Muss man eigentlich eine Frohnatur sein, um alles immer „super“ zu finden? Oder reicht es einfach, bei Capcom angestellt und für die Namensfindung der verschiedenen „Streetfighter“-Iterationen zuständig zu sein? Wie dem auch sei: Wo andere Hersteller einfach die nächst höhere Seriennummer ans Ende kleben oder ein vielsagendes „Reloaded“ an den Titel hängen würden, schiebt Capcom lieber eindeutigere Ansagen vor den Titel.

Eigentlich sind sie damit sogar ein wenig zu früh dran: Als „Street Fighter 2“ 1993 genau denselben Weg ging, waren mit der „Championship Edition“ und „Street Fighter 2: Turbo - Hyper Fighting“ bereits zwei weitere Ableger erschienen, die sich vom Original jedoch im Höchstfall durch die Namensgebung unterschieden. Ist „Super Street Fighter 4“ also auch nur ein Fall für die Abzockpolizei?

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Harfen im Retro-Himmel

Okay, damals war es noch etwas Besonderes die vier Endgegner des Originals endlich selbst spielen zu dürfen. Aber mal ehrlich: Wirklich fair war die Veröffentlichungspolitik der „Supers“, „Championchips“ und „Hyper Turbos“ der ersten „Streetfighter“-Ära nicht. Da galt es dann schon als Kaufgrund, dass Spielgeschwindigkeit und Spritedichte erhöht wurden, und – hier kommt der Witz – die Spieler griffen trotzdem zu.

Super Street Fighter 4 - Exklusivtest: So "Super" ist die Neuauflage

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Yeeha - endlich sind die Bonusstages wieder im Spiel. Wir freuen uns - auch wenn das stumpfe Autogeknüppel eigentlich ziemlich doof ist.
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Heute, in Zeiten von gut organisierten Amazon-Söldnertrupps, die beim kleinsten Vergehen die „Ein-Stern“-Abstrafkeule schwingen, und unabhängigen Bloggern, die ihren Ärger bevorzugt ungefiltert in den Äther schreiben, würde Capcom mit einer solchen Strategie wahrscheinlich derart dunkle Wolken am Spielerhimmel generieren, dass selbst vorbeituckernde Aschewölkchen vor Neid erblassen würden.

Wenn schon „super“ draufsteht, dann sollte der Inhalt der vollmundigen Aufschrift schon Folge leisten. Zum Glück können wir aber Entwarnung geben: Mit zehn neuen Kämpfern, frischen Kampfarenen, neuen Ultramoves, den guten alten Bonus-Stages und einer leichten Nachjustierung am ohnehin sehr guten Balancing verdient sich „Super Street Fighter 4“ sein vorstehendes Präfix dieses Mal auch tatsächlich äußerst ehrenhaft.

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Stage Nummer zwei war schon früher etwas hakelig - und trotzdem witzig.
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Wo fängt man da an? Am besten beim wichtigsten Punkt – den Bonusstages. Ja, richtig gehört, die Bonusstages – was für junge (oder neue) „Street Fighter 4“ als Erwähnung womöglich nicht mal den Platz auf der Packungsrückseite wert gewesen wäre, bedeutet für Spieler der ersten Stunden nun mal den Retro-Himmel auf Erden. Spielerisch mag das eher nichtig sein, der nostalgische Wert jedoch ist schier unbezahlbar.

Hier ist das 'Super' wahrlich Programm: Super Street Fighter 4 empfiehlt sich selbst für Besitzer des Vorgängers. Besser geht's im Beat'em Up-Genre derzeit nicht.Fazit lesen

Gut, die kurzen Intermezzi, in denen wir einfach wie von Sinnen auf ein Autowrack einprügeln oder die rollenden Fässer einer Brauerei zerdeppern, sind nicht wirklich anspruchsvoll. Eigentlich sind sie sogar ziemlich blöd. Aber hey – Anno 1992 haben wir uns eben sogar über so etwas gefreut. Allein die Siegerposen nach gewonnener Prüfung waren ein erhabenes Gefühl, das jeden Schabernack wert war.

Von Frauen und Rinderhälften

Wirklich gewichtig wird’s aber erst, wenn man zur Kämpferwahl voranschreitet. Schon der Blick aufs Auswahlmenü erfordert Umgewöhnung: Wo die 25 Recken aus „Street Fighter 4“ noch in einem vertikalen Characterscreen Platz fanden, muss es in „Super“ schon die Horizontale sein. Ganze zehn frische Gesichter verstecken sich nämlich zwischen den bereits bekannten Namen, darunter auch gänzliche neue.

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Juri kristallisierte sich als unser neuer Liebling heraus - die junge Dame hat's faustdick hinter den... äh Beinen.
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Die erste von beiden, eine junge Dame namens Juri, ist schlank, hübsch und ziemlich gefährlich. Der Typ Frau, die euch zum ersten Date in eine Metzgerei einlädt und in einer Gesprächspause plötzlich auf die gekühlten Rinderhälften einprügelt. Spielerisch hat es uns Madame trotz ihrer spröden Erotik aber umso mehr angetan: Juri setzt bevorzugt ihre Beine ein, eignet sich dementsprechend für schnelle, distanzorientierte Angriffe. Das spielt sich flott und übersichtlich bei trotzdem konstant hohem Schaden.

