1985, irgendwo in einem Büro in Tokyo: Shigeru Miyamoto und Takashi Tezuka sitzen an einem Tisch und skizzieren Böden, Treppen, Gegner, Röhren auf Millimeterpapier. Sie legen durchsichtiges Papier darüber, zum Editieren, und streichen vorsichtig einen Gumba durch, der an dieser Position nicht gefällt. Nach stundenlangem Zeichnen gehen die Blätter an die Programmierer, die daraus das erste Level in Super Mario Bros. entwickeln. 2015, im NoE-Hauptquartier in Frankfurt: Ein gamona-Redakteur sitzt auf der Couch, das Wii U GamePad in der Hand. Er bewegt den Touchpen hin und her, testet, wechselt in den Editor zurück, korrigiert, spielt. Er baut sein erstes eigenes Mario-Level.

Kein Beispiel könnte treffender aufzeigen, wie sich Branche und Technologie in den vergangenen 30 Jahren entwickelt haben. Vom Millimeterpapier zu Touchscreen und Stylus, der Wandel ist beeindruckend. Und zeichnen muss man auch nicht mehr – im Super Mario Maker zieht man alle gewünschten Objekte einfach von oben per simplem Drag & Drop aus der Palette in das Level hinein.

In der auf 20 Minuten beschränkten Demo, die ich gleich drei Mal gespielt habe, war der Editor zwar noch limitiert, aber schon damit ließen sich in wenigen Minuten kleine nette Levels basteln. Es dauerte auch gar nicht lange, um das Prinzip des Baukastens zu verstehen: Oben ist die erweiterbare Objektpalette, links wählt man den favorisierten Grafik- und Gameplaystil aus – soll es Super Mario Bros., Super Mario World, Super Mario Bros. 3 oder New Super Mario Bros. sein? – und das war es an sich auch schon. Alles super-einfach, aber dadurch wahnsinnig intuitiv und nahezu ohne Barriere – abgesehen von den erforderlichen Leveldesign-Skills, die man für so einen Editor eben zwangsläufig braucht. Intuitivere Editoren gab es selten, massentauglichere ganz bestimmt noch nie. Nintendo hat eine Menge Zeit dafür investiert, den Baukasten so zugänglich wie möglich zu machen, und die Mühe hat sich definitiv ausgezahlt. Außerdem wird das Wii U GamePad endlich mal wieder sinnvoll genutzt.

Super Mario Maker - Wer braucht noch Millimeterpapier?

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/3Bild 21/231/23
Selbst bei bestehenden Levels lässt sich der Stil - retro oder doch modern? - jederzeit ändern.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Rein mechanisch sind die Fortschritte gegenüber der letztjährigen Demo überschaubar – das ist jedoch nicht weiter überraschend, waren Navigation und Funktionsweise doch damals schon sehr gelungen. Das „Super“, das der Mario Maker fortan im Titel trägt, beruht vor allem auf dem, was inhaltlich geboten wird: Von klassischen Röhren und Piranha-Pflanzen über Kletternetze und Kugelwillis bis hin zu Eisblöcken, Kettenhunden und Hüpfschuh ist nahezu alles dabei, mit dem Mario in seinen 30 Jahren Sidescrolling bisher zu tun hatte – sogar Yoshi ist mit an Bord, war in der Demo aber leider noch gesperrt. Schon jetzt dürfte aber klar sein, dass dieser Super Mario Maker eine schier unerschöpfliche Vielfalt in seinen Möglichkeiten bietet – zumindest so weit, wie es das Genre und die Serientradition eben ermöglichen. Mehrere Riesen-Bowser unter Wasser in ein Gefängnis zu sperren, das ist allerdings etwas, das ich so noch nie in einem Mario-Spiel gesehen habe. Genau wie diese Wiggler mit Flügeln...

Super Mario Maker - E3 2015 - Dev-Video zu Miyamoto6 weitere Videos

Mit diesen Möglichkeiten zu experimentieren, ist ganz klar einer der interessantesten und spaßigsten Aspekte des Spiels, und das schien schon in der limitierten Demo sofort durch. Es ging mir anfangs gar nicht darum, ein funktionierendes Level zu bauen, sondern einfach auszuprobieren, was machbar ist und was nicht. Eine Erkenntnis kam dabei ganz schnell ans Licht: Levels, die aus dem Genre ausbrechen, gibt es hier nicht – einem LittleBigPlanet macht der Mario Maker keine Konkurrenz. Dafür bietet er innerhalb seiner sich selbst gesetzten Grenzen (Mario bleibt eben immer noch Mario) weitaus mehr Tiefe, als ich zunächst erwartet hatte – und wird gleichzeitig auch das schwerste Mario aller Zeiten.

Denn wenn die Nintendo World Championship von der E3 eines gezeigt hat, dann, dass dieser Super Mario Maker nicht nur ein Baukasten wird, sondern auch ein Jump-and-Run für Masochisten. Dieses eine verdammte Kugelwilli-Level aus der Demo – ich hätte das GamePad an die Wand werfen können! Und das sei noch eines der moderateren gewesen, meinte einer der Nintendo-Mitarbeiter zu mir; im finalen Spiel werden noch weit mehr von der Sorte enthalten sein. Darunter selbstverständlich auch die Hardcore-Kurse von der erwähnten World Championship – Levels, an denen sich selbst die besten Genre-Veteranen die Zähne ausbeißen werden. Ich freue mich jetzt schon darauf. Und die interessantesten Kurse dürften wie so oft natürlich von der Community kommen, die ihre Kreationen in das Internet hochladen und allen Besitzern des Spiels zum Download anbieten kann.

Super Mario Maker - Wer braucht noch Millimeterpapier?

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden2 Bilder
Inhaltlich wird das hier eine großartige Nummer. Fraglich bleibt allerdings noch, wie komfortabel Nintendo den Klempner-Baukasten gestaltet.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Genau hier liegt auch noch das größte Fragezeichen des Mario Makers begraben – nämlich darin, ob und wie die Filter-Optionen funktionieren. Ob man Levels neben ihrer generellen Bewertung auch nach ihrem Schwierigkeitsgrad sortieren kann, das ist aktuell noch meine größte Sorge, denn ohne diese Einteilung könnte das Level-Angebot aussehen wie Kraut und Rüben. Und gerade bei Nintendo kann man sich leider nie ganz sicher sein, ob die Online-Funktionalitäten durchdacht genug sind. Hier wäre es allerdings wahnsinnig wichtig, dass nichts schiefgeht und man Ordnung in das Chaos bringen kann.

Davon abgesehen jedoch stehen die Zeichen aktuell absolut auf Hitkurs – sowohl für diejenigen, die nur spielen, als auch für die, die ihren inneren Miyamoto finden wollen. Wünsche, die ich persönlich an das Spiel habe, sind unter anderem eine ordentliche Musik-Auswahl (irgendwann kann man die Mario-Titelmelodie einfach nicht mehr hören), ein Oberwelt-Editor und der Flughörnchen-Anzug aus New Super Mario Bros. U. Schauen wir mal, was es letztendlich alles ins Spiel schafft – Nintendo zufolge gibt es jedenfalls noch viele Überraschungen, die noch nicht bekannt sind. Ich bin schon sehr gespannt.