Rot, rot, rot. Ne andere Lackfarbe haben sie bei Ferrari nicht. Stimmt nicht ganz, aber im Groben kommt es hin, schließlich soll die aggressive Farbgebung die wilde, ungezügelte Natur der italienischen Sportflitzer unterstreichen. Ein Temperament, das die Entwickler von Slightly Mad ein wenig zu sehr in den Vordergrund rückten, als sie Test Drive: Ferrari Legend programmierten.

Ungezügelt ist die beste Umschreibung, die mir einfällt. Ich hatte noch nicht die Ehre, einen echten Ferrari zu fahren, aber in jedem einzelnen Rennspiel, egal ob realistisch oder nach Spielhallentradition, steuert er sich grundsätzlich wie eine Kuh auf Glatteis. Wendekreis unter ferner liefen, Kurvenstabilität quasi nicht vorhanden.

Wer nicht in enge Kurven driftet, fliegt sofort von der Strecke oder wird zum schleichenden Hindernis. So einen Ferrari zu fahren ist zumindest für mich furchtbar anstrengend. Segas kultigen Spielautomaten „Ferrari F355“ genoss ich beispielsweise nur mit sämtlichen Fahrhilfen auf Anschlag.

Fünfzig sportliche Flitzer, ein Fahrverhalten

Und dann das: Test Drive Ferrari Legends. Ein Rennspiel voller Ferraris. Nein, ausschließlich mit Ferraris. Ganz schön gewagt von den Slightly Mad Studios. Need for Speed: Porsche, Beetle Adventure Racing und ähnliche herstellerexklusive Rennspiele sollten doch gezeigt haben, dass man mit solchen Entscheidungen höchstens den Kundenkreis eingrenzt.

Zwar stehen genau fünfzig unterschiedliche Modelle zur Verfügung, angefangen bei frühen Boliden aus den Fünfzigerjahren bis hin zu aktuellen Prototypen, aber Ferrari bleibt Ferrari bleibt Ferrari. Ein Enzo mag sich nicht fahren wie ein Testarossa und doch teilen sie die gleiche Widerspenstigkeit, das gleiche „Hauptsache schnell auf der Geraden“-Fahrgefühl.

Test Drive Ferrari Racing Legends - Ein Rennstall sieht rot

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Alles dreht sich um die roten Flitzer aus Maranello.
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Es ist jedenfalls sehr bemerkenswert, dass sich die uralten Karossen aus der zweiten Mercedes-Silberpfeil-Ära besser steuern, präziser in den Kurven liegen und schlichtweg spaßiger fahren als so eine knallrote Speed-Flunder der Neuzeit. Wenn man denn den Programmierern des neuen Test Drive Glauben schenkt.

Packshot zu Test Drive Ferrari Racing LegendsTest Drive Ferrari Racing LegendsErschienen für PS3, Xbox 360 und PC kaufen: ab 21,24€

Drei Zeitperioden stellen sie Ferrari-Fans parallel zur Verfügung, die einen Vergleich der Fahrzeuge erleichtern. Die goldene Ära von 1947 bis 1973, die silberne Ära von '74 bis '90 und die moderne Ära von '90 bis heute. In jeder heuert man als virtueller Testfahrer für den berühmten Rennstall an und soll (retrospektiv) neue Modelle auf diversen Kursen an ihre Grenzen führen. Mal im Zeitfahren, mal in direkten Vergleichen, aber nie in offiziellen, gesponserten Veranstaltungen oder in großen Ligen.

Trotz gewisser guter Ansätze sollten selbst Ferrari-Fans vor dem Erwerb ausgiebig probespielen.Fazit lesen

Hier soll man einen neuen Kursrekord aufstellen, da eine bestimmte Durchschnittszeit einhalten und ein andermal schlicht sämtliche anderen Testfahrer überholen. Eigenes Tuning oder sonstige Vorbereitungen fallen somit flach, das übernimmt alles der Rennstall, der ja die Ergebnisse seiner Mühen ausloten möchte.

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Natürlich erwarten euch haufenweise Ferraris.
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Na gut, das ist mal ein neuer Ansatz, auch wenn er genauso im schlichten Abklappern von Events endet wie bei vielen anderen Rennspielen. Es ärgert jedoch ungemein, dass diese eng eingegrenzten Veranstaltungen allesamt linear abgearbeitet werden müssen, da spätere Rennen vorerst gesperrt sind. Schafft man eine Aufgabe nicht, völlig gleich aus welchem Grund, bleibt innerhalb einer Ära keine Ausweichmöglichkeit.

