Unter anderen Umständen hätte das hier auch schnell nach hinten losgehen können. Sunset Overdrive hat nicht viele Probleme, keinesfalls, diese dafür aber so unglücklich in die ersten Spielminuten und -stunden gequetscht, dass ich alles Nachfolgende vermutlich kaum mehr freiwillig erlebt hätte, wenn ich dafür nicht bezahlt würde. Macht um Himmels willen nicht denselben voreiligen Fehler.

Gibt’s das auch in sympathisch?

In Zeiten von zweiseitigen Handbüchern und „Ein Spiel muss in wenigen Sekunden begreifbar sein“-Maßgaben vieler Publisher machen die Jungs von Insomniac Games kaum etwas falsch. Ihre durch glanzlose Auftragsarbeiten querfinanziertes Herzensangelegenheit lässt euch nicht viel Zeit zum Luftholen, nicht bei der grauenvoll auf Coolness gebürsteten Charaktererstellung und nach dem knackigen Intro schon gar nicht.

Alles geht hier Schlag auf Schlag, ganz so, wie es sich für die grob über den Daumen angepeilte Zielgruppe gehört. Junge Burschen, irgendwo zwischen 16 und 22 Jahren verortet, dürfte diese hauptsächlich abdecken, plus/minus ein bisschen was — viel genauer werden euch das die Verantwortlichen dahinter auch nicht sagen können. Sie meinen es allerdings eine Spur zu gut mit ihrem abrupten Beginn, lassen ihre Welt ein ganz paar Dezibel zu laut „Hey, hier, hier, wir sind cool, guckt uns an, jetzt guckt doch mal!“ schreien.

Sunset Overdrive - „Das macht dann 60 Euro für das Spiel und 5 für die Ohrstöpsel"

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Und ihr dachtet vielleicht, Delsin Rowe aus inFamous: Second Son würde dieses Jahr den Preis als penetrantester Protagonist abstauben. Pah!
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Je nachdem, wie ihr betont lässigen Sprüchen, Undercut-Frisuren und neumodischer Hipster-Attitüde gegenübersteht, werdet ihr das als mehr oder weniger (un-) angenehm empfinden, möglicherweise sogar eure helle Freude daran haben — für mich war es geradezu unerträglich und ich wusste ziemlich genau, in welche Richtung das alles geht. Dabei ist es nicht so, als würde Sunset Overdrive in ausnahmslos jedes profilschaffende Fettnäpfchen treten. In seinem unbedingten Streben, von Beginn an als cool, irre und überhaupt total hip wahrgenommen zu werden, schießt es allerdings regelmäßig übermotiviert übers Ziel hinaus und reißt dabei jeden Anflug von Sympathie, die man dieser Welt und ihren Charakteren gegenüber entwickeln kann, gleich mit in den Abgrund. Oder um es mit den Worten des Spiels zu sagen: „Dude, wir sind hier doch nicht in einem Videospiel, ey!“

Insomniac würden hier am liebsten das neue Tony Hawk abliefern, vermutlich ihren rechten Arm für denselben popkulturellen Einschlag hergeben und in ihren besten Momenten sind sie gar nicht allzu weit davon entfernt. Ihre Zuneigung dafür und eine Handvoll anderer Spiele derselben Bauart haben sie stets klar nach außen kommuniziert, was gleichermaßen sympathisch wie notwendig ist, denn ihr Open-World-Action-Fest macht keinen Hehl aus seinen Idolen.

Sunset Overdrive - „Das macht dann 60 Euro für das Spiel und 5 für die Ohrstöpsel"

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Der Stil wird nicht jedem gefallen, das Spiel dahinter schon eher.
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Der Xbox-One-Exklusivtitel bedient sich bei vielen Spielen und wer die letzten Jahre halbwegs auf dem Laufen war, dürfte keine Probleme haben, die Ursprünge der einzelnen Versatzstücke konkret zu benennen. Tony Hawk und der Dreamcast-Klassiker Jet Set Radio sind die offensichtlichsten Rollenmodelle im stilbildenden Bereich, Dead Rising sowie Sonys inFamous-Reihe hingegen maßgeblich für die spielerischen Impulse verantwortlich und ich bin ehrlich gesagt so überrascht wie ihr, diese Namen gemeinsam in einem Satz zu hören.

