Als viele Leute letzten Freitagmorgen die Hölle auf Erden in den Elektromärkten erlebten, hätten sie lieber ein Regal nebenan stehen und sich eine Packung mit einem albernen Katzenkostüm darauf nehmen sollen. Super Mario 3D World erschien am selben Tag wie die PS4. Wieso das die bessere Nachricht ist? Weil es ein Videospiel ist, wie es sein muss.

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Es geht um die Art, wie es seine Konstanten, die in fast jedem Mario-Spiel stecken, immer wieder dreht und wendet. Es hat sichtlich Spaß daran, dies zu tun und eure Wahrnehmung für die Zusammensetzung eines Jump-and-Runs regelmäßig auf den Kopf zu stellen. Nintendo macht das nicht so unbeschwert und spritzig wie in Super Mario Galaxy. Das bewegt sich dann doch noch eine Hausnummer darüber.

Aber was sie vor allem ab der dritten Welt aus ihrer Wundertüte sprudeln lassen, das ist beispiellos und auf jedem Meter dem puren Spaß verpflichtet. Ihr bemerkt so viele Ideen in Leveldesign und Co., sobald sich das Spiel verläuft in kleinen Rätselräumen, die euch nur wenige Sekunden Zeit geben zum Abholen des Sterns. Mehrere hundert Sterne gibt es. Gut versteckt sind sie zum Teil, und ihr braucht reichlich, wenn ihr nach zehn bis zwölf Stunden das Finale in der achten Welt entriegeln wollt.

Bis dahin geht es mal raus in Dschungel mit langhalsigen Schlingpflanzen, durch Oasen voller Pickvögel, dann wieder rein in Geisterhäuser mit beängstigenden Schattenspielen. Die Stimmung schwankt zwischen hellblauem Wasser mit Schwimmreifen, auf denen sich faule Gumbas die Urlaubssonne auf den Pelz brennen lassen, und Eis- und Lava- und Berg- und Unterwasser- und all den Welten aus dem Mario-Regelbuch. Sie sind alle da und hervorragend bemessen für die Art von Bewegung, die dem Klempner und seinen Freunden abverlangt wird.

Super Mario 3D World - Schnauzbart: Coolio

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Das Katzenkostüm ist die grooße Neuerung dieses Mario-Teils. Sieht albern aus, ist es auch, aber lässt euch an Wänden hochkrabbeln und Verstecke entdecken.
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Manchmal müssen sie sich nicht mal selbst bemühen. Es gibt ja Plessie, den Rutschdino, auf dessen Rücken ihr Wüsten- oder Wasserpisten herunterjagt (denkt an das Pinguinrennen aus Super Mario 64), bevor ihr wieder über rotierende Kuchen und Plätzchen springt. Orte mit abstrakten Formen ohne Zweck, mitten in der Luft, wo Gegner tagein tagaus auf zwei Quadratmetern umherlaufen, nur um irgendwann plattgedrückt oder ins Nirwana geschubst zu werden. Orte, an denen beinahe jeder Ansatz von Logik der reinen Freude am Springen, Rutschen und Abschätzen untersteht.

Die üblichen Mario-Bausteine mit Happy-Face-Garantie, die einem seit Jahren einen Strahlemann zwischen die Ohren legen. Es hätte im Launch-Umfeld von Xbox One und PS4 für mich kein schöneres Abenteuer geben können als das hier. Kein Größenwahn, keine knackenden Knochen oder Texturwahnsinn, sondern nur tadellose Spielbarkeit und Liebe.

Packshot zu Super Mario 3D WorldSuper Mario 3D WorldErschienen für Wii U kaufen: Jetzt kaufen:

Jedes Mario-Spiel hat einen definierten, von vornherein feststehenden Start- und einen Endpunkt, an dem nichts vorbeiführt, es sei denn, wir sprechen hier vom einen oder anderen kleinen Seitensprung. In den Jump-and-Runs ist es der Endkampf gegen Bowser, dem man nach all den Jahren noch entgegenfiebern kann, egal ob 2D, 3D oder irgendwas dazwischen.

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Jeder Level ist eine Herausforderung der anderen Art. Nirgendwo wiederholt sich etwas. Das muss man erst mal hinbekommen.
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Liebe, weil Nintendo auch diesmal auf der Zielgeraden überrascht, selbst 25 Jahre, nachdem man dem Krötenkönig Bowser zum ersten Mal den Boden unter den Füßen wegzog. Die Spieldesigner enttäuschen nicht, sondern liefern ein Finale zum Genießen, bei dem man sich denkt, dass es den Weg hierher am Ende mehr als wert war. Sogar die anfänglichen Minuten, in denen man vielleicht noch etwas zähneknirschend an 3DS-Recycling glaubte und für die man sich selbst kräftig belächelt.

Wer damals zu jung war und heute sein persönliches Mario Bros. 3 sucht, könnte SM3DW nehmen und macht alles richtig. Zu Beginn sollte hier eigentlich ein kleiner Rant stehen, und im Rückblick ist es ein bisschen beschämend. Super Mario 3D World steht nicht still, keine Minute lang.