Das gilt übrigens auch für einen Großteil der Strecken. Monza und Silverstone grast man gefühlte hundertmal ab. In späteren Zeitperioden darf's dann auch der Hockenheimring sein. Bevor man spektakulärere Umgebungen wie etwa die französische Küste bei Monaco zu Gesicht bekommt, vergehen viele Spielstunden. Selbst schnelle Rennen und Online-Begegnungen auf gesperrten Kursen bleiben Tabu, bis man sie in der Karriere freigespielt hat.

Schmierseifo: Italienisch für Kurvenhaftung

Leider liegt das nicht am durchaus üppigen Angebot an Herausforderungen, sondern am äußert schlecht ausbalancierten Schwierigkeitsgrad von Test Drive: Ferrari Legends. Viele Events aus der goldenen Ära schafft man im Schlaf und schreibt parallel dazu noch 'ne Hausarbeit fertig. Doch schon die erste Veranstaltung der Silberzeit ist ein Schlag ins Gesicht: sieben Gegner überholen – kann nicht so schwer sein. Doch, ist es!

Bereits im allerersten Rennen der silbernen Ära muss wirklich jede Kurve sitzen. Ein Fahrfehler? Kostet zu viel Zeit, also startet man neu. Die Bande geschrammt? Neustart! Aufs Gras abgerutscht? Neustart! Und das, obwohl man am Limit fahren muss. Heißt im Klartext, wirklich jede Curb zu kratzen, schon frühzeitig einzulenken, sich keinesfalls sich zu Kurskorrekturen verführen zu lassen und nie, aber auch wirklich niemals zu früh zu bremsen.

Was nicht so leicht ist, wenn sämtliche Boliden zum Übersteuern neigen und Fahrhilfen wie die eingeblendete Ideallinie keinen Sinn haben. Der empfohlene Kurs stimmt zwar, aber die veranschlagten Bremswege sind viel zu lang. Nicht einmal die CPU hält sich an die falschen Vorgaben, wenn man die niedrigste von drei Schwierigkeitsstufen wählt und die Konsole automatisch bremsen lässt.

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Die Rennen an sich sind schon ganz nett, aber haben auch einige Pferdefüße.
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Die Ideallinie leuchtet oft in einem Tiefrot, wenn ein wenig vom Gas zu gehen bereits ausreicht, und noch vor dem Scheitelpunkt wieder grün, als könne man mit einem steifen Ferrari wieder auf Vollgas gehen und in der Kurve beschleunigen wie mit einem wendigen Mitsubishi GTO. Völlig absurd! Wer ist dafür verantwortlich? Mit diesen Vorgaben kann man vielleicht einen VW-Passat über den Hockenheimring führen, aber keine rote Spritschleuder aus Italien.

Also: Ideallinie ausgeschaltet, Bremswege und Kurveneinschlag selbst abgeschätzt, schon klappt alles besser. Und trotzdem bleiben die ersten Events der silbernen Ära sauschwer. Von der Modernen will ich gar nicht anfangen, denn hier summieren sich die Fehler.

Das fängt bei Kleinigkeiten wie falsch angezeigten Rundenzahlen an und hört bei sinnlosen Disqualifikationen wieder auf. Dass man nach dem dritten Mal Abkürzen über die Wiese mit einem Neustart bestraft wird, ist zwar hart, aber nachvollziehbar. Warum das verlustreiche Abdriften in die äußere Streckenabgrenzung als Abkürzung interpretiert wird, bleibt trotzdem rätselhaft. Noch schöner: Küsst man eine Bande oder einen Stapel Reifen, ist meist gleich der Ofen aus. Aber nicht immer. Es kommt anscheinend auf die Härte des Aufpralls an, denn an so mancher Stelle darf man auch die Bande als Bremsmittel missbrauchen, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen.

Schrammt man einen Reifenstapel, nimmt man ebenfalls nicht sofort den Hut. Umso mehr ärgert dann die Disqualifikation durch leichten Kontakt mit bereits umgestürzten Reifen, die mitten auf der Strecke verteilt liegen und nicht mehr umgangen werden können. Da wäre ein echtes Schadensmodell mit spürbaren Auswirkungen sicherlich die angenehmere Alternative gewesen.

