Ich schätze, wir alle haben diesen einen Erweckungsmoment in Bezug auf unser Hobby. Diesen einen Punkt, an dem wir merken, dass es für uns nicht nur ein Zeitvertreib unter vielen, sondern vielmehr unsere hauptsächliche Zerstreuung und Flucht vor dem Alltag werden könnte. In Sachen Gaming ist es bei manchen vielleicht ein Besuch am Arcade-Automaten, bei anderen wieder das erste mal, wenn sie mit ihren Freunden oder Eltern vor der Konsole sitzen. Bei mir war es eine Reise mit meiner Mutter, bei der ich im Zimmer eines abwesenden Teenagers einquartiert war. Nur ich, ein Poster von Pamela Anderson an der Wand und eine Playstation mit Tekken im Laufwerk.

Ja, ich habe eine besondere Beziehung zu der Traditionsreihe, und natürlich sind enttäuschende Teile (Tekken 4, anyone?) und die Stagnation der letzten Jahre nicht an mir vorbeigegangen. Ich freute mich dennoch auf die gamescom-Präsentation, denn selbst die schwächeren Einträge von Tekken waren für mich doch immer noch eine lohnende Angelegenheit.

Der erste Blick aufs Charakter Roster stimmt zuversichtlich. Tekken 7 wird stolze 32 Faustakrobaten beinhalten, was angesichts der Komplexität der Movesets eine beeindruckende Zahl ist (wenn auch nicht ganz Tekken-Tag-Verhältnisse), und vor allem werden sich viele Neulinge darin finden. Ein auffälliger ist Claudio Serafino, ein Exorzist, der mithilfe bestimmter Attacken spirituelle Energie in seinem Arm auflädt und sie mithilfe anderer Angriffe mächtig entlädt. Er hat außerdem Relevanz für die bislang eher grob umrissene Geschichte des Spiel, denn sein Exorzisten-Orden hält den Schlüssel dazu, das Teufelsgen und seine Träger zu besiegen – für Heihachi, der einmal mehr die Führung über die Mishima Zaibatsu erlangt hat, eine interessante Fähigkeit.

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Andere Recken gehen ich Richtungen, die man so ebenfalls nicht oft sieht. Master Raven, bei weitem nicht derselbe Charakter wie der normale Wesley-Snipes-Verschnitt, ist eine Kunoichi, deren Kampfstil mehr als ein bisschen an Taki aus Soul Calibur erinnert, Lucky Chloe ein Katzenohren tragendes Popkultur-Kellerkind, das eher DDR-Hampeleien tanzt denn richtig kämpft und Gigas ein leuchtend roter Hüne von einem laborgezüchteten Fleischberg – ein unmenschlich überdimensionierter Charakter, wie man ihn außerhalb der Jack-Reihe und Bossen nur sehr selten sieht – und der sehr gut etwas mit dem nicht im Roster auftauchenden Vale-Tudo-Kämpfer Craig Marduk zu tun haben könnte. Und dann wären da Kazumi Mishima, Frau von Heihachi und Mutter von Kazuya, und Gastkämpfer Akuma, der der holden Dame etwas schuldet und daher Heihachi nachstellt. Herrje, kann sich bei den Mishimas / Kazamas denn gar keiner riechen?

Die Mishimas sind diesmal übrigens auf eine besondere Weise der Fokus der Story oder zumindest einiger Gaiden-Nebengeschichten. Großspurig wird gesagt, man wolle das Gezanke zwischen den ehrgeizigen Trotzköpfen zum Abschluss bringen, und ganz nebenbei noch ein paar interessante Geschichten erzählen, die immer noch im Dunklen liegen – zum Beispiel selbst kämpfbare Abschnitte aus Kazuyas Jugend, die endlich mal definitiv klären sollen, was genau denn jetzt in der Vergangenheit vorgefallen ist, damit sich alle in der Familie so gerne in Vulkane schmeißen, in den Weltraum schießen oder sich dazu verdammen, in sexy Bademode einander als Kellner zu dienen (alles schon passiert – fragt nicht).
Gut, Tekken-Story halt, mit der verhält es sich wie mit freien Sitzplätzen im Bus: Schön, wenn sie da ist, aber wenn nicht, dann überlebt man es auch und überhaupt klebt meistens ein Kaugummi drunter. Doch wenn sie da ist, dann verdient sie auch, mit etwas Aufwand betrieben zu werden, und gerade da haperte es in der Vergangenheit bei Tekken ein bisschen. Schön, dass hier geschraubt wurde.

Tekken 7: Fated Retribution - Die Rückkehr des Königs

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Man traut sich einiges im neuen Tekken sowohl stilistisch als auch spielerisch.
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Auch spielmechanisch möchte man mal wieder ein bisschen Aktionismus nach außen kehren und die bislang enthaltenen Ideen sind nicht so schlecht. Gut, pfeif mal einer auf Quick-Time-Events im Storymode und Stage Transitions, so nett letztere immer sein mögen. Das Herz von Tekken ist das Kampfsystem. Und während Neulinge der Reihe sich sicherlich freuen, dass zwei der insgesamt neun Newcomer gezielt dazu gedacht sind, Einsteigern den Anfang zu erleichtern, kriegen Fortgeschrittene neue Nuancen vorgesetzt.

Dazu zählt ein Angriff pro Charakter, der nicht nur Armor hat (will sagen: Man kriegt zwar Schaden, wenn man während der Animation getroffen wird, sie wird aber nicht unterbrochen und der Angriff nicht vereitelt), sondern einen Teil des erlittenen Schadens auch zurückwirft. Richtig getimed ist das, wenn man genau diesen Angriff braucht, um die Dynamik zu drehen oder die Runde zu entscheiden, sicherlich eine mächtige Waffe. Außerdem wurde endlich etwas Sinnvolles mit dem Rage-System angestellt, das normalerweise einen kleinen Angriffsschub gewährt, wenn man selbst der Niederlage nah ist.

Tekken 7: Fated Retribution - Die Rückkehr des Königs

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Die neuen Kämpfer passen gut zum Rest der Gurkentruppe.
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Wer nun aber in den Rage-Modus geht, darf sich zweier weiterer Vorteile erfreuen. Zum einen ist da ein exklusiver Move, der nicht nur nahtlos in Kombos eingebunden werden darf, sondern auch selbst, wenn er einen Block trifft, Frame-Vorteil behält – hervorragend, um sicher aggressiv zu spielen und den Druck aufrechtzuerhalten, um sich vielleicht doch noch aus der misslichen Lage befreien zu können. Die andere Option ist wesentlich mehr „High risk, high reward“ und vielleicht eher für Neueinsteiger: Die Rage Art ist etwas, was wir so bei Tekken noch nicht hatten, nämlich ein spektakulär inszenierter Finishing Move, der dem Gegner mal gut ein Drittel seines Lebens abziehen kann… wenn er denn trifft. Und egal, ob er klappt oder nicht, den Vorteil des Rage-Modus hat man damit verbraucht. Schwer einzusetzen sind die Biester nicht, aber der Zeitpunkt will gut gewählt sein, und wer seine Kombos nicht beherrscht, der wird wohl nie erfolgreich eine Rage Art platzieren.

Wie gut das alles aufgeht wird eine sehr spannende Frage, die wir uns aber schon bald beantworten können. Im nächsten Jahr geht es los, und nach dieser Präsentation und ein paar Ründchen Hands-on bin ich zuversichtlich, dass ich wieder, wie damals, mit Zauber in den Augen vor der Playstation sitzen werde. Ob Pamela auch dabei sein wird?