Bunt, knallig, toll

Das Katzenkostüm ist albern, Tanookie-Pelz, Feuerblume und das Meiste davon kennt man bereits, dachte ich. Doch dann überrumpeln einen der Spaß und seine Mitwippmusik – ich kriege das Hauptthema seit Tagen nicht mehr aus dem Kopf. Sie reißen euch die Beine nach hinten, drücken euch eure eigenen Kniescheiben ins Gesicht und ziehen euch die Schuhe mitsamt der stinkenden Socken aus.

Spaß, einfach nur purer Spaß abseits von Next-Gen-Posing.Fazit lesen

In dieser ganz besonderen Art, wie Nintendo immer wieder Farben, Formen und Bewegungen kombiniert und einen Parcours für Akrobaten öffnet - der auch genug abseits des Weges versteckt. Kein Abschnitt gleicht dem vorhergehenden. Überall stecken Ideen drin, kleine Kniffe, die aus dem anfangs guten ein fantastisches Jump-and-Run machen.

So gesetzt, wie Marios Welt nun einmal ist, so stark motiviert die Sternenjagd irgendwann, wenn man sich zu dritt oder viert vor dem Fernseher tummelt. Man krabbelt an Wänden hoch, sucht Schalter, um Brücken auszufahren, schleift sich die Katzenkrallen an Felswänden ab und springt zwischen sich bewegenden Platten durch kunterbunte Röhrenlabyrinthe. Seht euch einen der Screenshots an und sagt mir, dass es Liebe ist. Ihr könnt auch „hG-lx02xl?ß“ sagen, wenn das Liebe in eurer Sprache heißt. Nintendo stellt das Spiel, seine Entwicklung und den Weg von A zur Levelendflagge über den Rest.

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Mit bis zu drei anderen Leuten könnt ihr durch die Level hüpfen, tauchen, springen, Kugelwillis ausweichen, zusammenarbeiten. Oder gegeneinander. Wie ihr mögt.
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Da bleibt genug Platz für die Fantasie des Spielers und die Steuerung ist über jeden Zweifel erhaben – sämtliche Figuren haben das Mario-64-Bewegungsrepertoire abrufbereit. Jeder Level ist nahezu perfekt dafür zurechtgeschnitten. Nintendo zeigt hier sein Gespür für diese Art von Kleinigkeiten, reduziert Familienfreundlichkeit nicht allein auf oberflächliche Merkmale. Ihr könnt euch Freunde oder Eltern schnappen – je nachdem, wer gerade da ist – und mit bis zu vier Leuten auf die fordernde, langsam schwerer werdende Jagd nach Sternen gehen. Ganz so, wie man es aus den New-Super-Mario-Teilen ab der Wii kennt. Einzig die Kamera kann manchmal zum Verhängnis werden, wenn sie am zurückfallenden Spieler kleben bleibt statt am vorauseilenden, der dafür bestraft wird.

Ansonsten zoomt sie passend heraus, gibt vier gleichzeitig auf dem Bildschirm tummelnden Spielern so viel Platz und Übersicht, wie es ihr möglich ist. Und noch etwas Nerviges: Die Sprinttaste ist dieselbe wie die zum Hochnehmen eines anderen Spielers. Steht man also neben Mama, Oma oder Freundin und setzt zum zackigen Sprint an, nehmt ihr deren Figur mit etwas Pech auf die Schultern – was immer wieder zu unverschuldeten Unfällen führt. Vor allem bei den schweren Stellen, die sich in Welt 7 und 8 häufen. Prima dagegen: Überflüssige Items werden gespeichert und sind jederzeit per Knopfdruck verfügbar.

Erstaunlich an Super Mario ist seit Jahrzehnten die Kunst, jeden einzelnen Sprung und noch so kurzen Sprint spielenswert zu gestalten. Nicht nur ein Level als Ganzes zu verstehen, mit einem Ziel und untergeordneten Aufgaben. Selbst wenn man die Vorstellung des Leveldesigners nicht erfüllt, daneben springt, einem Gegner in die Hände läuft oder anderweitig aus dem Takt kommt, bleibt immer die Möglichkeit, mit gleichem Schwung neu anzusetzen.

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Während viele andere Plattform-Games auf Zusammenhang bestehen, das optische Erlebnis gar so gleichberechtigt behandeln, dass kleinere Durststrecken unvermeidbar werden, darf der pummelige Schnauzbart jeden Abgrund und jede Plattform als Puzzleteil des Vergnügens registrieren.

Das hat weniger mit einem "gemilderten" Schwierigkeitsgrad zu tun. Manche mögen das Spiel als zu leicht empfinden. Tatsächlich geht es jedoch um Service. Um das Ausquetschen jedes einzelnen Euros, den ihr für das Programm ausgegeben habt. Es gibt Abläufe und kleinste Beeinflussungen, die ihr wahrscheinlich nicht mal bewusst wahrnehmt, aber sie lassen euch lächeln, da das Erlebnis dadurch so wunderbar rund ist.

Weil es keine Leine ist, die starr durch den Level führt, sondern eine Spielspaßlandkarte. Springe hier, dann fühlst du dich gut, mach's dort noch mal besser oder im fließenden Übergang und du denkst, du bist der King. Nicht der "Rul0r of the GameZ-Univerz", sondern eines kleinen Königreichs, das Spielspaß heißt.