Wahre Geschichte: 1994 habe ich mich in der Spielhalle in Tekken verliebt. Das kam für mich völlig überraschend, denn diesen anderen 3D-Prügler namens Virtua Fighter fand ich total uninteressant. SEGAs Werk wirkte irgendwie lahm und uncool. Namcos Tekken fühlte sich viel wuchtiger an. Virtua Fighter war quasi Andreas Bourani und Tekken mehr wie Rammstein. Meine Freunde und ich lebten fortan in dieser Spielhalle, um so oft wie möglich Tekken spielen zu können.

Tekken 7 - Die ersten 12 Minuten Gameplay13 weitere Videos

1995 fuhr ich nach Berlin, um Freunde zu besuchen und ein paar Tage Spaß zu haben. Eher zufällig stolperte ich dabei im Kaufhaus über einen TV-Bildschirm mit vertrautem Inhalt. „Geil, die zeigen Tekken im Fernsehen!“, rief ich begeistert. „Endlich sind Videospiele in der Mitte der Gesellschaft angekommen!“ Natürlich lag ich total daneben. Sonys Playstation feierte Deutschlandpremiere und Tekken sollte als Launch-Titel die Hardware-Verkäufe ankurbeln. Ich habe mir sofort eine Playstation mit Tekken, Battle Arena Toshinden und Ridge Racer gekauft. Meine Urlaubskasse war nach nicht einmal 24 Stunden aufgebraucht. Arm, aber glücklich, brach ich den Berlin-Trip ab. Ich musste sofort zurück nach Nürnberg zurück, um Tekken zu spielen.

Tekken 2 fand ich sogar noch geiler und Tekken 3 hat mir quasi die Schädeldecke weggefetzt. Diese Grafik, diese Kombos und diese Effekte! Als rund zwei Jahre später Tekken Tag Tournament für PS2 auf den Markt kam, war die Luft aber irgendwie raus. Mittlerweile waren ja Virtua Fighter 3 und Dead or Alive 2 für SEGAs Dreamcast erhältlich und zumindest grafisch Lichtjahre voraus. Auch die weiteren Fortsetzungen konnten mich nicht wirklich abholen. Irgendwie wurde das Design mit jeder Episode durchgeknallter, doch spielerisch schien die Serie auf der Stelle zu treten.

Tekken bleibt Tekken

So, jetzt kommen wir endlich zu Tekken 7. Man wird mit unterschiedlichen Modi und Personalisierungs-Optionen - verzeiht mir den Begriff – zugeschissen, während sich am Spiel selbst kaum etwas verändert hat. Trotz langer Tekken-Abstinenz ließ ich nach einigen Minuten sofort wieder fette Kombos mit meinem Lieblings-Charakter Paul Phoenix vom Stapel. Die Kämpfe finden also wieder in klassischer 1-vs-1-Manier statt, Steuerung und Handling sind superpräzise und blitzschnell. Bedeutet auch, dass Ihr am besten die Bildverbesserer eures TVs deaktivieren solltet, denn selbst minimaler Lag wirkt sich negativ aus. Bei vielen Kombos geht es wirklich um Sekundenbruchteile und genaues Timing ist essentiell.

Wer nur wild auf die Knöpfchen hämmert, wird in den einfachsten Schwierigkeitsstufen einige Erfolge verbuchen und vielleicht sogar im Mehrspielermodus triumphieren – so lange nur gegen Anfänger gespielt wird. Tekken ist aber immer noch ein Titel, der vor allem Fleiß und Beharrlichkeit belohnt. Wer wirklich Zeit ins ausgeklügelte Kampfsystem investiert, die ausufernden Move-Listen der 30+ Kämpfer studiert und kein Problem damit hat, aus zahlreichen Niederlagen zu lernen, der wird mit Tekken 7 unendlich viel Spaß haben. Das Spiel ist einfach zu erlernen, aber schwer zu meistern und umso befriedigender ist es, einen echten Meister im Online-Battle zu vermöbeln.

Tekken 7 - Ist der King of Iron Fist Tournament immer noch der King of Iron Fist Tournament?

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Besonders online macht es Spaß, Gegnern auf's Fressbrett zu geben!
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Tekken 7 bietet natürlich auch neue Charaktere, eine überarbeitete Move-Palette und viele kleine Detailverbesserungen. Führen beispielsweise beide Kämpfer gleichzeitig einen Schlag aus, wird manchmal herangezoomt und das Spielgeschehen stark verlangsamt. Ein spannungsfördernder Effekt, da die Antwort auf die Frage „Wer landet jetzt den Treffer?“ herausgezögert wird. Das neue Rage-System ist ebenfalls cool und erinnert etwas an die Super-Moves aus der Street Fighter-Serie. Ist die Rage-Leiste gefüllt, kann man besonders hart austeilen und scheinbar ausweglose Situationen drehen. Sicher kann dem Spiel vorwerfen, zu wenig Neues zu bieten, doch würde man zu vieles über den Haufen werfen, wäre die Kritik wahrscheinlich noch größer. Tekken-Fans werden sich jedenfalls wie zu Hause fühlen, dabei aber trotzdem immer wieder kleine Überraschungen entdecken. Viele der Neuerungen machen sich tatsächlich erst bemerkbar, wenn man richtig viel Zeit in einen Charakter steckt.

