Keine Ahnung, was die Jungs von Insomniac Games bei der Entwicklung von Sunset Overdrive eingeworfen haben, doch es muss verdammt gutes Zeug gewesen sein. Der Exklusivtitel für Xbox One ist mehr als nur ein schräger Infamous-Abklatsch, sondern tatsächlich ein überdrehter, trippiger und quietschbunter Ballerrausch im Überschallmodus. Und damit scheint's auch auch das zu werden, was der Xbox One bislang fehlt: ein durchgeknallter Paradiesvogel, der mal für etwas Trubel im derzeit etwas breiig einheitlichen Spielesortiment sorgt und dabei auch noch geil aussieht.

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Tatsächlich kennt sich Entwickler Insomniac mit spielerischem Trubel aus. Über 15 Jahre hinweg war das Studio aus Burbank, Kalifornien quasi Exklusiv-Dealer für alle bisherigen Sony-Konsolen. Dabei haben sie die Resistance-Reihe, Spyro the Dragon und natürlich Ratchet & Clank zusammengemischt. Spiele und große Namen, die einen guten Teil zum Erfolg und Charakter der Playstation-Daddelkiste beigetragen haben. Selbiges will die Truppe mit Sunset Overdrive jetzt für die Xbox One schaffen und pfeffert dafür einiges aufs Butterbrot, das reichlich taff und herrlich irre wirkt.

Das beginnt schon bei der Handlung, wenn man sie denn so nennen mag. Diese besteht eigentlich nur daraus, dass der Limohersteller FizzCo im Jahre 2027 den neuen Energie Drink Overcharge Delirium XT präsentiert. In Sunset City gibt’s daher eine große Verkostung. Das Blöde: das Zeug macht nicht nur extrem süchtig – was ja noch gewollt wäre -, sondern verwandelt auch einen Großteil der Bürger der Metropole in Mutanten, die schon bald alles unter ihrer chaotischen Fuchtel haben. Kurzentschlossen riegelt FizzCo die Stadt mitsamt allen Einwohnern ab und schiebt den Schlamassel einem vermeintlichen Virus namens OD'D in die Schuhe. Parallelen zur Umbrella Corporation sind sicher nur Zufall.

Sunset Overdrive - Die Punk-Rock-o-calypse oder auch: Warum ihr vielleicht schon bald eine Xbox One braucht

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Stirbt der Spieler, wird er auf amüsante Weise wieder ins Spiel gebracht: er stolpert aus einem Sarkophag oder wird aus einem Ufo geworfen. "Next-Gen-Respawn" nennt das Insomniac, "abgedreht" sagen wir dazu.
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Eine ziemlich bescheidene Situation also. So geht’s zumindest den meisten innerhalb der hermetisch abgeschirmten Stadt – außer dem namenlosen Held. Während der vor Energie-Drink-Seuche nämlich noch als Mülljunge den Besen schwingt, entdeckt er plötzlich, dass er das mit dem Überleben ziemlich gut drauf hat.

Wobei es auch eine Dame sein kann, wenn ihr wollt. Ähnlich Saints Row lässt sich das Alter-Ego in einem Charaktereditor recht frei zusammenstöpseln: Bursche oder Mädel, Hautfarbe, Frisuren, Unterwäsche, Oberteile, Hosen, Sneaker, Tattoos und so weiter. Die Bandbreite reicht von Jeans-Jacken, Marty-McFly-Westen über Lederkluften und Turmfrisuren bis zu Irokesen-Schnitten. Damit lässt sich fast alles schustern.

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Sunset Overdrive hat einen aktiven Tag-Nacht-Zyklus. Wenn's dunkel wird, soll sich die Welt wandeln. Wie? Noch geheim.
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Im Spiel selbst soll es mindestens ebenso viel Freiheit geben. Abgesehen vom irgendwie logischem Ziel „Alles wieder in Ordnung bringen" hängt eigentlich nur eine Aufgabe in der Luft: Spaß haben und Krams verzapfen. Die offene Spielwelt von Sunset City ist nicht nur ein Sandkasten á la Grand Theft Auto, sondern eine gigantische Spielkiste, die komplett auf Realismus und Benimmregeln pfeift.

Sunset Overdrive könnte für die Xbox One das werden, was für die Playstation 4 Infamous Second Son ist: das Spiel, das den Kauf der Konsole sichtbar rechtfertigt.Ausblick lesen

Alles gar nicht ernst gemeint!

