„Warum starrst du mir die ganze Zeit dort unten hin?“, fragt Vaughn unter seiner Nerd-Brille hindurch. Rhys starrt weiter. „Oh! Äh! Quatsch. Gar nicht“, antwortet der hagere Typ mit dem Metallschädel schließlich. Was Vaughn allerdings nicht weiß: Der Hologramm-Geist von Handsome Jack spielt ihm gerade wie mit einer Handpuppe zwischen den Beinen herum. Schräger geht’s kaum – und genau weil Tales from Borderlands in seiner zweiten Episode spürbar Gas gibt, holt mich das Spiel auch bedeutend besser ab als noch die Pilot-Folge.

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Weiterhin erzählt Tales from Borderlands seine Geschichte aus zwei Perspektiven – aus der von Ganovin Fiona und Kleingauner Rhys. Die stärksten Momente hat das Spiel dann auch, wenn es mit den unterschiedlichen Erzählperspektiven jongliert und dabei die Realität ein bisschen verdreht. Da sitzen plötzlich Rhys und Vaughn auf dem Loader Bot und geben sich die Bro-Faust. Es folgt ein Dialog, der ausschließlich mit dem (Un-)Wort „Bro“ auskommt und somit die übertriebene Kumpelhaftigkeit mancher Vertreter des männlichen Geschlechts auf die Schippe nimmt. An anderer Stellt stürzt Rhys von einem Gerüst. In seiner Erzählung schlägt er sich dabei mit den Worten „Schmerzen… wieso bin ich nicht bewusstlos“ den Rücken an. In Fionas Variante dagegen spritzt eine gewaltige Blutfontäne über den Bildschirm, als wäre Rhys gerade explodiert.

Dieser nette Twist in der Erzählweise wird nicht zuletzt durch die knackig geschriebenen Dialoge unterfüttert. Im Gegensatz zur ersten Episode geben sich die Helden zwar geschwätzig, aber diesmal treffen die Pointen besser ins Schwarze und es steckt deutlich mehr Klamauk dahinter. Schuld daran ist sicher auch der Hologramm-Geist Handsome Jack, der in dem Spiel so etwas wie die Rolle des fiesen Verführers spielt. Nur Rhys sieht den einstigen Diktator Pandoras, was für ihn Segen und Fluch zugleich ist. Handsome Jack unterstützt ihn zwar mit Ratschlägen, aber eben auf seine eigene, hinterlistige Art. Das Ergebnis: wundervoll bissige Dialoge, in denen Rhys als der liebenswerte Trottel und Handsome Jack als diabolisch-witziger Quertreiber rüber kommt.

Tales from the Borderlands, Episode 2: Atlas Mugged - Was lange währt wird endlich besser

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Yeah, Bro! Rhys und Vaughn vertragen sich wieder und bro-en die Sache aus.
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Die ernsten Seiten des Lebens

Tales from Borderlands ist bissig, ironisch und teils bitterböse. Gleich eure erste Aufgabe im Spiel besteht darin, einem scheinbar toten General das Auge zwecks Retina-Scanner auszulöffeln. Natürlich, wir reden hier schließlich von einem Telltale-Titel, in Form eines Quick-Time-Events. Ein bisschen drehen. Noch ein bisschen. Und schwupps, fliegt der Glubscher durch die Gegend.

Wenn Tales from Borderlands mal leise Töne anschlägt, dann meist durch die weiblichen Darstellerinnen Fiona und Sasha. Sie lassen beispielsweise Felix' Verrat an Sasha Revue passieren und erzeugen dank zweier kleiner Kisten sogar so etwas wie echte Mitgefühl für ihre Situation. Natürlich trifft man auch wieder einige mehr oder minder bedeutungsschwangere Entscheidungen, die sich (noch) nicht spürbar auf den Handlungsverlauf ausüben. Hier lautet das Motto: „Abwarten, was Telltale letztlich daraus macht.“

Packshot zu Tales from the BorderlandsTales from the BorderlandsErschienen für Android, iOS (iPad / iPhone / iPod), PC, Xbox One, PS3, PS4 und Xbox 360 kaufen: Jetzt kaufen:

Doch im Großen und Ganzen ist Tales from Borderlands das exakte Gegenstück zu The Walking Dead, Game of Thrones oder Wolf Among Us. Hier regiert schriller, zumindest platt-pubertärer Haudrauf-Humor. Selbst bedrohliche Situationen werden mit einem Augenzwinkern abgewendet, eben wie in einer rassigen Action-Kömdie. Hier geht’s nicht um die Darstellung großer Gefühle, sondern um Klamauk am laufenden Band. Das macht Spaß, allerdings bleibt dabei die Entwicklung der Charaktere spürbar auf der Strecke. Keine der vier Hauptfiguren macht in diesem zweiten Teil größere Veränderungen durch: Fiona bleibt die taffe Gaunerin, Rhys ist erneut der nette Loser-Typ mit dem Herzen am rechten Fleck und Vaughn der unsichere Nerd mit erstaunlichem Six-Pack. Die besten Moment gibt’s stets in der Interaktion mit scheinbaren Bösewichten wie Handsome Jack oder Betonfrisur Vazquez.

Flott erzählt, ungeheuer schräg und spielerisch absolut zu vernachlässigen: Mit der zweiten Episode kommt Tales from Borderlands endlich in Fahrt.Fazit lesen

Videospiel? Fast!

Oh, fast vergessen. Hier geht’s ja um ein Videospiel, nicht etwa um einen Film. Tja, so wirklich viel Spieltiefe gibt es in Tales from Borderlands erneut nicht. In dem vielleicht „komplexesten“ Rätsel des Programms scannt ihr mit Rhys' Robo-Auge drei Stromkästen und legt zwei Drähte. Genügt das als Anschauungsmaterial für den Anspruch dieses interaktiven Films? Hier gibt es nicht viel zu tun, außer vorgefertigte Punkte abzuklappern und jeden Interaktionspunkt innerhalb der viel zu kleinen Abschnitte zu untersuchen.

Tales from the Borderlands, Episode 2: Atlas Mugged - Was lange währt wird endlich besser

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Das kniffeligste Rätsel im Spiel: Drei Stromkästen finden und zwei Drähte neu sortieren. Ähm, ja.
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Dazwischen streut Telltale wiedermal jede Menge Quick-Time-Events ein. Es werden die Tasten gehämmert, die Sticks gedreht und zwischendurch auch mal auf Objekte gezielt. Das Konzept fordert weder sonderlich heraus, noch ist es originell. Aber als wirklich störend stellen sich die Quick-Time-Events letztlich nicht heraus. Wer sie nicht mag… der muss sich wohl eine anderen Zeitvertreib suchen als die Telltale-Spiele.

Etwas mysteriös sind weiterhin die klassischen Adventure-Elemente. So verstauen die Figuren Gegenstände im Inventar. Und Fiona klaut Geld, das sie schließlich in den neuen Look ihre Fahrzeugs investiert. Einen spielerischen Sinn dahinter gibt es aber nicht. Auch keine Erklärung. Warum schaffen es solche Elemente dann überhaupt ins Spiel? Vielleicht weil Tales from Borderlands wie alle übrigen Telltale-Kreationen kein klassisches Videospiel sein will und solche Ideen nur als Experiment einbaut. Spielerisch jedenfalls bleibt hier alles beim Alten – und das ist bekanntlich nicht sonderlich viel.