Als Lucas Arts im Jahre 2004 ankündigte, keine Adventures mehr produzieren zu wollen, und im gleichen Schritt die angekündigten Nachfolger zu Sam & Max und Full Throttle einstampfte, symbolisierte das für Viele den letzten noch ausbleibenden Sargnagel für ein Genre, durch das der PC als Spieleplattform einst groß geworden war. Nie wieder Guybrush Threepwood, nie wieder „Du kämpfst wie eine Kuh“, nie wieder Benzin für die Kettensäge? Stattdessen „Star Wars“-Lizenzwürste am Fließband. Das Ende einer Ära war gekommen.

Seitdem versucht sich jedes zweit- bis viertklassige Adventure von Ankh über Jack Keane bis Vampyre Story erfolglos darin, den Geist jener nostalgisch verklärten Tage wieder herauf zu beschwören. Wie oft allein gamona in Überschriften den „legitimen Erben von Guybrush Threepwood“ ausgelobt hat, lässt sich kaum mehr in Zahlen messen. Doch seit letzter Woche ist alles anders: Die Legende kehrt zurück - Monkey Island 5 ist da!

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Auf der letzten E3 platzte die Bombe, wie man so schön sagt – eine Bombe, die für Genrefans einer Supernova gleichkam und deren Eruptionen vermutlich bis in die fernen Lager mittlerweile emeritierter Shooter- und Strategiespieler zu spüren waren: Lucas Arts kündigte, völlig überraschend, einen fünften Teil von Monkey Island an! Verantwortlich zeichnen die Genreexperten von Telltale Games, die bereits mit den „Sam & Max“-Episoden einer ehrwürdigen LucasArts-Serie erfolgreich neues Leben einhauchten. Was kann da also noch schiefgehen?

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Tales of Monkey Island - Monkey Island 5 unter der Lupe: Rückkehr einer Legende oder fauler Voodoo-Zauber?

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Er ist wieder da: Guybrush Threepwood, mächtiger Pirat.
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Zumal man sich mit Dave Grossman einen der Urväter aus der Originalcrew ins Beiboot holte und erneut Komponist Michael Z. Land für den Soundtrack sorgte, dessen Melodien bis heute regelmäßig als Ohrwürmer durch die Gehörgänge überzeugter Monkeyisten schwingen. Der geistige Vater von Guybrush, LeChuck & Co., Ron Gilbert, ist hingegen nicht mit an Bord der Piratenyacht – und das, obwohl er seit Jahren in Interviews betont, wie gerne er an einer Fortsetzung arbeiten und der Serie nach dem enttäuschenden vierten Teil zu altem Glanz verhelfen würde. Ein schlechtes Omen?

„Ich bin Guybrush Threepwood, mächtiger Pirat“

Monkey Island 5: Tales of Monkey Island erscheint, wie von Telltale Games gewohnt, in insgesamt fünf Episoden, die für den günstigen Paketpreis von knapp 35 US-Dollar auf telltalegames.com zu erwerben und runterzuladen sind – bisher ausschließlich auf Englisch. Angesichts des zu erwartenden Erfolges, ist es vermutlich jedoch nur eine Frage der Zeit, bis sich ein Publisher die Rechte sichert und eine deutsch synchronisierte Komplettversion ankündigt.

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So sah Guybrush noch anno 1990 aus.
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Wer seine Spielesozialisation nicht Ende der 80er bis Anfang der 90er erfahren hat, kann heutzutage vermutlich nur schwer die Hysterie um ein verpixeltes Point & Click-Adventure im noch dazu unpopulären Piratensetting nachvollziehen. Doch allen anderen dürften bei Sätzen wie „Ich bin Guybrush Threepwood, ein mächtiger Pirat“ oder „Du kämpfst wie eine Kuh“ nostalgische Gefühle widerfahren, wie Gamer sie sonst nur beim Erklingen der Tetris-Melodie oder der Aufforderung „Stay a while and listen“ Deckard Kanes verspüren.