Das in Distrikte unterteilte Sunset City schaut aus wie ein 90er-Jahre Punk-Rock-Sci-Fi-Mischmasch aus New York und Tokio in Super-Hero-Ninja-Turtles- trifft Crazy-Taxi-Zeichentrickästhetik. Aus Third-Person-Sicht schlittert und saust man über Stromleitungen, Geländer und an Häuserwänden entlang. Springt über Abgründe hinweg, lässt sich sich von Regenschirmen und Autos wie von einem Trampolin in die Höhe katapultieren, um sich mit einem Haken an einer Wäscheleine einzuklemmen, an der es dann quer durch Gebäudeschluchten geht.

Ein enorm flüssiger Mix aus Infamous-Parkour-Rennerei, Jet Set Radio und … tja, Tony Hawk's Pro Skater ohne Skateboard, wenn man so will. Und bei all der Renner- und Schlitterei wird natürlich gleichzeitig aus allen Rohren geballert. Wie beim hierzulande indizierten Zombie-Schlachter von Capcom ist man quasi ständig von Mutanten umlagert. Die sind teils beuliges Kanonenfutter, aber auch fiese Energie-Drink-spritzende Blower und harte Hulk-Fassungen mit eingewachsener Baggerschaufel und mehr. Alle wollen sie einem an den Kragen! Aber keine Panik.

Als Gegenwehr dienen Waffen wie das AKFuckYouUp-Sturmgewehr, das mit seinen knatternden Explosivgeschossen wohl noch die normalste Knarre im Arsenal sein dürfte. Ansonsten werden High-Fidelity-Schallplatten verschossen, die dank Extremquerschlägern eigentlich immer irgendeine von den verwuchterten Kreaturen treffen und für meterhohe Energie-Drink-Spritzer sorgen. Dann wäre da der TNTeddy, ein Granatwerfer, der mit Dynamit bestückte Plüschbären. Und natürlich gibt's Amps, zeitlich begrenzte Spezialfähigkeiten, die durch das durch Tricks und Kills aufgeladene Style-Meter freigeschaltet werden. Die lassen beim Sliden Feuerstöße aufflammen, Wolken samt Blitzgewitter aufziehen oder beim Ballern willkürlich eine Atomexplosion hochgehen.

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In Sunset City soll's nicht nur weit nach vorn, sondern auch hoch hinaus gehen. Gigantische Hochhäuser und Fernsehtürme schmücken die Skyline.
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Einfach spaßig!

Trotz des Spaß-über-alles-Mottos soll es freilich Story- und Nebenmissionen geben, die einen groben Rahmen geben, der im Grunde so lautet: FizzCo will die Schuld am Chaos vertuschen. Deshalb bekommt ihr es später mit Kampfrobotern der Brausefirma und auch dem FizzCo-Ballonmaskottchen Fizzie zu tun, einem der ersten Boss-Gegner, das euch als Arschloch beschimpft und dann mit seinen riesigen Laseraugen grillen möchte.

Auch verschiedenen weitere Überlebende lassen sich treffen, die sich in Clans zusammengefunden haben – und mal helfen, mal einem den Gar ausmachen wollen. Wie der Troop Bushido, eine Horde Pfadfinder, die sich japanischen Museum einnistet hat. Oder eine Gruppe nerdiger Live-Rollenspieler, die mit Papphelmen, Alufolien-Rüstungen und Holzschwertern gegen die Mutanten ins Feld zieht und findet, dass sich das Lesen all der Zombie-Comics und Romane endlich gelohnt hat. Bescheuert! Großartig!

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In der Spielwelt flimmtert immer wieder Sunset TV über große Bildschirm. Die Sendung debattiert die Spielwelt, hält aber auch Abstimmungen über zukünftige Spielinhalte bereit.
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Sunset Overdrive nimmt sich nicht sonderlich ernst – und das ist wirklich erfrischend. Ob das alles jedoch wirklich langfristig packt oder ob nach der ersten Stunde jede Dämlichkeit durchgestestet ist? Abwarten. Auch wie es abseits des Einzelspieler-Parts aussieht, mag Insomniac bisher noch nicht wirklich verraten. Aber wie dem auch sei: Für Microsoft und die Xbox One ist das Spaß-Baller-Spiel nicht nur Witz und Freude, sondern auch eine bierernste Angelegenheit. Mit offener Spielwelt und spielerischer Freiheit bis zum Anschlag verkörpert es ein Stück weit den Next-Gen-Gedanken.

Überdies macht es grafisch eine überragende Figur! Texturen, Effekte und Charaktere sehen stellenweise so plastisch aus, als würde es aus einem Pixar-Film stammen. Sunset Overdrive könnte für die Xbox One das werden, was für die Playstation 4 Infamous Second Son ist: das Spiel, das den Kauf der Konsole endlich sichtbar rechtfertigt.