Braucht die Welt noch ein weiteres MOBA? Dieser Frage sind wir jüngst in San Francisco nachgegangen, wo die Entwickler von S2 Games ihr zweites Arena-Game vorgestellt haben. Das trägt den schnittigen Namen Strife und soll, so zumindest der Plan, das MOBA-Genre in eine neue Ära führen.

Würde man eine repräsentative Umfrage unter allen MOBA-Spielern durchfüren und sie danach befragen, was sie am meisten an ihrem favorisierten Titel stört, so wäre eine überwältigende Mehrheit ausnahmsweise mal einer Meinung: Ob es sich nun um League of Legends, Dota 2, Heroes of Newerth oder SMITE handelt - es ist die Community, die den Spielspaß mindert, die Atmosphäre vergiftet und für regelmäßigen Frust sorgt.

Die Quelle allen Übels

Das ist auch den Entwicklern solcher Titel klar und so experimentieren sie seit einiger Zeit mit allerlei übergeordneten Mechaniken, die den Unmut aus dem Spiel verbannen und freundliche Spieler belohnen sollen. Bislang allerdings zeigt keines der entsprechenden Programme große Wirkung und die Community bleibt, was sie ist: gnadenlos, elitär, unversöhnlich und misanthropisch.

Doch die Community, so glauben die Erfinder von Heroes of Newerth, ist auch nur die Summe ihrer Mitglieder, und die sind nicht mehr oder weniger unfreundlich als die Anhänger anderer Spiele. Die Entgiftungsbemühungen der Publisher sind allein deswegen schon zum Scheitern verurteilt, weil die Quelle der Vergiftung gar nicht innerhalb der Communitys zu finden ist.

Problem erkannt

Die Ursache für die chonisch schlechte Stimmung liegt, so ist man sich bei S2 Games sicher, vielmehr im grundsätzlichen Design jedes klassischen MOBA-Spiels, und das in einem der laufenden Titel entsprechend anzupassen, würde das Spiel gleichermaßen zerstören. Das durchaus erfolgreiche Heroes of Newerth bleibt also genau das, was es schon immer war - ein MOBA für die Elite der Szene.

Strife - Das MOBA mit dem Gegengift

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Die Entwickler von Strife wissen, wie wichtig es ist, das Schlachtfeld übersichtlich zu gestalten. Entsprechend aufgeräumt ist das Design.
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Und doch möchte man den Kopf nicht in den Sand stecken, sondern sieht in dem überaus erfolgreichen Genre noch Raum für ein weiteres MOBA. Vorausgesetzt, dieser Titel bietet, was kein anderer bieten kann oder jemals bieten wird: eine saubere, freundliche und positive Community. Pure Ironie, dass ausgerechnet dieses Spiel den Namen Strife tragen soll, was so viel bedeutet wie Kampf, Streit oder Zank.

Problem gebannt?

Doch genau zu diesem Streit soll es in Strife nicht kommen - zumindest nicht untereinander im eigenen Team. Zwar spielt man Strife äußerst herkömmlich, wie man das von einem guten DotA-Ableger gewohnt ist, auf der typischen Karte mit den drei “Lanes”, den neutralen Monstern im Wald und sogar dem üblichen Boss. Auch gibt es hier fünf Helden auf beiden Seiten und einen Satz von Gegenständen, mit denen sich allerlei anstellen lässt. Und doch ist eben nicht alles so, wie man das gewohnt ist.

Die “Heilungsversuche”, das erkennt der Profi recht schnell, stecken im Detail. Anders als bei DotA und Konsorten ist die übliche Einteilung in Carry und Supporter weitgehend aufgehoben, denn schon diese Festlegung und deren Folgen im Spielverlauf führen regelmäßig zum Streit. In Strife soll kein Spieler zurückstecken müssen, um einen Kollegen nach vorne zu bringen. In Strife bekommt jeder ein Stück vom Kuchen ab.

Des Wahnsinns fette Beute

Denn jedes feindliche oder neutrale Monster lässt mehr Gold fallen, als ein einzelner Held abstauben könnte - auch unterstützende Spieler bekommen also einen Teil der Beute ab. Die muss auch nicht in Wards investiert werden, denn die gibt es in Strife gar nicht. Dem “Fog of War” begegnet das Team, indem es bestimmte Wachtürme erobert, die dann freie Sicht auf bestimmte Areale ermöglichen.

Ein guter Plan, eine ausgereifte Engine und echte Pro-Gamer im Team. Was soll da noch schiefgehen?Ausblick lesen

Auf den obligatorischen Kurier, der in DotA, Heroes of Newerth und Dota 2 Gegenstände aus der Basis zum Kampfschauplatz liefert, verzichtet man zwar nicht komplett, doch wird jeder Spieler einen eigenen Boten bekommen - der übliche Streit um dieses kleine, aber doch immer wieder spielentscheidende Element fällt also ebenfalls weg.

