Die ersten Stunden in Stronghold Crusader 2 müsst ihr euch vorstellen wie die ersten Fahrten mit einem Traumauto Marke Lamborghini Aventador. Das erste Kennenlernen fällt nicht schwer, schließlich hat man Lust aufeinander. Lamborghini, das ist italienische Qualität, die Männer und Frauen-Herzen höher Schlagen lässt. Firefly, das ist ein britisches Traditionsstudio aus einer Zeit, wo noch kein Free2Play-Quatsch uns den Spaß verdorben hat.

Stronghold Crusader 2 - gamescom 2014 - Trailer

Wir steigen also in unseren RTS-Lamborghini ein, freuen uns auf die Testfahrt und dann gibt sich der neue Partner ganz schön zickig und verzeiht keine Fehler. Bremspunkt verpasst, Heck bricht aus. Die englischen Bogenschützen zwei Millimeter zu weit nach vorne gerückt, schon werden sie von den Geschossen eines Katapults zerquetscht, das Saladins General wohlwissend auf einem seiner Türme platziert hat. Nicht selten werdet ihr euch fragen, ob eure RTS-Skills eingerostet sind oder es schlicht an der Technik liegt.

Ob euch eure Maus einen Streich spielt oder warum schon wieder Sturmleiter-Truppen mit großer Freude mehrere Meter an der feindlichen Mauer entlang joggen und sich fröhlich grinsend von Pfeilen durchbohren lassen. Sie könnten ja auch einfach ihr Arbeitsgerät an die Steinwand lehnen und ihren Job machen. Warum Stronghold Crusader 2 trotzdem richtig viel Spaß macht, taktisch fordert und unser Burgherren-Herz zum Lachen bringt verrät dieser Test.

Die Kampagne: Besseres Tutorial mit heftigen K.I.-Mängeln

Stronghold Crusader 2 - Lust, Frust und Burgenbaugenuss im Strategieland

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Hier lacht das Burgenbau-Herz: Firefly liefert auch einige kleinere Multiplayer-Karten mit, auf denen ihr benachbarte Stadtstaaten für mehr Steuern einnehmen könnt.
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Die Wirtschaftskreisläufe sind der Grund, warum Stronghold rockt. Ihr baut hier eben nicht einfach nur eine Kaserne, drückt aufs Knöpfchen und kauft euch für ein paar Nahrungsmittel-Einheiten einen Trupp Schwertkämpfer, sondern müsst dafür durchaus ein bisschen planen. Ihr braucht Kühe zur Produktion von Leder, das wird vom Gerber veredelt und wandert in die Kaserne. Nun wird natürlich noch Stahl benötigt, das eingeschmolzen und ebenfalls zu unterschiedlichen Waffen veredelt werden muss und genau wie in der Realität liefert der Schmied nur Schwerter und Helebarden, Pfeile gibt’s beim Pfeilmacher.

Das funktioniert genau so gut wie im ersten Stronghold: Crusader. Weniger gut funktionieren die beiden Kampagnen, in denen ihr mit Richard Löwenherz Jerusalem erobern respektive als Saladin das heilige Land in gerade einmal jeweils vier recht langen Missionen vor dem Einfall der Christen bewahren sollt.

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Hier weint das Strategen-Herz: Infanterie und Kavallerie stehen mitten im Brandherd ihrer Festung. Können nicht wenigstens die K.I.-Pferde die Hufe in die Hand nehmen?
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Stronghold Crusader 2 ist eine Low-Budget-Produktion und das zeigt sich vor allen bei der Inszenierung der Kampagne. Die Firefly Studios waren noch nie große Geschichtenerzähler, insofern nehmen wir ihnen die kindlichen Charaktere wie die Ratte, die uns an Gargamel aus dem Schlumpfland erinnert, nicht übel. Das aber die gesamte Geschichte quasi nur mit Standbildern erzählt wird und es keine Rendersequenzen gibt, um Höhepunkte zu markieren, ist eine verschenkte Chance.