Abgefahren und smart dabei: Sunset Overdrive ist ein irrwitziges Open-World-Spektakel mit Köpfchen. Auf die affektierte Coolness darf der zweite Teil aber gern verzichten.Fazit lesen

Auf den ersten Blick mag dieses Videospiel-Stelldichein nach abgebrühtem Kalkül klingen und ich würde lügen, würde ich behaupten, solche Gedanken wären mir nie gekommen. In seiner angestrengten Bemühtheit, unbedingt das abgefahrenste Spiel unter der Sonne sein zu wollen, ist Sunset Overdrive spontan betrachtet das, was nicht erst seit gestern bei großen Unternehmen schiefläuft. Es ist Wasser auf die Mühlen all der „Früher war alles besser!“-Fraktion da draußen, ein Beleg für die nüchterne finanzielle Berechnung, mit der Videospiele heutzutage entstehen.

Wie gesagt, auf den ersten Blick.

Nervig, nicht dämlich

Hinter der hippen Fassade, die jedem PR-Menschen die Freudentränen in die Augen treibt, steckt so viel mehr als schlechte Breaking-Bad-Anspielungen und 08/15-Abziehbilder von Charakteren. Zu gleichen Teilen aus Leidenschaft und konzeptioneller Struktur haben die „Ratchet and Clank“-Schöpfer ein spielerisches Gerüst geschafften, das dem derweil längst überstrapazierten Next-Gen-Begriff wesentlich näherkommt als all die technisch aufgekochten PS3- und Xbox-360-Süppchen dieser Tage.

Sunset Overdrive läutet beileibe keine neue Generation ein, bietet aber auch nicht nur mehr vom Selben mit hochgeschraubter Optik. Ohne die Leistung seiner Exklusivplattform könnte der namenlose Protagonist nicht derart geschmeidig durch die fast postapokalyptischen Straßen Sunset Citys preschen, mehrere Dutzend „OD“ genannter Zombiewesen gleichzeitig niedermähen und dabei seinen Blick bis zum hochauflösenden Horizont schweifen lassen. Chapeau, Insomniac.

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Technisch gibt sich Sunset Overdrive trotz 900p-Auflösung und 30 Bildern pro Sekunde keine Blöße.
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Es gibt mindestens soviel zu tun wie zu sehen in der nahen Zukunft des Jahres 2027; Sunset City ist der bislang am sinnvoll genutzte offene Spielplatz dieser Generation. So leid es mir für inFamous: Second Son auch tut, auf dem Xbox-One-Pendant ist die Stadt nicht nur schöner Selbstzweck, sondern speziell auf das an und für sich recht enge spielerische Korsett geschnürt, in das ihr euch erst nach und nach zwängt.

Euer Postapokalypse-Hipster ist kein Typ für ein Grand Theft Auto, orientiert sich eher an den aufs Nötigste konzentrierten akrobatischen Manövern seines PS4-Kollegen. Er steigt so wenig hinters Steuer wie Delsin Rowe es Anfang des Jahres tat und auch andere Ablenkungen sind seine Sache nicht.

Kampf und Bewegung sind die einzigen zwei Säulen, auf denen Sunset Overdrive sein Fundament errichtet, was gerade für ein Spiel mit offener Welt eine wackelige Angelegenheit sein könnte. Hier allerdings sitzt es bombenfest und das ist vielleicht die größte Überraschung eines an positiven Verblüffungen nicht gerade armen Spiels. Ich hatte nie ernsthafte Zweifel, ob das hier ein brauchbares Spiel werden würde, sehr wohl aber, wie lange es das sein kann.

Sunset Overdrive - Gameplay Trailer8 weitere Videos

Vermutlich nicht ganz freiwillig verkehren die Entwickler solche Erwartungen ins Gegenteil. Statt euch mit ihrem in alle Himmelsrichtung ausufernden Chaos ab der ersten Minute mitzureißen, errichten sie mit dem betont lässig-coolen Grundtenor erst eine, mit der wenig intuitiven Steuerung gleich eine zweite Hemmschwelle. Beides legt sich irgendwann von ganz allein, ersteres, wenn irgendwann auch ein paar gute Witzchen zünden und nicht mehr auf Krampf dumme Sprüche gerissen werden, letzteres, wenn ihr erst mal zwei, drei Stunden gespielt habt.

