Es ist wieder da, aber nicht so, wie ich mir das gewünscht hätte. Auch nach der ersten „Tales from the Borderlands“-Episode macht sich diese so eigenwillige Resignation breit, dieses Gefühl der Leere, das Telltale seit einiger Zeit beinahe jedem seiner Episodenspiele beilegt. „Zer0 Sum“ macht da keine Ausnahme und ist doch irgendwie anders.

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„Wäre das jetzt die Pilotfolge einer Fernsehserie gewesen, ich hätte mir die zweite Episode nicht mehr angeschaut.“

Wir wussten selbst nicht so genau, was wir eigentlich erwartet hatten, aber das war es jedenfalls nicht nur bedingt, weshalb ich der Aussage meiner Kollegin bis auf ein stummes Nicken nicht viel hinzuzufügen hatte.

Rund zweieinhalb Stunden lagen grob über den Daumen gepeilt hinter uns – mehr als das Doppelte einer üblichen Telltale-Episode und damit nicht mehr unbedingt die Lehrbuchdefinition von Kurzweiligkeit. Nun ist eine längere Spielzeit gerade bei ersten Folgen keine Seltenheit, zumal „Zer0 Sum“ einiges zu erzählen, die zusätzlichen Minuten also bitter nötig hat – nur keinesfalls jede einzelne davon. Entgegen der typischen „Je knackiger, desto besser“-Mentalität der Telltalte-Autoren ist dieser Einstieg ins Borderlands-Universum beinahe eine Spur zu redselig.

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Ich hätte nie gedacht, das mal zu schreiben, aber diese Telltale-Episode hätte ruhig etwas kürzer ausfallen dürfen.
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Niemand kaut euch sinnlos ein Ohr ab; auch wenn hier nun „Borderlands“ statt „The Walking Dead“ oder „The Wolf Among Us“ drübersteht, bekommt ihr noch immer einige der besten (englischen) Dialogzeilen aufgetischt, die man da draußen so finden kann, Entwarnung an dieser Front, alles gut, noch mal Glück gehabt.

Tales from the Borderlands setzt kein Hintergrundwissen über die Welt von Pandora voraus und ballert euch keinen Insider nach dem anderen um die Ohren (auch wenn ein paar Anspielungen hier und da ihren Zweck ganz gut erfüllen), wofür ich ehrlich gesagt ziemlich dankbar bin. Statt alte Kamellen aus dem Schrank zu kramen, setzt es auf ein knappes Dutzend frischer Gesichter, was für diese Spielzeit eine beachtliche Anzahl ist.

Packshot zu Tales from the BorderlandsTales from the BorderlandsErschienen für Android, iOS (iPad / iPhone / iPod), PC, Xbox One, PS3, PS4 und Xbox 360 kaufen: Jetzt kaufen:

Charakterisierung war noch nie ein Problem Telltales und auch „Zer0 Sum“ kommt allein schon aufgrund seiner scharf umrissenen, einzigartigen Akteure nie ins Straucheln, muss sich nie länger erklären als nötig, weil es kaum Platz für Missverständnisse gibt. Bisweilen liegt die Vermutung nah, diese Klarheit hätten sich die Autoren mit vergleichsweise flachen Persönlichkeiten erkauft und tatsächlich setzt Tales from the Borderlands auf weitestgehend bekannte (Videospiel-) Stereotypen, driftet dabei nie in billige Klischees ab.

Es lässt euch in der Rolle des Hyperion-Mitarbeiters Rhys schon selbst entscheiden, ob ihr dem Streben nach Macht nachgebt oder euch darauf konzentriert, seinem Arschloch-Boss und Handsome Jacks Nachfolger die „Beförderung“ zum Hausmeister heimzuzahlen. Er ist das innerlich unsichere Spiegelbild des Spielers und eine Projektionsfläche für selbigen, während Kleinkriminelle Fiona – der zweite spielbare Charakter – als taffer, selbstbestimmter Gegenpol ebenfalls eine klar definierte Rolle einnimmt.

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Ihr müsst keine anderen Borderlands-Spiele gedaddelt haben, um hiermit klarzukommen. Schaden wird's allerdings auch nicht.
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Hier wird niemand in ein enges Korsett gepresst, weder Rhys noch Fiona und auch anderen Ulknudeln wie Rhys' Nerd-Kumpel Vaughn bleibt stets genug Raum, um eine Persönlichkeit abseits ihres zentralen Antriebs zu entwickeln (der während der ersten Episode relativ geradlinig ausgerichtet ist). Wie gesagt, krude Charaktere waren noch nie Telltales Achillesverse, daran ändert auch das hier nichts.