Ganz anders Hakan, der zweite komplett neue Kämpfer. Wer dachte, dass der grünhäutige Brasilianer Blanka schon das obere Ende der „Street Fighter“-Designkuriositätenpalette sei, darf hier gerne auch zwei Mal hinsehen. Der rothäutige, wohlgenährte Muskelprotz schmiert sich vor dem Kampf nämlich mit einem ganzen Fass Schmierfett ein. Weil man das eben so macht beim „Yagli Güres“. Oder anders: dem türkischen Ölwrestling.

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Ölwrestler Hakan ist neben Blanka nun offiziell der skurrilste Charakter im Spiel.
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Der ungewöhnliche Designansatz (seine beiden Ultra-Moves muss man gesehen haben) zeigt sich denn auch in der Spielbarkeit, mit mehreren 360-Grad-Manövern gehört Hakan sicherlich zu den komplexesten Kämpfern - zumindest was die Eingabemuster angeht. Das wirkt für Anfänger nicht ohne Grund zunächst abschreckend, Profis dürften mit den harten Attacken des Hünen aber ihren Spaß haben.

Der Rest der prügelnden Neuzugänge rekrutiert sich wie üblich aus allen vier Himmelsrichtungen: Mit „Guy“ und „Cody“ springen zwei Kämpfer aus dem „Street Fighter“-Spinoff „Final Fight“ ins Feld, Adon hingegen gilt dank seines Auftritts im allerersten Serienteil fast schon als Oldtimer. Aus der „Street Fighter 3“-Ära stammen Ibuki, Dudley und Makoto, und – um den „Super“-Kreislauf endgültig zu schließen, feiern noch zwei Fanlieblinge aus „Super Street Fighter 2“ ihr Revival.

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Persönlicher Dank aus der Redaktion: Davids Liebling Dee-Jay darf auch endlich mitkämpfen.
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Noch einmal extra Kudos an Capcom dafür, dass es mein persönlicher Liebling Dee-Jay nun auch endlich ins Spiel geschafft hat. An seine Seite tritt T. Hawk, der mir aufgrund der Ähnlichkeit zu Zangief bisher immer missfiel. Auch hier bleibt’s spielerisch ansonsten traditionell: Selbst alte Haudegen wie Adon beherrschen noch die gewohnte Movepalette und fügen sich insgesamt sehr schön ins bestehende Kämpferfeld ein. Als Favoriten kristallisierten sich bei uns schnell Guy, Dudley und Juri heraus, insgesamt lässt sich jedoch feststellen, dass die neuen Kämpfer deutlich mehr Diversität mit sich bringen. Zum Glück: Noch mehr Variationen von Ryu und Ken wären dann doch zu viel des Guten.

Das, was da so glüht…

Selbstredend hat jeder der Neuen seinen eigenen Signature-Movie im Gepäck. Sprich: das da am Ende eines Kampfes, wenn alles glüht und kracht und ein fettes „KO“ den gesamten Bildschirm erhellt – das nennt man Ultra-Finish. Und weil die so gut bei den Fans ankamen, dass wir uns im Test zu „Street Fighter 4“ zu wahren Lobeshymnen hinreißen ließen, hat jeder Kämpfer (ja, auch die alten) nun sogar zwei davon. Allerdings – das ist der Haken – dürfen wir nicht auf beide innerhalb eines Matches zugreifen, sondern müssen vor dem Kampf die gewünschte Ultra-Variante auswählen.

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Eine der neuen Stages: Hoch auf den Gerüsten einer Baustelle prügeln sich die Neuzugänge Guy und Ibuki.
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Darüberhinaus funktionieren die kurzen Fights geschmeidig wie eh und je. Capcom hat dafür sogar noch einmal am ohnehin überragenden Balancing geschraubt, auch wenn die in ihrer Gesamtheit wohl nur für echte Profis sichtbar werden. Dummerweise hat’s – um mal ein besonders tragisches Beispiel zu nennen – dabei meinen persönlichen Liebling erwischt: Online-Schreck Sagat wurden ordentlich die Zähne gezogen, sein Tiger-Knee und Tiger-Uppercut machen nun deutlich weniger Schaden.

Der Rest ist eher Kosmetik. Ein paar neue Outfits, ein Gallery-Modus, frische Anime-Cut-Scenes für die neuen Kämpfer – alles sehr nett, aber nicht mehr als einer Randnotiz würdig. Erwähnenswert sind da lediglich noch die malerisch schönen Hintergründe, von denen noch mal sechs besonders hübsche ins Spiel gekommen sind. Glaubt uns - wer zum ersten Mal in der afrikanischen Savanne kämpft, achtet sicherlich nicht mehr aufs Kampfgeschehen.

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Im Replay-Channel verwaltet ihr nun eure aufgenommenen Matches.
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Capcom verspricht überdies eine Überarbeitung des grandiosen Online-Codes – in Punkto Matchmaking, Performance und Umfang war der ja ohnehin schon nahezu konkurrenzlos. Leider konnten wir aufgrund der Vorabversion die vollmundige Ankündigung nicht nachprüfen. Sofern die alles verschlingende Aschewolke nicht auch noch die Technikabteilung bei Capcom lahm gelegt haben sollte, erwarten wir hier jedoch nichts Geringeres als ein weiteres „KO“ für die Konkurrenz.