Ein Tekken-Spiel mit einer Zwei dahinter? Ein Spin-off, das noch nicht zu Tode zitiert wurde? Unglaublich, aber wahr. Namco trommelt dafür sogar fast die komplette Kämpferriege vergangener Tage zusammen.

Tekken Tag Tournament 2 - VGA 2011 Trailer10 weitere Videos

Ach, du meine Güte, was für ein Flashback! Wenn ich den Namen Tekken Tag Tournament höre, denke ich automatisch an meinen Besuch in der Redaktion der „Video Games“. Das war die Mutter der deutschen Videospielzeitschriften, wurde aber zum Bedauern vieler Leser 2001 eingestellt.

Nicht so wichtig, mir geht es um diesen Tag mit Tekken Tag Tournament, denn es war das erste PlayStation-2-Spiel, das ich live zu Gesicht bekam. Es lief auf einer brandneuen japanischen Importkonsole, deren Laufwerksauswurf bereits Probleme bereitete. Au weia. Noch schlimmer: Es ging nur um Tekken 3 mit ein paar Tag-Team-Tweaks und die Kanten der Grafik flimmerten, dass einem die Augen brannten.

Diese Begegnung hinterließ trotzdem Spuren. Nicht auf meinen Augen, auf meinen Daumen! Stunden über Stunden flog die Eisenfaust, wurden Kombos zitiert und Tag-Teams optimiert. Zwei Kämpfer je Seite, zwei Lebensbalken je Charakter, ein Ziel je Spieler: Auf die Matte mit dem Gegner! Es wurde einfach nicht langweilig.

Tekken Tag Tournament 2 - Ein waschechter Party-Prügler

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Alte Herren prügeln sich, dass es kacht. Jau!
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Auf den ersten Blick scheint sich seitdem wenig verändert zu haben. Tekken Tag Tournament 2 flimmert nicht mehr, ist grafisch selbstverständlich erheblich schöner anzusehen und beglückt gleich zwei Konsolenfraktionen. Und sonst? Na was wohl: auf die Matte mit dem Gegner!

Packshot zu Tekken Tag Tournament 2Tekken Tag Tournament 2Erschienen für PS3, Xbox 360 und Wii U kaufen: ab 18,00€

Klassentreffen im Ring

Ganze fünfzig altbekannte Haudegen füllen den Kader. Darunter findet ihr zwar keine neuen Gesichter, aber ein Mangel an Kampfstilen ist nicht zu beklagen. Egal, welchen Klopper ihr im Laufe der Serie liebgewonnen habt, ihr findet ihn im leicht fuzzeligen Auswahlmenü. Roger das Känguru, Bruce-Lee-Verschnitt Forest Law, Ninjafreak Yoshimitsu, Holzklotz Mokujin und selbst altbekannte Obermotze wie Ogre motivieren zum Erstellen immer neuer Teams. Nachschub per DLC steht schon in den Startlöchern.

Tolle Grafik, Tag-Teams, riesige Kämpferriege und endlich ein ordentlicher Online-Modus. Was wollt ihr mehr?Fazit lesen

Selbstverständlich harmonieren viele Klopper mit Charakteren, deren Kampfstil den eigenen ergänzt. Ein Team aus den beiden Breakdance-Profis Eddie und Christie klingt genauso verlockend wie die Kombination Eddie plus Jack – der Tänzer für die schnelle Fußarbeit, der Robo-Hulk für die Durchschlagskraft. Alles nur eine Frage der Taktik.

Warum das so ist, erklärt Tekken Tag Tournament hervorragend in seiner Kampagne. Das sogenannte Kampflabor vermittelt sowohl eine grobe Geschichte anhand von animierten Zeichnungen als auch ein Basis-Tutorial mit einem alten Bekannten, dem „Combot“ genannten Kampfroboter. Hier lernen Anfänger wie auch Profis alle Grundregeln. Vom Auslesen der gegnerischen Kampfhaltung über die Basis des Kombosystems bis hin zum Abklatschen mit einem zweiten Charakter, inklusive einer effektvollen Spezialattacke.

Tekken Tag Tournament 2 - Ein waschechter Party-Prügler

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Und wunderbar bunt ist es, wenn Bob verdroschen wird.
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Mit dem „Tag Throw“ nehmt ihr den Gegner etwa kurzzeitig in den Schwitzkasten, „Tag Assault“ ist ein Blitzangriff mit raschem Übergang und „Tag-Combo“ ermöglicht einen „Air-Juggle“, also eine Kombination, bei der euer Widersacher kurzzeitig hilflos in der Luft schwebt.