Schade: Statt der Rückkehr einer Legende erwartet Adventurefans mit dem fünften Monkey Island nur ein nostalgisches Winken aus der Ferne.Fazit lesen

Lesetipp: Monkey Island - die komplette Serie im Rückblick

Dabei wurde The Secret of Monkey Island anno 1990 von der Kritik zwar gut, aber nicht enthusiastisch aufgenommen. Zu kurz, zu einfach, urteilten Magazine im direkten Vergleich mit den vorherigen Lucasfilm-Perlen Zak McKracken und Maniac Mansion. Unverständlich, angesichts heute üblicher Adventure-Quickies. Das wahre Geheimnis von Monkey Island und seinem bis in die Gegenwart andauernden Spielspaß-Vermächtnis lässt sich kaum in einem Satz beschreiben und speist sich, wie so oft, aus einer Fülle an Punkten, die wie die sprichwörtlichen Zahnräder unvergleichlich perfekt ineinander griffen: der übersprudelnde Witz, das unnachahmliche Piratenflair, die evergreenliche Karibikmusik, die einzigartige Spielbarkeit – und nicht zuletzt der sympathische (Anti-)Held Guybrush Threepwood, der auf einer Stufe mit Lara Croft, Duke Nukem und Mario im Olymp der Computerspielehelden residiert.

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Wieder mit dabei: Guybrushs Erznemesis LeChuck.
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Zu guter Letzt dürfte ein nicht zu unterschätzendes Quentchen nostalgischer Verklärung seinen Beitrag zum Mythos Monkey Island geleistet haben. Anfang der 90er, vor der Ära von 3D-Shootern und Echtzeitstrategie und lange vor dem Aufkommen riesiger Online-Welten, repräsentierten Adventures und insbesondere die LucasArts-Titel das technische wie spielerische Nonplusultra unter den PC-Spielen und bedeuteten für viele Gamer den Einstieg in die Leidenschaft Computerspiel, die sich nach dem Niedergang des Adventuregenres Ende der 90er neue Andockstellen suchen musste.

Kein Wunder also, dass fast zehn Jahre nach dem vorerst letzten Teil „Escape from Monkey Island“ alle Hoffnungen auf Guybrushs neuem Auftritt liegen, dieses „good ol’ feeling“ erneut erfahrbar zu machen und vielleicht gar einem ganzen Genre zur Initialzündung zu gereichen. Ist Tales of Monkey Island die erhoffte Wiedergeburt einer Legende? Wir haben die erste Episode „Launch of the Screaming Narwhal“ durchgespielt.

Die Rückkehr der Legende

Tales of Monkey Island ist problemlos ohne Kenntnis der Vorgänger zu genießen, wenngleich sich Fans der Serie natürlich über ein Wiedersehen mit den lieb gewonnenen Charakteren freuen dürfen. Das Spiel beginnt, wie jedes Mal, „irgendwo in der Karibik“, genauer: auf hoher See, wo Gouverneurin Elaine Marley einmal mehr in die Gefangenschaft ihres ewigen wie vergeblichen Verehrers, des Zombiepiraten LeChuck, geraten ist.

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Guybrush im Kampf gegen LeChuck - doch irgendwas läuft schief.
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Noch während dieser mit einem alles vernichtenden Voodooritual beschäftigt ist, eilt Guybrush Threepwood zur Rettung, die erwartungsgemäß gehörig schiefläuft. Am Ende des tollpatschigen Befreiungsversuches verwandelt sich Erzbösewicht LeChuck zurück in einen Menschen, Guybrushs Hand wird von einem Voodoofluch befallen, wodurch er, wie Ash im „Tanz der Teufel“, die Kontrolle über sie verliert, und schließlich stranden wir wie Gulliver an den Gestaden eines verwunschenen Eilandes.

Verwunschen deshalb, weil die tückischen Winde jeden Seefahrer daran hindern, Flotsam Island wieder zu verlassen. Zudem liegt nur noch ein vereinzeltes seetüchtiges Schiff im Hafen vor Anker, die titelgebende Screaming Narwhal, deren Kapitän sich als wenig kooperativ erweist. Die Aufgabe des ersten Kapitels ist damit klar umrissen: Guybrush muss sich des Schiffes bemächtigen und einen Weg finden, die vermaledeiten Stürme abzustellen.

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Ganz und gar nicht "handlich": Guybrushs Hand wurde verflucht.
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Hierzu müssen wir zunächst für den ortsansässigen Zeitungsverleger drei „Quests“ absolvieren, die entfernt an die berühmten Piratenprüfungen aus dem ersten Teil der Serie erinnern, ohne jedoch deren Rätseltiefe zu erreichen: Schatzsuche, Kneipenschlägerei und Schiff entern stehen auf dem Programm. Auch im weiteren Spielverlauf ist Monkey Island 5 sichtlich und stets bemüht, mit bekannten Versatzstücken die glorreichen Zeiten seiner Vorgänger heraufzubeschwören, bleibt dabei jedoch meist im Treibsand stecken. Nur weil alle Kinder im Sandkasten mit denselben Förmchen spielen, gelingt nur wenigen der Bau einer schicken Burg damit.