Auch aufgrund der in der Einleitung erwähnten, eklatanten K.I.-Mängel solltet ihr um die Kampagne im Grunde einen großen Bogen machen. Es ist wenig befriedigend zu merken, dass wir eigentlich nur einen Trebuchet brauchen um damit die feindlichen Festungsmauern zu säubern. Aus unerfindlichen Gründen stören sich die Truppen wenig daran wenn vier Kollegen neben ihnen von einem Geschoss erschlagen werden. Sie rücken dann einfach etwas näher zusammen, damit die Formation wieder passt und lassen sich so spielend leicht dezimieren. Noch schwerwiegender sind die Fehler beim Einsatz von totem Vieh, das wir wie im Vorgänger als biologische Waffe einsetzen können. Statt sich schnellstmöglich aus der verseuchten Zone zu entfernen, bleibt die Kampagnen-K.I. so lange stehen bis ihre Soldaten alle käsebleich anlaufen und tot umfallen. Schade.

Der Multiplayer: Bisschen rushen, aber bitte den Burgenbau genießen

Wir halten also fest: Kampagne bitte ignorieren und voll auf den Multiplayer konzentrieren. Hier blüht der Burgherren-Simulator richtig auf. Stronghold ist kein schnelles Spiel, keine Rush-Orgie wie Starcraft, sondern fokussiert sich sehr stark aufs Endgame. Theoretisch könnt ihr die Schlacht auch in der ersten halben Stunde entscheiden, so richtig Spaß macht es aber erst, wenn ihr den Aufbau eurer Festung zelebriert und euch gegenseitig nur hier und da mal mit ein paar Angriffen „nervt“.

Nicht das hübscheste Strategiespiel mit zum Teil derben KI-Aussetzern, aber dem Herz am rechten Fleck. Wer ein bisschen frustresistent ist, sollte zugreifen.Fazit lesen

Das Hochziehen einer Burg macht deshalb so viel Spaß, weil das Spiel nicht den Fehler macht euch gleich alle Möglichkeiten vor die Füße zu kippen. Burgmauern benötigen große Mengen an Stein, die taktisch optimal eingesetzt werden müssen. Folglich solltet ihr die gut gemachten Rush-Mechaniken des Titels letztlich doch ausnutzen, dabei aber immer nur mit kleinen, billigen Kommando-Einheiten operieren. Ein kleiner Trupp an Lanzenträgern zu Beginn reicht um immer mal wieder das Lastvieh des Steinbruchs zu töten und so die Lieferung zu verzögern. Den Turmbau zu verlangsamen ist generell eine gute Strategie, weil Bogenschützen darauf massiv an Reichweite gewinnen. Gleichzeitig müsst ihr natürlich eure Steinbrüche mit einem Turm schützen und zwar so schnell wie möglich.

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Die hauseigene Vision-Engine ist nicht mehr taufrisch. Während die Animationen der Wellen und Texturschärfe von Objekten gut sind, hapert es bei der Einheiten-Detailtiefe.
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In unseren Testpartien war es immer wieder amüsant zu sehen wie unsere Gegner warteten bis sie ein großes Ressourcen-Konto angehäuft hatten, doch so funktioniert Stronghold nicht. Die ersten paar Steine sollten direkt in einen Turm reinvestiert werden, zeitgleich sollten die ersten Bogenschützen und Lanzenträger parat stehen. Zu Beginn braucht ihr nicht zwingend eine schützende Mauer um den Turm, sondern verbarrikadiert den Eingang einfach mit Infanterie, eure Schützen töten nicht gepanzerte Gegner ohnehin sehr schnell.

Wer sein Ressourcen-Management im Griff hat, der wird außerdem mit einem herrlich flexiblen Bausysteme für Wälle belohnt. Dabei reduziert euch Firefly nicht auf langgezogene Versionen, sondern bietet auch die Möglichkeit mit Ecken und Kanten zu operieren. Besonders effizient wird eure Festung, wenn ihr mit zwei Mauerringen arbeitet, die jeweils spitz ineinander laufen. So sind die Türme eures zweiten Rings nah genug am Gegner dran um seine Infanterie unter Beschuss zu nehmen und weit genug entfernt um nicht direkt von Katapulten zerbröselt zu werden.

