Wer sich mit unserem Special zum Thema Visual Novels auseinander gesetzt hat, wird vielleicht sich an die Erwähnung von Tears to Tiara erinnern. Die vor kurzem erschienene Fortsetzung Tears to Tiara II: Heirs of the Overlord vermittelte den Eindruck, eines Taktikrollenspiels mit Visual-Novel-Elementen. Letzten Endes war es aber genau anders herum.

Tears to Tiara II: Heir of the Overlord - Deutscher Launch TrailerEin weiteres Video

Tears to Tiara erschien bisher nur in Japan und war den westlichen Anime-Fans zumindest durch die TV-Serie ein Begriff. Jetzt hat immerhin die Fortsetzung im Westen Fuß fassen können. Da ich ein großer Fan der Fire-Emblem-Spielreihe war und nach langem wieder Lust auf ein Taktikrollenspiel im Stile dieser Serie bekam, verspürte ich bezüglich des Titels eine gewisse Vorfreude. Leider bin ich wohl mit ziemlich falschen Erwartungen an das Spiel herangegangen.

In Sachen JRPGs und rundenbasierten Taktikrollenspielen kann man bei mir nicht viel falsch machen. Ob die Herausforderung leicht oder schwer sind, tut bei mir meist nichts zur Sache, solange die Chemie zwischen den interaktiven Spielelementen und der interessanten Geschichte stimmt. Tears to Tiara II: Heirs of the Overlord hat solch eine Geschichte auf jeden Fall – noch dazu besitzt sie spannende Entwicklungen und traurige Wendungen, die mich wirklich hart getroffen haben. Und doch habe ich mich mit dem Titel schwer getan.

Tears to Tiara II: Heir of the Overlord - Pathetik statt Epik oder auch: Textlastigkeit, wie sie im Buche steht

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Die Göttin Tarte und junge Hamil, der Thronerbe von Hispania, sind die Protagonisten in Tears to Tiara II.
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Das mag wie gesagt an den falschen Erwartungen liegen, die vor allem durch so manch einen Trailer oder Screenshots geschürt wurden. Was nämlich in meinen Augen nicht hervorgeht, ist, dass wir es hier wie gesagt nicht mit einem Taktikrollenspiel mit Visual-Novel-Abschnitten zu tun haben – eigentlich verhält es sich nämlich genau umgekehrt. Schon allein der Anfang brachte mich mit einem Einstiegskampf auf eine falsche Fährte, dass es in dem Tempo weitergehen würde. Man darf hier auf jeden Fall nicht denselben Fehler wie ich machen und ein klassisches Fire Emblem erwarten. Andernfalls wird man in den darauf folgenden zwei bis drei Stunden mit zahlreichen Dialogpassagen konfrontiert und sich die Frage stellen, wann endlich die nächste Mission folgt.

Wenn sich Geschichten Zeit nehmen und Spieler nicht

Im Grunde sind die Kämpfe nur schmückendes Beiwerk, während die Geschichte das Herzstück bildet. Im Gegensatz zu manch einem Werbemedium macht euch zumindest der offizielle Klapptext nichts vor, in dem von über 80 Spiel Lesestunden die Rede ist. Als schneller Leser seid ihr vermutlich sogar unter 60 Stunden durch, doch sollte euch das eine klare Vorstellung geben, wie umfangreich die Handlung von Tears to Tiara II: Heirs of the Overlord ist – und leider steht der Umfang nicht zwangsläufig für eine gelungene Dramaturgie. Gerade der Prolog, der eigentlich einen guten Einstieg ins Handlungs- und Spielgeschehen liefern sollte, ist etwas unglücklich inszeniert und das, obwohl das Spiel mit vielen schönen Szenen aufwarten kann.

Packshot zu Tears to Tiara II: Heir of the OverlordTears to Tiara II: Heir of the OverlordErschienen für PS3 kaufen: Jetzt kaufen:

Es handelt sich um die klassische Geschichte eines friedliebenden Reichs, welches durch eine aggressive Armee bedroht wird und die Freiheit durch einen Widerstandskrieg zurückerobern will. Hamil, der Prinz des Königreichs Hispania, wurde nach dem Tod des Königs wie der Rest des Volkes versklavt und fristete jahrelang ein Leben in Demut und Unterdrückung, bis ihm die Göttin Tarte erscheint und mit ihrem Auftauchen das Schicksal des Reiches wenden soll.

Ein Spiel, das mehr von der Erzählung seiner durchaus dramatischen Geschichte lebt, aber weniger von den Rundenstrategieparts. Leider nehmen einige Szenen auf Kosten der Unterhaltung und Dramaturgie zu viel Zeit in Anspruch.Fazit lesen

Neben der Rahmenhandlung kommen dabei natürlich die einzelnen Charakterbeziehungen nicht zu kurz. Teilweise sind die handelnden Personen aber etwas nervig und vermitteln einmal mehr das Gefühl, zweckmäßig nicht selten dämlich zu agieren, um im Gegenzug den Protagonist in einem besseren Licht darstellen zu lassen. Hat man sich aber erst mal nach all der Zeit an die Macken und Eigenheiten der nicht wenigen Teamcharaktere gewöhnt, wachsen sie einem auch mehr und mehr ans Herz und sorgen in so manch einer Szene für feuchte Augen bei zartbesaiteten Spielern.

Tears to Tiara II: Heir of the Overlord - Pathetik statt Epik oder auch: Textlastigkeit, wie sie im Buche steht

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Innerhalb der Kämpfe gibt es unter anderem die Option, die Züge rückgängig zu machen.
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Bis zum Ende wollte die gefühlte Zähigkeit der Erzählweise nie weichen, was vor allem so manch banalen, inhaltlichen Nebensächlichkeiten der Dialoge zuzuschreiben ist. Vereinzelt gab es brenzlige Szenen, in denen die Charaktere angesichts der Gefahr nicht ihrer Situation entsprechend reagierten und unnötig in Plaudereien verfielen. Da kann es schon mal passieren, dass Verfolgungsjagden und Rettungsaktionen manchmal stundenlange Dialogpassagen mit sich bringen, die man theoretisch deutlich kürzer hätte verpacken können. In einer Szene im Prolog wird Tarte vom imperialen Häschern beispielsweise auf den Scheiterhaufen gebracht, doch bis Hamil und seine Gefolge sich formieren können, um sie zu befreien, vergeht eine gefühlte Ewigkeit geprägt von pathetisch-heroischen Motivationsreden. Diese ziehen sich so sehr wie Gummi, dass die Gefangenen in jeder anderen Geschichte bereits längst das Zeitliche gesegnet hätten.

Besonders schade ist es aber vor allem um die Missionsrunden, die an sich wirklich Lust auf mehr machen und von ihrem rundenbasierten, schachartigen Kampfprinzip her genreverwandten Spielreihen wie Fire Emblem oder Disgaea ähneln, allerdings in keinem ausgeglichenen Verhältnis zum Dialoggehalt stehen. Erst gegen Ende halten sich Handlungs- und Kampf-Sektionen die Waage; geschadet hätten etwas mehr Kämpfe den langatmigen Kapiteln nicht. Unterm Strich richtet sich Tears to Tiara II: Heirs of the Overlord an erster Stelle an eingefleischte Visual-Novel-Fans mit einem Faible für Fantasy-Szenarien. Liebhaber des Fantasy-Rollenspiels oder Rundenstrategiespiels sollten sich hingegen der zig Lesestunden bewusst sein, die sie für eine Handlung investieren müssen, deren Länge man öfter mal spüren wird.