Während allerorten zähneknirschend „Metal Gear Solid 5“-Hüllen aus den Regalen gefischt und hehre Konami-Boykottforderungen der persönlichen Neugier hinten angestellt werden („95 Prozent auf Metacritic – ich muss das einfach spielen!“), während Square Enix auch die letzten Vorbesteller verprellt und wir als Käufer endlich umdenken müssen, schickt uns Media Molecule einen freundlichen Reminder daran, warum wir dieses Hobby einmal lieben gelernt haben. Spiele wie Tearaway Unfolded kommt nie zur falschen Zeit – einen viel besseren Zeitpunkt hätte es aber auch nicht geben können.

Warum das Original so ein großartiges Spiel ist, erfahrt ihr im Tearaway-Test.

Kein Spiel könnte weniger Interesse daran haben, die zeigefingerwedelnde „Es geht auch anders, ihr bösen Publisher“-Fraktion anzuführen und auch wenn das hier kein moralingeschwängertes Plädoyer für fairere weniger geldgeile Vertriebsmodelle werden soll, kann man sich der spielgewordenen Antithese zu Mikrotransaktionen und dergleichen kaum besser als auf diese Weise nähern. Nicht aus moralischen oder ähnlichen Gründen, sondern weil kaum ein anderer Vergleich besser zeigt, welchen Zugang die LittleBigPlanet-Macher zur Spielentwicklung haben.

Denn das ist es, was im britischen Guildford seit der Gründung im Jahr 2006 entsteht: Spiele, keine millionenschweren Entertainment-Produkte. Kreative Experimente, geboren aus der Freude an neuen, unkonventionellen Konzepten und aus Respekt gegenüber den Spielern, die ihre Geschichte aktiv mitgestalten können, statt sie wie so oft auf dem Silbertablett dargereicht zu bekommen. Media Molecule fordert euch beim Spielen genauso wie sich selbst beim Entwickeln und bei allen Gemeinsamkeiten zwischen LittleBigPlanet, Tearaway und dem noch etwas nebulösen Dreams ist es diese zentrale Rolle des Spielers, die ihre Projekte am meisten eint.

Tearaway Unfolded - Schere, Stein, Papercraft

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 38/411/41
Ihr fragt euch, was an Tearaway so besonders ist? Nun.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Nicht dass sie ihren Entwicklerkollegen und der Videospiellandschaft mit dieser Besonderheit vorsätzlichen auf den Schlips treten oder sich selbst in irgendeiner Form erhöhen wollen würden. Es steckt keine unterschwellige Botschaft hinter alledem, eher ein zufälliges Den-Spiegel-Vorhalten, weil sie in einer Zeit kruder Geschäfts- und Vertriebsmodelle eben auf all diese Sperenzchen verzichten (dürfen – Sony sei Dank). Entwickle ein gutes Spiel und veröffentliche es ohne Zusatzkosten zum Vollpreis: Nie war es leichter, der good guy der Branche zu sein. Nie hat es weniger davon gegeben.

Das richtige Spiel zur richtigen Zeit

Tearaway Unfolded ist ein Paradebeispiel für Media Molecules fast tollpatschige Art, in das Saubermann-Image hineinzustolpern. Mit der PS4-Portierung des Vita-Originals tun sie nichts weiter als ihren Job (ihr wisst schon: Leute nicht für dumm verkaufen, gute Spiele entwickeln – so Zeug halt) und in Tagen, in denen Publisher billig produzierte HD-, Remastered- und Was-weiß-ich-was-Versionen wie Gummibärchen in die Läden werfen, ist das bereits mehr als genug.

Packshot zu Tearaway UnfoldedTearaway UnfoldedErschienen für PS4 kaufen: Jetzt kaufen:

Damit wir hier nicht aneinander vorbeireden: In den Grundzügen ist dieses Papercraft-Abenteuer dasselbe wie vor zwei Jahren auf Sonys chronisch unterbewerteten Handheld; Tearaway bleibt Tearaway und das Unfolded-Anhängsel macht daraus kein grundlegend anderes Spiel. Wäre auch verflucht schade um einen fantastischen Titel, der aufgrund seiner Plattform an den meisten von euch vorbeigegangen sein dürfte. Kein Problem mehr auf der PS4 und trotzdem wird das hier nicht plötzlich eine Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Geschichte, eingeklemmt zwischen Konkurrenz wie Metal Gear Solid und dem Super Mario Maker schon gar nicht. Die Vita mag nicht sonderlich verbreitet gewesen zu sein, aber hey, immerhin war es auch nicht so, als ob es auf dem PSP-Nachfolger nur so vor Must-Haves gewimmelt hätte. Nischenspiele wie Tearaway bleiben auch auf verbreiteten Systemen Liebhaberstücke – fragt mal das großartige Puppenspieler. Hmm, nie davon gehört? Seht ihr.

Dieses Wissen macht es plausibler, nicht nachvollziehbarer, wenn die blauen Hüllen mit dem sympathischen Papierkerlchen demnächst Staub ansetzen und bald in den hinterletzten Ecke der Videospielläden verschwinden. Zwischen diesen Plastikdeckeln wartet noch immer ein großartiges Spiel darauf, entdeckt zu werden oder überhaupt darauf, sich beweisen zu dürfen. Gebt ihm diese Gelegenheit, ihr werdet es nicht bereuen – selbst wenn ihr es bereits vor zwei Jahren auf der Vita getan habt.