Durchwachsener Beginn eines vielversprechenden Abenteuers, das seine Linie erst noch finden muss.Fazit lesen

Überhaupt trägt Zer0 Sum die typischen Telltale-Gene in sich, brutale Einbrüche der Bildrate und andere technische Sperenzchen inklusive. Macht euch gar nicht erst die Mühe, mit neuen Erwartungen an die ganze Sache heranzugehen: Wenn euch die etwas eigenwillige Adventure-Formel bislang nicht angesprochen hat, wird auch die abgewichste Schroffheit eines Borderlands wenig daran ändern.

Mir doch egal!

Muss man schon mögen, wenn spielerische Interaktion im Wesentlichen als Auswählen von Antwortmöglichkeiten definiert wird und es mehr Quick-Time-Events pro Stunde als Tasten auf dem Controller gibt.

Ließ sich bei früheren Spielen noch mit einer lässigen Handbewegung und einem halb gemurmelten „Ach, passt schon“ abtun und bei den meisten Telltale-Eigenheiten mag das sogar nach wie vor hinhauen. Schenken wir uns mal das fadenscheinige „Scanne die Umgebung mit deinem supercoolen Cyborg-Auge“-Argument, das seinen spielerischen Mehrwert vielleicht noch in späteren Episoden beweist.

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Der größte Lichtblick ist bislang die interessante, mehrgleisige Erzählstruktur. Hier stecken noch eine Menge spannender Möglichkeiten drin.
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Tales from the Borderlands hat ein anderes, ernsteres Problem: Es weiß nicht, welche Gefühle es wecken will. Während der spielerische Minimalismus bei The Walking Dead als Katalysator für das chronische Gefühl der Unterlegenheit fungierte, bei The Wolf Among Us hingegen die innere Zerrissenheit Bigbys widerspiegelte, fühlt es sich in diesem Fall einfach nach dem an, was es nüchtern betrachtet nun mal ist: spielerischer Minimalismus.

Speziell in den letzten 30 Minuten rotzt euch Telltale ein Quick-Time-Event nach dem anderen vor die Füße, will künstlich Action erzeugen, wo keine sein müsste. Wäre jetzt nicht so das Problem, wenn euch Zer0 Sum zumindest in irgendeiner Form emotional abholen würde – tut es nur nicht. Ein Scheitern hat keine Konsequenzen, weckt nicht das Gefühl, gerade etwas unwiderruflich vergeigt zu haben. Dann startet die Sequenz eben noch einmal von vorn, wen kratzt es? Mich jedenfalls nicht und bei euch wird es sehr wahrscheinlich verdammt ähnlich aussehen, denn ein Argument dafür, sich emotional in diese Welt einzukaufen, bleibt Borderlands bis zuletzt schuldig.

Den eigensinnigen Humor würde ich als Argument gerade so durchgehen lassen, obschon Telltale auch hier noch ein paar Kohlen ins Feuer werfen muss: Zer0 Sum ist albern, bisweilen richtig witzig, aber selten mehr als „nett“ oder eben „ ach, passt schon“. Bekommt das jetzt nicht in falschen Hals, Telltale hat neben einer dramaturgischen augenscheinlich auch eine ausgeprägte humorvolle Ader, kann gegen die Gearbox-Vorlage aber nicht ganz anstinken und ist gelegentlich ein wenig zu bemüht dabei, euch zum Grinsen zu bringen. In meiner Vorstellung zumindest klopfen die Autoren angestrengt Szene für Szene nach einem guten Gag ab, statt diese selbst als Ausgangspunkt für ihre Erzählung zu nutzen.

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Ihr spielt abwechselnd als Fiona oder Rhys, was ein netter Kniff ist.
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Und sie haben nicht nur einiges zu erzählen (beinahe schon zu viel für ein Spiel in Episodenform), sondern bedienen sich dafür vor allem interessanter Kniffe, von denen der regelmäßige Wechsel des Hauptcharakters noch der offensichtlichste ist. Ihr springt regelmäßig in der Zeit, spielt plötzlich Erzählungen nach und könnt diese rückwirkend beeinflussen, worüber sich die Protagonisten durchaus im Klaren sind – ein bisschen Telltale meets How I met your Mother meets Deadpool und perfekt für die typische „Beeinflusse die Geschichte durch deine Entscheidungen“-Soße der Adventure-Entwickler geeignet, in die sie euch hier noch etwas plump mit dem Gesicht voran hineindrücken.

Keine ideale Pilotfolge, nach wie vor, trotz allem Für und Wider. Keine Pilotfolge, die das Dranbleiben unbedingt nötig macht, aber immerhin eine mit einigen vielversprechenden Aussichten zwischen viel „meh“ und „hmm“.