Leider ist man in den Kapiteln des Kampflabors auf Gedeih und Verderb dem Erfolg ausgeliefert. Wer Probleme bei einer der vermittelten Kombos oder Spezialfertigkeiten hat, bekommt keine Möglichkeit, anderweitig in der Handlung fortzuschreiten. Friss oder stirb. Alternativ schraubt ihr an den Feinheiten des Robokämpfers herum.

Insbesondere die prüfenden Bosskämpfe nagen manchmal am Geduldsfaden. Lektionen bleiben allerdings über das Spiel hinweg kurz und einprägsam, sodass man mit ein wenig Übung jeden Kniff irgendwann kapiert. Vorausgesetzt das Timing stimmt. Tekken Tag Tournament nimmt es bei manchen Moves unheimlich genau.

Diesmal auch online ein Hit

Bosskämpfe sind, wie schon angedeutet, etwas schwerer, doch lockern sie den Ablauf ungemein auf. Ich sage nur: Mokujin werfen. Erst soll man dem Holzklotz mit geschickten Kontern die Leviten lesen und anschließend wird er in olympisch anmutender Grazie quer über ein Blumenfeld geschleudert. Selten so bei einem Beat-'em-up gelacht.

An der reinen Spielmechanik gemessen handelt es sich bei Tekken Tag Tournament um ein aufgepäppeltes Tekken 6, inklusive Rage-System und aller charakterspezifischer Anpassungen. Zwei Buttons für Fausthiebe, zwei für Tritte und stellungsbedingtes Blocken bleiben nach wie vor so universell, dass selbst Anfänger mit etwas Glück nette Kombos auf die Reihe bekommen. Der berühmte „Buttonmasher-Effekt“ ist in Tekken leider etwas präsenter als in anderen Prüglern. Daran ändert auch das Kampflabor nicht viel, weil das nicht jeder Gast bei einer Beat-'em-up-Sitzung zu Gesicht bekommt.

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Und wieder gibt's auf die Fresse.
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Dafür bleibt Profis dank der zweigleisigen Tag-Teams mehr Zeit, gezielte Angriffe unterzubringen. Der Druck auf den Wechsel-Button dient nicht nur dem effektvollen Zuschlagen, sondern auch als taktische Unterbrechung. Es ist erstaunlich, wie sehr man vor allem menschliche Gegner durch taktischen Wechsel aus dem Konzept bringen kann. Das gilt selbstverständlich auch, wenn die CPU abklatscht. Wie oft hab ich trotz anfänglicher Überlegenheit verloren, weil die CPU im Arcade-Modus einen fußlastigen gegen einen fauststarken Klopper auswechselte...

Arcade-Modus und Geisterkampf ziehen ihre Wurzeln aus dem Hauptserien-Vorgänger, wurden jedoch leicht überarbeitet. Am wichtigsten dürfte die strikte Trennung zwischen Online- und Offline-Sitzungen sein. Gleich die erste Option im Menü schaltet zwischen beiden Varianten um und beeinflusst die Ranglisten. Halt! Zuerst tippt ihr den branchenweit zur Plage gewordenen Online-Pass in die Maske, sonst habt ihr gar nicht erst Zugriff auf das weltweite Netz.

Immerhin: Begegnungen mit vernetzten Spielern laufen endlich reibungslos ab. Entgegen früherer Erfahrungen halten sich Lags und serverseitige Staus in Grenzen. Die Zuweisungsoptionen ähneln weitläufig denen von Soul Calibur, fallen aber durch witzige Lobbys auf. Während ihr auf einen neuen Herausforderer wartet, dürft ihr mit eurem Team einen wehrlosen Sparrings-Mokujin verkloppen. Etwa um den verflixten Special-Move zu trainieren, den ihr im laufenden Kampf nie hinbekommt.

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Daran ändert auch das Mondlicht nichts.
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Vernetzte Spielpartner zeigen durch eine Zahl auf dem Netzwerksymbol klar an, wie gut ihre Anbindung ist. So was hängt wie üblich von der Distanz zwischen den Spielern und von der Netzqualität ab. In meinen Testversuchen wurden mir erstaunlich häufig Partner mit einer Fünf zugespielt – besser geht es nicht, aber auch bei einer Vier waren keine Einbußen bemerkbar. Alle Duelle gingen stabil vonstatten.

