Ninja? NINJA?! Pah! Zu meiner Zeit hießen die "Teenage Mutant HERO Turtles"! Wir hatten ja nüscht! Es war kurz nach'm Krieg! Notstand überall – ich musste jeden Morgen kilometerweit durch den Schnee robben, um überhaupt was spielen zu können! Und selbst dann hatten wir nur Actionfiguren, und die hießen Puppen! Aber auf der anderen Seite gab es Teenage Mutant Ninja Turtles: Mutants in Manhattan nicht. So hat doch alles sein Gutes.

PlatinumGames kennt ihr, wenn ihr sie kennt, wahrscheinlich als eine Art Sammlung von Genre-Göttern, und das Genre heißt... Hack and Slash? Hack'n Slay? Third Person Brawler? Ich hab da noch nie durchgesehen. Das Genre jedenfalls, zu dem Devil May Cry, God of War und Darksiders gehören. Aber eben auch: Bayonetta. Vanquish. Metal Gear Rising Revengeance. Allesamt von Platinum. Die Japaner haben eben ihr Lieblingsgenre, was man dann auch jeweils daran merkt, dass all diese Games hervorragende Kampfsysteme haben. Man darf also sehr gespannt sein, was aus dem Xbox-exklusiven Scalebound wird, an dem gerade fleißig gewerkelt wird.

Um sich bis dahin über Wasser zu halten, nehmen Platinum in den letzten Jahren immer mal wieder kleinere Aufträge an, die dann vom Pförtner gecodet werden. Das Gute ist: Dennoch ist sichtbar Mühe zu erkennen. Wenn auch das kürzliche Transformers: Devastation keine absoluter Überknaller war und das vor zwei Jahren erschienene The Legend of Korra sogar einige Leute richtiggehend verärgert hat, waren doch viele der üblichen Platinum-Stärken zu erkennen. Es waren eben, das merkte man, keine Herzensprojekte, sondern eher Auftragsarbeiten. Die entspannen dann den Entwickler finanziell ein bisschen und erlauben, auch mal Leidenschafts-Titel rauszubringen, die garantiert keine fette Kohle einfahren werden, wie die fantastischen Wii-U-exklusiven Spiele The Wonderful 101 und Bayonetta 2.

Teenage Mutant Ninja Turtles: Mutants in Manhattan - Erster Trailer

Aber auch, wenn man diesen Umstand versteht, auch, wenn man Platinum diese Geschäftspraxis zugesteht, ist das keine Rechtfertigung für Mutants in Manhattan. Das Spiel wirkt nicht nur wenig durchdacht, sondern vor allem auch, und das kann man über dieses Studio nicht oft sagen, wirklich faul. Es ist zudem eigentümlich strukturiert, so nämlich wie Platinums eigenes Anarchy Reigns, falls ihr das gespielt haben solltet: Eine "Mission" ist die Jagd nach einem Boss in einem Hub von einem Level, einer kleinen und eingeschränkten Open World, in der man an verschiedenen Ecken Missionen erledigen muss. Macht man das oft genug, öffnet sich der Weg zum Boss, dem haut man dann auf den Schnabel, dann geht es zur nächsten Mission. Innerhalb der Levels gibt es keinen wirklichen Fortschritt der Handlung oder derlei.

Das ist auch kein großer Verlust, denn die Story ist Mumpitz. Shredder und Krang verbünden sich mal wieder und lösen mit dem Foot-Clan eine Verbrechenswelle aus, die aber nur über einen größeren und finstereren Plan hinwegtäuschen soll und bla bla bla. Tatsächlich birgt die Geschichte noch den größten Reiz von Mutants in Manhattan, denn wenn sie auch Grütze ist, so ist sie in den paar Zwischensequenzen, die es am Anfang und Ende der Missionen zu sehen gibt, doch ganz putzig erzählt, und vor allem die Persönlichkeiten der Turtles, von Splinter und April kommen gut zur Geltung. Der Look ist eigenwillig (allerdings nicht so eigenwillig wie bei Michael Bay), die Cel-Shading-Grafik eher zweckmäßig und natürlich ist die kindgerechte 90er-Samstagmorgen-Attitüde, die den jugendlichen Amphibien verpasst wurde, nicht jedermanns Sache oder gleichmäßig gut gealtert. Aber hier steckt, was dem Großteil des Spiels sonst fehlt: Mühe.

Teenage Mutant Ninja Turtles: Mutants in Manhattan - Aua-bunga, dude!

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Bebop kriegt auf die Schweineschnauze - tut immer noch nicht so sehr weh, wie das Spiel zu spielen.
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Die findet man ansonsten höchstenfalls noch in den Animationen der Turtles beim Kämpfen, und zu diesem Zeitpunkt ist man bereits halbwegs auf dem Weg in den REM-Schlaf. Denn die Wahrheit ist: Blöde Struktur hin oder her, solche Spiele, und erst recht von Platinum, stehen und fallen mit ihrem Kampfsystem, und genau hier punkten die Brawler-Experten Platinum normalerweise. Nicht so bei Mutants in Manhattan. Es gibt leichte und schwere Angriffe, die sich ohne sinnvolles Schema durcheinander drücken lassen, um Nicht-so-wirklich-Kombos auszulösen, und darüber hinaus ein Ausweich- und Block-System, das man so oder so ähnlich von den anderen Platinum-Titeln kennt, allerdings ohne einen schönen Kniff wie die Bayonetta-Witchtime oder ein gutes Kontersystem.