Diese Zeit solltet ihr aber schon mitbringen; ohne eine gesunde Portion Neugier wird das hier schwierig, was ungefähr das Gegenteil von dem ist, was ich erwartet habe. In der Produktbeschreibung mag sich das „auf Stromleitungen surfen“, „an Wänden entlang rennen“ und „coole Manöver an Rails vollführen“ noch voll fresh anhören, mit dem Controller in den verkrampften Fingern sieht die Sache allerdings schon etwas anders aus. Mirror’s Edge hat für sein ähnliches „Flow-Gefühl“-Prinzip zumindest noch freundlicherweise rot markiert, welche Objekte in eurer Umgebung für akrobatische Manöver relevant sind, in Sunset Overdrive müsst ihr diesen Röntgenblick schon selbst entwickeln. Es dauert seine Zeit, bis ihr die detaillierte Welt in ihre Bestandteile zerlegt, Geländer, Stromleitung und ähnliche Oberflächen als Grind-Gelegenheit, Fahrzeuge, Sonnenschirme und entsprechende Oberflächen als zweckentfremdete Trampoline betrachtet.

Wo wir hinfahren, brauchen wir keine Straßen!

Und auch danach werdet ihr im Chaos noch gelegentlich die falsche Taste drücken, aber mit den einzelnen Bestandteilen der Welt bekommt ihr auch einen Blick fürs große Ganze. Ihr erkennt, nach welchem Schema Insomniac Sunset City konstruiert haben, wie hinter jedem platziertem Gebäude smarte Berechnung steckt.

Genau diese Dualität aus leidenschaftlicher, geradezu kindlicher Freude an der Bewegung und gleichzeitig nüchterner Planung zeichnet Sunset Overdrive aus, sorgt letztlich dafür, dass ihr länger als einen halben Nachmittag Gefallen an all dem habt. Viel mehr als aneinandergereihte akrobatische Manöver und Schießereien spult ihr nicht ab und die Entwickler wussten sehr wohl um die Gefahr dahinter. Selbst das Ballern mit einem Raketenwerfer (also buchstäblich jetzt, ihr verschießt bunt explodierende Raketen) oder einem Teddybären-Granatenwerfer täuscht langfristig nicht über die spielerische Eintönigkeit der Sache selbst hinweg, selbst wenn ihr dabei an einer Stromleitung entlangrutscht und aus jeder Ecke Effekte heranspritzen.

Sunset Overdrive - „Das macht dann 60 Euro für das Spiel und 5 für die Ohrstöpsel"

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Was passiert da eigentlich?
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Die Mannschaft hierhinter hat sich mehr als einmal Gedanken über Dinge wie langfristigen Spielspaß gemacht. Sie ändern zwar das eigentliche Spielprinzip nicht, werfen es allerdings in ständig neue Situationen, zwingen euch nicht zum Absolvieren von „Laufe zu Punkt A und töte x Feinde“-Reißbrettmissionen, durch cleveres Missionsdesign allerdings regelmäßig zum Umdenken bereits routinierter Strategien. Hinter der donnernden Fassade von Sunset Overdrive steckt ein überraschend komplexer, fein abgestimmter Mechanismus. Ihr könnt das Spiel gern mit demimmergleichen Waffenset durchspielen; niemand wirft euch Stöcke zwischen die Beine. Insomniac belohnen allerdings die experimentierfreudigen Naturen unter euch. Fähigkeiten und Waffen verbessern sich durch ihren Einsatz, schalten Punkte frei, mit denen andere Dinge verbessert werden können, belohnen euch mit kreativen Erweiterungen für Knarren. All das wirkt nicht aufgesetzt, sondern scheint sich natürlich aus dem Herumprobieren zu ergeben.

Alles ist miteinander verzahnt, beinahe nichts purer Selbstzweck. Insomniac haben auf überflüssigen Schnickschnack oder Füllmaterial verzichtet, ziehen den Stecker lieber rechtzeitig selbst, bevor ihr es aus Langeweile tut. Am Ende stehen ein sehr deutlicher Wink Richtung eines möglichen zweiten Teils auf dem Bildschirm und irgendwas mit acht bis achtzehn Stunden auf der Uhr, je nachdem, wie akribisch ihr Neben- und Sammelaufgaben abarbeitet. Es ist gerade dann vorbei, wenn die größte Gefahr für Sunset Overdrive langsam präsent wird: Routine.

Bis dahin habt ihr viel erlebt, habt in speziellen Abschnitten ausgefallene Fallen gelegt und vorgeschriebene Ziele verteidigt, habt neben den Zombies zwei weitere Feindseliger ausgemacht, seid auf einer Achterbahn mit einem Affenzahn entlanggerutscht und habt einen Robohund gegen böse Buben aufgehetzt und auch sonst nicht viel Grund zum Abschalten gehabt. 

Macht nicht den Fehler, das alles aufgrund des in vielerlei Hinsicht schwierigen Einstiegs zu verpassen.