Packshot zu Tekken 7Tekken 7Erschienen für PC, PS4 und Xbox One kaufen: Jetzt kaufen:

Schnick-Schnack-Overkill

Man könnte meinen, dass die Entwickler ein schlechtes Gewissen hatten und den Mangel an spielerischen Neuerungen anders kompensieren wollten. Da wären die typischen Einzel- und Zweispieler-Battles, die Ihr offline oder online absolvieren könnt. Online habt Ihr zudem die Wahl zwischen Ranglisten- und Freundschaftsspielen. Dann wäre da noch der Story-Modus, der Solisten etwa drei Stunden beschäftigt und irgendwie recht seltsam anmutet. Zum einen, weil ihr jede Menge Zwischensequenzen zu Gesicht bekommt, die mit serientypischen Albernheiten gefüllt sind. Manchmal werden dabei Tastenkommandos eingeblendet, um den qualitativ durchwachsenen Filmchen ein Gefühl der Interaktivität zu verleihen. Komischerweise unterscheidet sich die Kampfsteuerung im Story-Modus vom normalen Steuerungsschema. Das Ganze fühlt sich stark vereinfacht an. Kombos lassen sich beispielsweise durch mehrfaches Drücken von LP und RP ausführen. Spielt man den Story-Modus durch, werden charakterspezifische Story-Battles freigeschaltet, die allerdings nichts Besonderes bieten. Jedes Story-Battle läuft gleich ab: Ihr klickt Euch durch ein paar Texte, dann folgen ein Kampf und ein kurzes Video.

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Lieber Kombos ohne Ende als ein Ende ohne Kombos
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Natürlich habe ich trotzdem alle Story-Battles absolviert, in der Hoffnung irgendwas freizuschalten. Tekken 7 überschüttet den Spieler geradezu mit Geschenken, die mehr oder weniger wertvoll sind. Zum Beispiel kann man unterschiedliche Designs für die Lebensleiste freispielen. Ihr könnt sogar unterschiedliche Effekte freispielen, damit erfolgreiche Treffer in neuen Farben leuchten. Darüber hinaus lassen sich die Kämpfer mit unzähligen Klamotten und Accessoires kostümieren. Hier sind die Entwickler etwas über das Ziel hinausgeschossen. Natürlich ist es schön, dass man seinen Lieblingskämpfer mit einer coolen Lederjacke ausstaffieren kann, aber warum sollte ich meinem beinharten Martial Arts-Fighter einen Vogel oder eine Sonnenuhr auf den Kopf setzen? Eine Menge Kram lässt sich mit Ingame-Währung bezahlen, die man fürs Kämpfen kassiert. Vieles wird aber direkt als Belohnung freigeschaltet und damit wären wir schon beim Treasure-Modus. Im Treasure-Modus kloppt Ihr einen Gegner nach dem anderen weg und nach jedem erfolgreichen Kampf erhält man Geld und eine Schatzkiste. Darin verbergen sich die unterschiedlichsten Goodies.

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Wer es gerne bunt mag, wird von Tekken 7 überzeugt werden
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VR um jeden Preis

Sogar einen VR-Modus hat man implementiert, doch der ist eine einzige Enttäuschung. Die Perspektive bleibt dabei gleich, doch die Kopfbewegungen des PSVR-Users werden übertragen. Irgendwie fühlt es sich komisch an, die Kamera mit dem Kopf und gleichzeitig den Kämpfer per Controller zu steuern. Das Ganze stellt echt keinerlei Mehrwert dar, wobei es ein paar Minuten lang Spaß macht, die verschiedenen Kämpfer im VR-Viewer zu betrachten. Denkt man sich den ganzen nutzlosen Schnick-Schnack weg, bleibt ein ausgefeiltes Beat-Em-Up, das Fans der Serie für lange Zeit an den Screen fesseln wird. Das ist vor allem dem flotten Online-Modus zu verdanken, welcher im Test sehr stabil und flott lief. Ihr müsst Euch zwischen den Kämpfen also nicht über ewige Wartezeiten ärgern. Dass Tekken 7 bereits seit 2015 durch japanische Spielhallen geistert, sieht man dem Titel durchaus an, denn die Grafik ist ganz ok, aber nicht überragend. Zum Test stand uns lediglich eine PS4-Version zur Verfügung, deshalb können wir aktuell noch nichts zur Performance der Xbox One- und PC-Version sagen.