Wie gesagt, Tearaway Unfolded ist kein dahingerotzter Port, um noch schnell ein paar leichtverdiente Euro mitzunehmen, dafür wären andere Spiele ohnehin viel besser geeignet. Es hat schon einen Grund, dass Media Molecule noch einmal zurück ans Reißbrett, noch einmal mehr als ein Jahr Arbeit hierein stecken musste. Es hat sich gelohnt.

Liebevolle Umsetzung und sinnvolle Erweiterung eines großartigen Spiels, die nur kreativ etwas hinter dem Original zurückbleibt.Fazit lesen

Ein DualShock macht noch keine PS Vita

Im Kern erlebt ihr dieselbe Geschichte wie damals, als ihr euren Pappkameraden staunend durch eine Welt gesteuert habt, die zu gleichen Teilen aus buntem Krepppapier und Liebe zum Detail besteht. Eine Welt, die es zu gestalten, nicht zu bezwingen gilt, die euch stets nur vage in eine Richtung schubst, statt euch und eure Kreativität in Ketten zu legen. Mit dem DualShock 4 in der Hand kommen nochmals jede Menge neuer Abzweigungen zu diesem ohnehin schon ausladend vielfältigen Pfad hinzu, ganz ohne plumpe „Hier geht’s zu den neuen PS4-Inhalten“-Schild.

Tearaway Unfolded - Schere, Stein, Papercraft

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden3 Bilder
Unfolded erweitert das ursprüngliche Spiel um jede Menge zusätzliche Inhalte, ist dafür aber an anderen Stellen etwas beschnitten.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Als wären sie schon immer dagewesen, fließen neue in alte Abschnitte und schaffen damit insgesamt zwar kein völlig neues Spiel, aber einen mehr als ausreichenden Grund, diese Reise ein weiteres Mal anzutreten. Den paddeligen Iota oder seine weibliche Entsprechung Atoi durch verschneite Gebirge, sie vorbei an Papierstreifen-Wasserfällen durch saftige Landschaften zu steuern, während sich peu à peu die neuen Möglichkeiten der PS4-Version offenbaren. Nicht alle auf einmal, vielmehr in kleinen Dosen und immer genug, um euch selbst dann jederzeit neugierig zu halten, wenn ihr das Original in- und auswendig kennt. Alle anderen werden ohnehin von einen „Was, das geht auch!?“-Moment in den nächsten geworfen, wenn mit dem DualShock-Touchpad gezeichnete Schneeflocken aus den Wolken purzeln und sich diese Welt immer näher an eure Version davon annähert.

Tearaway war schon damals eher eine kreative Spielwiese als anspruchsvolles Knöpfchendrücken, insofern war die Qualität dieser Neuauflage maßgeblich von den Möglichkeiten seiner neuen Heimat abhängig. Eine PS4 kommt von Haus aus eben nicht mit zwei großen Touchscreens oder einer Kamera daher und auch wenn die Engländer sich alle Mühe gegeben haben, diesen Umstand durch clevere Tricks zu kaschieren, gelingt es ihnen nie, ihn völlig zu verbergen. Wo ihr euch früher als Sonne selbst verdutzt angeschielt habt und von den drolligen Bewohnern als Schöpfer gefeiert wurdet, passiert dies inzwischen nur noch, wenn ihr die separat erhältliche PS4-Kamera auf eurem TV-Regal geparkt habt. Statt eure Scherenschnitte auf dem großen Vita-Touchscreen zu zeichnen, zieht ihr euren Zeigefinger über das Mini-Touchpad des Controllers. Erstaunlich präzise ist das Ding ja, immerhin das, aber kein Vergleich zu einem richtigen Touchscreen wie dem der Vita. Auch hier: Mit der Companion App könnt ihr zwar alternativ euer Smartphone oder Tablet als Zeichenbrett nutzen – aber eben nur, wenn ihr eines besitzt.

Tearaway Unfolded - Schere, Stein, Papercraft

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 38/411/41
Wenn sogar zwei linke Redakteurshände etwas basteln, muss schon einiges geschehen. Ein größeres Kompliment kann man Tearaway kaum machen.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Es sind keine absolut essentiellen Einschnitte, die ihr hinnehmen müsst, in der Gesamtheit aber leider genug, um Tearaway einiges von seinem unkomplizierten Charakter zu nehmen. Ausgleiche gibt es natürlich, zumindest soweit es der PS4-Controller zulässt. Vieles stellt ihr mit der als Pointer genutzten DualShock-Lichtleiste an, auch erzittert die Papierwelt nach einem über den Touchpad ausgelösten Windstoß. Alles spaßig und mehr als schöne Fassade; Media Molecule binden diese Elemente regelmäßig ins Abenteuer ein, nutzen gerade die Windspielereien, um die früher recht stumpfen Kämpfe gegen andere Papierkneuel aufzulockern. Mehr als ein anerkennendes Nicken haben sie sich dafür durchaus verdient.

Was bleibt, ist eine umfangreichere, hübschere, aber weniger intuitive Version eines einzigartigen Spiels. Eure Entscheidung, worauf ihr größeren Wert legt – viel falsch machen könnt ihr ohnehin nicht.