel zu steif, viel zu hölzern ausgefallen und erinnert an schlechte Sims-Kopien - und das will schon was heißen!

Test Drive Unlimited 2 - Das fünfte Rad am Wagen hat ne Schraube locker

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Beim Einkaufsbummel schlendert man durch Fahrzeughäuser und beäugt die Boliden aus nächster Nähe - inklusive optionaler Probefahrt.
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Eden Games hat neben den Fahrwettbewerben einen MySims, tschuldigung, MyTDU Life-Modus gestrickt, der mit einer Vielzahl von Aktivitäten lockt: Immobilien- und Klamottenkauf, Schönheitsoperationen, Friseurbesuche und so weiter. Alles nach dem Motto: mein Auto, mein Haus, mein Boot. Doch die Inszenierung ist nicht nur schlecht, sie ist geradezu fremdschämig und peinlich. Die immer gleichen Sprüche ziehen sich zu allem Überfluss noch in die Renn-Events hinein, die mit ständig wiederholenden, platten Ansagen nerven. „Hilfe, ich will hier raus!“, schießt es mir da unwillkürlich durch den Kopf.

Um das neue vielschichtige System zu manifestieren, haben die Entwickler ein Levelsystem implementiert, das 60 Stufen in vier unterschiedlichen Kategorien umfasst. Ihr sammelt Punkte also nicht nur durch Raserei (aka Wettbewerb), sondern auch in Bereichen wie Sammeln, Entdecken und Soziales. Damit soll auch der verstärkte Fokus auf die Multiplayeroptionen unterstrichen werden, doch all der schräge Klimbim rund um die Events kann zumindest mich nicht im Geringsten motivieren.

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Gleich geht’s los. Für sich betrachtet sehen die Wagen auch ganz lecker aus.
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Wie man anno 2011 ein packendes Rennspiel mit Onlinemodus inszeniert, hat zuletzt Need for Speed: Hot Pursuit vorgemacht - und das mit einer deutlich besseren Optik. Das betrifft übrigens einen der Punkte des erwähnten Begleitschreibens, in dem man sich „geehrt zeigt, mit anderen Open-World-Spielen verglichen zu werden, die im Vergleich zu anderen Rennspielen sehr große Freiheit aber ihren Tribut von der Hardware fordert“. Ah ja…

Dieses Rennspiel hätte noch einige Testfahrten benötigt, um durch den TÜV zu gelangen.Fazit lesen

TDU 2 hinkt optisch in den meisten Belangen deutlich hinter aktueller Konkurrenz hinterher, lediglich die hübschen Wagenmodelle können zumindest halbwegs überzeugen. Darüber hinaus plagt ihr euch jedoch mit einer Fülle von Unzulänglichkeiten herum: Grobe Popups (vor allem bei der Konsolenversion, infolge derer andere Fahrzeuge und Landschaft oft erst im letzten Moment eingeblendet werden), teils FPS-Einbrüche, Tearing oder auch Clippingfehler.

Gerade diese machen das Fahren bisweilen zum Horrortrip, wenn unser Bolide gegen unsichtbare Streckenbegrenzungen prallt, abrupt abgestoppt wird oder plötzlich durch die Luft fliegt. Nicht nachvollziehbar ist das Gamedesign auch in puncto Streckengestaltung: Während wir einerseits Schilder und einige Masten einfach ummähen, stoppen uns dagegen andere Objekte wie Büsche oder Blumenbeete.

Große Freiheit, wenig Abwechslung

Viele Gegenstände sind auch genau oder in der Nähe der Ideallinie platziert und sorgen für unnatürliche Fahrlinien. Das heißt, wenn man überhaupt etwas von der Streckenführung mitbekommt: Häufig erkennt man auch aufgrund der miserablen Beschilderung erst im letzten Moment, wohin die Reise geht. Vor allem bei Nachtfahrten und bei Ausflügen ins Offroad-Geschäft eiern wir im Blindflug über die Parcours. Wer die Wahl hat und unbedingt diese Onlinewelt erkunden möchte, greift lieber zur flüssigeren PC-Fassung, die ohnehin insgesamt schöner wirkt.

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Die riesigen Inseln bieten allerlei fahrerische Freiheiten, fordern euch aber auch lange Wege ab.
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Bei all den Problemen, die TDU 2 wie Ballast mit sich herumschleppt, geht die durchaus spaßige Fahrerei auf den beiden riesigen Inseln (neu: Ibiza; alt: Hawaii) mit einer Vielzahl von Events oder einfach entspanntem Dahintuckern fast ein wenig unter. Und selbst hier hat Eden Games einige Hürden eingebaut, die den fraglos vorhandenen Spielspaß vergällen. Beispielsweise die Integration von Fahrprüfungen.

Nicht nur für jede der drei Klassen (Asphalt, Klassiker, Offroad) müsst ihr zur Fahrschule gehen - nein, für jede Kategorie Rennwagen schleust euch das Spiel durch eine zusätzliche Serie von Parcours. Ein Ablauf, der sich ständig wiederholt und rein gar nichts Neues bietet. Das gesamte Rennspiel ist viel zu sehr im Baukastenformat nach Schema F aufgebaut, um über längere Zeit faszinieren zu können: Zunächst legen wir eine Fahrprüfung ab, dann erstehen wir ein Auto dieser Klasse, kaufen uns irgendwann dazwischen Häuser, um die Wagen in Garagen unterzubringen und machen uns dann an die Renn-Events, die mit den stets gleichen Herausforderungen locken: Normale Rennen, Zeitrennen, Last Man Standing, Blitzer oder Temporausch.

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Schon bald bekommen die KI-Gegner nur noch das Heck unseres Fahrzeugs zu sehen - wenn überhaupt.
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Die dämliche KI kann euch in den meisten Wettbewerben nicht annähernd das Wasser reichen, dafür landet aber (fast) immer derselbe Konkurrent auf Platz zwei. Und selbst, wenn er im direkten Duell seinen Wagen an euch verliert, tritt er beim nächsten Mal wieder damit gegen euch an.

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Ob der bei allen Tätigkeiten so hölzern agiert?
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Es gibt so viel mehr Negativpunkte, die man beschreiben könnte: die miserable Vertonung mit lispelnden oder zu schnell abgespielten Stimmen, das lasche Geschwindigkeitsgefühl (was, schon 300 Sachen?!), die bruchstückhaften Tuningmöglichkeiten, zeitweise nicht erreichbare Online-Server, träge Maps (vor allem mit Gamepads), das praktisch nicht existierende Schadensmodell, der übertriebene Luftverkehr mit zig Jumbojets in der Luft und und und.

Was TDU 2 am Ende zumindest ein wenig versöhnlich stimmt, sind neben den hübschen Bolidenmodellen und soliden Motorensounds auch tatsächlich die Mehrspieler- und Kooprennen, die für frischen Wind und Abwechslung sorgen: Gerade die Verfolgungsrennen und Teamevents oder selbst erstellte Wettbewerbe aller Art laden dazu ein, sich wenigstens ab und zu an den Onlinerennen zu beteiligen und den Fahrspaß im Konvoi oder gegeneinander zu suchen.