Den Boss im Rücken

Der “kleine Boss”, wie er in den meisten MOBA-Games zu finden ist, steht natürlich auch in Strife bereit. Diesmal muss er allerdings aus seinem Gefängnis befreit werden, damit er direkt danach auf einer beliebigen Lane zum Pushen eingesetzt werden kann, wo er direkt einen Verteidigungsturm außer Gefecht setzt. Die Intention der Macher ist klar: Man will den Spielfluss ankurbeln, statt ihn zu verlangsamen, wie das bei Kongor, Roshan und Konsorten der Fall ist.

Hilfreich dabei ist auch die Tatsache, dass man, wenn man sich für einige Sekunden vom Kampfgeschehen fernhält, recht fix wieder zu Kräften kommt. Der Weg in die Basis bleibt einem also erspart. Wer mehrfach vom Gegner abgefarmt wird, bringt jenem bald keine Belohnung mehr ein und im Gegensatz hat das Opfer bei einem gelungenen Rückschlag umso mehr von seinem Erfolg.

Ein weiteres Video

"Stop feeding, fkn noob!"

In der Gesamtheit soll das nicht nur die typischen “Feeder-Vorwürfe” beseitigen - ein unterlegenes Team bekommt damit gleichzeitig noch die Chance auf ein Comeback, wenn man hier und da einen Kampf für sich entscheiden kann. In den meisten anderen MOBA-Spielen ist das Match hingegen schon entschieden, wenn man in der Anfangsphase eine Lane an den Gegner verliert, weil man dessen Vorsprung kaum wieder aufholen kann.

Statt auf eine Hundertschaft exotischer Helden, die kaum in Balance zu bringen sind, setzt Strife zu Beginn lediglich auf ein Dutzend Helden. Die bekommen dafür eine ordentliche Story verpasst und natürlich die obligatorischen kosmetischen Spielereien. Viel wichtiger als das dürfte aber die Möglichkeit sein, Pets mit in die Schlacht zu nehmen, die man hin und wieder findet und die einen auf unterschiedliche Art und Weise unterstützen.

Wenige Helden, viele Möglichkeiten

Diese Pets sowie die Items, die man in Strife zwischen seinen Spielen selbst craften kann, um dann mit ihnen den Shop im Match zu bestücken, sollen für mehr spielerische Tiefe bei gleichzeitigem Wahren der Balance sorgen. Ob und wie das in der Praxis funktioniert, soll dann die Beta zeigen, mit der S2 Games noch in diesem Herbst an den Start gehen möchte.

Darin wird man dann auch erstmals feststellen können, ob die Entgiftungstherapie von S2 Games anschlägt und das kleine, passionierte Team tatsächlich ein MOBA erschaffen kann, bei dem man, wie das ursprünglich von den Erfindern des Genres mal vorgesehen war, gegen das feindliche Team kämpft und nicht gegen die eigenen Leute.

Dann kommt auch ein neues Bewertungssystem zum Einsatz, bei dem jeder Spieler am Ende des Matches über die Kollegialität seiner Mitspieler urteilt. Wer sich auf Dauer als unsozial erweist, bekommt zwangsläufig ein schlechteres Rating und damit werden für ihn weniger Belohnungen nach dem Match ausgeschüttet - darunter auch jene Nahrung, mit der man seine Pets regelmäßig füttern muss.

Strife - Das MOBA mit dem Gegengift

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Masse statt Klasse: Jeder Held soll eine tiefgreifende Hintergrundgeschichte bekommen. Auch Comics sind geplant.
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Saubere Arbeit

Optisch und akustisch ist Strife auf jeden Fall ganz vorne mit dabei und man merkt sofort, wie wertvoll der Erfahrungsschatz ist, über den S2 Games durch die Entwicklung und den erfolgreichen Betrieb von Heroes of Newerth verfügt. Während ich in jedem neuen MOBA-Game im ersten Moment gemeinhin mit Orientierungsproblemen zu kämpfen habe, hatte ich meinen Helden in Strife auf Anhieb unter Kontrolle und die gesamte Karte im Blick.

Wie wichtig solche vermeintlichen Kleinigkeiten sind, das weiß wohl keiner so gut wie professionelle Zocker. Und genau aus diesem Grund haben sich Firmengründer Jessy Hayes und CEO Marc Deforest im Laufe der Zeit immer wieder E-Sportler aus dem Profilager ins Entwicklerteam geholt, darunter Pu ‘Whisper’ Liu von den Evil Geniuses und sein Kollege Sam Braithwaite, der erst vor kurzem den Weltrekord im Dauerzocken errungen hat - in stolzen 76 Stunden.

Und die beiden sind nicht einmal die Ausnahme bei S2 Games. Selten zuvor bin ich in einem Studio auf Leute gestoßen, die nicht nur Spiele entwickeln, sondern die auch noch alle erdenklichen Titel, auch die der Konkurrenz, kennen und spielen. Das tun sie übrigens auch während der Arbeit, denn die muss, so erklärte mir Jesse Hayes mit einem Augenzwinkern, “auch ordentlich Spaß machen”. Und dass sich die Entwickler in letzter Zeit “aus Spaß” immer öfter mir Strife beschäftigen, darf wohl als gutes Zeichen gewertet werden.