Man kann auch Kunai-Dolche werfen, was man nie macht, wenn man nicht dazu gezwungen ist, und theoretisch unterscheiden sich die Kombos der einzelnen Turtles ein bisschen – das übliche, Donatello hat mit seinem Bo mehr Reichweite, Michaelangelos Nunchaku wirbeln dafür schneller undsoweiter. Aber das ist alles unwichtiger Käse, denn das Kampfsystem hat keinerlei Tiefgang und läuft letztendlich auf einen einzigen, höchst langweiligen Umstand hinaus: Jedem der vier Turtles können je vier Spezialmanöver zugewiesen werden. Und sobald ein Kampf auch nur ansatzweise etwas schwerer wird, ist das Prozedere immer gleich: Man benutzt die Fähigkeiten einer Kröte, wechselt zu einem ihrer Brüder, benutzt dessen Fähigkeiten, wechselt weiter und das macht man, bis alle Feinde über den Jordan sind oder man einmal durch ist. Dann überbrückt man die noch verbleibende Abklingzeit, indem man mit der Stirn auf die Facebuttons des Controllers hämmert, dann Wiederholung, anschließend geht man sich betrinken oder steckt den Kopf in den Ofen.

Und so dackelt man dann also von einem Level zum nächsten, durch die obligatorischen Straßen, Kanalisationen, hässlich-sterile Komplexe und dergleichen mehr, bis man acht von ihnen durch hat, und das war es dann. Dann kann man, eine Platinum-Tradition, nach besseren Rängen in den Einzelmissionen fischen gehen (würde ich machen, wenn das Spiel Spaß machen würde), sich in Leaderboards verewigen (hat noch nie jemanden interessiert, ist hier nicht anders) oder die Missionen im Koop-Multiplayer spielen (Mehrgewinn: null).

Teenage Mutant Ninja Turtles: Mutants in Manhattan - Aua-bunga, dude!

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Eine Schönheit ist Mutants in Manhattan nun auch nicht gerade.
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Das bisschen Motivation, das man dann vielleicht doch verspürt, ergibt sich daraus, dass man mit freigespielter Währung neue Spezialmanöver kaufen oder alte aufrüsten darf, und hin und wieder sammelt man ein Accessoire, das einen fulminant unspannenden Bonus wie "Mehr Lebensenergie" verleiht, wenn man es seiner Schildkröte an den Panzer pappt. Mag ja in einem besseren Titel was bringen, aber Gülle mit Sprenkeln ist halt immer noch Gülle. Einzelne Elemente in der Missionsstruktur sind mal besser oder schlechter geraten, und ab und zu löst man, eher zufällig als kontrolliert, ein gemeinsames Spezialmanöver zwischen zweien der Turtles aus. Macht den Braten nicht fett und die Schildkrötensuppe nicht essbar.

Es gibt tolle Turtles-Spiele, es gibt tolle Games von Platinum. Diese müde Auftragsarbeit jedoch ist einschläferndes Hampelchaos.Fazit lesen

Selbst, wenn man Platinum nicht mag oder die Erwartungshaltung gering war, gibt es hier einen noch viel traurigeren Umstand zu beklagen: Die Turtles haben wirklich besseres verdient. Nicht erst jetzt, schon seit langem. Sie begannen damals als eine übermäßig düstere und brutale Satire auf Charaktere wie Daredevil – aus dieser Version der Charaktere wurde seit ihrer kindgerechten Umgestaltung zum Beispiel noch nie etwas gemacht. Dann kam die Cartoon-Phase, und auf ihre Weise war auch die lustig. Damals kamen brillante Games zu den vier kampflustigen Teens raus, allen voran natürlich Turtles in Time.

Teenage Mutant Ninja Turtles - Mehr als 30 Jahre Teenage Mutant Ninja Turtles

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Und seitdem? Brachland! Ich versteh vollkommen, dass sich die Radicalness der 90er weder reproduzieren lässt noch, dass das jemand wirklich will. Aber der verflogene Zeitgeist ist bei diesem Titel hier ja nicht mal das Problem. Dann redet Michaelangelo eben wie ein kiffender Surfer mit dem dazu passenden Appetit auf Pizza, fein, überhaupt kein Ding. Nein, die wirkliche Tragik hier ist, dass Mutants in Manhattan kein schlechtes Spiel hätte sein müssen. Es gibt keinen offensichtlichen Grund zu sagen "Ein Turtles-Spiel kann ja heutzutage gar nichts mehr werden, erst recht nicht mit den Nulpen von Platinum am Ruder!". Es wäre möglich. Aber natürlich nicht, wenn das Spiel für die Entwickler nichts als ein Scheck ist, den man nur einlösen darf, wenn man das Kloppspiel von der Stange noch pünktlich zum Release des nächsten Turtles-Films abliefern kann.

Turtles: Mutants in Manhattan ist irgendwie spielbar. Es geht technisch in Ordnung und wenn man einfach nur buntes Gezappel vor den Augen will, wie eine Perserkatze, die sich von einem Laserpointer in Beklopptenekstase versetzen lässt, dann könnte man unter Umständen darüber nachdenken, es für einen Preis von unter 10 Euronen zu schießen. Blöd nur, dass man für diese monotone Stumpfklopperei mal knapp 50 Euro von uns sehen will. Und eher werfe ich meinen teuer erarbeiteten Fuffi durch den nächstgelegenen Club, als dass ich mir dafür ein so enttäuschendes Spiel hole.