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Im Dschungel manövrieren wir anhand von Tiergeräuschen.
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Als pfiffigste Reverenz erweist sich noch ein Labyrinthrätsel – eine Hommage an die gleichsam kultigen wie verhassten Spielspaßdehner aus den ganz alten Lucasfilm-Tagen – bei dem der Spieler seinen Weg durch den Dschungel anhand von Tiergeräuschen finden muss. Ansonsten pendelt sich die Kopfnusshärte in einem unbefriedigenden Mittel zwischen „aus der hohlen Hand heraus zu knacken“ und „Kopfschmerz-Alarm“ ein. Solide zwar, niemals aber so richtig clever ausgedacht.

Der Fluch von Monkey Island

Den ersten Dämpfer verpasst Tales of Monkey Island den hochgesteckten Erwartungen bereits zu Beginn mit einer Steuerung, die zwar den „Wallace & Gromit“-Abenteuern aus demselben Hause entlehnt wurde, aber selbst der desaströsen und viel gescholtenen Handhabung des vierten Monkey Island spottet: Statt Guybrush per einfachem Point & Click über den Bildschirm huschen zu lassen, muss der Spieler bei gedrückter Maustaste die Richtung angeben, in die sich der Protagonist bewegen soll.

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Deja Voodoo: Diese Lady darf in keinem Monkey Island fehlen.
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Dieses Prinzip erweist sich in der Praxis als derart ungenau, dass der Möchtegern-Pirat die meiste Zeit über wie eine zugedröhnte Marionette am ausgestreckten Stock durch die Gegend torkelt. Hindernisse sind nur mit einiger Übung zu umschiffen. Und auch das Hantieren mit den Gegenständen im Inventar geht bei anderen Spielen bereits benutzerfreundlicher von der Hand.

Seine lichten Momente feiert das „Monkey Island“-Tale dann serientypisch im charmanten Humor und seinem vertrackten Wortwitz, für den fortgeschrittene Englischkenntnisse angemahnt seien. Ein Mad Scientist, der zum Zwecke der Forschung nach Guybrushs verfluchter Hand trachtet, ein ehemaliger Pirat, der auf die Glasbläserei kitschiger Einhörner umgesattelt hat, oder ein Jäger des verlorenen Schatzes, der im Dschungel nach wertvollen Püppchen, pardon, Porzellan-Powerpiraten buddelt – das schräge Figurenensemble von Launch of the Screaming Narwhal reiht sich nahtlos in die Reihe schräger Figurenensemble ein, wie sie die Serie groß gemacht und zig Nachahmer inspiriert hat, ohne dem Schema nennenswerte Impulse hinzuzufügen.

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Der irre Marquis de Sange hat es auf Guybrush abgesehen.
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Insbesondere in solchen Momenten, da Tales of Monkey Island den Geist der Originale anruft, wird die Kluft deutlich spürbar, die sich zwischen den genialen Vorgängern und der lediglich soliden Reinkarnation auftut: Geradezu verschenkt ist beispielsweise die Szene während der Kneipenschlägerei, die entfernt an Guybrushs zum Schreien komischen Einbruch in die Gouverneursvilla aus Teil 1 erinnert. Ein lediglich müder Abklatsch von LeChucks Folterkammer: die Flucht aus dem Labor des verrückten, französischen Doktors. Weniger seine nicht von der Hand zu weisenden Qualitäten als vielmehr der eigene Legendenstatus wird dem fünften Monkey Island so zum Fluch.

Auch die Grafik kommt über gediegenes Mittelmaß nicht hinaus: Dank Unschärfefilter wirken Landschaft und Gebäude plastischer als in bisherigen Telltales-Spielen, und insbesondere Guybrush erhält durch ausgefeilte Mimik und spritzige Animationen die Quietschlebendigkeit einer Zeichentrickfigur. Dagegen wirken jedoch vor allem die NPCs dem vollautomatischen Telltale-Charaktereditor entstiegen: langgezogene Gesichter mit Plastikhaut überzogen, denen nur unterschiedliche Bärtchen und Hüte zur Unterscheidbarkeit verhelfen.