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Total War im Mini-Format: es ist wichtig seine Armee gut zu staffeln, ergo mit Infanterie Artillerie zu schützen und an den Flanken die Reiterei aufzustellen.
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Ihr könnt auch bewusst größere Lücken lassen, die der Feind als Angriffsfläche nutzen kann. Seine Truppen lasst ihr dann in ein Nadelöhr laufen, wo ihr ihn von allen Seiten zusammenschießt. Schön auch, dass sich jede Spezialeinheit effizient kontern lässt. Pikeniere bilden eine Phalanx gegen Reiterei; Scorpione erledigen mächtige Belagerungstürme und Ritter in schwerer Rüstung mit hohem Verteidigungsbonus lassen sich mit Fallen verlangsamen und heißem Pech eliminieren.

Kreuzritter versus Araber: Zwei Religionen, zwei Spielkulturen

Zu Beginn spielen sich die arabische und westliche Kultur noch recht ähnlich, später dann jedoch unterscheiden sie sich gewaltig. Als Araber müsst ihr Feste geben und Moscheen bauen, damit euer Volk immer glücklich ist und die Steuern fließen. Die Armeen des Sultans bestehen nämlich in erster Linie aus Söldnern. Das hat den Vorteil, dass ihr euch nicht um funktionierende Wirtschaftskreisläufe zur Herstellung von Waffen und Rüstungen kümmern müsst, aber den Nachteil das euch euer Gegner mit Kommandoaktionen sehr schaden kann.

Gegen einen arabischen Kontrahenten lohnt es sich immer mal wieder eine Hand voll billige Infanterie-Einheiten zu opfern, um ein paar seiner Häuser in Brand zu setzen. Dann nämlich sinkt die Zufriedenheit seiner Bevölkerung, er nimmt weniger Steuern ein und ihr verschafft euch dadurch einen erheblichen militärischen Vorteil. Tendenziell ist Stronghold nämlich sehr auf Masse gepolt. Viel hilft viel, nicht selten ringt ihr auch im Multiplayer den Feind letztlich nur durch das Pushen immer neuer Truppen nieder. Aber auch das macht einen riesen Gaudi, wie eine noch heute aktive Community für Age of Empires 2 & 3 beweist, das im Endgame ja ähnlich funktioniert.

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Schöne Idee: Im Koop-Modus kümmert sich ein Spieler um die Wirtschaft, der andere um das Militär. Während unser Kollege gerade Angriffe führt, ziehen wir eine neuen Versorgungsstützpunkt hoch.
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Stronghold Crusader 2 spielt sich allerdings fokussierter. Ihr könnt euch auf Defensiv- und Offensiv-Kräfte konzentrieren, durch meterdicke Mauern und Türme mit Fassungsvermögen für 20 und mehr Bogenschützen ist es nur sehr selten notwendig seine Hauptstreitmacht bei einem Angriff zurückzuziehen. Es ist letztlich die Kombination aus Wirtschaft, Aufbau und Militär, die hier richtig zündet. Ihr müsst permanent optimieren, eure Verteidigung ausbauen, dabei aber auch berücksichtigen, dass es in der Wüste nur sehr wenig fruchtbaren Boden gibt, ergo Obstplantagen, Weizenfarmen und Käsereien nicht einfach irgendwo in die Pampa gesetzt werden können.

Ein schönes Schmankerl und eine echte Neuerung sind dabei die neutralen Stadtstaaten auf ausgewählten Karten. Die lassen sich einnehmen und mit eigenen Truppen bestücken, so könnt ihr euch einen stetigen Goldfluss neben den üblichen Steuereinnahmen sichern. Das bringt allerdings ein recht hohes Risiko mit sich, weil ihr zu Beginn Soldaten opfern müsst um die gut geschützten Städte einzunehmen und dabei Gefahr lauft, dass euer Gegner diese Situation schamlos ausnutzt. Dieses Ausbalancieren von Ressourcen-Management mit effizienten Schutzzonen und der Offensive mit über 25 Einheiten ist es letztlich, was Stronghold 2 trotz seiner K.I.-Mängel zu einem empfehlenswerten Strategiespiel macht.