Wie üblich steigt der Spaß parallel zur Anzahl der vor Ort befindlichen Teilnehmer. Soll heißen: Am besten rockt Tekken noch immer mit ein paar Kumpels im selben Zimmer. Auch dann könnt ihr noch immer online antreten, etwa als Tag-Team im Wechsel. Doch wer gestandene Männer gackern hören will wie eine Traube Mädels beim Sektempfang, lädt drei Freunde zu sich ein, stellt einen Kasten Bier hin lässt der Natur ihren Lauf. Habt ihr einen großmäuligen Kumpel, der es mit euch allen aufnimmt? Dann lasst ihn im „Zwei-gegen-einen“-Duell beweisen, was er drauf hat.

Hui, ist das schön bunt hier

Bei aller Euphorie für das Mehrspieler-Erlebnis sollte der weit geringere Wert für reine Solisten nicht unerwähnt bleiben. Ich kenne zwar persönlich niemanden, der Prügelspiele ausschließlich alleine genießt, aber eine geschickt aufgestellte Kampagne kann ein tolles Training abgeben. Diesen Anspruch erfüllt das Kampflabor leider nicht ganz und so bleibt nicht viel außer den spielhallentypischen Modi, verbunden mit dem Ausschmücken der Charaktere.

Wenn das viel gepriesene Soul Calibur seine Spuren irgendwo eingraviert haben sollte, dann hier. Erspielte Ingame-Kohle ebnet den Zugang zu einer Flut an Kleidungsstücken und Accessoires, die jedem der 50 Charaktere einen erheblichen Stilwechsel einräumen. Vom Schuhwerk bis zur Frisur legt ihr das Outfit eurer Wahl fest, speichert es und schießt sogar einen Schnappschuss für das Vorschaubild.

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Frau mit Spinnendekolleté tritt Mann mit dicken Muckis.
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Netterweise berechnet Tekken Tag Tournament 2 den Zustand sämtlicher Kleidungsstücke in Echtzeit, wodurch die Textilien unheimlich lebensecht wirken. Ein Paradebeispiel wäre Nina Williams im langen, wallenden Kleid, dessen Naht nicht schlicht am Boden herumschleift. Jeder Schritt lässt den Stoff herumwirbeln. Aber auch andere Materialien wurden mit feinen Shadern verwirklicht. Ein grün leuchtender Polyester-Anorak schindet kaum weniger Eindruck, weil das Licht glaubhaft von der Oberfläche absorbiert wird.

Namco steckt allgemein unheimlich viel Mühe in die Optik. Das Staunen beginnt angesichts der Masse an Accessoires und Kleidungsstücke, erreicht seinen Höhepunkt jedoch erst beim Bewundern der vielfältigen Hintergrundgrafiken. Ich habe die Anzahl der Arenen nicht gezählt, aber es sind ziemlich viele und eine verzückt mehr als die nächste.

Rein spielerisch hat die Wahl der Arena kaum Auswirkung auf den Schlagabtausch. Einzig die Fläche eines Schauplatzes vermag die Strategie der Kontrahenten ein wenig zu beeinflussen, da manche mithilfe von Wänden fest begrenzt sind. Die meisten Arenen sind jedoch nicht begrenzt und ziehen generierte Hintergrundgrafiken optisch hinterher, egal wie weit man in eine Richtung läuft. Es gibt immer etwas Schönes zu bestaunen,

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Die Arenen sind allesamt sehr schön detailverliebt gestaltet.
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Manche Arenen sind absichtlich übernatürlich spektakulär angelegt. Blumenbeete mit niederländisch anmutendem Mühlen-Setting, bizarre schwebende Inseln mit Wasserstrom im Sonnenuntergang, Aussichtsplattformen, auf denen die Schatten der Bäume sich im Sturmwind zu wiegen scheinen, und vieles mehr.

Kontrast und Abwechslung bleiben aber dank ebenso vieler realistischer Schauplätze hoch. Manchmal kloppt ihr euch schlicht auf dem Campus einer von Kirschbäumen umringten Uni oder im Zwielicht düsterer Katakomben. Eines haben diese Orte alle gemeinsam: Sie sehen verdammt gut aus. Technisch kitzelt auch Namco mit der aktuellen Konsolengeneration die Spitze des Machbaren.

Leider bleibt das Vergnügen nicht ganz kitschfrei. Gelegentlich brennt einem die Farbpalette ein Loch in die Retina. Himmelblassblau mit Kükengelb und Rosa – aaargh, rette sich, wer kann, vor der Attacke der Pastellfarben. Typisch Spielhallenkracher!