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Wer mag, springt in die Cockpit-Ansicht.
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Das sind völlig unnötige Frustfaktoren, die aber beim Spielen kaum zu vermeiden sind, da man die Ferraris unbedingt an das fahrerische Limit bringen muss, um Basis- und Bonusziele zu erreichen. Nicht selten entscheiden Millisekunden und kleinste Lenkeinschläge über den Erfolg, was bei solch kurvenunfreudigen Fahrzeugen viele unfreiwillige Neustarts nach sich zieht. Ohne Drift geht gar nichts, driftet man aber zu sehr, geht zu viel Geschwindigkeit verloren.

Mensch, ich will kein Profi-Rennfahrer werden, ich will genüsslich ein virtuelles Auto fahren. Realistisch darf's ja sein, und dank wackelnder Helmkamera sowie fotorealistischer Optik versetzt man sich sofort in die Haut des Piloten. Aber die Jungs von Slightly Mad haben den Bogen überspannt, Zeitlimits zu eng geplant und das Übersteuern der Wagen zu offensichtlich in Szene gesetzt. Man braucht den Analogstick oder das Racing-Wheel nur einmal schief anzuschauen, schon verlieren die Reifen jegliche Bodenhaftung.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich ein echter Ferrari so bockig lenkt wie hier, denn dann würde kein Schwein so ein Geschoss kaufen. Klar, auch in „Forza“ sind Ferraris schwer zu beherrschen, aber bei weitem nicht so schwer wie in Test Drive: Ferrari Legends.

Schöne Aussichten

Das klingt jetzt alles sehr negativ, doch dieser Text fängt nicht umsonst mit den herben Schnitzern des Programms an. Wenn nicht, ginge zu viel Kritik im Geschwafel über die durchaus ansehnliche Optik, die knappe, aber gelungene Auswahl an Strecken sowie die herrlich nachmodellierten Fahrzeuge unter. Obwohl die Framerate auf dreißig Bildern pro Sekunde festklebt – was für eine Simulation definitiv zu wenig ist, selbst mit ermogelter Bewegungsunschärfe – und gelegentliche Ruckeleinlagen den Fahrspaß trüben, macht Slightly Mad so manches besser als die Konkurrenz von Polyphony oder Turn 10.

Ich empfinde die starken Kontraste zwischen schattigen und beleuchteten Streckenteilen zum Beispiel als sehr angenehm, da sie authentischer wirken als die üblichen Schmuckschatten vieler anderer Rennspiele, die lediglich die Ausrichtung der Sonne markieren. Das Gesamtbild kommt zwar einen Tick zu dunkel rüber, doch dafür sieht der Himmel auch endlich mal satt aus, ohne zu blau zu leuchten.

Asphalt in dunklem Grau und dichtes, dunkelgrünes Gewächs am Straßenrand entkräften den typischen Eindruck von Spielgrafik, der bei anderen Rennspielen oft erst durch hochaufgelöste Hintergründe gebrochen wird. Leider nur zu drei Tageszeiten und nie bei Regen oder Nacht, aber diese Kritik muss sich Genre-Primus Forza 4 ja ebenfalls gefallen lassen.

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Die Autos sehen super aus, die Strecken allesamt ganz gut.
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Einige Strecken könnten ein paar mehr Details vertragen. Sie wurden stattdessen in die Wagen investiert, was sich vor allem dann auszahlt, wenn die Kamera am Fahrersitz klebt. Das Innere der Schlitten sieht toll aus und braucht die Konkurrenz nicht zu fürchten, egal auf welchem System. Besonders schön sind da etwa Kleinigkeiten wie Reflexionen auf der Innenseite der Windschutzscheibe. Nur der Schattenwurf wirkt leider sehr grob. Wer die Motorhaubenperspektive bevorzugt, wird je nach Ausrichtung zur Sonne gelegentlich sein blaues Wunder erleben. Solche groben Sägezahnschatten darf es heute nicht mehr geben, jedenfalls nicht so nah an den Augen des Spielers.

In vielerlei Hinsicht versucht Test Drive: Ferrari, nobel und erhaben zu wirken. Das Menü ist einfach gestaltet, aber stilvoll, im Hintergrund trällert eine Operndiva ihre Koloraturen, während die Kamera schöne Kanten der Karossen einfängt. Für Ferrari-Fans ein Fest. Schade, dass der Rest des Spiels da nicht mithalten kann.

Dass viele Rennen – vornehmlich jene aus der goldenen Ära – mit einem Sepiastich und Alterungsflecken starten, ging mir hingegen gewaltig auf den Geist. Der Effekt verschwindet selbst bei rolling Starts erst unmittelbar vor der Startlinie. Inzwischen kann es schwer sein, die nächste Kurve im Voraus abzuschätzen. Geschmackssache.